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DS 2016: Warum aber theologische Texte für einen Aussteiger, der doch ohnehin jeden Glauben verloren hat? Kurze Antworten:

  1. Weil er nie einen selbst gewählten Glauben hatte sondern von Kindheit an der innerkirchlich-familiären Indoktrination unterlag, in der sich freies Denken nicht entwickeln und damit eine Entscheidung für oder gegen Religion gar nicht stattfinden konnte.
  2. Die in der NAK und anderen Sekten aufgestellten, dogmatischen Glaubenssätze sind systembedingte und einzig am Systemerhalt orientierte  Denkvorgaben. Darin erhobene Religionsbezüge oder Ansprüche sowie Heilsversprechen sind nicht überprüfbar oder diskussionsfähig  und nur innerhalb der Sekte gültig.
  3. Die in den Texten zu lesenden Gedanken oder Denkansätze können helfen, die indoktrinierten Denk- und Gefühlsvorgaben kritisch zu hinterfragen und bieten Ansätze, sich eine eigene Positionierung zu sich selbst und dem Feld der Religion oder der Befreiung davon zu erarbeiten und das durch den Ausstieg erlittene „Schwarze Loch“ wieder zu füllen.
  4. Nach dem Ausstieg wird ein langer Weg zu sich selbst hin nötig, oder man scheitert. Moderne Theologen wissen, dass der religiöse Weg immer auch ein Weg zu sich selbst hin ist. Insofern können die theologischen Texte und psychologische Artikel der Wegfindung dienen und schließen sich nicht etwa gegenseitig aus. Der Mensch an sich bleibt in seiner Existenz immer hinter seiner „Essenz“, seinem potentiell möglichen essenziellen Wesen zurück und ist damit sich selbst entfremdet. Psychologie und Theologie können und wollen dabei eine Hilfe sein, dieser Entfremdung  oder Fremdbestimmung trotz kontingenter Lebenssituationen ein Stück weit entgegen zu wirken, denn wie in therapeutischen Sitzungen stecken auch in guten Predigten oder theologischen Texten immer undogmatische, lebenspraktische Hinweise für den eigenen Weg zu sich selbst, die helfen, der bisherigen Fremdbestimmtheit zu entkommen.

Artikel:

 

 

28.6. 2016 Was sich wandelt, bleibt - HEINZ ZAHRNT  (1998)

Wie die evangelische Kirche für Menschen von heute wieder attraktiv sein kann (Artikel ganz lesen)

"Erzbischof Desmond Tutu: "Riskiert, euch so zu verhalten, als wäret ihr vereint, und laßt die Theologen dann die nötigen Aufräumungsarbeiten machen." Die Lehre trennt, aber das Leben vereint. Und nur was sich wandelt, bleibt."

Auszüge: (...)  Sollte ich über unsere religiöse Situation ein Motto stellen, so würde ich das Bibelwort wählen: "Zu der Zeit war des Herrn Wort selten, und es gab kaum noch Offenbarung... Die Lampe Gottes aber war noch nicht erloschen." (1. Samuelis 3,11)

Lange Zeit haben wir gemeint und meinen weithin heute noch, durch Analysen der Situation und Reformen der Strukturen die Gesellschaft verändern und die Kirche erneuern zu können. Das Ergebnis ist ein wachsender Mangel an Solidarität in der Gesellschaft und an Spiritualität in der Kirche. Hier bahnt sich heute eine heilsame Enttäuschung an. Sie führt nicht von den Strukturen weg, aber neu zu den Personen hin.

Enttäuscht vom Fortschrittsglauben der Neuzeit, überdrüssig der technischen Rationalität, frustriert durch die Erlebnis- und Konsumgesellschaft und unbefriedigt vom materialistisch-mechanischen Weltbild, haben zahlreiche Menschen auf ihrer Suche nach Hilfe und Trost zum Leben die "Reise ins Innere" angetreten und dabei die Religion für sich wiederentdeckt. Dieser Weg führte allerdings an den christlichen Kirchen vorbei.

Alle Religion verlangt Unmittelbarkeit und Vergegenwärtigung. Wir aber leiden in der Kirche gleichermaßen unter der Historisierung und Dogmatisierung des Christentums und schleppen uns müde an den überlieferten Wahrheiten. Was auch als Anruf und Frage aus der Gegenwart an uns gelangt, immer durchlaufen wir zuerst unsere Vergangenheit bis zu den Ursprüngen in Orient und Okzident. Und wenn wir dort endlich angekommen sind, stockt uns nicht etwa der Atem, sondern ist uns die Luft ausgegangen, und es fehlt uns an Kraft und Phantasie zur eigenen frischen Aussage.

Ein Fallbeispiel dafür bietet in diesen Tagen die Auseinandersetzung über die sogenannte "Rechtfertigungslehre", die als die "Mitte der Heiligen Schrift" gilt und damit als "der Artikel, mit dem die Kirche steht und fällt". (...)

Die Rechtfertigung des Menschen vor Gott als eine "Lehre" zu bezeichnen, birgt von vornherein die Gefahr gedanklichen Spiels und Streits in sich.

»Die sogenannten ewigen Wahrheiten bedürfen der Verflüssigung«

Da sitzen wir Theologen dann, einzeln oder in Schulen zerteilt, im Kreis unter dem Baum der Erkenntnis und zeigen uns gegenseitig die Früchte, die wir gepflückt haben, lieblich anzuschauen und gut zu essen, derweil Adam und Eva im Schweiße ihres Angesichts das Gemüse für den Wochenmarkt ziehen. Oder in einem Bild Søren Kierkegaards: Statt die Wäsche zu waschen, stellen wir Schilder her mit der Aufschrift "Hier wird Wäsche gewaschen" und streiten schwermütig darüber, wie die Schilder beschaffen und beschriftet sein müssen, welche versichern, daß hier Wäsche gewaschen werde.

Der Wert jeglicher Theologie entscheidet sich daran, was sie für die Predigt leistet, womit nicht etwa nur die sonntägliche "Kanzelrede" gemeint ist, sondern der gemeinsame Impuls zur Verkündigung in Theologie, Mission und Diakonie. Ich lese in meinem Alter kein theologisches Buch mehr mit feuchtem Finger, wohl aber gerne Predigten des Tübinger Systematikers Eberhard Jüngel, des Heidelberger Neutestamentlers Gerd Theißen und des praktischen Theologen Manfred Josuttis (Göttingen), dazu die "Religiösen Reden" von Paul Tillich.

Es gibt keine geschichtslose Wahrheit. Auch die sogenannten "ewigen Wahrheiten", die die Theologen angeblich verwalten, bedürfen der "Verflüssigung". Dabei bildet die gegenwärtige Situation nicht bloß das Flußbett, in dem uns die Wahrheit aus der Vergangenheit entgegenströmt; sie ist nicht nur das Berieselungsfeld, sondern selbst auch Quelle, mithin theologisch bedeutsam.

Darum kann man den "ewigen Gehalt" einer überlieferten Wahrheit - die "göttliche Substanz" oder die "reine Lehre" - nicht aus der Materie herausdestillieren, um sie dann wie "coffeinum purum" im Reagenzglas zurückzubehalten. Soll die Wahrheit "schmecken", so muß ich sie auflösen, nicht in der Milch der frommen Denkungsart, sondern im Scheidewasser des geschichtlichen Prozesses. Nur durch die wechselseitige Erschließung im Wechsel der Zeiten geht in der Gegenwart aus den Buchstaben wieder der Geist hervor, der in der Vergangenheit in ihn eingegangen ist.

Die theologische Schieflage der "Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre" verrät sich darin, daß sie einseitig in die Vergangenheit blickt und dabei zugleich im Binnenraum der Kirche verharrt.

(...) In unserer Leistungs- und Wettbewerbsgesellschaft droht ein Mensch jeweils nur so viel zu gelten, wie er leistet, gemäß dem Grundsatz: "Kannst du was, dann bist du was", wobei als Maßstab meist nur die bezahlte Leistung gilt. Damit aber wird der Sinn eines Menschenlebens auf seinen Nutzen und Zweck reduziert. Und das hat Folgen. Denn was geschieht, wenn einer keine Leistungen mehr vorzuweisen hat, wenn er sich nur Verfehlungen "geleistet" hat, wenn seine Kräfte nachlassen, wenn er "weg vom Fenster" ist und vor allem wenn er keine Arbeit hat und die Arbeitslosigkeit weltweit zum Schicksal von Millionen wird? Hat ein solcher Mensch dann keinen Wert und sein Leben keinen Sinn mehr?

Wo der Sinn und der Wert eines Menschenlebens mit der in Schule und Beruf geleisteten Arbeit identifiziert wird, dort muß es unweigerlich zu einer "Sinnkrise" kommen. Da fragt sich der Betroffene nicht mehr philosophisch neugierig und gelassen nach Art der Berufsmetaphysiker: "Wer bin ich?", sondern ängstlich und höchst bedrängt: "Wer bin ich eigentlich? Bin ich überhaupt noch ,wer'?" Denn jeder Mensch möchte "wer" sein. Er sehnt sich nach Unersetzlichkeit und Bestätigung, nach der Gnade des Seindürfens. (...)

Durch seine Leistungen aber ist noch niemals jemand zur endgültigen Bestätigung seines Ichs, zu einer dauerhaften Stärkung seines Selbstwerts und damit zur "Identität" gelangt. In seinen Leistungen ist jedermann an jedem Ort, zu jeder Zeit ersetzbar. Nur die geliebte Person nicht! Die Liebe befreit vom Fluch des Zwangs zur Selbstverwirklichung und befähigt zur Selbstannahme.

Sich selbst annehmen heißt, ja zu sich zu sagen, obwohl man so ist, wie man ist und wie man selbst vielleicht gar nicht sein möchte. Aber wenn wir so sein dürfen, wie wir sind und wie wir selbst eigentlich gar nicht sein möchten, dann hört unser Leben auf, ein "Krampf" zu sein, und wir fangen an, so zu werden, wie wir sein sollten und selbst - ach so gern - wären.

»Die Ökumene sollte von der religiösen Erfahrung ausgehen«

Das Fallbeispiel "Rechtfertigungslehre" zeigt, wie der Weg zur Einheit der christlichen Kirchen führen sollte: von der religiösen Erfahrung zur theologischen Reflexion und damit vom Leben zur Lehre und nicht umgekehrt.

Lange Zeit haben wir gemeint, durch exakte theologische Studien die Einheit der Kirche herstellen zu können. Papier auf Papier haben die ökumenischen Konferenzen und Kommissionen in unserem Jahrhundert gehäuft. Was aber war das Resultat dieser kolossalen Anstrengung? Nicht einmal eine allseitige Anerkennung der Taufe, nicht einmal eine gastweise Zulassung zum Abendmahl und schon gar nicht eine gegenseitige Anerkennung der kirchlichen Ämter wurde erreicht. Am Ende hatte man das Trennende gründlicher festgestellt als das Gemeinsame gefördert.

Aber gerade die Enttäuschung über dieses magere Resultat hat in unseren Tagen eine Wende in Aussicht gestellt: von der Analyse des Trennenden zum Erleben und Erkennen des schon Gemeinsamen. Der neue Schlüsselbegriff heißt "Koinonia", "Einheit als Gemeinschaft der bleibend Verschiedenen". Statt sich bei Divergenzen aufzuhalten, gilt es, die vorhandenen Konvergenzen auszuleben, in der Hoffnung, sie auf diese Weise zu erweitern und zu vertiefen.

Der südafrikanische Erzbischof Desmond Tutu hat dies 1993 vor der Kommission für "Glauben und Kirchenverfassung" in Santiago de Compostela in den Appell gefaßt: "Riskiert, euch so zu verhalten, als wäret ihr vereint, und laßt die Theologen dann die nötigen Aufräumungsarbeiten machen."

Die Lehre trennt, aber das Leben vereint. Und nur was sich wandelt, bleibt.

Der gebürtige Kieler Heinz Zahrnt war von 1950 bis 1975 theologischer Chefredakteur des Blattes. Bekannt wurde er auch als Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentags

©DS - Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt,  30. Januar 1998, Nr. 5 1998

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6.5.2016: Zum Symbol der Himmelfahrt -Achtung, harter, theologischer Stoff - Nur für Fortgeschrittene!

Paul Tillich: Das Neue Sein in Jesus als dem Christus als die Macht der Erlösung

(Aus: Paul Tillich; Systematische Theologie Bd II Kapitel E S. 172 ff, de Gruyter 1987)

Anmerkung: Es empfiehlt sich sehr, die Verlinkungen aus dem Tillich-Lexikon anzuklicken, um der semantische Bedeutung der speziellen Fachsprache Tillichs auf die Spur zu kommen. Siehe zuvor auch ergänzend oder einleitend das Stichwort "Glaube."

Zitat:Auferstehung und alle mit ihr zusammenhängenden historischen, legendären und mythischen Symbole zeigen den Sieg des Neuen Seins in Jesus als dem Christus über die existentielle Entfremdung, der er sich unterworfen hat. Das ist die universale Bedeutung dieser Symbole. (…) Die Himmelfahrt ist ein anderer Ausdruck für die Realität, die im Symbol der Auferstehung ausgedrückt ist. Wenn man die Himmelfahrt literalistisch (=im Sinn von buchstäblich; A.d.V.) auffaßt, führt die räumliche Metapher zur Absurdität.(…) . Das Neue Sein ist nicht abhängig von bestimmten Symbolen, mit denen es ausgedrückt wird. Es hat die Macht, von jeder Form zu befreien, in der es erscheint.“ P. Tillich

 

Auszug aus der Einleitung zur Systematischen Theologie S.9f

EINLEITUNG

A

DER STANDPUNKT

/. Botschaft und Situation

Theologie ist eine Funktion der christlichen Kirche, sie muß den Erfordernissen der Kirche entsprechen. Ein theologisches System muß zwei grundsätzliche Bedürfnisse befriedigen: Es muß die Wahrheit der christlichen Botschaft aussprechen, und es muß diese Wahrheit für jede neue Generation neu deuten. Theologie steht in der Spannung zwischen zwei Polen: der ewigen Wahrheit ihres Fundamentes und der Zeitsituation, in der diese Wahrheit aufgenommen werden soll. Die meisten Theologien genügen nur einer von diesen beiden Grundbedingungen. Entweder opfern sie Teile der Wahrheit, oder sie reden an der Zeit vorbei. Es gibt auch theologische Systeme, die beide Fehler zugleich machen. Besorgt, die ewige Wahrheit zu verfehlen, setzen sie sie kurzerhand mit einer großen Theologie der Vergangenheit gleich, mit überlieferten Begriffen und Lösungen, und versuchen nun, diese einer neuen und gewandelten Situation aufzupfropfen. Sie verwechseln die ewige Wahrheit mit einer ihrer zeitlichen Ausformungen. Eben darum handelt es sich bei der Orthodoxie in Europa, die man in Amerika unter dem Namen Fundamentalismus kennt. Wenn es dann geschieht, daß sich dieser Fundamentalismus mit einem Vorurteil gegen theologisches Denken überhaupt verbindet, wie z. B. im evangelischen Biblizismus, dann wird die theologische Wahrheit von gestern als unwandelbare Botschaft gegen die theologische Wahrheit von heute und morgen verteidigt. Der Fundamentalismus versagt vor dem Kontakt mit der Gegenwart, und zwar nicht deshalb, weil er der zeitlosen Wahrheit, sondern weil er der gestrigen Wahrheit verhaftet ist. Er macht etwas Zeitbedingtes und Vorübergehendes zu etwas Zeitlosem und ewig Gültigem. Er hat in dieser Hinsicht dämonische Züge. Denn er verletzt die Ehrlichkeit des Suchens nach der Wahrheit, ruft bei seinen denkenden Bekennern eine Bewußtseins- und Gewissensspaltung hervor und macht sie zu Fanatikern, weil sie dauernd Elemente der Wahrheit unterdrücken müssen, deren sie sich dunkel bewußt sind.

Die amerikanischen Fundamentalisten und die europäischen Orthodoxen können sich auf die Tatsache berufen, daß ihre Theologie in weiten Kreisen bereitwilligst akzeptiert und vertreten wird, und zwar gerade wegen der geschichtlichen oder „biographischen" Situation, in der sich viele Menschen heute befinden. Das ist eine unbestreitbare Tatsache, aber die daraus abgeleitete Rechtfertigung ist falsch. Die Situation als der eine Pol aller theologischen Arbeit bedeutet nicht den empiri­schen psychologischen oder soziologischen Zustand, in dem sich ein Individuum oder eine Gruppe von Menschen gerade befindet. Sie bedeutet vielmehr die Summe der wissenschaftlichen und künstlerischen, der wirtschaftlichen, politischen und sittlichen Formen, in denen diese Gruppe das Selbstverständnis ihrer Existenz zum Ausdruck bringt. Die Situation, in die hinein die Theologie zu reden hat, wenn sie relevant reden will, ist nicht einfach die Situation des Individuums als Individuum oder einer Gruppe als Gruppe. Theologie ist etwas anderes als Verkündigung oder Seelsorge. Deshalb ist die Brauchbarkeit einer Theologie für die Predigt oder die Seelsorge keinesfalls das Kriterium ihrer Wahrheit. Die Tatsache, daß orthodoxe oder fundamentalistische Formeln in einer Zeit begeistert aufgenommen werden, in der sich einzelne wie die Gemeinschaft Verfallszuständen gegenübersehen, ist durchaus kein Beweis für ihren theologischen Wert, ebenso wenig wie die allgemeine Zustimmung zur liberalen Theologie in Zeiten der Konsolidierung ein Beweis für deren Wahrheit ist. Die Situation, um die es in der Theologie geht, ist vielmehr das schöpferische Selbstverständnis der Existenz, wie es sich in jeder Periode unter den verschiedensten psychologischen und soziologischen Umständen vollzieht. Gewiß ist die so verstandene Situation von den oben genannten Elementen nicht unabhängig. Aber die Theologie hat es mit dem geistig-kulturellen Gesamtausdruck zu tun, den diese Elemente theoretisch und praktisch gefunden haben, nicht mit ihnen als Faktoren und Bedingungen dieses Gesamtausdrucks. Es ist z. B. nicht die Tatsache — sei es der Verbreitung, sei es der besseren Erkenntnis — der Geisteskrankheiten, mit der sich die Theologie befaßt, sondern es ist die Frage, was Geisteskrankheit als individuelle oder soziale Erscheinung für das Verständnis des Menschen und seine Beziehung zu Gott bedeutet. Die Situation, zu der die Theologie sprechen muß, ist die schöpferische Selbstbesinnung des Menschen in einer besonderen Geschichtsperiode. (...)

 

4. Symbole, die das Symbol „die Auferstehung des Christus" unterstützen (Bd.2, S. 172 ff)

(Die universale Bedeutung des Ereignisses Jesus als dem Christus)

Wie die Geschichte vom Kreuz, so ist auch die Geschichte von der Auferstehung des Christus kein Bericht über ein isoliertes Ereignis nach seinem Tod. Sie erzählt das Ereignis, das in einer langen Reihe anderer Ereignisse schon vorweggenommen wurde und das gleichzeitig deren Bestätigung ist. Auferstehung und alle mit ihr zusammenhängenden historischen, legendären und mythischen Symbole zeigen den Sieg des Neuen Seins in Jesus als dem Christus über die existentielle Entfremdung, der er sich unterworfen hat. Das ist die universale Bedeutung dieser Symbole. Ebenso wie bei der Erörterung der Symbole der Unterwerfung müssen wir auch hier mit dem mythischen Symbol der Präexistenz beginnen, aber das der Postexistenz hinzunehmen. Während das Symbol der Präexistenz im Zusammenhang mit den Symbolen der Unterwerfung Vorbedingung für die transzendente Selbsterniedrigung des Christus ist, muß es im Zusammenhang mit der Auferstehung in seiner eigenen Bedeutung und als ein unterstützendes Symbol für die Auferstehung betrachtet werden. Die Präexistenz ist Ausdruck dafür, daß das Neue Sein — historisch gegenwärtig in dem Ereignis Jesus der Christus — im Ewigen wurzelt. Wenn im Johannesevangelium Jesus sagt, daß er schon vor Abraham ist, so kann dies nicht horizontal verstanden werden, wie die Juden es in dieser Erzählung unvermeidlich taten, sondern es muß vertikal verstanden werden. Das folgt aus der Logoslehre des Johannesevangeliums. Sie betont die Gegenwart des ewigen Prinzips der göttlichen Selbstmanifestation in Jesus von Nazareth.
Das Symbol der Postexistenz ist das Korrelat zum Symbol der Präexistenz, es liegt auch in der vertikalen Dimension, nicht als die ewige Voraussetzung der historischen Erscheinung des Neuen Seins, wohl aber als seine ewige Bestätigung. Die speziellen Symbole, die sich auf die Postexistenz beziehen, sollen später erörtert werden. An diesem Punkt ist es notwendig, vor einem Literalismus zu warnen, der Präexistenz und Postexistenz als Stadien in der jenseitigen Geschichte eines göttlichen Wesens auffaßt, das von einem himmlischen Platz herabsteigt und zu ihm wieder hinaufsteigt. Herabsteigen und hinaufsteigen sind räumliche Metaphern, die auf die Dimension des Ewigen hinweisen. Herabsteigen bedeutet die Unterwerfung des Trägers des Neuen Seins unter die Existenz; hinaufsteigen bedeutet den Sieg des Trägers des Neuen Seins über die Existenz.

(Artikel ganz lesen)

Zum online weiterlesen: PAUL TILLICH: Die Überwindung des Religionsbegriffs

 

 

25.3.2016 Papst Franziskus: 15 geistliche Krankheiten kirchlicher Mitarbeiter

Unkommentierte Auszüge aus der Weihnachtsansprache von Papst Franziskus anlässlich des Empfangs der Leiter der römischen Kurie, 22.12.2014, in einer Arbeitsübersetzung von Radio Vatikan (Hervorhebungen DS)

… Wir können uns gut die römische Kurie als ein kleines Modell der Kirche vorzustellen, also wie einen „Leib“, der ernsthaft und täglich danach sucht, lebendiger zu sein, gesünder, harmonischer und mehr vereint in sich selbst und mit Christus. …

Weil aber die Kurie ein dynamisches Wesen ist, kann sie nicht leben ohne sich zu ernähren und sich zu pflegen. Wie auch die Kirche als solche kann die Kurie nicht leben, ohne eine lebendige, persönliche, authentische und beharrliche Beziehung mit Christus zu haben (vgl Joh 14:4-5). Ein Mitglied der Kurie, der sich nicht täglich mit dieser Speise nährt, wird zu einem Bürokraten, einem Formalisten, Funktionalisten, einem bloßen Angestellten: ein Rebzweig, der trocknet und Stück für Stück stirbt und der weggeworfen wird …

Die Kurie ist gerufen, sich zu bessern, immer zu verbessern und in Gemeinschaft, Heiligkeit und Weisheit zu wachsen, um ihre Aufgabe ganz und gar erfüllen zu können. Und wie jeder menschliche Körper ist sie auch Krankheiten ausgesetzt, der Erkrankung und der Fehlfunktion. Hier möchte ich einige dieser möglichen Krankheiten nennen, kuriale Krankheiten. Es sind die Krankheiten, die sich öfter in unserem Leben als Kurie finden…

Die 15 Krankheiten

1. Die Krankheit, sich „unsterblich", „immun" oder geradezu „unersetzlich" zu fühlen, indem die nötigen und gewohnheitsmäßigen Kontrollen außer Acht gelassen werden. Eine Kurie, die sich selbst nicht kritisiert, die sich nicht erneuert, die nicht besser werden will, ist ein kranker Körper. Ein ganz normaler Besuch auf einem Friedhof kann uns helfen, die Namen vieler Personen zu sehen, von denen manche vielleicht dachten, dass sie unsterblich, unangreifbar und unersetzlich seien! Es ist die Krankheit des reichen Toren aus dem Evangelium, der glaubte, ewig zu leben (vgl. Lk 12:13-21), und derer, die sich zu Herren machen und sich allen überlegen fühlen statt im Dienste an allen. Sie rührt oft von der Sucht nach Macht und vom „Komplex der Erwählten", vom Narzissmus, der leidenschaftlich das eigene Ebenbild betrachtet und nicht das Abbild Gottes, das sichtbar ist im Antlitz der anderen, vor allem der Schwächsten und Bedürftigsten

3. Es gibt auch die Krankheit der geistigen und geistlichen „Versteinerung": Die Krankheit derer, die ein Herz aus Stein haben und „halsstarrig" sind (Apg 7:51-60), die auf ihrem Weg die innere Ausgeglichenheit verlieren, die Lebendigkeit und den Wagemut, die sich hinter Papier verstecken und „Verwaltungsmaschinen" werden statt „Menschen Gottes“  …

5. Die Krankheit der schlechten Absprache. Wenn die Mitglieder ihre Gemeinschaft miteinander verlieren und der Körper seine harmonische Funktion und sein Maß, dann wird er zu einem Orchester, das Krach macht, weil seine Mitglieder nicht zusammen spielen

6. Es gibt auch die Krankheit des „geistlichen Alzheimer", der Vergessenheit der Geschichte des Heils, der persönlichen Geschichte mit dem Herrn, der „ersten Liebe" (Apg 2:4). Dabei handelt es sich um ein fortschreitendes Absenken der geistlichen Fähigkeiten, die früher oder später zu einer schweren Handicap des Menschen führen und ihn unfähig werden lassen, autonom zu handeln, und ihn so in einem Zustand völliger Abhängigkeit von den von ihm selbst geschaffenen Selbstbildern leben lassen. Das sehen wir bei denen, … , die um sich herum Mauern und Gewohnheiten bauen und so immer mehr Sklaven der Götzen werden, die sie sich selbst geschaffen haben.

8. Die Krankheit der schizophrenen Existenz. Es ist die Krankheit derer, die ein Doppelleben führen, Ergebnis der typischen Heuchelei des Mittelmaßes und einer fortschreitenden geistlichen Leere, die akademische Abschlüsse und Titel nicht befriedigen können. Eine Krankheit, die oft diejenigen trifft, die den pastoralen Dienst aufgeben haben und sich auf bürokratische Aufgaben beschränken; dabei verlieren sie den Kontakt mit der Realität, mit den konkreten Menschen. Sie schaffen eine Parallelwelt, in dem sie selber alles das ablegen, was sie andere streng beibringen, und beginnen, ein verborgenes und oft ausschweifendes Leben zu führen. Für diese äußerst schwere Krankheit ist die Bekehrung dringend und unverzichtbar (Lk 15:11-32).

9. Die Krankheit des Geschwätzes, des Gemurmels, des Tratschens.In vielen Fällen ist das "kaltblütiger Mord" am Ruf der eigenen Kollegen und Brüder. Es ist die Krankheit von feigen Menschen, die nicht den Mut haben, etwas direkt zu sagen und es deswegen hinter dem Rücken tun.  … Brüder, hüten wir uns vor dem Terrorismus des Geschwätzes!

10. Die Krankheit der Vergötterung der Vorgesetzten: Das ist die Krankheit derer, die Oberen schmeicheln, weil sie hoffen, ihr Wohlwollen zu erhalten. Sie sind Opfer des Karrierismus und des Opportunismus, sie ehren die Menschen und nicht Gott (vgl. Mt 23:8-12). Es sind Menschen, die in ihrem Dienst einzig daran denken, was sie bekommen können, nicht, was sie geben müssen. Es sind Kleingeister, unglücklich und nur von ihrem eigenen fatalen Egoismus geleitet (vgl. Gal 5:16-25). …

12. Da ist die Krankheit des Beerdigungsgesichtes: Das bedeutet Menschen, die mürrisch und finster drein blicken, die meinen, um ernsthaft sein zu können, ihr Gesicht mit Melancholie und Strenge anmalen zu müssen, und die die anderen, vor allem die Schwächeren, mit sturer Strenge, Härte und Arroganz behandeln. In Wirklichkeit ist diese theatralische Strenge ein steriler Pessimismus und ein Zeichen für Angst und Unsicherheit. Der Apostel muss sich bemühen, ein höflicher, gelassener, begeisterter und fröhlicher Mensch zu sein, der überall Freude schenkt.

15. Und die letzte: die des weltlichen Profits, der Zurschaustellung - wenn der Apostel seinen Dienst zu Macht umgestaltet und seine Macht zu einer Ware, um weltlichen Nutzen oder mehr Befugnisse zu erhalten. Es ist die Krankheit der Menschen, die unersättlich Befugnisse zu vervielfachen suchen und dafür imstande sind, zu verleumden, zu diffamieren und andere in Misskredit zu bringen, … 

In seinen Schlussworten setzte Franziskus noch hinzu: "Die Heilung ist auch Ergebnis des Erkennens der Krankheit und der persönlichen und gemeinschaftlichen Entscheidung, sich heilen zu lassen und sich geduldig und mit Ausdauer der Behandlung zu unterziehen!

Unter diesem Gedanken ist an eine heilsame Entwicklung der NAK nicht zu denken, da den leitenden Funktionären mit jeder Karierestufe  die Fähigkeit zur Selbstkritik und  Relexion des eigenen Handelns mehr und mehr verloren gegangen  bzw. im Systemdenken untergegangen ist. Insofern ist die Ansprache mehr als eine Kirchenkritik, sie ist eine Systemkritik und damit überall gültig, wo Menschen in Systemen arbeiten. Denn dort entstehen exakt die vom Papst genannten, vielseitigen Probleme mit der übergeordneten Fragestellung: Dient der Mensch dem System, dessen Erhalt sowie seiner eigenen Position im System mehr als den Menschen, denen das System eigentlich nutzen sollte? Mag sich jeder in Bezug auf sich selbst oder die NAK dieses Frage selber beantworten.

Im Radio Vatikan Blog kommentiert von Pater Bernd Hagenkord

(Klick) Zusammenfassung bedeutsamer Reden  von Papst Franziskus mit folgenden Themen:

25.10. 2015 Kurze Auszüge aus der Ansprache von Papst Franziskus zum Abschluss der Synode an die Synodenteilnehmer vom 24. Oktober 2015  (Quelle radiovatican)

19.10.2015 Papstansprache Franziskus: Synodalität für das 3. Jahrtausend

Auszüge aus der Arbeitsübersetzung der Papstrede vom 17. Oktober, Festakt zum 50-jährigen Bestehen der Bischofssynode. Quelle Radio Vatikan

24.12.2014 Weihnachtsansprache des Papstes an die Kurie über mögliche geistliche Krankheiten kirchlicher Mitarbeiter

Unkommentierte Auszüge aus der Ansprache von Papst Franziskus anlässlich des Empfangs für die Leiter der römischen Kurie, 22.12.2014, in einer Arbeitsübersetzung von Radio Vatikan (Hervorhebungen DS)

19.10.2014 Papst Franziskus zum Ende der Synode über die Versuchung, " der feindlichen Erstarrung: Das ist der Wunsch, sich im Geschriebenen einzuschließen und sich nicht von Gott überraschen lassen wollen, vom Gott der Überraschungen, dem Geist. Im Gesetz einschließen, in der Sicherheit dessen, was wir wissen und nicht dessen, was wir noch lernen und erreichen müssen.

"Jesus war gefährlich, weil er die Lehre in Gefahr brachte"

13.10.2014 Frühmesse vom Papst vor der Synodenfortsetzung

Der Traum Gottes kollidiert stets mit der Heuchelei einiger seiner Diener.“

6.10.2014 Anmerkungen zur Papstpredigt in der Messe zur Synodeneröffnung zum Thema „Ehe und Familie“  St. Peter – vom 5. Oktober 2014  im Vergleich zum Aktuellen Wort zum Monat Oktober von Stap Schneider (Aktualisierung weiter unten)

Kirche im Aufbruch! Unkommentierte Auszüge aus dem apostolischen Lehrbrief Evangelii Gaudium von Papst Franziskus 26.11.2013, zusammengestellt von D. Streich

Diese von mir sehr kurzgefasste Zusammenstellung wesentlicher Aussagen aus dem insgesamt über 250 Seiten umfassenden Lehrschreiben von Franziskus ist zugegeben subjektiv in der Auswahl, spiegelt aber dennoch wesentliche und mir wichtig und interessant erscheinende Haltungen und Ansichten im Vergleich zur NAK wider. 

 

5.7.2015 Cham - Weder Jude, Christ noch Moslem ; © Michael Depner
©2009 Books on Demand, ISBN 978-3-8370-5222-0, Paperback, 332 Seiten.

Bestellen bei Amazon / Online zu lesen unter http://www.glaube-und-gesundheit.de/

Homepage von  Dr. med. Michael Depner
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
Herzogstr. 28
42103 Wupperta
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Einführung:

Was ist Cham?
Cham untersucht das Weltbild der Bibel. Es vergleicht das Rechtsgefühl der „Heiligen Schrift“ mit ideologischen Positionen des Nationalsozialismus. Dabei zeigt es Parallelen zwischen der Lehre vom „auserwählten Volk“ und Hitlers Wahnideen auf. Cham belegt, dass die biblische Tradition für die Gräueltaten des Dritten Reiches mitverantwortlich ist. Das Buch plädiert dafür, Religion und Spiritualität vom Prophetenglauben zu befreien.

Cham ergreift Partei. Es steht auf der Seite derer, die unter den biblischen Religionen zu leiden hatten. Was parteiisch ist, ist ungerecht. Cham betont den Schaden, den das biblische Weltbild angerichtet hat. Es befasst sich nicht mit seinem Nutzen. Niemand weiß, ob die Geschichte ohne den Einfluss der biblischen Kulte nicht tragischer verlaufen wäre, als sie ist.

4.2. Neues Testament

Der zweite Abschnitt beleuchtet die biblischen Ereignisse der Zeitenwende. Er beschreibt Jesus als überzeugten Judaisten. Er belegt, dass dessen Aufruf zur Feindesliebe ein taktisches Manöver war und das biblische Konzept der Nächstenliebe den Totschlag des Anderen immer schon mitdachte. Durch den Vergleich des Neuen mit dem Alten Testament deckt er Manipulationen auf, mit denen Paulus die Grundmuster des judaistischen Denkens auf die Völker Europas übertrug.

Auszüge aus dem Kapitel Jesus:

Maria beging Ehebruch. Ich war das Resultat. Im antiken Israel galt Ehebruch als große Sünde. Er war zwar auch in anderen Kulturen verpönt, bei uns traf die Schuld den Sünder aber doppelt; weil unser Glaube das Verhältnis zwischen Gott und Volk als Ehe beschrieb und Ehebruch dadurch mit einer kosmologischen Dimension überfrachtet war. Das Lebensrecht ganz Israels galt als verwirkt, sobald es sich der "Liebe" seines eifersüchtigen Gottes nicht völlig unterwarf. …

Im Bibelglauben gilt Treue immer nur dem Gegenüber: dem entrückten Gott, dem Gesetz, dem Marschbefehl, der Nation, der Kirche, der Obrigkeit, den Eltern, dem Ehemann und vielleicht sogar der Ehefrau. Im besten Fall ist es die Treue zu einem Menschen, zumeist bloß die Treue zur nächst größten Macht, die behauptet, von Gott beauftragt zu sein. Treue ist in der gespaltenen Welt der Bibel immer Selbstverzicht. Treue zu sich selbst hat keinen Platz. Das mosaische Modell einer ungleichen Ehe zwischen Besitzergott und besessenem Volk war als Grundlage des Glaubens unumstößlich. Es hat die Beziehungen der Menschen bestimmt; ganz besonders die zwischen Mann, Frau und Kind. Den Ehebruch, der auch in anderen Kulturen zu Recht verpönt war, hat das im Reich der Bibel zur unverzeihlichen Sünde gemacht: zu einem Frevel am nationalen Interesse Israels, zu einem Sakrileg am Heilsplan Gottes. Weil Israel Kanaan wie ein widerspenstiges Weib bezwingen sollte, traf der Fluch eine jüdische Sünderin mit doppelter Wucht. …

Der Bibelkult meint, der Garant der Liebe zu sein. Zu Unrecht! Liebe ist bedingungslos. Was Bedingungen stellt, ist keine Liebe. Wie aber beschreibt Moses die "Liebe" Gottes zu Israel? Als Hürdenlauf unerbittlicher Bedingungen. Jeder Jude muss darum bangen, ob er die Bedingungen erfüllt. Bangt er nicht, ist er schon kein Jude mehr. Ich wuchs in einem Klima auf, in dem der Wert des Menschen an Voraussetzungen angeblich metaphysischer Bedeutung gebunden war. Für diesen Geist war die Untreue meiner Mutter mehr als nur ein Ärgernis. Das bekam ich hart zu spüren. In den Augen meines Umfelds war meine Existenz die Folge abgrundtiefer Sünde; nicht nur eines Unrechts, das Maria mit Joseph zu klären hatte, sondern eines Frevels, der das Schicksal des ganzen "Gottesvolks" betraf. Als unerwünschte Frucht der Sünde war ich inkarnierte Schuld; und weder Maria noch Joseph hat mich wirklich angenommen. Lukas beschreibt, wie ein Engel die Geburt des Gottessohns verkündet.

Lukas 1, 30-33:
Der Engel sprach zu ihr:"...du wirst einen Sohn gebären...Dieser wird...Sohn des Allerhöchsten genannt werden..."

Wenn der Heilige Geist sie geschwängert hat, müssen wir annehmen, dass sie der Gnade nicht würdig war. Wie heißt es nämlich bei Matthäus?

Matthäus 12, 48-50:
"Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?" Und er streckte seine Hand über die Jünger und sprach: "Seht meine Mutter und meine Brüder! Denn wer den Willen meines Vaters tut, der ist...meine Mutter."

Das Verhältnis zu meiner Mutter war kühl. Ich wies sie mit dem Hinweis ab, dass mir meine Jünger näher sind. Warum? Weil derjenige meine Mutter ist, der den Willen meines Vaters tut. Was schließen wir daraus? Dass Maria meines Erachtens den Willen Gottes nicht getan hat. Wie ist zu verstehen, dass eine dazu auserwählte Frau, die das Eingreifen Gottes durch jungfräuliche Empfängnis erlebte, den Willen des himmlischen Vaters nicht zur Zufriedenheit des Sohnes tut? Wenn selbst die Mutter Gottes, obwohl sie ihre Rolle kennt, es dem Himmel nicht recht macht, wer dann? Deshalb bleibe ich dabei: Sie hat mich nicht in Liebe angenommen und es kommt nicht von ungefähr, wenn es in der Lutherbibel (Johannes 2, 4) heißt: Weib, was habe ich mit dir zu schaffen? Wer Liebe empfangen hat, weis, was er mit dem zu schaffen hat, der ihm Liebe gab.

Ich war ein aufgewecktes Kind. Den Mangel an Liebe in meinem Umfeld spürte ich von Anfang an. Ich zweifelte zutiefst an meinem Wert. Als ich begann, abstrakte Dinge zu begreifen, hörte ich von der unermesslichen Liebe, die ein allmächtiger Vater an seine Söhne zu verteilen wünscht. Bald war ich von der Idee begeistert, alles bis zur Selbstvernichtung zu erfüllen, was dieser Vater als Bedingung für seine "Liebe" vorgegeben hat.

Lukas 22, 42:
"Vater...nicht mein Wille geschehe, sondern der deine!"

Der Glaube, der mich gefangen nahm, funktioniert wie eine Falle. Indem er vorgibt, dass aller Wert von außen kommt, richtet er den Blick dorthin: auf die Macht, der man zu dienen hat. Ein "Erkenne dich selbst", das mit Liebe und Neugier das eigene Wesen entdeckt, gilt diesem Glauben nichts. Der Blick nach innen hat für ihn nur einen Sinn: zu überprüfen, ob der Abgleich mit dem Soll vollzogen ist. So verschärft die Sammlung aufs Gesetz den Zweifel am Wert des eigenen Wesens automatisch. Je mehr der Gläubige zweifelt, desto mehr glaubt er, dass ihm nur Gehorsam einen Wert verschafft.

Da sich kein leiblicher Vater zu mir bekannte, wollte ich mir die Liebe des himmlischen verdienen. Damit er mich liebt, war ich bereit, auf mich selbst zu verzichten. Nie hätte ich mir einen Wert beigemessen, der nicht durch die Funktion für etwas "Höheres" verliehen war. Nie hätte ich gewagt, über die Vorgabe "Gottes" hinauszugehen. So wurde ich der mustergültige Meister des Selbstverzichts. Ich setzte die Inhalte des Glaubens mit meinem Wesen gleich. Dabei machte ich keine halben Sachen. Bald war ich überzeugt, dass ich nicht irgendein Sohn war, dem bei üblicher Gesetzestreue ein übliches Quantum göttlicher Liebe zustand, sondern jener besondere Gottessohn, der Israel durch Leid und Macht aus der Bedeutungslosigkeit erlöst. Ich war überzeugt, dass mir durch völligen Gehorsam alle Liebe Gottes und die Liebe meines ganzen Volkes zufällt. So wurde ich zum Vorbild derer, die das wenige, das sie von sich kennen, verwerfen, um durch ihr Opfer alles zu gewinnen.

Wenn meine Meisterschaft nur eine Disziplin beträfe, die zu nichts taugt, hätte ich die Menschheit nicht bewegt. Selbstverzicht ist wichtig. Aber nie so weit, als dass man übersieht, dass auch das eigene Selbst ein Funke Gottes ist, auf den nicht blind verzichtet werden darf. Man respektiert die Einheit Gottes nur, wenn man die des Menschen respektiert; wenn man also sieht, dass jedem Sein bereits ein Wert inne liegt, der weder vergeben noch entzogen werden kann. Mein Verzicht hat einem falschen Zweck gedient, denn die Verherrlichung des Selbstverzichts im Bibelkult war eine Folge der Kriegspläne Moses'. Weil der alle Kraft auf den Endsieg bündelte, hat er das Interesse des Einzelnen vollständig dem nationalen Ziel unterworfen und Bereitschaft zum Selbstverzicht missbräuchlich überdüngt. Mein Selbstbild ging aus einem Geist hervor, der Totschlag für so gottgefällig hielt, dass darüber kein Gedanke zu verschwenden war. Und weil der Wert des Menschen nichts ist, wenn Mord Gott gefallen kann, deshalb wusste ich auch vom unbedingten Wert des Menschen Jesus nichts. Ich machte mich auf den Weg, eine vermeintliche Mission zu erfüllen, damit Gott diesem Nichts einen ungeheuren Wert verleiht.

Tatsächlich bin ich mit meiner Vision gescheitert. Die Kirche behauptet das Gegenteil. Mein Tod am Kreuz sei kein Scheitern. Er sei das Etappenziel eines göttlichen Plans. Ich sei von den Toten auferstanden. Ich habe mich nicht als Vollender der mosaischen Verheißung Israels gesehen, sondern beauftragt, durch meinen Tod am Kreuz Menschen aller Völker von den Sünden zu erlösen; und zwar genau die, die daran glauben. Der einzige Weg zur Erlösung sei der Glaube, dass ich und nur ich der Erlöser bin. Das stimmt aber nicht. Ich war überzeugter Jude. Ich dachte, Gott habe mich zum Messias der Juden erwählt. ...

Glaube kann keine Berge versetzen. Er kann aber das Bild der Wirklichkeit soweit verdrehen, bis es zu seinen Zielen passt. Daher kümmert sich die Kirche nicht darum, wer ich tatsächlich war und erklärt mich zu jenem Gott, der sie angeblich begründet. So dient mein Name, besser gesagt: das, was sie daraus gemacht hat, als magisches Symbol, das die christliche Kirche unauflösbar mit dem Offenbarungsmythos des Judaismus verbindet.

Eigentlich heiße ich Josua. "Jesus" klang Römern und Griechen, die es zu missionieren galt, allerdings vertrauter. Die Gründung der Kirche war nie meine Absicht. Auch die Idee meiner Auferstehung und der Himmelfahrt stammt nicht von mir. Ich glaubte bis zuletzt, dass Gott meinen Eifer für das Gesetz durch Wunder anerkennt. Ich glaubte, dass ich weder am Kreuz sterben noch auferstehen und was die Erfüllung der Verheißung betrifft, unverrichteter Dinge in den Himmel fahren müsste. Die Evangelisten berichten über meine letzten Worte am Kreuz.

 

Matthäus 27, 46 und Markus 15, 34:
"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"

Lukas 23, 46:
"Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist."

Johannes 19, 30:
"Es ist vollbracht."

Der Unterschied zeigt, dass ihre Berichte mit Vorsicht zu werten sind. Zwei der Evangelisten berichten mit Sicherheit falsch. Das kann man einer einfachen Tatsache zurechnen: Die Glaubhaftigkeit der Bibel leidet darunter, dass sie zur Verbreitung des Glaubens geschrieben ist und als glaubhaft gelten will. Ihre Autoren sind keine Zeugen, deren Treue einer Wahrheit gilt. Vielmehr bemühten sie sich, Überzeugungen in ein Bild zu gießen; damit es denen eingeht, die man überzeugen will. Im Zweifel ist daher richtig, was dem Credo widerspricht. Hier sind es folglich Matthäus und Markus, die der Wahrheit am nächsten sind. Und eben dieser Satz "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?", zeigt die Verwunderung, mit der ich den Ausgang meiner vermeintlichen Mission erkannte. Er zeigt, dass ich bis zu diesem Augenblick etwas anderes erwartet hatte, als bloß zu sterben, während die Welt um mich herum wie gewohnt weiterging.

Nach meinem Tod wollten etliche nicht wahrhaben, dass die Hoffnung auf das Himmelreich getrogen hatte. Sie sahen mein Scheitern nicht ein. Ohne mich drohte die messianische Sekte zu zerfallen. Da kam ein Gerücht auf: Ich sei gar nicht tot. Ich sei auferstanden und in den Himmel gefahren; jedoch nur, um alsbald zurückzukehren. Dann würde ich die Getreuen aus der Bedrängnis erlösen und der Rest der Menschheit käme in die Hölle. Während sich das Warten auf meine Rückkehr in die Länge zog, bildete sich im Sog der neuen Hoffnung eine verschworene Gemeinschaft. Ihre Mitte war Jerusalem. Zunächst verlangte sie vom Volk die Besinnung auf das mosaische Gesetz. Petrus sollte den Geist des messianischen Aufbruchs in die jüdischen Gemeinden der Diaspora tragen, während mein Bruder Jakobus in Jerusalem die Führung übernahm. Nun weiß man ja: Israel stritt seit Moses um den Sinn des Gesetzes. Wir Strenggläubigen waren überzeugt, dass nur strikte Einhaltung den Sieg bringt. Gerade weil ich die orthodoxe Meinung bis zum Märtyrertod verfocht, war mein Ende am Kreuz für die Anhänger daher ein Schlag, der ihren Glauben an die Gesetzestreue an seiner Wurzel traf. Je mehr meine Rückkehr auf sich warten ließ, desto tiefer drang die Axt ins Holz. Außerdem waren meine Jünger Menschen, die ungeachtet der Prinzipien des Gesetzes nach einer großen Sache suchten, mindestens nach einem charismatischen Menschen, dem man sich anvertrauen konnte, besser einem Gott, jedenfalls nach etwas, das sie aus der Banalität des Alltags hob und vor ihren Zweifeln schützte. Die Sehnsucht nach Größe, Aufstieg und Bedeutung machte sie in der Treue zum Gesetz zuletzt flexibel. Etliche hatten sich mit Leib und Seele der Erwartung verschrieben, beim Gipfelsturm aufs Siegerpodest der Unendlichkeit in vorderster Front beteiligt zu sein. Sie hatten sich ausgemalt, welche Rolle sie dereinst im Gottesstaat Israel spielen.

Lukas 22, 30:
Ihr sollt...auf Thronen sitzen und die zwölf Stämme von Israel richten.

Und dann das! Gescheitert, missachtet, von der Masse des Volkes nicht ernst genommen! Nicht auf dem Thron über Israel fand man sich wieder, sondern zwischen den Kisten des Marktgeschreis. Zu diesen Anhängern gehörte Petrus. Vorerst sprach er sich nicht von den Prinzipien los. In ihm lag der Keim des Abfalls vom Gesetz jedoch bereit. Bevor der Hahn zum ersten Mal krähte, hatte er den Sinn des Martyriums, das ich für das Gesetz erlitt, mehr als dreimal bezweifelt. Um so mehr tat er es nach meinem Tod; obwohl er den Zweifel, besonders Jakobus gegenüber, kaum zu äußern wagte. ...

"Aus Gnaden erwählt ...?"Fragen und Antworten für kritische Gotteskinder

Rudolf J. Stiegelmeyr

Seite 208 ff 3.7 Grundproblematik: Die Deutung biblischer Aussagen

Seite 208 ff 3.7 Grundproblematik: Die Deutung biblischer Aussagen


Gerade in sonderkirchlichen Strukturen und Lehrgebäuden, wie jene der Neuapostolischen Kirche, werden biblische Aussagen gleich einem göttlichen Rezeptbuch gelesen, welche zwar einer gewissen 'Kochkunst' – sprich apostolischer Nachfolgequalität –, aber keinerlei exegetischer oder theologischer Interpretation bedürfen. Die 'Kochkunst' erschöpft sich meist in der geglaubten Wortinspiration apostolischer Predigt, in der jene Auslegung lebendig gemacht wird, über welcher nichtapostolische Theologen und kirchliche Theologie letztlich umsonst brüten, da Gottes Geist sich per neuapostolischer Aposteldefinition nur im gleichnamigen Amt vollumfänglich offenbart: "Nach neuapostolischem Glaubensverständnis ist es dem Apostelamt gegeben, die Heilige Schrift auszulegen. Das bedeutet nicht, dass die Gläubigen nicht mit Gewinn die Bibel lesen könnten. Aber es ist dem Apostelamt übertragen, die Deutung der Heiligen Schrift vorzunehmen, Dinge klarzulegen und Weisung im Glauben zu geben. Dabei werden die Schriftstellen im Zusammenhang betrachtet, denn die Überbetonung einzelner Aussagen kann zu falschen Schlussfolgerungen führen."164 Die Bibel ist also das Rezeptbuch, das zwar von einem jeden Menschen im Sinn eines geistlichen Appetithappens mit Gewinn gelesen werden kann, aber nur die neuapostolischen Apostel haben dank ihrer göttlichen Kochkunst die Fähigkeit, die jeweilige Rezeptur zu einer göttlichen Speise werden zu lassen, die zum Himmel führt. Diese Vorstellung hat sich in die Denkwelten neuapostolischer Christen derart eingebrannt, dass Zweifel daran als unmittelbar vom Teufel kommend verworfen werden. Man ist sich sicher: Die zahllosen Gottesdienste, in denen das biblische Wort kraft apostolischer Interpretation scheinbar wundersam aufgeschlossen worden war, wäre doch der augenfälligste Beweis für die Wahrheit dieses für andere Christen schier lächerlichen Glaubensanspruchs. Aber was wissen die schon von jener göttlichen Auslegungsgewalt, welche den Berg neuapostolischer Lehren über alle anderen Glaubensberge erhaben sein lässt ...

3.7.1 Wider ein weichgewaschenes Evangelium
Frage:
Wenn man Ihre Bibelinterpretationen näher betrachtet, stellt man fest, dass Sie sich im Prinzip dem modernen zeitgeistigen Weichwaschen all jener Aussagen Jesu angeschlossen haben, die nicht in Ihr Konzept eines unterschiedslos liebevollen Vaters passen, der alle Menschen irgendwann und irgendwie akzeptieren würde. Dabei aber blenden Sie Aussagen einfach aus wie beispielsweise jene, dass viele ins Reich Gottes gehen möchten, es aber nur wenigen gelingen würde, oder dass der breite Weg ins Verderben, der schmale aber in den Himmel führt. Machen Sie sich die Notwendigkeit des Überwindens und Würdigwerdens nicht einfach viel zu leicht?

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"Lobe den Schöpfer, meine Seele und vergiß fast alles, was man dir von ihm gesagt hat" von Renate Elian;  Kreuzverlag

Dogma vom Opfertod statt Nachfolge  (Seite 92)

Solange Jesus mit seinen Jüngern zusammenlebte, schienen auch sie Anteil an dem Kraftfeld zu besitzen, das ihn umgab, waren sie in der Lage, den Menschen seine Botschaft zu übermitteln. Sie konnten in sich ihre Fähigkeiten zur Heilung von Menschen wachrufen und sie wie ihr Meister einsetzen, wenn auch wohl nicht in demselben Ausmaß wie er. Als Jesus starb, brauchten sie einige Zeit, um sich aus ihrer Lähmung zu befreien. Nun hieß es, ihrer Schwächen, ihrem Versagen, dem Verrat und der Flucht ins Auge zu sehen. Das letzte Kapitel in ihrer Geschichte mit ihm war kein Ruhmesblatt, dort fand sich die ganze Bandbreite menschlicher Schwächen.

Wenn ich mich in das Unglück dieser Männer hineinversetze, dann wird mir klar, dass sie sich einen Ausweg schaffen mussten, und sie fanden einen mit weitreichenden Folgen. Sie rückten nun ab von den Ansprüchen, die Jesus an alle Menschen gerichtet hatte; statt dessen erhöhten sie ihn zum Messias, zum Christus, der für die Sünden einer wankelmütigen Menschheit sterben musste, um ihr damit einen Weg zu Dir( = Gott - Anmerkung) zu bahnen. Nachdem sie selbst so kläglich versagt hatten, blieb ihnen wohl nur noch der Ausweg, ihren Meister auf eine göttliche Stufe neben Dich zu stellen.

Doch damit rückte der Gedanke and die menschliche Schwäche immer stärker in den Vordergrund. Zwar riefen sie ständig dazu auf, diese zu überwinden, aber die letzte Rettung bleib Jesus Opertod. "Er nahm alle unsere Schuld auf sich", so heißt es dann auch entlastend.

Nachdem sie an Jesus ein so beispielloses Verhalten erfahren hatten, lag der Schluss, dass es eine solche Lebenshaltung für den Durchschnittsmenschen nicht nachvollziehbar sei, sehr nahe. So riefen sie zwar unermüdlich zur Nachfolge auf, aber nicht mehr zum Einholen. Indem sie ihn erhöhten, war es ihnen möglich, auf der unteren, weniger anstrengenden Stufe zu verbleiben, war ihnen durch seinen Sühnetod doch Vergebung ihrer Schuld und die ewige Seligkeit gewiß.

Wenn all diese Schlüsse, die sich mir aufdrängen, richtig sein sollten, dann bleibt mir nur die Feststellung, dass durch die Sühne-Opfertheorie echte Nachfolge in Jesu Fußstapfen gar nicht möglich ist.

Es wurde den Menschen zwar ein besseres Jenseits versprochen, dafür aber beraubte man sie der Möglichkeit, auch schon im Diesseits zur größtmöglichen Entfaltung zu kommen, denn ihre Schwäche und Sündhaftigkeit schien unüberwindlich zu sein. Nachdem man denjenigen, nach dessen Namen wir uns benennen, an Deine rechte Seite platziert hatte, ist er für uns unerreichbar geworden. Da er außerdem noch für unsere Sünden sterben musste, wird der Abstand zu uns vollkommen unüberwindlich.

Wir haben nun nicht nur die Last unseres eigenen Versagens zu tragen, wir müssen uns auch noch mit der Tatsache abfinden, dass wir Jesu Leben auf dem Gewissen haben.

Wenn ich diese Kreuzestheologie in ihrem ganzen Ausmaß bedenke, dann wundert es mich überhaupt nicht, dass die meisten Gläubigen ein gestörtes Verhältnis zu Dir und Deinem Sohn haben.

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Günter Weber: Ich glaube – ich zweifle, / Notizen im Nachhinein
Zürich-Düsseldorf, Benziger Verlag 1996,
(Hier habe ich einige längere Passagen zitiert, da das Buch seit Jahren vergriffen ist und hoffe, damit nicht gegen geltendes Urheber- oder Verlagsrecht verstoßen zu haben. Sollte über den Link ein Exemplar im Angebot sein, empfehle ich sehr den sofortigen Kauf!)

Rückfrage nach Jesus

1. Jesus: der Prophet
Die Gestalt Jesu ist nicht zu lösen aus seiner jüdischen Herkunft, seiner jüdischen Umwelt und seiner jüdischen Religion. Die Frage, wer Jesus war und was er gewollt hat, kann nur innerhalb dieses Kontextes beantwortet werden.
Jesus war ein gläubiger Jude. Er war kein Priester und auch kein Mönch. Er war, wie man heute in der Kirche sagen würde, ein ganz gewöhnlicher «Laie ». Er hatte kein kirchliches Amt; er war kein Mann des Systems. Er war auch kein studierter Theologe, kein Schriftgelehrter. Er hütete keine «heiligen Überlieferungen» und wirkte auch nicht als Gesetzeskundiger.
Man kann ihn am besten mit einem Wort bezeichnen, das auch er selbst auf sich anwandte:
Er war ein Prophet. So sagten es damals auch die Leute von ihm: Er ist einer von den Propheten. (....)
Er machte Mut, im Vertrauen auf Gott zu leben. Auch er brachte gegenüber dem ritualisierten Tempelgott der Priester, gegenüber dem domestizierten Büchergott der Schriftgelehrten und gegenüber dem pedantischen Ordnungsgott der kasuistischen Gesetzeslehrer wieder den lebendigen, persönlichen Gott aus Israels Jugendzeit zur Geltung. Sein Gott ist derselbe Gott, von dem auch die großen Propheten Israels gesprochen hatten.

Auch er erlangte damit die todbringende Feindschaft der priesterlichen Religionsbürokraten, die ihn schließlich auch ans Kreuz brachte.
Jesus übte scharfe Kritik an den Mächtigen, geißelte die Ausbeutung der Armen und griff soziale Mißstände an. Solche Zustände entsprechen nicht dem Willen Gottes. Gott will Freiheit. Gott will Barmherzigkeit. Obwohl Jesus kein Politiker war und auch keine politische Befreiungsbewegung anführte, weckte er damit doch auch den Argwohn der staatlichen Macht. Obwohl er sich von aufrührerischen antirömischen Bewegungen in seinem Land fernhielt, auf das Schwert verzichtete und Gewaltlosigkeit forderte, wurde er dennoch als politischer Aufrührer von der römischen Staatsmacht hingerichtet. Prophetenschicksal!

2. Jesus: der Gottessohn
Die Umwandlung des jüdischen Messias Jesus in einen aus dem Himmel herabgestiegenen gottgleichen, ewigen Gottessohn begann schon wenige Jahre nach seinem Kreuzestod.
Der Glaube der jüdischen Urgemeinde an die Messianität Jesu wurde auch von Juden übernommen, die außerhalb Judäas im hellenistischen Kulturkreis lebten, griechisch sprachen und griechisch dachten. Und über diese erreichte die Botschaft von Jesus, dem Messias, auch die übrigen Völker im hellenistischen Umfeld des Judentums, die sogenannten «Heiden». Wenn diese Nichtjuden von einem Sohn Gottes namens Jesus hörten, verbanden sie damit nicht die Vorstellung der jüdischen Messias-Erwartung. Diese war eigentlich nur für Menschen, die in der jüdischen Denktradition aufgewachsen waren, von Bedeutung. Sie war den Nichtjuden fremd und mußte ihnen wie eine innerjüdische Angelegenheit erscheinen. Sie hörten die Rede vom Gottessohn Jesus mit anderen Ohren, mit hellenistischen. Auch ihnen war die Vorstellung von einem Gottessohn wohlvertraut, und sie war mit großer Bedeutung gefüllt. Der Name «Sohn Gottes» bezeichnete auch bei ihnen nicht unbedingt ein göttliches Wesen. Meist wurden bedeutende und hervorragende Menschen mit diesem Titel geehrt. (...)

In der Heidenmission der Urkirche wurde aus dem jüdischen Messias, dem gehorsamen Gottesknecht, ein griechischer Christus mit göttlichem Glanz. Aus dem jüdischen Messias-Titel «Sohn Gottes» wurde ein gottgleicher Sohn Gottes im metaphysischen Sinn. Aus dem gottgehorsamen Menschen Jesus wurde selbst ein Gott, «der herrscht in Ewigkeit».
Und: Aus einer jüdischen Erneuerungsbewegung wurde eine Weltreligion: das Christentum. Aus der angekündigten «Herrschaft Gottes» wurde die Herrschaft der Kirche.

3. Der «Christus des Glaubens»
Die Umgestaltung des Jesus-Bildes von dem eines jüdischen Messias in das Bild eines göttlichen Heilbringers für die ganze Welt ist vor allem das Werk eines hochgebildeten Juden, der aus Tarsus stammte, einer hellenistischen Stadt im Süden der heutigen Türkei: Paulus. Viele Religionswissenschaftler bezeichnen ihn als den eigentlichen Begründer des Christentums, nicht Jesus. Ohne Paulus wäre die Sache Jesu eine innerjüdische Angelegenheit geblieben. Es wäre vielleicht eine jüdische Sekte, ein «Jesustum», entstanden, aber kein Christentum.
Es ist nicht sicher, ob Paulus Jesus überhaupt persönlich gekannt hat. Auffallend ist, daß Paulus in allen seinen Schriften fast gar nichts aus dem Leben und Wirken Jesu berichtet. Es gibt in ihnen keine biographischen Details über Jesus. Der historische Jesus wird völlig überdeckt von der Gestalt des göttlichen Christus.
Was der wirkliche Jesus getan und gesagt hat, scheint ihn gar nicht zu interessieren.
Paulus überliefert keine Worte aus dem Munde Jesu. Er erzählt nichts von seinen Taten. Er verkündet nicht die Lehre Jesu; er verkündet seine eigene Lehre. Nicht Jesus ist die Quelle, aus der er schöpft, sondern eine «Erleuchtung» durch den «Geist».
Paulus hat eine ganz neue Gestalt geschaffen: den «Christus des Glaubens». Und dieser hat mit dem wirklichen Jesus nicht mehr viel Ähnlichkeit.  (...)

„Sohn Gottes“

„Der Titel „Sohn Gottes“ ist schon viel älter als das Christentum und hatte schon im Glauben Israels, im Alten Testament, eine große Bedeutung. Mit einer Herabkunft eines ewigen Gottessohnes auf die Erde und seiner Menschwerdung durch göttliche Zeugung im Jungfrauenschoß hat dieser Titel nichts zu tun.
Nach damals wirksamen Vorstellungen wurde ein Kind erst dann zum „Sohn“, wenn der Vater es aufhob (erhob) und damit als Sohn anerkannte, annahm und bestätigte (ein unter heutigen oriental. Nomadenvölkern noch weit verbreiteter Ritus, e.A.). Der Titel „Sohn“ drückte die Erwählung, Zuwendung, Anerkennung, Annahme, Bestätigung, Erhebung aus, letztlich auch Bevollmächtigung, später etwas „im Namen des Vaters“ tun zu dürfen. Dabei steht der „Sohn“ unter dem Vater und ist ihm gehorsam.
In diesem Sinne wurde das ganze Volk Israel „Sohn Gottes“ genannt. Auch David, der König Israels, wurde „Sohn Gottes“ genannt, obwohl keiner daran zweifelte, dass er von menschlichen Eltern gezeugt und geboren worden war. Auch Israels Könige trugen diesen Titel.  (...)

Der Messias, der Christus, war ein „Sohn Gottes“ wie David, der König. Die Bezeichnung „Sohn Gottes“ ist ein Titel für den erhofften Retter, den Christus. Der Name besagt nicht, dass der Messias selber „göttlich“ oder gar ein Gott sei. Der Messias galt wie einst David als ein von Gott erwählter Mensch, der den Willen Gottes erfüllte und dadurch Heil brachte: ein neuer David, ein Davidsproß. „Sohn Gottes“ war praktisch ein anderer Name für Messias oder Christus.
Wenn die Jünger Jesu und seine jüdischen Anhänger Jesus „Sohn Gottes“ nannten, dann drückten sie damit nichts anderes aus als ihren Glauben, dass Jesus aus Nazareth der erhoffte Messias, der von Gott gesandte Retter Israels war. Keineswegs meinten sie damit, dass Jesus eine göttliche Person sei, die als Mensch unter ihnen lebte. Dies Vorstellung wäre ihrem strengen jüdischen Monotheismus genauso schwer gefallen wie einem heutigen Juden oder Moslem.
Auch wenn die Juden in Jerusalem darüber stritten, ob Jesus Gottes Sohn sei oder nicht, dann stritten sie nicht darüber, ob er ein Gott sei oder „nur ein Mensch“; sie stritten darüber, ob er der Messias sei.
Die Familie Jesu wusste nicht von seiner Gottheit. Maria steht ihrem Sohn ziemlich verständnislos gegenüber, trotz der bei Lukas geschilderten angeblichen Belehrung durch einen Engel. Und seine Verwandten halten ihn schlichtweg für „verrückt“ (Mk3,21). Auffällig ist auch, dass sich Jesus an keiner Stelle der Evangelien auf seine Zeugung durch den Heiligen Geist beruft und seine Geburt aus einer jungfräulichen Mutter erwähnt (...)

Die Kirche weiß um die Angst des Menschen, sich auf Wagnisse einzulassen, und wie sein Herz verlässliche Sicherheiten sucht. Das gilt auch und vor allem für den Glauben. Deshalb ist sie bereit, dieses Verlangen zu befriedigen. Sie ist bereit, Sicherheiten zu geben, auch wenn es nur scheinbare Sicherheiten sind.
Unbeeindruckt vom Wissen sogar der kirchlichen Theologen beharrt das Lehramt deshalb auf Historizität und Faktizität der biblischen Darstellungen. Es sperrt sich instinktiv dagegen, wichtige biblische Darstellungen als Bilder, Mythen oder Legenden anzuerkennen. (...)

Schon in den Tagen der alten Kirchenväter setzte ein Prozess ein, in dem die biblischen Bilder in biblische Tatsachen umgewandelte wurden – denn nur über Tatsachen waren die Gläubigen bereit, sich der Kirche und ihren Versprechen bedingungslos zu unterwerfen.
Wie unglaubwürdig, sogar widersinnig und unsinnig diese Bilder und damit der sich darin gründende Glauben werden, wenn sie als faktische Ereignisse verstanden werden, war den Menschen des Altertums und des Mittelalters noch kaum bewusst, war doch für sie die ganze Wirklichkeit der Welt noch wunderhaft und waren deren Grenzen zum Unwirklichen fließend. Was die Kirche lehrte und was sich damit in ihre Lehre einschlich, entsprach ihrem eigenen Denken – einem Denken in Wundervorstellungen und ähnlichem, denn das Wenigste konnte anders als über den Glauben erklärt werden.
Seit Galilei, Kopernikus und Descartes zu Beginn der Neuzeit, spätestens jedoch seit der Aufklärung, seit Voltaire und Kant und der Entstehung des neuzeitlichen Weltbildes im 19. und 20. Jahrhundert, seit Darwin und Einstein ist es dem kritischen Denken des aufgeklärten Menschen nicht mehr so ohne weiteres möglich, diese sogenannten „Tatsachen“, auf welche die Kirche ihre Glaubensmuster stützt, ohne Widerspruch, Skepsis und berechtigtes Hinterfragen hinzunehmen. (...)

Noch im Jahre 1909 schrieb eine römische Entscheidung vor, auch die mythisch-bildhafte Erzählung über die Erschaffung des Weibes aus Adams Rippe (siehe Genesis) als historisches Faktum zu glauben. Aus einer tiefsinnigen Darstellung, die in bildhafter Weise die Einheit und Gleichheit von Mann und Frau herauszustellen trachtet, wurde eine faktische Absurdität, aus dem tiefen Sinn dieser wunderbaren Darstellung purer Unsinn!
Aussagen, die, als Bild verstanden, einmal Sinn ergaben (und also noch heute geben könnten, e.A.) und die Wahrheit aufleuchten ließen, erscheinen dem heutigen Denken, sofern sie als Fakten geglaubt werden sollen, nicht selten als Unsinn und Widersinn. Sie erscheinen als absurde Behauptungen, die allem gesicherten Wissen widersprechen. (...)

Müssen nicht jedem denkenden Wesen Zweifel kommen an den Lehren einer Kirche, die heute noch unter Berufung auf eine „göttliche Offenbarung“ dem Menschen zumutet, mythische Bilder aus längst vergangenen Weltbildern als ein „historisches Ur-Ereignis“ zu glauben? Noch heute lehrt der Papst, dass die bekannte Geschichte aus der Bibel vom Sündenfall Adams und Evas im Paradies ein „Bericht“ ist, der trotz bildhafter Sprache ein „Ur-Ereignis“ beschreibe, das „zu Beginn der Geschichte der Menschen“ stattgefunden habe. (...)

Warum stellt er dennoch den Sündenfall-Mythos als eine historische Tatsache dar? Wider besseres Wissen?
Ich habe nur eine Erklärung für diese intellektuelle Unredlichkeit: Ratzinger weiß auch, dass der Kirche und vielen ihrer Lehren alle Fundamente weggeschwemmt würden, wenn sich herausstellen sollte, dass sie nicht auf dem festen Boden zuverlässig belegter und „irrtumsfrei überlieferter“ Fakten gegründet sind. Und davor hat er Angst. Er verschweigt dem Kirchenvolk die Wahrheit, weil er Angst hat, die Wahrheit könnte der Kirche schaden.
Ohne historische Faktizität des Sündenfalls gäbe es auch keine historische Faktizität der Erlösung, ja nicht einmal das kirchliche Fundament einer Erlösungsnotwendigkeit durch ein damit völlig willkürlich gewordenes Sühneopfer. Und wenn das rauskommt, dann schwimmen alle „Früchte der Erlösung“, die der Kirche zur Verwaltung und zur Verteilung „anvertraut“ wurden, den Bach hinunter, mitsamt den Mitren und Krummstäben ihrer Oberhäupter.


Am Kreuz geopfert?

(...) Die Vorstellung, daß Schuld nur durch Blut getilgt werden kann, reicht weit zurück in ein archaisches Denken. Dieses Denken ist heute noch wirksam in südländischer Blutrache und Sippenfehden, in Duellen «zur Wiederherstellung der Ehre». Dieses Denken gab Grund zur blutigen Rache und wurde so zum Anlaß zahlreicher Gemetzel und Kriege. Auch in der Verhängung einer Todesstrafe ist die Vorstellung wirksam, daß schwerste Schuld der Sühnung durch Blut und Leben bedürfe.


Das Blut des Lammes

Dieser jüdische Ritus, am Passahfest als Erinnerung an die Erlösung aus ägyptischer Knechtschaft ein Lamm zu schlachten, wurde für Paulus zum Schlüssel, den Tod Jesu am Kreuz zu deuten: «Christus, unser Passahlamm, ist geschlachtet worden.» (i Kor 5,7)
Wie Israel einst durch das Blut des Lammes gerettet und erlöst wurde, so wird die Menschheit durch das Blut Jesu aus der Macht der Sünde und des Todes erlöst.
Jesus wurde in dieser Sicht zum «Lamm Gottes», zum «Sündenbock», dem man die Schuld auflud. Was einst das Blut des Opferlammes bewirkte, bewirkt nun das Blut Jesu. (...)


Der Tod Jesu - von Gott geplant?

(...) Wie sollte man den gläubigen Juden einen Messias verkündigen, der gescheitert war und wie ein Verbrecher am Kreuz geendet hatte?
Die Antwort finden wir bei Paulus und später auch in den Evangelien: Das Unheils-Ereignis wurde in ein Heils-Ereignis umgedeutet. Aus dem gekreuzigten jüdischen Messias wurde der Retter der ganzen Menschheit. Sein Tod war kein Scheitern; sein Tod war ein Opfer, aus Liebe und Gehorsam gegen Gott erbracht. Sein Tod lag im Plan Gottes, der die Menschheit aus der Herrschaft der Sünde und des Todes erretten wollte. (...)

 
«... seinen Sohn dahingegeben»? 

Nach christlicher Erlösungslehre «hat Gott die Welt so sehr geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn dahingegeben hat». Lag der grausame Kreuzestod Jesu demnach im Heilsplan Gottes? War die Todesstrafe, die Jesus erlitten hat, also von Gott gewollt?
Der katholische Katechismus antwortet in gewünschter Klarheit: «Zum gewaltsamen Tod Jesu kam es nicht zufällig durch ein bedauerliches Zusammenspiel von Umständen. Er gehört zum Mysterium des Planes Gottes, wie der hl. Petrus schon in seiner ersten Pfingstpredigt den Juden von Jerusalem erklärt: Er wurde nach Gottes beschlossenem Ratschluß und Vorauswissen hingegeben.» (Nr. 599)
Dieser Katechismus beteuert zwar gleich anschließend in schöner Unschuld, daß dies nicht besage, daß die, die Jesus verraten haben, «nur die willenlosen Ausführer eines Szenarios waren, das Gott im voraus verfaßt hatte». Dennoch macht diese kirchliche Lehre die jüdischen Ankläger und die römischen Schergen zu Gottes Werkzeugen, und Gott macht sie zum Drahtzieher im Hintergrund, zu deren heimlichem Komplizen.
Papst Johannes Paul II. vertritt die Lehre, daß Maria unter dem Kreuz ihres Sohnes «nicht ohne göttliche Absicht stand, [...] sich mit seinem Opfer in mütterlichem Geist verband, indem sie der Darbringung des Schlachtopfers, das sie geboren hatte, liebevoll zustimmte». (Nr. 964)
Mein Gott! Merken diese Leute überhaupt nicht, welche Ungeheuerlichkeit sie da von sich geben? Sind sie so sehr in dem Käfig ihres Denksystems verfangen, daß sie alles Gespür dafür verloren haben, wie weit sich ihr Denken von der Botschaft Jesu entfernt hat? (...)



Was Jesus unter Opfer verstand 

  (...) Für Jesus bedeutet Opfer: liebende Hingabe an Gott, den Willen des Vaters tun, so leben, wie Gott es will. Dadurch wird die «Sünde», die Nichtübereinstimmung mit Gott, überwunden. Nicht durch das Vergießen von Blut, nicht durch Schlachten von Tieren und Menschen, nicht durch Sterben, sondern durch Umkehr, Liebe und Vergebung. Der Gott Jesu bedarf keiner blutigen Satisfaktion, um eine Schuld zu vergeben. Hatte man das Gleichnis vom verlorenen Sohn bei der Konstruktion der christlichen Erlösungslehre übersehen?
Gegenüber der Botschaft Jesu und der Propheten erscheint mir die kirchliche Opfertheorie als ein atavistischer Rückfall in das Denken archaischer Frühformen des Religiösen. Sie fällt weit zurück hinter die Propheten, sogar noch zurück hinter Abraham; sie reicht zurück in die Zeit der Kinderopfer. In der Abrahams-Erzählung wurde die Opferung von Menschenblut überwunden und durch das Tieropfer ersetzt. Und bei den Propheten wurde der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit der Vorzug gegenüber dem Schlachten von Tieren gegeben. Wahrhaft ein großer Schritt in der Evolution des religiösen Bewußtseins in der Menschheit!
In der kirchlichen Deutung des Todes Jesu aber führt der Schritt in die umgekehrte Richtung: Die Opferung des einzi-gen Sohnes löst die Schlachtung von Opfertieren ab.

 

Nicht das Gottesbild Jesu

(...) Nicht Jesu Botschaft, sondern die Lehre von seinem sühnenden Opfertod wurde zum Zentrum des kirchlichen Glaubens. Denn mehr als Jesu Botschaft sichert diese Erlösungslehre der Kirche ihre Bedeutung, ihren Status und ihre Macht. Denn, so lehrt der Katechismus: «... die Heilssendung, die der Vater seinem menschgewordenen Sohn anver-traut hat, wird von ihm den Aposteln und durch sie ihren Nachfolgern anvertraut.» (Nr. 1120)
Wem so das zeitliche und ewige Heil der Menschheit zur Verwaltung und Zuteilung anvertraut wurde, gelangt fast von selbst in eine zentrale Schlüsselstellung zwischen Gott und Menschheit. Die «Früchte der Erlösung», die Jesus durch seinen Kreuzestod erworben hat, werden von den kirchlichen Amtsträgern verwaltet und ausgeteilt.
Ich kann deshalb gut verstehen, weshalb die Kirche diese Erlösungslehre in den Mittelpunkt ihrer Lehre und ihres Kultes gerückt hat.


Heilsverwaltung - nach geltenden Bestimmungen 

Die Verwaltung der «Früchte der Erlösung» in der Praxis: Es ging um die Sündenvergebung in der Beichte. Auch für die Prälaten im bischöflichen Ordinariat war es unübersehbar geworden, daß sich das Bußsakrament nicht mehr allzu großen Zuspruchs bei den Gläubigen erfreute. Die Zahl der Beichtenden ging rapide zurück.
Bei vielen Seelsorgern und Theologen führte diese Tatsache zu einem neuen Nachdenken über das Bußsakrament und zu einer Neubesinnung auf das, was Jesus über die Vergebung der Schuld gelehrt hatte. Jesus hatte nicht aufgefordert, beichten zu gehen. Jesus forderte mehr: Umkehr des Lebens. Er verkündete, daß jedem, der vom Bösen abläßt und sein Leben neu auf Gott ausrichtet, ein Neuanfang möglich wird. Schuld kann überwunden und vergeben werden. Wahr-haft, eine gute und hilfreiche Botschaft.
Nach Botschaft und Lehre Jesu ist die Vergebung Gottes jedoch nicht an kirchliche Prozeduren gebunden; die einzige Bedingung Jesu: Umkehr des Herzens, Erneuerung der Gesinnung, ehrliche Bereitschaft zum Neuanfang im guten! Eine Ohrenbeichte mit der Exklusivität der Sündenvergebung durch einen katholischen Priester hat Jesus mit Sicherheit nie eingesetzt.
(...)  Im Kirchlichen Amtsblatt des Bistums erschien eine Verfügung des Generalvikars, der darauf verwies, daß nach den geltenden Bestimmungen die Vergebung der Sünden nur in der sakramentalen Beichte erfolge. «Nach den geltenden Bestimmungen» stand tatsächlich da! Ich erinnere mich noch, wie ratlos und irritiert ich war, als ich das las. Mir wurde wieder einmal mehr bewußt, wie weit sich amtskirchliches Denken von seinen Ursprüngen in der Verkündigung Jesu entfernt hatte.
Die von Jesus verkündete Vergebung Gottes wird «nach den geltenden Bestimmungen» verabreicht. Heilsverwaltung nach Juristenart! Wer weiß, welch große Macht über die Menschen und welch gewaltiger Einfluß auf die Gesellschaft der Kirche allein aus dem Beichtstuhl zuwuchsen, wird allerdings die Sorge des Generalvikars verstehen.

Das Kreuz im Leben - gottgefällig?

(...) Muß das ein bösartiger Gott sein, dem das Leiden seiner Kreatur wohlgefällig ist! Er unterscheidet sich kaum von den grausamen Gottheiten der Vorzeit, denen menschliche Qualen eine willkommene Opferspeise waren. Ein perverser Gott! Das ist nicht der Gott Jesu. Von Jesus her habe ich ein anderes Bild von Gott: ein Gott, der das Wohl des Menschen will, sein Glück, seine Freude, sein Heilsein; ein Gott, der kein menschliches Leiden will; ein Gott, der vom Leid befreien will. (...)
Die aus archaisch-heidnischen Vorstellungen stammende Lehre vom sühnenden Opfertod führte dazu, daß das Kreuz das eigentliche Zeichen des christlichen Glaubens wurde. Sicher, man kann das Kreuz als ein Zeichen sich hingebender Liebe deuten, und damit weist es ins Zentrum des Christlichen. Aber macht das Kreuz wirklich das Wesenhafte der Liebe sichtbar? Werden die Akzente nicht einseitig auf Opfer und Schmerz hin verschoben?
Gewiß: Liebe ist bereit, um des Geliebten willen auch Opfer zu bringen, Verzichte zu leisten, das eigene Glücksverlangen in den Hintergrund zu stellen, sogar Schmerz auf sich zu nehmen - aber nicht um des Opfers willen, nicht um des Verzichtes willen, nicht um des Schmerzes willen. Diese sind nicht das Ziel; sie haben keinen Wert in sich. Vom Gott Jesu her gesehen erscheinen sie mir sogar als Un-Werte. Denn der Gott Jesu will das Wohl der Menschen, Freude, Frieden, Glück. Der Gott Jesu will nicht das Kreuz. Er will nicht den Schmerz; er will, daß Schmerzen vermieden und Wunden geheilt werden. Er will kein Leid. Er will, daß Leid, Not, Elend, Haß und Feindschaft überwunden werden; er will, daß die Tränen getrocknet werden.
Opfer und Schmerzen auf sich zu nehmen kann nur dann einen gottgefälligen Wert haben, wenn sie um der Liebe willen, um das zu erreichende Gute willen auf sich genommen werden, nicht aber als Selbstzweck. Opfer bringen - für sich allein gesehen - ist noch keine gottgefällige Leistung.

Gottgefällig ist es, zu anderen gut zu sein, für sie da zu sein, wenn sie uns brauchen, einander zu helfen, zu dienen und zu vergeben. So habe ich jedenfalls die Botschaft Jesu verstanden. Ich kann jetzt - im nachhinein beim Schreiben dieser «Notizen» - besser verstehen, weshalb ich mit den dogmatischen und liturgischen Formeln von Jesus, «der uns durch sein Blut von aller Schuld gereinigt» und «uns am Kreuz von der Sünde erlöst hat», nie so recht etwas anfangen konnte. Diese kirchliche Opfer- und Erlösungslehre paßt nicht zu Jesus. Aus dem «Geist Jesu» heraus habe ich sie nie in mich aufgenommen.

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 Rainer Maria Rilke  Aus „Briefe an einen jungen Dichter“  vom 23. Dezember 1903

        Und wenn es Ihnen bang und quälend ist, an die Kindheit zu denken und an das Einfache und Stille, das mit ihr zusammenhängt, weil Sie an Gott nicht mehr glauben können der überall darin vorkommt, dann fragen Sie sich, lieber Herr Kappus, ob Sie Gott denn wirklich verloren haben. Ist es nicht vielmehr so, daß Sie ihn noch nie besessen haben? Denn wann sollte das gewesen sein? Glauben Sie, ein Kind kann ihn halten, ihn den Männer nur mit Mühe tragen und dessen Gewicht die Greise zusammendrückt? Glauben Sie, es könnte, wer ihn wirklich hat, ihn verlieren wie einen kleinen Stein, oder meinen Sie nicht auch, wer ihn hätte, könnte nur noch von ihm verloren werden? -

Wenn Sie aber erkennen, daß er in Ihrer Kindheit nicht war, und nicht vorher, wenn Sie ahnen, daß Christus getäuscht worden ist von seiner Sehnsucht und Muhammed betrogen von seinem Stolze, - und wenn Sie mit Schrecken fühlen, daß er auch jetzt nicht ist, in dieser Stunde da wir von ihm reden, - was berechtigt Sie dann, ihn, welcher niemals war, wie einen Vergangenen zu vermissen und zu suchen, als ob er verlören wäre?
Warum denken Sie nicht, daß er der Kommende ist, der von Ewigkeit her bevorsteht, der Zukünftige, die endliche Frucht eines Baumes, dessen Blätter wir sind? Was hält Sie ab, seine Geburt hinauszuwerfen in die werdenden Zeiten und Ihr Leben zu leben wie einen schmerzhaften und schönen Tag in der Geschichte einer großen Schwangerschaft? Sehen Sie denn nicht, wie alles, was geschieht, immer wieder Anfang ist, und könnte es nicht Sein Anfang sein, da doch Beginn an sich immer so schön ist? Wenn er der Vollkommenste ist, muß nicht Geringeres vor ihm sein, damit er sich auswählen kann aus Fülle und Überfluß? Muß er nicht der Letzte sein, um alles in sich zu umfassen, und welchen Sinn hätten wir, wenn der, nach dem wir verlangen, schon gewesen wäre?
Wie die Bienen den Honig zusammentragen, so holen wir das Süßeste aus allem und bauen Ihn. Mit dem Geringen sogar, mit dem Unscheinbaren (wenn es nur aus Liebe geschieht) fangen wir an, mit der Arbeit und mit dem Ruhen hernach, mit einem Schweigen oder mit einer kleinen einsamen Freude, mit allem, was wir allein, ohne Teilnehmer und Anhänger tun, beginnen wir Ihn, den wir nicht erleben werden, so wenig unsere Vorfahren uns erleben konnten. Und doch sind sie, diese Langvergangenen, in uns, als Anlage, als Last auf unserem Schicksal, als Blut, das rauscht, und als Gebärde, die aufsteigt aus den Tiefen der Zeit.
Gibt es etwas, was Ihnen die Hoffnung nehmen kann, so einstens in Ihm, in dem Fernsten, Äußersten zu sein? Feiern Sie, lieber Herr Kappus, Weihnachten in diesem frommen Gefühl, daß Er vielleicht gerade diese Lebensangst von Ihnen braucht, um zu beginnen; gerade diese Tage Ihres Überganges sind vielleicht die Zeit, da alles in Ihnen an Ihm arbeitet, wie Sie schon einmal, als Kind, atemlos an Ihm gearbeitet haben. Seien Sie geduldig und ohne Unwillen und denken Sie, daß das wenigste, was wir tun können, ist, Ihm das Werden nicht schwerer zu machen, als die Erde es dem Frühling macht, wenn er kommen will.
Und seien Sie froh und getrost.

Aus dem Stundenbuch:

Denn nur dem Einsamen wird offenbart,
und vielen Einsamen der gleichen Art
wird mehr gegeben als dem schmalen Einen.
Denn jedem wird ein andrer Gott erscheinen,
bis sie erkennen, nah am Weinen,
daß durch ihr meilenweites Meinen,

durch ihr Vernehmen und Verneinen,
verschieden nur in hundert Seinen
ein Gott wie eine Welle geht.

Das ist das endlichste Gebet,
das dann die Sehenden sich sagen:
Die Wurzel Gott hat Frucht getragen,
geht hin, die Glocken zu zerschlagen;
wir kommen zu den stillern Tagen,
in denen reif die Stunde steht.
Die Wurzel Gott hat Frucht getragen.
Seid ernst und seht.

 


Auszüge aus "Gottesvergiftung" von Tillmann Moser

"...Du hast aus mir eine Gottesratte gemacht, ein angstgejagtes Tier in einem Experiment ohne Ausweg..."

"Es genügt mir, daß ich dich (Gott) nicht mehr sehen brauche... Wenn ich in manche Gesichter sehe, empfinde ich keinen Verlust mehr, und menschliche Gesichter werden deines ersetzen, weil deines unmenschlich war. Meine Augen lernen sehen, seit du mir nicht mehr den Horizont verdunkelst."



"Gebete vor Morgengrauen

 Lieber Gott, ich möchte mit einem Fluch beginnen, oder mit einer Beschimpfung, die mir bald Erleichterung brächte. Eine Art innere Explosion müßte es werden, die dich zerfetzte. Ich wäre dann nicht nur dich, sondern auch diese elende Beschämung los, mich noch einmal mit dir beschäftigen zu müssen. Ich dachte, du wärst tot, begraben, zumindest aber vergessen oder wärst mir gleichgültig geworden. Du warst eine solche Enttäuschung, ein solcher Betrug in meinem Leben, daß ich, als ich ganz allmählich und unter Qualen dahinterkam, dich links liegen ließ. Nicht daß du als Person überlebt hättest, als ein faßliches Gegenüber. Du warst einst so fürchterlich real, neben Vater und Mutter die wichtigste Figur in meinem Kinderleben. Nein, obwohl es mich wundert, wie leicht es mir fällt, dich immer noch so direkt anreden zu können. Du hast überlebt in meiner seelischen Struktur: ganze Gewölbe, Verehrungsthrone, innere Zimmer- und Kapellenfluchten wurden für dich angelegt. Du haustest in mir wie ein Gift, von dem sich der Körper nie befreien konnte. Du wohntest in mir als mein Selbsthaß. Du bist in mich eingezogen wie eine schwer heilbare Krankheit, als mein Körper und meine Seele klein waren. (...)  Indem ich dir zeige, wie du als Krankheit in mich eingezogen bist, und als Krankheit fast über mich hinweggewachsen wärst, hoffe ich, mich ein Stück weit von dir heilen zu können. Ich weiß, daß du in den Narben, falls ich dich aus mir vertreiben kann, bis zu meinem Tode hausen wirst. Sie werden mich beißen, und du wirst mich noch mit Phantomschmerzen quälen, wenn du längst wegamputiert bist. (...)

Ich weiß, längst nicht allen bist du so wesentlich als Krankheit erschienen wie mir. Es gibt da ein paar Spezialbedingungen, warum ich dich vor allem als Vergiftung und Geschwür erlebt habe. Es hängt mit dem jahrhundertealten Komposthaufen christlicher Familientradition zusammen, auf dem du deine Kulturen in Ruhe züchten konntest. Die Intensivierung des Giftes war ein generationenlanger Prozeß: da ist die wahre Gottessäure entstanden, die sich eingeätzt hat in mein Fleisch. (...)

Neulich war ich auf einem gruppentherapeutischen Training, und es ging um das Ausmaß von Hemmungen, das jeder mit sich herumträgt. Da fragte der Trainer, welche Sätze uns in unserem Leben am meisten eingeschüchtert hätten. Weißt du, was bei mir zum Vorschein kam als die mich domestizierende, einengende, schachmatt setzende stereotype Phrase: »Was wird der liebe Gott dazu sagen?« Durch diesen Satz war ich früh meiner eigenen inneren Gerichtsbarkeit überlassen worden. Im Grunde mußten die Eltern gar nicht mehr sehr viel Erziehungsarbeit leisten, der Kampf um das, was ich tun und lassen durfte, vollzog sich nicht mit ihnen als menschliche Instanz, mit der es einen gewissen Verhandlungsspielraum gegeben hätte, sondern die »Selbstzucht«, wie das genannt wurde, war mir überlassen, oder besser, der rasch anwachsenden Gotteskrankheit in mir. Du hast mir dann kaum noch Chancen gelassen, mit mir selbst ein auskömmliches Leben zu führen. (...)
 
"Die Macht Deiner Lieder

Ich versuche in den letzten Tagen, die Lieder zu verstehen, in denen du dich hast preisen oder anflehen lassen, als ich jung war. Länger als eine knappe Stunde kann ich nicht im Gesangbuch lesen, sonst werde ich so traurig und verwirrt, daß ich hinauslaufen muß.

Und ich merke beim Lesen deiner Lieder, wie tief mich manche der Texte und Melodien berührt haben. (...)

Die Traurigkeit beim Lesen in deinem Gesangbuch ist eine Mischung aus Ohnmacht, Resignation, Wertlosigkeit. Von dir geht eine Lähmung aller Initiative aus, ein Gefühl von Vergeblichkeit allen irdischen Tuns. Ich höre wieder die schrillen Stimmen älterer Frauen, die versuchen, beim Singen der Choräle in eine kleine Ekstase zu geraten, zumindest aber in das Gefühl, weggetragen zu werden. Bei den Männern ist es mehr die Lautheit, eine endlich erlaubte Selbstbetonung beim gesungenen Ruhme Gottes. Die meisten, die in den Schulsaal kamen, durften ja nicht laut sein im Leben. Sie mußten den Gemeindegesang abwarten, um überhaupt die Stimme erheben zu dürfen, um sich etwas von der Seele zu singen oder zu schreien, und ein paar Augenblicke lang stimmlichen Selbstgenuß zu erleben. Es war auch für mich erhebend, wenn meine Stimme, einzeln zwar wahrnehmbar, doch mit der Stimme der Gemeinde verschmolz. Im Grunde war es das Ziel aller Lieder, Verschmelzung zu bewirken und Andacht hervorzurufen, und da deine Poeten und Musiker inbrünstig zusammengearbeitet haben, ist in die Lieder vieles eingegangen, was unwiderstehlich zur Verschmelzung und zur Andacht stimuliert. Ich werde dir eine Reihe von Liedern vorhalten und dir erklären, wie sie auf mich gewirkt, wie sie meine Täuschung über deine Realität vertieft haben.

Es gibt einige, die mir heute noch die Tränen in die Augen treiben, weil sie verknüpft sind mit Momenten eines vollkommenen Geborgenheitsgefühls, eines geborgten freilich, mehr geahnt als wirklich. Das ist ja das schlimme Geheimnis an dir, daß alles nur Verweisung ist auf etwas großartig Unwirkliches. Einige deiner Lieder, am meisten die von Paul Gerhardt, sind verknüpft mit Augenblicken, in denen meine Mutter es verstand, im täglichen Leben nicht ansprechbare oder formulierbare Gefühle singend oder betend so mit dir zu verbinden, daß sie plötzlich greifbar schienen; daß ihr Gesang dem Stimme verlieh, wonach wir uns alle sehnten.

»Der Mond ist aufgegangen,
die güldnen Sternlein prangen
am Himmel hell und klar.
Der Wald steht schwärz und schweiget,
und aus den Wiesen steiget
der weiße Nebel wunderbar.


Wie ist die Welt so stille
und in der Dämmrung Hülle
so traulich und so hold
als eine stille Kammer,
wo ihr des Tages Jammer
verschlafen und vergessen sollt.

So legt euch denn, ihr Brüder,
in Gottes Namen nieder;
kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott, mit Strafen
und laß uns ruhig schlafen
und unsern kranken Nachbarn auch.«

(368*) Die Lied-Nummern beziehen sich auf das Evangelische Kirchengesangbuch.

Ein anderes Lied will ich nennen, das viele Jahre hindurch gesungen und gebetet wurde. Mehr als fünf Gottesbeweise ist dieses Lied schwer, und es erfüllt mich immer noch mit einer Andacht, für die ich heute keinen Inhalt mehr habe:

»Nun ruhen alle Wälder,
Vieh, Menschen, Städt und Felder,
es schläft die ganze Welt;
ihr aber, meine Sinnen, auf,
auf, ihr sollt beginnen,
was eurem Schöpfer wohlgefällt.

Breit aus die Flügel beide,
o Jesu, meine Freude,
und nimm dein Küchlein ein.
Will Satan mich verschlingen,
so laß die Englein singen:
»Dies Kind soll unverletzet sein.«

Auch euch, ihr meine Lieben,
soll heute nicht betrüben,
kein Unfall noch Gefahr.
Gott laß euch selig schlafen,
stell euch die güldnen Waffen
ums Bett und seiner Engel Schar. «
(361)


Es sind Lieder, die, mit der Stimme meiner Mutter gesungen, auch starke Kinderängste gebannt oder gemildert haben. Sie haben das Gefühl vermittelt, die Eltern verwalteten einen Teil deiner tröstlichen Macht und seien fähig, sie uns mitzuteilen. In diesen beiden Liedern lag ein Stück verdichteter Harmonie, Stimmungen am Übergang von Wirklichkeit und Verweisung auf unwirklich Wunderbares. Wenn der Vater gar mitbrummte und ebenfalls im Einklang mit dir schien, war die Welt in eine feierliche Schönheit getaucht. Uns alle schien dann ein ungeheuer kostbares Band zusammenzuhalten, das im Alltag verschwand und dann plötzlich wieder, aber immer nur mit deiner Mithilfe, zu leuchten begann.

Im Grunde hattest du also unser aller Seelen gepachtet, so daß wir ohne dich einander keine Gefühle mitteilen konnten, und in diesen beiden Liedern wurden wesentliche Gefühle annähernd Sprache und zwischen uns fühlbar gemacht. Sie haben die Mauern der Verschlossenheit vorübergehend niedergelegt. Es waren Familien-, keine Gemeindelieder, das muß ihre Kostbarkeit ausgemacht haben. Es sind Verse fast ohne Theologie, ohne Sünde, Schuld und Gnade, sie drücken einfach nur den Übergang von Unruhe zu Geborgenheit aus. Die Erfahrung war eben, daß ein wirkliches Zusammengehören nur durch den Umweg über dich möglich war, und da dieses Gefühl des Zusammengehörens unentbehrlich war, wurdest auch du unentbehrlich. Ich war fromm, weil du der Zugang zu sonst Unzugänglichem warst. Das Wichtigste an deiner Substanz im Guten war das Spüren elterlicher Zuneigung, die sonst natürlich vorhanden, aber verborgen, unaussprechbar war.

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10.10.2014 Detlef Streich : "„Die Gottesbegegnung widerfährt dem Menschen nicht, auf daß er sich mit Gott befasse, sondern auf daß er den Sinn an der Welt bewähre."

Kurze Auszüge aus: Martin Buber „Das dialogische Prinzip“ Seite 97 bis 121; Kapitel  Ich und Du - WB 1984

Vorbemerkungen:

Das „Dialogische Prinzip“ Bubers  in  der Begegnung eines „Ich“ mit einem „Du“ ist keineswegs ein nur ´religiöses` Randphänomen. Für Buber ist diese Begegnung Ausdruck des eigentlichen Sinn des Menschen und die Grundlage seiner Lebenswirklichkeit. Auch sind für ihn die umgebende Welt und die Gottesbeziehung keine konkurrierenden Pole, sondern sich gegenseitig befruchtende und ergänzende Teile eines großen Ganzen, in das der Mensch hineingestellt ist. Religion oder besser die Gottesbeziehung ist für Buber also keine Flucht aus der Welt in eine bessere, andere „Welt.“ Im Gegenteil manifestiert sich das eigene Ich in seiner zu erkennenden Singularität in der Begegnung mit dem „Du“ des Anderen (egal ob Gott oder Mensch) und reift an ihm.

„Man kann sein Leben nicht zwischen eine wirkliche Beziehung zu Gott und ein unwirkliches Ich-Es-Verhältnis zur Welt aufteilen, - zu Gott wahrhaft beten und die Welt benützen. Wer die Welt als das zu Benutzende kennt, kennt auch Gott nicht anders. Sein Gebet ist eine Entlastungsprozedur; es fällt ins Ohr der Leere.“

Der Weg zu sich selbst, zur Erkenntnis des eigenen Selbst, ist der Schlüssel zu dem, was Buber als „Ich“ bezeichnet und das Gegenteil eines kollektiven und damit vereinnahmten Seins,  steht aber auch im Widerspruch zum egoistischen Individualismus. Die Grundlage der Beziehung des Ich-Du ist vielmehr Liebe in nicht egoistischer Weise. Und eine solche Begegnung/ Beziehung verändert in grundlegender Weise, ohne in Gesetzmäßigkeiten erfasst werden zu können.

„Der Mensch, der aus dem Wesensakt der reinen Beziehung tritt, hat in seinem Wesen ein Mehr, ein Hinzugewachsenes, von dem er zuvor nicht wußte und dessen Ursprung er nicht rechtmäßig zu bezeichnen vermag.“

In gleichem Sinn, nur in vollkommener Weise, sieht und versteht  Buber die Gottesbeziehung als eine Begegnung meines Ichs mit diesem Gott im Gegenüber als vollkommenes Du, von dem ich in  vollkommener Weise angenommen bin, von dem ich aber außer dieser Angenommenheit nichts weiß oder erkennen kann:

„Das wovor wir leben, das worin wir leben, woraus und worein wir leben, das Geheimnis: es ist geblieben, was es war. Es ist uns gegenwärtig geworden und hat sich mit seiner Gegenwart uns kundgetan als das Heil, wir haben es »erkannt«, aber wir haben keine Erkenntnis von ihm, die uns seine Geheimnishaftigkeit minderte - milderte. Wir sind Gott nahe gekommen, aber einer Enträtselung, Entschleierung des Seins nicht näher. Erlösung haben wir verspürt, aber keine »Lösung«. Was wir empfangen haben, damit können wir nicht zu den andern gehen und sagen: Dieses ist zu wissen, dieses ist zu tun. Wir können nur gehen und bewähren.“

Der Mensch strebt jedoch zur Konstanz, zum Besitz. Er möchte auch und gerade in Partnerschaften sich selbst bewahren und festhalten. Selbst der Partner wird so zum Objekt der Liebe und dadurch entpersonalisiert und verdinglicht. Gleiches gilt der Gottesbeziehung:

„Der Mensch begehrt Gott zu haben; er begehrt nach einer Kontinuität des Gotthabens in der Zeit und im Raum. Er will sich mit der unaussprechlichen Bestätigung des Sinns nicht begnügen, er will sie ausgebreitet sehen als etwas, was man immer wieder vornehmen und handhaben kann, ein zeitlich und räumlich lückenloses Kontinuum, das ihm das Leben an jedem Punkt und in jedem Moment versichert.

Der Lebensrhythmus der reinen Beziehung, der Wechsel von Aktualität und einer Latenz, in der nur unsere Beziehungskraft und darum die Gegenwart, nicht aber die Urpräsenz abnimmt, genügt dem Kontinuitätsdurst des Menschen nicht. Er verlangt nach zeitlicher Ausbreitung, nach Dauer. So wird Gott zum Glaubensobjekt.“

Der christliche Gott ist als Kultobjekt handhabbar gemacht: Er lässt sich finden in vorgeschriebenen Ritualen, in der kollektiven Gemeinschaft, in gemeinsamen Liedern und Gebeten, in der Erfüllung von Geboten und Annahme von Sakramenten etc. Im Gottes-Dienst begegnet er den Menschen. Für Buber ist dies aber eine Abwendung von Gott, denn „die Gottesbegegnung widerfährt dem Menschen nicht, auf daß er sich mit Gott befasse, sondern auf daß er den Sinn an der Welt bewähre.“ Ein Sinn, der auch als eigentlicher Lebenssinn aufgefasst wird und der allgegenwärtigen Sinnkrise unserer Zeit entgegenwirken kann. Jedoch sind die Texte von Buber kein Lesebuch. Vielmehr begegnen Bubers Gedanken den Gedanken des Lesers im gleichen dialogischen Prinzip, sie bedürfen der Auseinandersetzung, um entdeckt zu werden. Dazu einige kurze Anmerkungen von Thomas Reichert :

„Ein Philosoph, der dem Leser 'nichtbegriffliche Erfahrung' begrifflich vermittelt, wird sich nicht vor allem an das begrifflich-rationale Erkenntnisvermögen des Lesers wenden (das auch erforderlich ist), sondern an dessen 'Erfahrung'. So schreibt Buber: "Ich zeuge für Erfahrung und appelliere an Erfahrung. […] Ich sage zu dem, der mich hört: ‘Es ist deine Erfahrung. Besinne dich auf sie, und worauf du dich nicht besinnen kannst, wage, es als Erfahrung zu erlangen.’" (Antwort, S. 593) – "Letzten Endes appelliere ich […] an das wirkliche und mögliche Leben meines Lesers. Die Intention meiner Schriften ist wirklich eine ganz intim dialogische." (Brief an Malcolm L. Diamond vom 19. 9. 1957; Briefwechsel Bd. III, S. 438)

Für die Buber-Lektüre bedeutet dies: Man muss immer diese Intention im Blick haben. Wenn man sich auf die Begriffe und eine Analyse ihrer Bedeutung konzentriert und so die Bedeutung der Texte zu fassen versucht — ein bei philosophischen Texten normalerweise sinnvolles Verfahren —, wird man Buber nicht verstehen bzw. missverstehen. Jochanan Bloch (Die Aporie des Du) kennzeichnet Bubers Sprechen als Sprechen in 'Abstoßworten' (S. 223), das in seinen Begriffen das Gemeinte nicht wirklich begreifen könne; diese Worte zeigten lediglich in eine Richtung, man müsse sich von ihnen "jeweils in die wortlos zu vergegenwärtigende Gegenwart abstoßen" (ebd.). Wer mit der Buber-Lektüre beginnt, etwa mit seinem grundlegenden Buch "Ich und Du", sollte nicht versuchen, jeden Satz zu verstehen (eine begriffliche Bedeutung festzulegen) und sich daraus im Verlauf des Lesens Stück um Stück die Bedeutung des Ganzen zusammensetzen. Es ist vielmehr wichtig, Sätze 'unverstanden' stehenlassen zu können und weiterzulesen; der 'Sinn' des Ganzen ist eigentlich in jeder Aussage enthalten, aber das einzelne ist nur von diesem Sinn her verständlich. Man kann dieser Paradoxie bei Buber nicht entgehen.“

Aber sich darauf einzulassen, kann ein Weg sein. Ein Weg zum Mitmenschen, ein Weg zur Liebe, ein Weg zu sich selbst, ein Weg zu Gott! Wo ist da aber der Unterschied?

 

Auszüge aus Ich und Du von Martin Buber (unter dem sogleich verwendeten Begriff „Antinomik“ wird hier die Unvereinbarkeit widersprüchlicher Positionierungen/Gesetze verstanden):

Die »religiöse« Situation des Menschen, sein Dasein in der Präsenz, ist durch ihre wesenharte und unauflösbare Antinomik gekennzeichnet. Daß diese Antinomik unauflösbar ist, macht ihr Wesen aus. Wer die These annimmt und die Antithese ablehnt, verletzt den Sinn der Situation. Wer eine Synthese zu denken versucht, zerstört den Sinn der Situation. Wer die Antinomik zu relativieren strebt, hebt den Sinn der Situation auf. Wer irgendwie anders als mit dem Leben den Widerstreit der Antinomik aus-tragen will, vergeht sich gegen den Sinn der Situation. Der Sinn der Situation ist, daß sie in all ihrer Antinomik gelebt und nur gelebt und immer wieder, immer neu, unvorsehbar, unvordenkbar, unvorschreibbar gelebt wird.

Ein Vergleich der religiösen mit der philosophischen Antinomie wird dies verdeutlichen. Kant mag den philosophischen Widerstreit zwischen Notwendigkeit und Freiheit relativieren, indem er jene der Welt der Erscheinung, diese der des Seins zuweist, so daß die beiden Setzungen einander nicht mehr eigentlich entgegenstehn, vielmehr sich miteinander ebenso vertragen, wie die Welten, für die sie gültig sind. Aber wenn ich Notwendigkeit und Freiheit nicht in gedachten Welten meine, sondern in der Wirklichkeit meines Vor-Gott-stehens, wenn ich weiß: »Ich bin anheimgegeben« und zugleich weiß: »Es kommt auf mich an«, dann darf ich dem Paradox, das ich zu leben habe, nicht durch Zuweisung der unverträglichen Sätze an zwei gesonderte Geltungsbereiche zu entkommen suchen, dann darf ich mir auch von keinem theologischen Kunstgriff zu einer begrifflichen Versöhnung helfen lassen, ich muß beide in einem zu leben auf mich nehmen, und gelebt sind sie eins. …

Jedem Du in der Welt ist seinem Wesen nach geboten, uns Ding zu werden oder doch immer wieder in die Dinghaftigkeit einzugehn. Nur in einer, der allumfassenden Beziehung ist die Latenz noch Aktualität. Nur Ein Du hört seinem Wesen nach nie auf, uns Du zu sein. Wohl kennt, wer Gott kennt, die Gottferne auch und die Pein der Dürre über dem geängstigten Herzen; aber die Präsenzlosigkeit nicht. Nur wir sind nicht immer da.

… Ob man Gott als Er oder als Es beredet, es ist immer Allegorie. Sprechen wir aber Du zu ihm, dann ist die ungebrochene Wahrheit der Welt von sterblichem Sinn gewortet.

Jede wirkliche Beziehung in der Welt ist ausschließlich; das Andere bricht in sie ein und rächt seine Ausschließung. Einzig in der Beziehung zu Gott sind unbedingte Ausschließlichkeit und unbedingte Einschließlichkeit eins, darin das All begriffen ist. Jede wirkliche Beziehung in der Welt ruht auf der Individuation; die ist ihre Wonne, denn nur so ist Einandererkennen der Verschiedenen gewährt, und ist ihre Grenze, denn so ist das vollkommne Erkennen und Erkanntwerden versagt. Aber in der vollkommnen Beziehung umfaßt mein Du mein Selbst, ohne es zu sein; mein eingeschränktes Erkennen geht in einem schrankenlosen Erkanntwerden auf. …

Man kann sein Leben nicht zwischen eine wirkliche Beziehung zu Gott und ein unwirkliches Ich-Es-Verhältnis zur Welt aufteilen, - zu Gott wahrhaft beten und die Welt benützen. Wer die Welt als das zu Benutzende kennt, kennt auch Gott nicht anders. Sein Gebet ist eine Entlastungsprozedur; es fällt ins Ohr der Leere. Er - nicht der »Atheist«, der aus der Nacht und Sehnsucht seines Kammerfensters das Namenlose anspricht — ist der Gottlose.

Was ist das ewige: das im Jetzt und Hier gegenwärtige Urphänomen dessen, was wir Offenbarung nennen? Es ist dies, daß der Mensch aus dem Moment der höchsten Begegnung nicht als der gleiche hervorgeht, als der er in ihn eingetreten ist. Der Moment der Begegnung ist nicht ein »Erlebnis«, das sich in der empfänglichen Seele erregt und selig rundet: es geschieht da etwas am Menschen. Das ist zuweilen wie ein Anhauch, zuweilen wie ein Ringkampf, gleichviel: es geschieht. Der Mensch, der aus dem Wesensakt der reinen Beziehung tritt, hat in seinem Wesen ein Mehr, ein Hinzugewachsenes, von dem er zuvor nicht wußte und dessen Ursprung er nicht rechtmäßig zu bezeichnen vermag…

Die Wirklichkeit ist, daß wir empfangen, was wir zuvor nicht hatten, und es so empfangen, daß wir wissen: es ist uns gegeben worden. In der Sprache der Bibel: »Die auf Gott harren, werden Kraft eintauschen.« In der Sprache Nietzsches, der der Wirklichkeit in seinem Bericht noch treu ist: »Man nimmt, man fragt nicht, wer da gibt.«

Der Mensch empfängt, und er empfängt nicht einen »Inhalt«, sondern eine Gegenwart, eine Gegenwart als Kraft. Diese Gegenwart und Kraft schließt dreierlei ein, ungeschieden, und doch so, daß wir es als drei gesondert betrachten dürfen. Zum ersten die ganze Fülle der wirklichen Gegenseitigkeit, des Aufgenommenwerdens, des Verbundenseins; ohne daß man irgend anzugeben vermöchte, wie das beschaffen sei, womit man verbunden ist, und ohne daß das Verbundensein einem das Leben irgend erleichterte, - es macht das Leben schwerer, aber es macht es sinnschwer. Und das ist das zweite: die unaussprechliche Bestätigung des Sinns. Er ist verbürgt. Nichts, nichts kann mehr sinnlos sein. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist nicht mehr da. Aber wenn sie da wäre, wäre sie nicht etwa zu beantworten.  Du weißt  den Sinn nicht  aufzuzeigen und weißt ihn nicht zu bestimmen, du hast keine Formel und hast kein Bild für ihn, und doch ist er dir gewisser als die Empfindungen deiner Sinne. Was meint er nur mit uns, was begehrt er von uns, der offenbarte und verhohlene? Nicht gedeutet — das vermögen wir nicht -, nur getan will er von uns werden. Dies ist das dritte: es ist nicht der Sinn eines »andern Lebens«, sondern dieses unseres Lebens, nicht der eines »Drüben«, sondern dieser unserer Welt, und er will in diesem Leben, an dieser Welt von uns bewährt werden.

Der Sinn kann empfangen werden, aber er kann nicht erfahren werden; er kann nicht erfahren werden, aber er kann getan werden; und dies meint er mit uns. Die Bürgschaft will nicht in mir verschlossen, sondern durch mich in die Welt geboren werden. Aber wie der Sinn selber sich nicht übertragen, nicht zu einem allgemein gültigen und allgemein annehmbaren Wissen ausprägen läßt, so kann seine Bewährung nicht als ein geltendes Sollen tradiert werden, sie ist nicht vorgeschrieben, sie steht auf keiner Tafel verzeichnet, die über aller Köpfen aufzurichten wäre. Zu bewähren vermag den empfangenen Sinn jeder nur mit der Einzigkeit seines Wesens und in der Einzigkeit seines Lebens. Wie uns zur Begegnung keine Vorschrift führen kann, so führt auch aus ihr keine. Wie es zum Zu-ihr-kommen nur der Akzeptation der Gegenwart bedarf, so in einem neuen Sinn zum Aus-ihr-gehen. Wie man mit dem bloßen Du auf den Lippen in die Begegnung gelangt, so wird man mit ihm auf den Lippen aus ihr zur Welt entlassen.

Das wovor wir leben, das worin wir leben, woraus und worein wir leben, das Geheimnis: es ist geblieben, was es war. Es ist uns gegenwärtig geworden und hat sich mit seiner Gegenwart uns kund¬etan als das Heil, wir haben es »erkannt«, aber wir haben keine Erkenntnis von ihm, die uns seine Geheimnishaftigkeit minderte - milderte. Wir sind Gott nahe gekommen, aber einer Enträtselung, Entschleierung des Seins nicht näher. Erlösung haben wir verspürt, aber keine »Lösung«. Was wir empfangen haben, damit können wir nicht zu den andern gehen und sagen: Dieses ist zu wissen, dieses ist zu tun. Wir können nur gehen und bewähren. Und auch dies »sollen« wir nicht — wir können -wir müssen.

Das ist die ewige, die im Jetzt und Hier gegenwärtige Offenbarung. Ich weiß von keiner, die nicht im Urphänomen die gleiche wäre, ich glaube an keine. Ich glaube nicht an eine Selbstbenennung Gottes, nicht an eine Selbstbestimmung Gottes vor den Menschen. Das Wort der Offenbarung ist: Ich bin da als der ich da bin. Das Offenbarende ist das Offenbarende. Das Seiende ist da, nichts weiter. Der ewige Kraftquell strömt, die ewige Berührung harrt, die ewige Stimme tönt, nichts weiter.

Das ewige Du kann seinem Wesen nach nicht zum Es werden; weil es seinem Wesen nach nicht in Maß und Grenze, auch nicht in das Maß des Unermeßlichen und die Grenze des Unbegrenztseins gesetzt werden kann; weil es seinem Wesen nach nicht als eine Summe von Eigenschaften, auch nicht als eine unendliche Summe zur Transzendenz erhobener Eigenschaften gefaßt werden kann; weil es weder in noch außer der Welt vorgefunden werden kann; weil es nicht erfahren werden kann; weil es nicht gedacht werden kann; weil wir uns an ihm, dem Seienden verfehlen, wenn wir sagen: »Ich glaube, daß er ist« — auch »er« ist noch eine Metapher, »du« aber nicht.

Und doch machen wir das ewige Du immer wieder zum Es, zum Etwas, machen Gott zum Ding - unserem Wesen nach. Nicht aus Willkür. Die dingliche Geschichte Gottes, der Gang des Gott-Dings durch die Religion und ihre Randgebilde, durch ihre Erleuchtungen und Verfinsterungen, ihre Lebenserhöhungen und -Zerstörungen, der Gang vom lebendigen Gott weg und wieder zu ihm hin, die Wandlungen von Gegenwart, Eingestaltung, Vergegenständlichung,Verbegrifflichung, Auflösung, Erneuerung sind ein Weg, sind der Weg. …

Der Mensch begehrt Gott zu haben; er begehrt nach einer Kontinuität des Gotthabens in der Zeit und im Raum. Er will sich mit der unaussprechlichen Bestätigung des Sinns nicht begnügen, er will sie ausgebreitet sehen als etwas, was man immer wieder vornehmen und handhaben kann, ein zeitlich und räumlich lückenloses Kontinuum, das ihm das Leben an jedem Punkt und in jedem Moment versichert.

Der Lebensrhythmus der reinen Beziehung, der Wechsel von Aktualität und einer Latenz, in der nur unsere Beziehungskraft und darum die Gegenwart, nicht aber die Urpräsenz abnimmt, genügt dem Kontinuitätsdurst des Menschen nicht. Er verlangt nach zeitlicher Ausbreitung, nach Dauer. So wird Gott zum Glaubensobjekt. Ursprünglich ergänzt der Glaube in der Zeit die Beziehungsakte; allmählich ersetzt er sie. An die Stelle der stets erneuten Wesensbewegung der Einsammlung und des Ausgehens tritt das Ruhen in einem geglaubten Es. Die Dennoch-Zuversicht des Kämpfers, der Gottferne und Gottnähe kennt, verwandelt sich immer vollständiger in die Sicherheit des Nutznießers, ihm könne nichts geschehen, weil er glaube, daß Einer sei, der ihm nichts geschehen lasse.

Auch die Lebensstruktur der reinen Beziehung, die »Einsamkeit« des Ich vor dem Du, das Gesetz, daß der Mensch, wie er auch die Welt in die Begegnung einbezieht, doch nur als Person zu Gott ausgehn und ihm begegnen kann, tut dem Kontinuitätsdurst des Menschen nicht Genüge. Er verlangt nach räumlicher Ausbreitung, nach der Darstellung, in der sich die Gemeinschaft der Gläubigen mit ihrem Gott vereint. So wird Gott zum Kultobjekt. Auch der Kult ergänzt ursprünglich die Beziehungsakte: indem er das lebendige Gebet, das unmittelbare Dusagen, in einen räumlichen Zusammenhang von großer Bildkraft einfügt und mit dem Leben der Sinne verknüpft; und auch er wird allmählich zum Ersatz, indem das persönliche Gebet vom Gemeindegebet nicht mehr getragen, sondern verdrängt wird und, da nun einmal die Wesenstat keine Regel zuläßt, die geregelte Andacht an ihre Stelle tritt.

In Wahrheit aber kann die reine Beziehung zu raumzeitlicher Stetigkeit nur auferbaut werden, indem sie sich an der ganzen Materie des Lebens verleiblicht. Sie kann nicht bewahrt, nur bewährt, sie kann nur getan, nur in das Leben eingetan werden. Der Mensch kann der Beziehung zu Gott, deren er teilhaftig geworden ist, nur gerecht werden, wenn er nach seiner Kraft, nach dem Maß jedes Tages neu Gott in der Welt verwirklicht. Darin liegt die einzige echte Bürgschaft der Kontinuität. Die echte Bürgschaft der Dauer besteht darin, daß die reine Beziehung erfüllt werden kann im Du-werden der Wesen, in ihrer Erhebung zum Du, daß das heilige Grundwort sich in allen austönt; so bildet sich die Zeit des Menschenlebens zu einer Fülle der Wirklichkeit auf, und ob es auch das Esverhältnis nicht überwinden kann und soll, ist das Menschenleben dann so von Beziehung durchwirkt, daß sie in ihm eine strahlende, durchstrahlende Stetigkeit gewinnt; die Momente der höchsten Begegnung sind da nicht Blitze in der Finsternis, sondern wie aufsteigender Mond in einer klaren Sternennacht.

Und so besteht die echte Bürgschaft der Raumstetigkeit darin, daß die Beziehungen der Menschen zu ihrem wahren Du, die Radien, die von all den Ichpunkten zur Mitte ausgehn, einen Kreis schaffen. Nicht die Peripherie, nicht die Gemeinschaft ist das erste, sondern die Radien, die Gemeinsamkeit der Beziehung zur Mitte. Sie allein gewährleistet den echten Bestand der Gemeinde.

Nur wenn die beiden entstehen und nur solang sie bestehen, die Bindung der Zeit im beziehungsgemäßen Heilsleben und die Bindung des Raums in der mittegeeinten Gemeinde, nur dann entsteht und nur so lang besteht um den unsichtbaren Altar, aus dem Weltstoff des Äons im Geist gefaßt, ein menschlicher Kosmos.

Die Gottesbegegnung widerfährt dem Menschen nicht, auf daß er sich mit Gott befasse, sondern auf daß er den Sinn an der Welt bewähre. Alle Offenbarung ist Berufung und Sendung. Aber wieder und wieder vollzieht der Mensch statt der Verwirklichung eine Rückbiegung auf den Offenbarenden; er will sich statt mit der Welt mit Gott befassen. Nur steht ihm nun, dem Rückgebogenen, kein Du mehr gegenüber, er kann nichts anderes als ein Gottes-Es in die Dinglichkeit einstellen, von Gott als von einem Es zu wissen glauben und von ihm reden. Wie der ichsüchtige Mensch, statt irgend etwas, eine Wahrnehmung, eine Zuneigung, unmittelbar zu leben, auf sein wahrnehmendes oder zugeneigtes Ich reflektiert und damit die Wahrheit des Vorgangs verfehlt, so reflektiert der gottsüchtige Mensch (der sich übrigens mit jenem recht gut in einer Seele verträgt), statt die Gabe sich auswirken zu lassen, auf das Gebende, und verfehlt beides.

Im Ausgesandtsein bleibt Gott dir Gegenwart; der in der Sendung Wandelnde hat Gott stets vor sich: je treuer die Erfüllung, um so stärker und stetiger die Nähe; befassen kann er sich freilich mit Gott nicht, aber unterreden kann er sich mit ihm. Die Rückbiegung dagegen macht Gott zum Gegenstand. Ihre scheinbare Hinwendung zum Urgrund gehört in Wahrheit zur Weltbewegung der Abwendung, wie die scheinbare Abwendung des die Sendung Erfüllenden in Wahrheit zur Weltbewegung der Hinwendung gehört. …

Der in der Offenbarung Ausgesandte nimmt in seinen Augen ein Gottesbild mit - so Übersinnenhaft es ist, er nimmt es im Auge seines Geistes mit, in der gar nicht metaphorischen, ganz realen Augenkraft seines Geistes. Der Geist antwortet auch durch ein Schauen, durch ein bildendes Schauen. Ob wir Irdischen auch nie Gott ohne Welt, nur die Welt in Gott schauen, schauend bilden wir ewig Gottes Gestalt.

Gestalt ist Mischung auch von Du und Es. Sie kann in Glauben und Kult zum Gegenstand erstarren; aber aus der Essenz der Beziehung, die in ihr fortlebt, wird sie immer wieder zur Gegenwart. Gott ist seinen Gestalten nah, solang sie der Mensch ihm nicht entrückt. Im wahren Gebet vereinigen und reinigen sich Kult und Glaube zur lebendigen Beziehung. Daß das wahre Gebet in den Religionen lebt, ist das Zeugnis ihres wahren Lebens; solang es in ihnen lebt, leben sie. Entartung der Religionen bedeutet die Entartung des Gebets in ihnen: die Beziehungskraft wird in ihnen immer mehr von der Gegenständlichkeit verschüttet, es wird in ihnen immer schwerer, mit dem ganzen, ungeteilten Wesen Du zu sagen, und der Mensch muß endlich, um es zu können, aus der falschen Geborgenheit in das Wagnis des Unendlichen, aus der nur noch von der Tempelkuppel, nicht auch vom Firmament überwölbten Gemeinschaft in die letzte Einsamkeit ziehen. Es heißt diesen Antrieb zutiefst verkennen, wenn man ihn dem »Subjektivismus« zurechnet: das Leben im Angesicht ist das Leben in der Einen Wirklichkeit, dem einzigen wahren »Objektivum«, und der ausziehende Mensch will sich in das wahrhaft seiende vor dem scheinhaften, illusionären Objektivum retten, ehe es ihm seine Wahrheit verstört hat. Subjektivismus ist Verseelung, Objektivismus Vergegenständlichung Gottes, dieser falsche Verfestigung, jener falsche Befreiung, beides Abbiegung vom Weg der Wirklichkeit, beides Ersatzversuch für sie.

Gott ist seinen Gestalten nah, wenn der Mensch sie ihm nicht entrückt. Wenn aber die ausbreitende Bewegung der Religion die umkehrende niederhält und die Gestalt Gott entrückt, verlischt das Antlitz der Gestalt, ihre Lippen sind tot, ihre Hände hängen herab, Gott kennt sie nicht mehr, und das Welthaus, das um ihren Altar gebaut ist, der menschliche Kosmos zerfällt. Und es gehört zu dem, was da geschieht, daß der Mensch in der Verstörung seiner Wahrheit nicht mehr sieht, was da geschehen ist.

Zersetzung des Worts ist geschehen. Das Wort ist in der Offenbarung wesend, im Leben der Gestalt wirkend, in der Herrschaft der erstorbenen wird es geltend.

So die Bahn und Widerbahn des ewigen und ewig gegenwärtigen Worts in der Geschichte. …

Aber die Bahn ist kein Kreislauf, Sie ist der Weg. Das Verhängnis wird in jedem neuen Aon erdrückender, die Umkehr sprengender. Und die Theophanie wird immer näher, sie nähert sich immer mehr der Sphäre zwischen den Wesen: nähert sich dem Reich, das in unsrer Mitte, im Dazwischen sich birgt. Die Geschichte ist eine geheimnisvolle Annäherung. Jede Spirale ihres Wegs führt uns in tiefres Verderben und in grundhaftere Umkehr zugleich. Das Ereignis aber, dessen Weltseite Umkehr heißt, dessen Gottesseite heißt Erlösung.

 

Heinrich Heine Deutschland. Ein Wintermärchen

Auszug aus: Caput I

Ein kleines Harfenmädchen sang.
Sie sang mit wahrem Gefühle
Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
Gerühret von ihrem Spiele.

Sie sang von Liebe und Liebesgram,
Aufopfrung und Wiederfinden
Dort oben, in jener besseren Welt,
Wo alle Leiden schwinden.

Sie sang vom irdischen Jammertal,
Von Freuden, die bald zerronnen,
Vom Jenseits, wo die Seele schwelgt
Verklärt in ew'gen Wonnen.

Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

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