Sie finden auf dieser Unterseite theologisch/kritische Lesetexte:

  • Literaturtipps
  • In Gedenken an Pfarrer Klaus Braden, der leider am 28. Jan. 2008 im Alter von nur 67 Jahren verstarb, seine "Predigt: Des Geistes neue Kleider"
  • Renate Elian "Lobe den Schöpfer, meine Seele und vergiß fast alles, was man dir von ihm gesagt hat"    Kreuzverlag
  • Günter Weber Auszüge aus: "Ich glaube - ich zweifle":
    • Rückfrage nach Jesus
    • Sohn Gottes ?
    • Am Kreuz geopfert? 
  • Rainer Maria Rilke  Aus „Briefe an einen jungen Dichter“  vom 23. Dezember 1903
  • "Gottesvergiftung" von Tillmann Moser
  • Auszug H. Heine Ein Wintermärchen

  

Einige Literaturtipps:

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Bücher:


Literaturauszüge:

Vorbemerkung aus einer Mail von Pfarrer Braden:

"In autoritätshörigen Kirchen (da gehört die katholische und die neuapostolische dazu) wird oft vergessen, dass wir nicht AN die Kirche glauben dürfen, sondern uns ZUR Kirche bekennen sollen.

In konservativen Kreisen aber begreift man das nicht. In einem theologischen Diskussionsforum hatte ich das mal angesprochen, doch die anwesenden "Theologen" schienen das überhaupt nicht zu begreifen, bzw. als Problem zu sehen, wobei es für alle Lateiner schon im Credo deutlich wird. "Credo in deum" und  "credo ecclesiam catholicam et apostolicam"

Das ist so eindeutig, dass man den Kopf schütteln muß über so viel Insider-Blindheit. Dazu noch meine Pfingstpredigt über des "Geistes Neue Kleider."

Predigt zu Pfingsten 2001 (Klaus Braden)

Meine lieben Mitchristen,

heute möchte ich Ihnen ein Märchen erzählen, es stammt von Hans Christian Andersen und heißt: des Kaisers neue Kleider.

Zwei Gauner machen sich die Eitelkeit des Kaisers zunutze. Sie geben sich als tüchtige Tuchweber und Schneider aus und behaupten solch zarte und feine Stoffe weben und verarbeiten zu können, daß nur die edelsten und vornehmsten Menschen sie überhaupt mit ihren Augen wahrzunehmen imstande wären. Wer ihre Stoffe und Kleider nicht sehen kann, so verbreiten sie, der sei untüchtig und unfähig, selbst wenn er ein hohes Amt bekleide. (...)

Mir fiel diese Geschichte ein, als ich über Pfingsten und den Heiligen Geist nachdachte. Denn wir alle reden wie selbstverständlich über den heiligen Geist, als ob wir alles davon wüßten und niemand ruft: Wo ist denn der Heilige Geist? Ihr steht ja in Unterhosen da. (...)

Wir Christen reden ohne Unterlaß von ihm, im Gottesdienst, in der Predigt, im Religionsunterricht, in bischöflichen Hirtenbriefen und päpstlichen Ansprachen und wir wagen nicht zuzugeben, daß er eigentlich keine Rolle bei uns spielt, daß wir als Christen ganz gut ohne ihn zurande kommen.

Wo ist das kleine Mädchen, das uns zuruft: Ihr habt ja gar nichts an, Ihr kommt ja in Unterhosen daher? Hat uns noch niemand die Augen geöffnet? Oder wollen wir es nicht wahrhaben, genauso wenig wie der Kaiser und all die Vornehmen im Märchen? (...)

Eine Kirche ohne dieses Kleid des Heiligen Geistes, eine Kirche in Unterhosen aber bietet eher Anlaß zum Gespött als zur Bewunderung, auch wenn Papstreisen ein anderes Bild vermitteln sollen. Nur wenn wir wieder den Heiligen Geist ernst nehmen und zugeben, daß wir wenig anhaben, können wir die Welt verändern.            

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"Lobe den Schöpfer, meine Seele und vergiß fast alles, was man dir von ihm gesagt hat" von Renate Elian;  Kreuzverlag

Dogma vom Opfertod statt Nachfolge  (Seite 92)

Solange Jesus mit seinen Jüngern zusammenlebte, schienen auch sie Anteil an dem Kraftfeld zu besitzen, das ihn umgab, waren sie in der Lage, den Menschen seine Botschaft zu übermitteln. Sie konnten in sich ihre Fähigkeiten zur Heilung von Menschen wachrufen und sie wie ihr Meister einsetzen, wenn auch wohl nicht in demselben Ausmaß wie er. Als Jesus starb, brauchten sie einige Zeit, um sich aus ihrer Lähmung zu befreien. Nun hieß es, ihrer Schwächen, ihrem Versagen, dem Verrat und der Flucht ins Auge zu sehen. Das letzte Kapitel in ihrer Geschichte mit ihm war kein Ruhmesblatt, dort fand sich die ganze Bandbreite menschlicher Schwächen.

Wenn ich mich in das Unglück dieser Männer hineinversetze, dann wird mir klar, dass sie sich einen Ausweg schaffen mussten, und sie fanden einen mit weitreichenden Folgen. Sie rückten nun ab von den Ansprüchen, die Jesus an alle Menschen gerichtet hatte; statt dessen erhöhten sie ihn zum Messias, zum Christus, der für die Sünden einer wankelmütigen Menschheit sterben musste, um ihr damit einen Weg zu Dir( = Gott - Anmerkung) zu bahnen. Nachdem sie selbst so kläglich versagt hatten, blieb ihnen wohl nur noch der Ausweg, ihren Meister auf eine göttliche Stufe neben Dich zu stellen.

Doch damit rückte der Gedanke and die menschliche Schwäche immer stärker in den Vordergrund. Zwar riefen sie ständig dazu auf, diese zu überwinden, aber die letzte Rettung bleib Jesus Opertod. "Er nahm alle unsere Schuld auf sich", so heißt es dann auch entlastend.

Nachdem sie an Jesus ein so beispielloses Verhalten erfahren hatten, lag der Schluss, dass es eine solche Lebenshaltung für den Durchschnittsmenschen nicht nachvollziehbar sei, sehr nahe. So riefen sie zwar unermüdlich zur Nachfolge auf, aber nicht mehr zum Einholen. Indem sie ihn erhöhten, war es ihnen möglich, auf der unteren, weniger anstrengenden Stufe zu verbleiben, war ihnen durch seinen Sühnetod doch Vergebung ihrer Schuld und die ewige Seligkeit gewiß.

Wenn all diese Schlüsse, die sich mir aufdrängen, richtig sein sollten, dann bleibt mir nur die Feststellung, dass durch die Sühne-Opfertheorie echte Nachfolge in Jesu Fußstapfen gar nicht möglich ist.

Es wurde den Menschen zwar ein besseres Jenseits versprochen, dafür aber beraubte man sie der Möglichkeit, auch schon im Diesseits zur größtmöglichen Entfaltung zu kommen, denn ihre Schwäche und Sündhaftigkeit schien unüberwindlich zu sein. Nachdem man denjenigen, nach dessen Namen wir uns benennen, an Deine rechte Seite platziert hatte, ist er für uns unerreichbar geworden. Da er außerdem noch für unsere Sünden sterben musste, wird der Abstand zu uns vollkommen unüberwindlich.

Wir haben nun nicht nur die Last unseres eigenen Versagens zu tragen, wir müssen uns auch noch mit der Tatsache abfinden, dass wir Jesu Leben auf dem Gewissen haben.

Wenn ich diese Kreuzestheologie in ihrem ganzen Ausmaß bedenke, dann wundert es mich überhaupt nicht, dass die meisten Gläubigen ein gestörtes Verhältnis zu Dir und Deinem Sohn haben.

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Günter Weber: Ich glaube – ich zweifle, / Notizen im Nachhinein
Zürich-Düsseldorf, Benziger Verlag 1996,
(Hier habe ich einige längere Passagen zitiert, da das Buch seit Jahren vergriffen ist und hoffe, damit nicht gegen geltendes Urheber- oder Verlagsrecht verstoßen zu haben. Sollte über den Link ein Exemplar im Angebot sein, empfehle ich sehr den sofortigen Kauf!)

Rückfrage nach Jesus

1. Jesus: der Prophet
Die Gestalt Jesu ist nicht zu lösen aus seiner jüdischen Herkunft, seiner jüdischen Umwelt und seiner jüdischen Religion. Die Frage, wer Jesus war und was er gewollt hat, kann nur innerhalb dieses Kontextes beantwortet werden.
Jesus war ein gläubiger Jude. Er war kein Priester und auch kein Mönch. Er war, wie man heute in der Kirche sagen würde, ein ganz gewöhnlicher «Laie ». Er hatte kein kirchliches Amt; er war kein Mann des Systems. Er war auch kein studierter Theologe, kein Schriftgelehrter. Er hütete keine «heiligen Überlieferungen» und wirkte auch nicht als Gesetzeskundiger.
Man kann ihn am besten mit einem Wort bezeichnen, das auch er selbst auf sich anwandte:
Er war ein Prophet. So sagten es damals auch die Leute von ihm: Er ist einer von den Propheten. (....)
Er machte Mut, im Vertrauen auf Gott zu leben. Auch er brachte gegenüber dem ritualisierten Tempelgott der Priester, gegenüber dem domestizierten Büchergott der Schriftgelehrten und gegenüber dem pedantischen Ordnungsgott der kasuistischen Gesetzeslehrer wieder den lebendigen, persönlichen Gott aus Israels Jugendzeit zur Geltung. Sein Gott ist derselbe Gott, von dem auch die großen Propheten Israels gesprochen hatten.

Auch er erlangte damit die todbringende Feindschaft der priesterlichen Religionsbürokraten, die ihn schließlich auch ans Kreuz brachte.
Jesus übte scharfe Kritik an den Mächtigen, geißelte die Ausbeutung der Armen und griff soziale Mißstände an. Solche Zustände entsprechen nicht dem Willen Gottes. Gott will Freiheit. Gott will Barmherzigkeit. Obwohl Jesus kein Politiker war und auch keine politische Befreiungsbewegung anführte, weckte er damit doch auch den Argwohn der staatlichen Macht. Obwohl er sich von aufrührerischen antirömischen Bewegungen in seinem Land fernhielt, auf das Schwert verzichtete und Gewaltlosigkeit forderte, wurde er dennoch als politischer Aufrührer von der römischen Staatsmacht hingerichtet. Prophetenschicksal!

2. Jesus: der Gottessohn
Die Umwandlung des jüdischen Messias Jesus in einen aus dem Himmel herabgestiegenen gottgleichen, ewigen Gottessohn begann schon wenige Jahre nach seinem Kreuzestod.
Der Glaube der jüdischen Urgemeinde an die Messianität Jesu wurde auch von Juden übernommen, die außerhalb Judäas im hellenistischen Kulturkreis lebten, griechisch sprachen und griechisch dachten. Und über diese erreichte die Botschaft von Jesus, dem Messias, auch die übrigen Völker im hellenistischen Umfeld des Judentums, die sogenannten «Heiden». Wenn diese Nichtjuden von einem Sohn Gottes namens Jesus hörten, verbanden sie damit nicht die Vorstellung der jüdischen Messias-Erwartung. Diese war eigentlich nur für Menschen, die in der jüdischen Denktradition aufgewachsen waren, von Bedeutung. Sie war den Nichtjuden fremd und mußte ihnen wie eine innerjüdische Angelegenheit erscheinen. Sie hörten die Rede vom Gottessohn Jesus mit anderen Ohren, mit hellenistischen. Auch ihnen war die Vorstellung von einem Gottessohn wohlvertraut, und sie war mit großer Bedeutung gefüllt. Der Name «Sohn Gottes» bezeichnete auch bei ihnen nicht unbedingt ein göttliches Wesen. Meist wurden bedeutende und hervorragende Menschen mit diesem Titel geehrt. (...)

In der Heidenmission der Urkirche wurde aus dem jüdischen Messias, dem gehorsamen Gottesknecht, ein griechischer Christus mit göttlichem Glanz. Aus dem jüdischen Messias-Titel «Sohn Gottes» wurde ein gottgleicher Sohn Gottes im metaphysischen Sinn. Aus dem gottgehorsamen Menschen Jesus wurde selbst ein Gott, «der herrscht in Ewigkeit».
Und: Aus einer jüdischen Erneuerungsbewegung wurde eine Weltreligion: das Christentum. Aus der angekündigten «Herrschaft Gottes» wurde die Herrschaft der Kirche.

3. Der «Christus des Glaubens»
Die Umgestaltung des Jesus-Bildes von dem eines jüdischen Messias in das Bild eines göttlichen Heilbringers für die ganze Welt ist vor allem das Werk eines hochgebildeten Juden, der aus Tarsus stammte, einer hellenistischen Stadt im Süden der heutigen Türkei: Paulus. Viele Religionswissenschaftler bezeichnen ihn als den eigentlichen Begründer des Christentums, nicht Jesus. Ohne Paulus wäre die Sache Jesu eine innerjüdische Angelegenheit geblieben. Es wäre vielleicht eine jüdische Sekte, ein «Jesustum», entstanden, aber kein Christentum.
Es ist nicht sicher, ob Paulus Jesus überhaupt persönlich gekannt hat. Auffallend ist, daß Paulus in allen seinen Schriften fast gar nichts aus dem Leben und Wirken Jesu berichtet. Es gibt in ihnen keine biographischen Details über Jesus. Der historische Jesus wird völlig überdeckt von der Gestalt des göttlichen Christus.
Was der wirkliche Jesus getan und gesagt hat, scheint ihn gar nicht zu interessieren.
Paulus überliefert keine Worte aus dem Munde Jesu. Er erzählt nichts von seinen Taten. Er verkündet nicht die Lehre Jesu; er verkündet seine eigene Lehre. Nicht Jesus ist die Quelle, aus der er schöpft, sondern eine «Erleuchtung» durch den «Geist».
Paulus hat eine ganz neue Gestalt geschaffen: den «Christus des Glaubens». Und dieser hat mit dem wirklichen Jesus nicht mehr viel Ähnlichkeit.  (...)

 

„Sohn Gottes“

„Der Titel „Sohn Gottes“ ist schon viel älter als das Christentum und hatte schon im Glauben Israels, im Alten Testament, eine große Bedeutung. Mit einer Herabkunft eines ewigen Gottessohnes auf die Erde und seiner Menschwerdung durch göttliche Zeugung im Jungfrauenschoß hat dieser Titel nichts zu tun.
Nach damals wirksamen Vorstellungen wurde ein Kind erst dann zum „Sohn“, wenn der Vater es aufhob (erhob) und damit als Sohn anerkannte, annahm und bestätigte (ein unter heutigen oriental. Nomadenvölkern noch weit verbreiteter Ritus, e.A.). Der Titel „Sohn“ drückte die Erwählung, Zuwendung, Anerkennung, Annahme, Bestätigung, Erhebung aus, letztlich auch Bevollmächtigung, später etwas „im Namen des Vaters“ tun zu dürfen. Dabei steht der „Sohn“ unter dem Vater und ist ihm gehorsam.
In diesem Sinne wurde das ganze Volk Israel „Sohn Gottes“ genannt. Auch David, der König Israels, wurde „Sohn Gottes“ genannt, obwohl keiner daran zweifelte, dass er von menschlichen Eltern gezeugt und geboren worden war. Auch Israels Könige trugen diesen Titel.  (...)

Der Messias, der Christus, war ein „Sohn Gottes“ wie David, der König. Die Bezeichnung „Sohn Gottes“ ist ein Titel für den erhofften Retter, den Christus. Der Name besagt nicht, dass der Messias selber „göttlich“ oder gar ein Gott sei. Der Messias galt wie einst David als ein von Gott erwählter Mensch, der den Willen Gottes erfüllte und dadurch Heil brachte: ein neuer David, ein Davidsproß. „Sohn Gottes“ war praktisch ein anderer Name für Messias oder Christus.
Wenn die Jünger Jesu und seine jüdischen Anhänger Jesus „Sohn Gottes“ nannten, dann drückten sie damit nichts anderes aus als ihren Glauben, dass Jesus aus Nazareth der erhoffte Messias, der von Gott gesandte Retter Israels war. Keineswegs meinten sie damit, dass Jesus eine göttliche Person sei, die als Mensch unter ihnen lebte. Dies Vorstellung wäre ihrem strengen jüdischen Monotheismus genauso schwer gefallen wie einem heutigen Juden oder Moslem.
Auch wenn die Juden in Jerusalem darüber stritten, ob Jesus Gottes Sohn sei oder nicht, dann stritten sie nicht darüber, ob er ein Gott sei oder „nur ein Mensch“; sie stritten darüber, ob er der Messias sei.
Die Familie Jesu wusste nicht von seiner Gottheit. Maria steht ihrem Sohn ziemlich verständnislos gegenüber, trotz der bei Lukas geschilderten angeblichen Belehrung durch einen Engel. Und seine Verwandten halten ihn schlichtweg für „verrückt“ (Mk3,21). Auffällig ist auch, dass sich Jesus an keiner Stelle der Evangelien auf seine Zeugung durch den Heiligen Geist beruft und seine Geburt aus einer jungfräulichen Mutter erwähnt (...)

Die Kirche weiß um die Angst des Menschen, sich auf Wagnisse einzulassen, und wie sein Herz verlässliche Sicherheiten sucht. Das gilt auch und vor allem für den Glauben. Deshalb ist sie bereit, dieses Verlangen zu befriedigen. Sie ist bereit, Sicherheiten zu geben, auch wenn es nur scheinbare Sicherheiten sind.
Unbeeindruckt vom Wissen sogar der kirchlichen Theologen beharrt das Lehramt deshalb auf Historizität und Faktizität der biblischen Darstellungen. Es sperrt sich instinktiv dagegen, wichtige biblische Darstellungen als Bilder, Mythen oder Legenden anzuerkennen. (...)

Schon in den Tagen der alten Kirchenväter setzte ein Prozess ein, in dem die biblischen Bilder in biblische Tatsachen umgewandelte wurden – denn nur über Tatsachen waren die Gläubigen bereit, sich der Kirche und ihren Versprechen bedingungslos zu unterwerfen.
Wie unglaubwürdig, sogar widersinnig und unsinnig diese Bilder und damit der sich darin gründende Glauben werden, wenn sie als faktische Ereignisse verstanden werden, war den Menschen des Altertums und des Mittelalters noch kaum bewusst, war doch für sie die ganze Wirklichkeit der Welt noch wunderhaft und waren deren Grenzen zum Unwirklichen fließend. Was die Kirche lehrte und was sich damit in ihre Lehre einschlich, entsprach ihrem eigenen Denken – einem Denken in Wundervorstellungen und ähnlichem, denn das Wenigste konnte anders als über den Glauben erklärt werden.
Seit Galilei, Kopernikus und Descartes zu Beginn der Neuzeit, spätestens jedoch seit der Aufklärung, seit Voltaire und Kant und der Entstehung des neuzeitlichen Weltbildes im 19. und 20. Jahrhundert, seit Darwin und Einstein ist es dem kritischen Denken des aufgeklärten Menschen nicht mehr so ohne weiteres möglich, diese sogenannten „Tatsachen“, auf welche die Kirche ihre Glaubensmuster stützt, ohne Widerspruch, Skepsis und berechtigtes Hinterfragen hinzunehmen. (...)

Noch im Jahre 1909 schrieb eine römische Entscheidung vor, auch die mythisch-bildhafte Erzählung über die Erschaffung des Weibes aus Adams Rippe (siehe Genesis) als historisches Faktum zu glauben. Aus einer tiefsinnigen Darstellung, die in bildhafter Weise die Einheit und Gleichheit von Mann und Frau herauszustellen trachtet, wurde eine faktische Absurdität, aus dem tiefen Sinn dieser wunderbaren Darstellung purer Unsinn!
Aussagen, die, als Bild verstanden, einmal Sinn ergaben (und also noch heute geben könnten, e.A.) und die Wahrheit aufleuchten ließen, erscheinen dem heutigen Denken, sofern sie als Fakten geglaubt werden sollen, nicht selten als Unsinn und Widersinn. Sie erscheinen als absurde Behauptungen, die allem gesicherten Wissen widersprechen. (...)

Müssen nicht jedem denkenden Wesen Zweifel kommen an den Lehren einer Kirche, die heute noch unter Berufung auf eine „göttliche Offenbarung“ dem Menschen zumutet, mythische Bilder aus längst vergangenen Weltbildern als ein „historisches Ur-Ereignis“ zu glauben? Noch heute lehrt der Papst, dass die bekannte Geschichte aus der Bibel vom Sündenfall Adams und Evas im Paradies ein „Bericht“ ist, der trotz bildhafter Sprache ein „Ur-Ereignis“ beschreibe, das „zu Beginn der Geschichte der Menschen“ stattgefunden habe. (...)

Warum stellt er dennoch den Sündenfall-Mythos als eine historische Tatsache dar? Wider besseres Wissen?
Ich habe nur eine Erklärung für diese intellektuelle Unredlichkeit: Ratzinger weiß auch, dass der Kirche und vielen ihrer Lehren alle Fundamente weggeschwemmt würden, wenn sich herausstellen sollte, dass sie nicht auf dem festen Boden zuverlässig belegter und „irrtumsfrei überlieferter“ Fakten gegründet sind. Und davor hat er Angst. Er verschweigt dem Kirchenvolk die Wahrheit, weil er Angst hat, die Wahrheit könnte der Kirche schaden.
Ohne historische Faktizität des Sündenfalls gäbe es auch keine historische Faktizität der Erlösung, ja nicht einmal das kirchliche Fundament einer Erlösungsnotwendigkeit durch ein damit völlig willkürlich gewordenes Sühneopfer. Und wenn das rauskommt, dann schwimmen alle „Früchte der Erlösung“, die der Kirche zur Verwaltung und zur Verteilung „anvertraut“ wurden, den Bach hinunter, mitsamt den Mitren und Krummstäben ihrer Oberhäupter.


Am Kreuz geopfert?

(...) Die Vorstellung, daß Schuld nur durch Blut getilgt werden kann, reicht weit zurück in ein archaisches Denken. Dieses Denken ist heute noch wirksam in südländischer Blutrache und Sippenfehden, in Duellen «zur Wiederherstellung der Ehre». Dieses Denken gab Grund zur blutigen Rache und wurde so zum Anlaß zahlreicher Gemetzel und Kriege. Auch in der Verhängung einer Todesstrafe ist die Vorstellung wirksam, daß schwerste Schuld der Sühnung durch Blut und Leben bedürfe.


Das Blut des Lammes

Dieser jüdische Ritus, am Passahfest als Erinnerung an die Erlösung aus ägyptischer Knechtschaft ein Lamm zu schlachten, wurde für Paulus zum Schlüssel, den Tod Jesu am Kreuz zu deuten: «Christus, unser Passahlamm, ist geschlachtet worden.» (i Kor 5,7)
Wie Israel einst durch das Blut des Lammes gerettet und erlöst wurde, so wird die Menschheit durch das Blut Jesu aus der Macht der Sünde und des Todes erlöst.
Jesus wurde in dieser Sicht zum «Lamm Gottes», zum «Sündenbock», dem man die Schuld auflud. Was einst das Blut des Opferlammes bewirkte, bewirkt nun das Blut Jesu. (...)


Der Tod Jesu - von Gott geplant?
 

(...) Wie sollte man den gläubigen Juden einen Messias verkündigen, der gescheitert war und wie ein Verbrecher am Kreuz geendet hatte?
Die Antwort finden wir bei Paulus und später auch in den Evangelien: Das Unheils-Ereignis wurde in ein Heils-Ereignis umgedeutet. Aus dem gekreuzigten jüdischen Messias wurde der Retter der ganzen Menschheit. Sein Tod war kein Scheitern; sein Tod war ein Opfer, aus Liebe und Gehorsam gegen Gott erbracht. Sein Tod lag im Plan Gottes, der die Menschheit aus der Herrschaft der Sünde und des Todes erretten wollte. (...)

 
«... seinen Sohn dahingegeben»? 

Nach christlicher Erlösungslehre «hat Gott die Welt so sehr geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn dahingegeben hat». Lag der grausame Kreuzestod Jesu demnach im Heilsplan Gottes? War die Todesstrafe, die Jesus erlitten hat, also von Gott gewollt?
Der katholische Katechismus antwortet in gewünschter Klarheit: «Zum gewaltsamen Tod Jesu kam es nicht zufällig durch ein bedauerliches Zusammenspiel von Umständen. Er gehört zum Mysterium des Planes Gottes, wie der hl. Petrus schon in seiner ersten Pfingstpredigt den Juden von Jerusalem erklärt: Er wurde nach Gottes beschlossenem Ratschluß und Vorauswissen hingegeben.» (Nr. 599)
Dieser Katechismus beteuert zwar gleich anschließend in schöner Unschuld, daß dies nicht besage, daß die, die Jesus verraten haben, «nur die willenlosen Ausführer eines Szenarios waren, das Gott im voraus verfaßt hatte». Dennoch macht diese kirchliche Lehre die jüdischen Ankläger und die römischen Schergen zu Gottes Werkzeugen, und Gott macht sie zum Drahtzieher im Hintergrund, zu deren heimlichem Komplizen.
Papst Johannes Paul II. vertritt die Lehre, daß Maria unter dem Kreuz ihres Sohnes «nicht ohne göttliche Absicht stand, [...] sich mit seinem Opfer in mütterlichem Geist verband, indem sie der Darbringung des Schlachtopfers, das sie geboren hatte, liebevoll zustimmte». (Nr. 964)
Mein Gott! Merken diese Leute überhaupt nicht, welche Ungeheuerlichkeit sie da von sich geben? Sind sie so sehr in dem Käfig ihres Denksystems verfangen, daß sie alles Gespür dafür verloren haben, wie weit sich ihr Denken von der Botschaft Jesu entfernt hat? (...)



Was Jesus unter Opfer verstand 

  (...) Für Jesus bedeutet Opfer: liebende Hingabe an Gott, den Willen des Vaters tun, so leben, wie Gott es will. Dadurch wird die «Sünde», die Nichtübereinstimmung mit Gott, überwunden. Nicht durch das Vergießen von Blut, nicht durch Schlachten von Tieren und Menschen, nicht durch Sterben, sondern durch Umkehr, Liebe und Vergebung. Der Gott Jesu bedarf keiner blutigen Satisfaktion, um eine Schuld zu vergeben. Hatte man das Gleichnis vom verlorenen Sohn bei der Konstruktion der christlichen Erlösungslehre übersehen?
Gegenüber der Botschaft Jesu und der Propheten erscheint mir die kirchliche Opfertheorie als ein atavistischer Rückfall in das Denken archaischer Frühformen des Religiösen. Sie fällt weit zurück hinter die Propheten, sogar noch zurück hinter Abraham; sie reicht zurück in die Zeit der Kinderopfer. In der Abrahams-Erzählung wurde die Opferung von Menschenblut überwunden und durch das Tieropfer ersetzt. Und bei den Propheten wurde der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit der Vorzug gegenüber dem Schlachten von Tieren gegeben. Wahrhaft ein großer Schritt in der Evolution des religiösen Bewußtseins in der Menschheit!
In der kirchlichen Deutung des Todes Jesu aber führt der Schritt in die umgekehrte Richtung: Die Opferung des einzi-gen Sohnes löst die Schlachtung von Opfertieren ab.



Nicht das Gottesbild Jesu

(...) Nicht Jesu Botschaft, sondern die Lehre von seinem sühnenden Opfertod wurde zum Zentrum des kirchlichen Glaubens. Denn mehr als Jesu Botschaft sichert diese Erlösungslehre der Kirche ihre Bedeutung, ihren Status und ihre Macht. Denn, so lehrt der Katechismus: «... die Heilssendung, die der Vater seinem menschgewordenen Sohn anver-traut hat, wird von ihm den Aposteln und durch sie ihren Nachfolgern anvertraut.» (Nr. 1120)
Wem so das zeitliche und ewige Heil der Menschheit zur Verwaltung und Zuteilung anvertraut wurde, gelangt fast von selbst in eine zentrale Schlüsselstellung zwischen Gott und Menschheit. Die «Früchte der Erlösung», die Jesus durch seinen Kreuzestod erworben hat, werden von den kirchlichen Amtsträgern verwaltet und ausgeteilt.
Ich kann deshalb gut verstehen, weshalb die Kirche diese Erlösungslehre in den Mittelpunkt ihrer Lehre und ihres Kultes gerückt hat.

 


Heilsverwaltung - nach geltenden Bestimmungen 

Die Verwaltung der «Früchte der Erlösung» in der Praxis: Es ging um die Sündenvergebung in der Beichte. Auch für die Prälaten im bischöflichen Ordinariat war es unübersehbar geworden, daß sich das Bußsakrament nicht mehr allzu großen Zuspruchs bei den Gläubigen erfreute. Die Zahl der Beichtenden ging rapide zurück.
Bei vielen Seelsorgern und Theologen führte diese Tatsache zu einem neuen Nachdenken über das Bußsakrament und zu einer Neubesinnung auf das, was Jesus über die Vergebung der Schuld gelehrt hatte. Jesus hatte nicht aufgefordert, beichten zu gehen. Jesus forderte mehr: Umkehr des Lebens. Er verkündete, daß jedem, der vom Bösen abläßt und sein Leben neu auf Gott ausrichtet, ein Neuanfang möglich wird. Schuld kann überwunden und vergeben werden. Wahr-haft, eine gute und hilfreiche Botschaft.
Nach Botschaft und Lehre Jesu ist die Vergebung Gottes jedoch nicht an kirchliche Prozeduren gebunden; die einzige Bedingung Jesu: Umkehr des Herzens, Erneuerung der Gesinnung, ehrliche Bereitschaft zum Neuanfang im guten! Eine Ohrenbeichte mit der Exklusivität der Sündenvergebung durch einen katholischen Priester hat Jesus mit Sicherheit nie eingesetzt.
(...)  Im Kirchlichen Amtsblatt des Bistums erschien eine Verfügung des Generalvikars, der darauf verwies, daß nach den geltenden Bestimmungen die Vergebung der Sünden nur in der sakramentalen Beichte erfolge. «Nach den geltenden Bestimmungen» stand tatsächlich da! Ich erinnere mich noch, wie ratlos und irritiert ich war, als ich das las. Mir wurde wieder einmal mehr bewußt, wie weit sich amtskirchliches Denken von seinen Ursprüngen in der Verkündigung Jesu entfernt hatte.
Die von Jesus verkündete Vergebung Gottes wird «nach den geltenden Bestimmungen» verabreicht. Heilsverwaltung nach Juristenart! Wer weiß, welch große Macht über die Menschen und welch gewaltiger Einfluß auf die Gesellschaft der Kirche allein aus dem Beichtstuhl zuwuchsen, wird allerdings die Sorge des Generalvikars verstehen.

Das Kreuz im Leben - gottgefällig?

(...) Muß das ein bösartiger Gott sein, dem das Leiden seiner Kreatur wohlgefällig ist! Er unterscheidet sich kaum von den grausamen Gottheiten der Vorzeit, denen menschliche Qualen eine willkommene Opferspeise waren. Ein perverser Gott! Das ist nicht der Gott Jesu. Von Jesus her habe ich ein anderes Bild von Gott: ein Gott, der das Wohl des Menschen will, sein Glück, seine Freude, sein Heilsein; ein Gott, der kein menschliches Leiden will; ein Gott, der vom Leid befreien will. (...)
Die aus archaisch-heidnischen Vorstellungen stammende Lehre vom sühnenden Opfertod führte dazu, daß das Kreuz das eigentliche Zeichen des christlichen Glaubens wurde. Sicher, man kann das Kreuz als ein Zeichen sich hingebender Liebe deuten, und damit weist es ins Zentrum des Christlichen. Aber macht das Kreuz wirklich das Wesenhafte der Liebe sichtbar? Werden die Akzente nicht einseitig auf Opfer und Schmerz hin verschoben?
Gewiß: Liebe ist bereit, um des Geliebten willen auch Opfer zu bringen, Verzichte zu leisten, das eigene Glücksverlangen in den Hintergrund zu stellen, sogar Schmerz auf sich zu nehmen - aber nicht um des Opfers willen, nicht um des Verzichtes willen, nicht um des Schmerzes willen. Diese sind nicht das Ziel; sie haben keinen Wert in sich. Vom Gott Jesu her gesehen erscheinen sie mir sogar als Un-Werte. Denn der Gott Jesu will das Wohl der Menschen, Freude, Frieden, Glück. Der Gott Jesu will nicht das Kreuz. Er will nicht den Schmerz; er will, daß Schmerzen vermieden und Wunden geheilt werden. Er will kein Leid. Er will, daß Leid, Not, Elend, Haß und Feindschaft überwunden werden; er will, daß die Tränen getrocknet werden.
Opfer und Schmerzen auf sich zu nehmen kann nur dann einen gottgefälligen Wert haben, wenn sie um der Liebe willen, um das zu erreichende Gute willen auf sich genommen werden, nicht aber als Selbstzweck. Opfer bringen - für sich allein gesehen - ist noch keine gottgefällige Leistung.

Gottgefällig ist es, zu anderen gut zu sein, für sie da zu sein, wenn sie uns brauchen, einander zu helfen, zu dienen und zu vergeben. So habe ich jedenfalls die Botschaft Jesu verstanden. Ich kann jetzt - im nachhinein beim Schreiben dieser «Notizen» - besser verstehen, weshalb ich mit den dogmatischen und liturgischen Formeln von Jesus, «der uns durch sein Blut von aller Schuld gereinigt» und «uns am Kreuz von der Sünde erlöst hat», nie so recht etwas anfangen konnte. Diese kirchliche Opfer- und Erlösungslehre paßt nicht zu Jesus. Aus dem «Geist Jesu» heraus habe ich sie nie in mich aufgenommen.

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 Rainer Maria Rilke  Aus „Briefe an einen jungen Dichter“  vom 23. Dezember 1903

        Und wenn es Ihnen bang und quälend ist, an die Kindheit zu denken und an das Einfache und Stille, das mit ihr zusammenhängt, weil Sie an Gott nicht mehr glauben können der überall darin vorkommt, dann fragen Sie sich, lieber Herr Kappus, ob Sie Gott denn wirklich verloren haben. Ist es nicht vielmehr so, daß Sie ihn noch nie besessen haben? Denn wann sollte das gewesen sein? Glauben Sie, ein Kind kann ihn halten, ihn den Männer nur mit Mühe tragen und dessen Gewicht die Greise zusammendrückt? Glauben Sie, es könnte, wer ihn wirklich hat, ihn verlieren wie einen kleinen Stein, oder meinen Sie nicht auch, wer ihn hätte, könnte nur noch von ihm verloren werden? -

Wenn Sie aber erkennen, daß er in Ihrer Kindheit nicht war, und nicht vorher, wenn Sie ahnen, daß Christus getäuscht worden ist von seiner Sehnsucht und Muhammed betrogen von seinem Stolze, - und wenn Sie mit Schrecken fühlen, daß er auch jetzt nicht ist, in dieser Stunde da wir von ihm reden, - was berechtigt Sie dann, ihn, welcher niemals war, wie einen Vergangenen zu vermissen und zu suchen, als ob er verlören wäre?
Warum denken Sie nicht, daß er der Kommende ist, der von Ewigkeit her bevorsteht, der Zukünftige, die endliche Frucht eines Baumes, dessen Blätter wir sind? Was hält Sie ab, seine Geburt hinauszuwerfen in die werdenden Zeiten und Ihr Leben zu leben wie einen schmerzhaften und schönen Tag in der Geschichte einer großen Schwangerschaft? Sehen Sie denn nicht, wie alles, was geschieht, immer wieder Anfang ist, und könnte es nicht Sein Anfang sein, da doch Beginn an sich immer so schön ist? Wenn er der Vollkommenste ist, muß nicht Geringeres vor ihm sein, damit er sich auswählen kann aus Fülle und Überfluß? Muß er nicht der Letzte sein, um alles in sich zu umfassen, und welchen Sinn hätten wir, wenn der, nach dem wir verlangen, schon gewesen wäre?
Wie die Bienen den Honig zusammentragen, so holen wir das Süßeste aus allem und bauen Ihn. Mit dem Geringen sogar, mit dem Unscheinbaren (wenn es nur aus Liebe geschieht) fangen wir an, mit der Arbeit und mit dem Ruhen hernach, mit einem Schweigen oder mit einer kleinen einsamen Freude, mit allem, was wir allein, ohne Teilnehmer und Anhänger tun, beginnen wir Ihn, den wir nicht erleben werden, so wenig unsere Vorfahren uns erleben konnten. Und doch sind sie, diese Langvergangenen, in uns, als Anlage, als Last auf unserem Schicksal, als Blut, das rauscht, und als Gebärde, die aufsteigt aus den Tiefen der Zeit.
Gibt es etwas, was Ihnen die Hoffnung nehmen kann, so einstens in Ihm, in dem Fernsten, Äußersten zu sein? Feiern Sie, lieber Herr Kappus, Weihnachten in diesem frommen Gefühl, daß Er vielleicht gerade diese Lebensangst von Ihnen braucht, um zu beginnen; gerade diese Tage Ihres Überganges sind vielleicht die Zeit, da alles in Ihnen an Ihm arbeitet, wie Sie schon einmal, als Kind, atemlos an Ihm gearbeitet haben. Seien Sie geduldig und ohne Unwillen und denken Sie, daß das wenigste, was wir tun können, ist, Ihm das Werden nicht schwerer zu machen, als die Erde es dem Frühling macht, wenn er kommen will.
Und seien Sie froh und getrost.

Aus dem Stundenbuch:

Denn nur dem Einsamen wird offenbart,
und vielen Einsamen der gleichen Art
wird mehr gegeben als dem schmalen Einen.
Denn jedem wird ein andrer Gott erscheinen,
bis sie erkennen, nah am Weinen,
daß durch ihr meilenweites Meinen,

durch ihr Vernehmen und Verneinen,
verschieden nur in hundert Seinen
ein Gott wie eine Welle geht.

Das ist das endlichste Gebet,
das dann die Sehenden sich sagen:
Die Wurzel Gott hat Frucht getragen,
geht hin, die Glocken zu zerschlagen;
wir kommen zu den stillern Tagen,
in denen reif die Stunde steht.
Die Wurzel Gott hat Frucht getragen.
Seid ernst und seht.


Auszüge aus
"Gottesvergiftung" von Tillmann Moser

"...Du hast aus mir eine Gottesratte gemacht, ein angstgejagtes Tier in einem Experiment ohne Ausweg..."

"Es genügt mir, daß ich dich (Gott) nicht mehr sehen brauche... Wenn ich in manche Gesichter sehe, empfinde ich keinen Verlust mehr, und menschliche Gesichter werden deines ersetzen, weil deines unmenschlich war. Meine Augen lernen sehen, seit du mir nicht mehr den Horizont verdunkelst."



"Gebete vor Morgengrauen

 Lieber Gott, ich möchte mit einem Fluch beginnen, oder mit einer Beschimpfung, die mir bald Erleichterung brächte. Eine Art innere Explosion müßte es werden, die dich zerfetzte. Ich wäre dann nicht nur dich, sondern auch diese elende Beschämung los, mich noch einmal mit dir beschäftigen zu müssen. Ich dachte, du wärst tot, begraben, zumindest aber vergessen oder wärst mir gleichgültig geworden. Du warst eine solche Enttäuschung, ein solcher Betrug in meinem Leben, daß ich, als ich ganz allmählich und unter Qualen dahinterkam, dich links liegen ließ. Nicht daß du als Person überlebt hättest, als ein faßliches Gegenüber. Du warst einst so fürchterlich real, neben Vater und Mutter die wichtigste Figur in meinem Kinderleben. Nein, obwohl es mich wundert, wie leicht es mir fällt, dich immer noch so direkt anreden zu können. Du hast überlebt in meiner seelischen Struktur: ganze Gewölbe, Verehrungsthrone, innere Zimmer- und Kapellenfluchten wurden für dich angelegt. Du haustest in mir wie ein Gift, von dem sich der Körper nie befreien konnte. Du wohntest in mir als mein Selbsthaß. Du bist in mich eingezogen wie eine schwer heilbare Krankheit, als mein Körper und meine Seele klein waren. (...)  Indem ich dir zeige, wie du als Krankheit in mich eingezogen bist, und als Krankheit fast über mich hinweggewachsen wärst, hoffe ich, mich ein Stück weit von dir heilen zu können. Ich weiß, daß du in den Narben, falls ich dich aus mir vertreiben kann, bis zu meinem Tode hausen wirst. Sie werden mich beißen, und du wirst mich noch mit Phantomschmerzen quälen, wenn du längst wegamputiert bist. (...)

Ich weiß, längst nicht allen bist du so wesentlich als Krankheit erschienen wie mir. Es gibt da ein paar Spezialbedingungen, warum ich dich vor allem als Vergiftung und Geschwür erlebt habe. Es hängt mit dem jahrhundertealten Komposthaufen christlicher Familientradition zusammen, auf dem du deine Kulturen in Ruhe züchten konntest. Die Intensivierung des Giftes war ein generationenlanger Prozeß: da ist die wahre Gottessäure entstanden, die sich eingeätzt hat in mein Fleisch. (...)

Neulich war ich auf einem gruppentherapeutischen Training, und es ging um das Ausmaß von Hemmungen, das jeder mit sich herumträgt. Da fragte der Trainer, welche Sätze uns in unserem Leben am meisten eingeschüchtert hätten. Weißt du, was bei mir zum Vorschein kam als die mich domestizierende, einengende, schachmatt setzende stereotype Phrase: »Was wird der liebe Gott dazu sagen?« Durch diesen Satz war ich früh meiner eigenen inneren Gerichtsbarkeit überlassen worden. Im Grunde mußten die Eltern gar nicht mehr sehr viel Erziehungsarbeit leisten, der Kampf um das, was ich tun und lassen durfte, vollzog sich nicht mit ihnen als menschliche Instanz, mit der es einen gewissen Verhandlungsspielraum gegeben hätte, sondern die »Selbstzucht«, wie das genannt wurde, war mir überlassen, oder besser, der rasch anwachsenden Gotteskrankheit in mir. Du hast mir dann kaum noch Chancen gelassen, mit mir selbst ein auskömmliches Leben zu führen. (...)
 
"Die Macht Deiner Lieder

Ich versuche in den letzten Tagen, die Lieder zu verstehen, in denen du dich hast preisen oder anflehen lassen, als ich jung war. Länger als eine knappe Stunde kann ich nicht im Gesangbuch lesen, sonst werde ich so traurig und verwirrt, daß ich hinauslaufen muß.

Und ich merke beim Lesen deiner Lieder, wie tief mich manche der Texte und Melodien berührt haben. (...)

Die Traurigkeit beim Lesen in deinem Gesangbuch ist eine Mischung aus Ohnmacht, Resignation, Wertlosigkeit. Von dir geht eine Lähmung aller Initiative aus, ein Gefühl von Vergeblichkeit allen irdischen Tuns. Ich höre wieder die schrillen Stimmen älterer Frauen, die versuchen, beim Singen der Choräle in eine kleine Ekstase zu geraten, zumindest aber in das Gefühl, weggetragen zu werden. Bei den Männern ist es mehr die Lautheit, eine endlich erlaubte Selbstbetonung beim gesungenen Ruhme Gottes. Die meisten, die in den Schulsaal kamen, durften ja nicht laut sein im Leben. Sie mußten den Gemeindegesang abwarten, um überhaupt die Stimme erheben zu dürfen, um sich etwas von der Seele zu singen oder zu schreien, und ein paar Augenblicke lang stimmlichen Selbstgenuß zu erleben. Es war auch für mich erhebend, wenn meine Stimme, einzeln zwar wahrnehmbar, doch mit der Stimme der Gemeinde verschmolz. Im Grunde war es das Ziel aller Lieder, Verschmelzung zu bewirken und Andacht hervorzurufen, und da deine Poeten und Musiker inbrünstig zusammengearbeitet haben, ist in die Lieder vieles eingegangen, was unwiderstehlich zur Verschmelzung und zur Andacht stimuliert. Ich werde dir eine Reihe von Liedern vorhalten und dir erklären, wie sie auf mich gewirkt, wie sie meine Täuschung über deine Realität vertieft haben.

Es gibt einige, die mir heute noch die Tränen in die Augen treiben, weil sie verknüpft sind mit Momenten eines vollkommenen Geborgenheitsgefühls, eines geborgten freilich, mehr geahnt als wirklich. Das ist ja das schlimme Geheimnis an dir, daß alles nur Verweisung ist auf etwas großartig Unwirkliches. Einige deiner Lieder, am meisten die von Paul Gerhardt, sind verknüpft mit Augenblicken, in denen meine Mutter es verstand, im täglichen Leben nicht ansprechbare oder formulierbare Gefühle singend oder betend so mit dir zu verbinden, daß sie plötzlich greifbar schienen; daß ihr Gesang dem Stimme verlieh, wonach wir uns alle sehnten.

»Der Mond ist aufgegangen,
die güldnen Sternlein prangen
am Himmel hell und klar.
Der Wald steht schwärz und schweiget,
und aus den Wiesen steiget
der weiße Nebel wunderbar.


Wie ist die Welt so stille
und in der Dämmrung Hülle
so traulich und so hold
als eine stille Kammer,
wo ihr des Tages Jammer
verschlafen und vergessen sollt.

So legt euch denn, ihr Brüder,
in Gottes Namen nieder;
kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott, mit Strafen
und laß uns ruhig schlafen
und unsern kranken Nachbarn auch.«

(368*) Die Lied-Nummern beziehen sich auf das Evangelische Kirchengesangbuch.

Ein anderes Lied will ich nennen, das viele Jahre hindurch gesungen und gebetet wurde. Mehr als fünf Gottesbeweise ist dieses Lied schwer, und es erfüllt mich immer noch mit einer Andacht, für die ich heute keinen Inhalt mehr habe:

»Nun ruhen alle Wälder,
Vieh, Menschen, Städt und Felder,
es schläft die ganze Welt;
ihr aber, meine Sinnen, auf,
auf, ihr sollt beginnen,
was eurem Schöpfer wohlgefällt.

Breit aus die Flügel beide,
o Jesu, meine Freude,
und nimm dein Küchlein ein.
Will Satan mich verschlingen,
so laß die Englein singen:
»Dies Kind soll unverletzet sein.«

Auch euch, ihr meine Lieben,
soll heute nicht betrüben,
kein Unfall noch Gefahr.
Gott laß euch selig schlafen,
stell euch die güldnen Waffen
ums Bett und seiner Engel Schar. «
(361)


Es sind Lieder, die, mit der Stimme meiner Mutter gesungen, auch starke Kinderängste gebannt oder gemildert haben. Sie haben das Gefühl vermittelt, die Eltern verwalteten einen Teil deiner tröstlichen Macht und seien fähig, sie uns mitzuteilen. In diesen beiden Liedern lag ein Stück verdichteter Harmonie, Stimmungen am Übergang von Wirklichkeit und Verweisung auf unwirklich Wunderbares. Wenn der Vater gar mitbrummte und ebenfalls im Einklang mit dir schien, war die Welt in eine feierliche Schönheit getaucht. Uns alle schien dann ein ungeheuer kostbares Band zusammenzuhalten, das im Alltag verschwand und dann plötzlich wieder, aber immer nur mit deiner Mithilfe, zu leuchten begann.

Im Grunde hattest du also unser aller Seelen gepachtet, so daß wir ohne dich einander keine Gefühle mitteilen konnten, und in diesen beiden Liedern wurden wesentliche Gefühle annähernd Sprache und zwischen uns fühlbar gemacht. Sie haben die Mauern der Verschlossenheit vorübergehend niedergelegt. Es waren Familien-, keine Gemeindelieder, das muß ihre Kostbarkeit ausgemacht haben. Es sind Verse fast ohne Theologie, ohne Sünde, Schuld und Gnade, sie drücken einfach nur den Übergang von Unruhe zu Geborgenheit aus. Die Erfahrung war eben, daß ein wirkliches Zusammengehören nur durch den Umweg über dich möglich war, und da dieses Gefühl des Zusammengehörens unentbehrlich war, wurdest auch du unentbehrlich. Ich war fromm, weil du der Zugang zu sonst Unzugänglichem warst. Das Wichtigste an deiner Substanz im Guten war das Spüren elterlicher Zuneigung, die sonst natürlich vorhanden, aber verborgen, unaussprechbar war.

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Heinrich Heine
Deutschland. Ein Wintermärchen

Auszug aus: Caput I

Ein kleines Harfenmädchen sang.
Sie sang mit wahrem Gefühle
Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
Gerühret von ihrem Spiele.

Sie sang von Liebe und Liebesgram,
Aufopfrung und Wiederfinden
Dort oben, in jener besseren Welt,
Wo alle Leiden schwinden.

Sie sang vom irdischen Jammertal,
Von Freuden, die bald zerronnen,
Vom Jenseits, wo die Seele schwelgt
Verklärt in ew'gen Wonnen.

Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.