Wenn ein Pflänzchen sogar Asphalt durchbrechen kann, dann kann auch der Mensch  ....

 

Auf dieser Seite finden Sie psychologische oder philosophische Beiträge zur positiven Unterstützung der Entwicklung eines autonomen Selbst (alle Fotos ab hier DS):

Stufen (Hermann Hesse)

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
 
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
 
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
 
  • 25.3.2016 Es gibt ein Leben nach der Sekte; Auszüge aus dem Schlusswort des Buches "Sekten- Wie Menschen ihre Freiheit verlieren und wieder gewinnen können" von Margaret Thaler Singer
  • 20.12.2015 Wer mit sich schlecht umgeht, wem kann der gut sein? Denk also daran: Gönne Dich Dir selbst  - Auszüge aus einem Brief von Bernhard von Clairvaux (1090-1153) an Papst Eugen III.
  • 23.2. Erich Fromm über Freiheit, Spontaneität, Glück und Authentizität
  • 18.2. Von der Eichel zur Eiche ( Hörvortrag Maßholder)
  • 31.5. Alles hat seine Zeit (Prediger)) 
  • 28.2. Erich Fromm: Anmerkungen zur Selbstentfremdung
  • 26.3.Detlef Streich, Leseauszüge aus "Ziel hinter dem Horizont"
  • 26.3. Charlie Chaplin - Selbstliebe
  • 26.2. Victor E. Frankl: Der Mensch auf der Suche nach dem Sinn
  • 20.2. Zur Genese der Dummheit (Adorno)

 

Erich Fromm: Der Mensch von heute hat eine verlogene Beziehung zur Religion: Er glaubt, ein Christ zu sein, ein Jude zu sein, oder was immer seine Religion, ist; in Wirklichkeit aber ist er ein Heide, weil er Götzen anbetet: das Geld, den Profit, die eigene Größen-Vorstellung, die eigene Person, den Narzissmus.

Das ist Götzenanbetung, aber die nennt er häufig Religion, weil sich das so eingebürgert hat und weil er dann vor sich und anderen als ein sehr feiner Mensch dasteht. (Erich Fromm, Augenblicke der Freiheit, S. 18)

25.3.2016 Auszüge aus dem Schlusswort des Buches "Sekten- Wie Menschen ihre Freiheit verlieren und wieder gewinnen können" von Margaret Thaler Singer:

Es gibt ein Leben nach der Sekte (S. 376 ff)

Wenn Sie ein Sektenführer, ein Guru, ein Trainer, ein Rattenfänger oder sonst jemand auffordert, in den Zug zu springen, weil nur dieser Zug zum Heil fuhrt, dann seien Sie auf der Hut! Es könnte ihre letzte Station auf dem Weg zur Hölle auf Erden sein.

Zu allen Zeiten haben die Menschen den Kranken, den Armer, den Getretenen geholfen. Wir wollen nicht vergessen, auch jenen zu helfen, die unter Tyrannen, Manipulatoren und Ausbeutern gelitten haben, die ihnen die Freiheit geraubt haben, ihre Vernunft zu gebrauchen, schöpferisch zu sein, selbständig zu urteilen und selbständig zu handeln.

Am Ende der Reise durch dieses Buch möchte ich für all jene meine Bewunderung ausdrücken, die die bittere Enttäuschung und die schockierende, ernüchternde Erfahrung wirklich durchlebt haben, daß der Traum, die Welt zu verbessern, nur dazu gedient hat, einem egobesessenen Führer zu helfen, sein Nest auszuschmücken und sich ins Fäustchen zu lachen, wenn er zur Bank geht. Ich bin Zeuge der zerbrochenen Träume von jungen Menschen geworden, die Sekten beigetreten sind, von Erwachsenen, die unter der Flagge des New Age in die Falle eine Gehirnwäsche-Sekte geraten sind, oder von älteren Menschen, die zu spät erkannt haben, daß sie all ihre Ersparnisse einem verführerischen jungen Menschen von einer Sekte anvertraut haben.

All die Menschen, mit denen ich gearbeitet habe, die in Sekten hineingegangen und wieder herausgekommen sind und die Erfahrungen durchlebt haben, welche ich in diesem Buch beschrieben habe, gehören zu den inspirierendsten Menschen, denen ich begegnet bin. Sie wollten sich selbst besser machen und sie wollten die Welt besser machen. Sie waren altruistisch, fürsorglich und hilfsbereit, und sie wurden betrogen — denn sie glaubten einem Scharlatan.


Mich begeistert, daß Menschen den Absprung geschafft haben, nachdem sie zu ihrer bitteren Enttäuschung feststellen mußten, daß Ihr Führer sie belogen hat, Kokain von dem Geld gekauft hat, das sie auf den Straßen erbettelt haben, Kinder mißbraucht und Feinde ermordet  hat, und daß nichts von dem, was sie in der Sekte tatsächlich taten, irgend etwas mit den ursprünglichen hohen Zielen zu tun hatte. Mich inspirieren die älteren Menschen, die sich wieder losreißen, wenn sie erkennen müssen, daß dieser reizende junge Mensch, der so darauf bedacht war, ihnen ein paar Alltagsmühen
abzunehmen, nur auf ihr Geld aus war.

Wenn Menschen sagen: „Ich wurde betrogen, ich wurde hereingelegt, und jetzt erkenne ich es. Und ich werde aufstehen, zurückkommen und trotz allem versuchen, nicht so verbittert zu sein, daß niemand mit mir zusammen sein will" — dann inspirieren sie mich.

Ich möchte auch all jener gedenken und ihnen meinen Respekt zollen, die durch die Hände von Sektenführern gestorben sind oder die so tief verletzt und aller Hoffnung beraubt wurden, daß sie Selbstmord verübt haben. Ich möchte mit anderen jener gedenken, die gestorben sind, weil sie wahnwitzigen Vorschriften von Scharlatanen gefolgt sind, weil sie nachts ohne Schlaf in die nächste Stadt gefahren sind, um Geld für einen Führer zu sammeln, der Luxuskarossen fuhr und schlafen konnte, so viel er wollte, weil sie keine medizinische Versorgung bekamen, da diese von der Sekte verächtlich gemacht wurde, oder weil sie so damit beschäftigt waren, die Befehle des Führers auszuführen, daß sie nicht rechtzeitig zu einem Arzt kamen.

Ich möchte all jenen Beifall spenden, die dennoch weiter Gutes tun wollen, gut sein "wollen zu ihren Familien, Freunden und der Menschheit. Ich spende ihnen Beifall dafür, daß sie zu sich selbst zurückgefunden haben, nachdem sie spirituell mißbraucht, psychisch ausgebeutet, politisch betrogen wurden oder einem faschistischen Pseudoguru in die Fänge gegangen sind.

Ich spende allen Beifall, die ihre Stimme erheben, damit wir all jenen Betrügern und Ausbeutern nicht gestatten, mehr Boden auf dieser Welt zu gewinnen. Der Preis der Freiheit ist ewige Wachsamkeit und die Fähigkeit, trotz Niederlagen, Betrug, Diffamierung und Schikanen aufrecht weiterzugehen.

Ein freier Geist ist etwas Wunderbares. Freie Geister haben die großen Entdeckungen der Medizin, der Wissenschaft und der Technik gemacht, haben große Kunstwerke, Dichtung und Musik und die ethischen Grundlagen und Gesetze der zivilisierten Nationen geschaffen. Tyrannen, die sich unseres Denkens bemächtigen und politische, psychologische oder spirituelle „Korrektheit" erzwingen, indem sie uns unserer Freiheit berauben, insbesondere der Freiheit unseres Geistes, sind heute, morgen und in alle Ewigkeit eine Bedrohung.

 

20.12.2015 Wer mit sich schlecht umgeht, wem kann der gut sein? Denk also daran: Gönne Dich Dir selbst  - Auszüge aus einem Brief von Bernhard von Clairvaux (1090-1153) an Papst Eugen III.

Wo soll ich anfangen? Am besten bei Deinen zahlreichen Beschäftigungen, denn ihretwegen habe ich am meisten Mitleid mit Dir. Ich kann allerdings nur Mitleid mit Dir haben, wenn Du selbst Leid empfindest. Sonst müsste ich richtiger sagen, dass es mir um Dich leid tut. Denn wo einer kein Leid empfindet, kann man auch nicht mitleiden. Wenn Du also leidest, dann empfinde ich Mitleid mit Dir; wenn nicht, tust Du mir dennoch leid, ja dann erst recht, denn ich weiß, dass ein Glied, das nichts mehr empfindet, schon ziemlich weit weg vom Heilsein ist, und dass ein Kranker, der gar nichts mehr von seinem Kranksein spürt, in Lebensgefahr schwebt.

Verlass Dich nicht zu sehr auf das, was Du im Augenblick empfindest. Es gibt in unserem Geist nichts, was sich nicht durch Nachlässigkeit und Zeitverstreichen abschleift. Über eine alte Wunde, die man vernachlässigt, wächst ein Schorf, und je weniger man sie noch spürt, desto unheilbarer wird sie. Und einen ständigen heftigen Schmerz kann man nicht tagtäglich aushalten. Lässt er sich nicht irgendwie tilgen, so spürt man ihn allmählich weniger. Entweder erhält er rasch Linderung von einem Heilmittel, oder er stumpft im Laufe der Zeit ab. Gibt es etwas, was die Gewohnheit nicht verkehrt? Was durch ständiges Andauern nicht hart wird? Was sich durch Gebrauch nicht verschleißt? Wie oft ist uns schon etwas, vor dessen Bitterkeit wir zunächst zurückschreckten, durch den bloßen Gebrauch allmählich vom Schlechten ins Süße verwandelt worden? Höre den Gerechten, wie er über eine solche Erfahrung klagt: Das, was meine Seele früher nicht anrühren wollte, ist mir jetzt in meiner Bedrängnis zur Nahrung geworden (Hiob 6, 7). Zunächst kommt Dir etwas unerträglich vor. Im Laufe der Zeit gewöhnst Du Dich vielleicht daran und hältst es nicht mehr für so schwer; es dauert nicht lange, und es kommt Dir leicht vor; es vergeht nicht viel weitere Zeit, und es sagt Dir sogar zu. So verhärtet man allmählich Schritt für Schritt sein Herz, und auf die Verhärtung folgt die Abneigung. Ja, so geht es: ein schwerer und ständiger Schmerz drängt auf einen raschen Ausweg: entweder auf die Gesundheit oder auf die Empfindungslosigkeit.

Aus diesem, eben diesem Grund lebe ich in ständiger Sorge um Dich. Ich fürchte, Du hast kein Heilmittel und könntest den Schmerz nicht aushalten und Dich deshalb verzweifelt in eine Gefahr stürzen, der kaum mehr zu entkommen wäre. Ich fürchte, sage ich, dass Du, eingekeilt in Deine zahlreichen Beschäftigungen, keinen Ausweg mehr siehst und deshalb Deine Stirn verhärtest; dass Du Dich nach und nach des Gespürs für einen durchaus richtigen und heilsamen Schmerz entledigst. Es ist viel klüger, Du entziehst Dich von Zeit zu Zeit Deinen Beschäftigungen, als dass sie Dich ziehen und Dich nach und nach an einen Punkt führen, an dem Du nicht landen willst. Du fragst, an welchen Punkt? An den Punkt, wo das Herz hart wird. Frage nicht weiter, was damit gemeint sei; wenn Du jetzt nicht erschrickst, ist Dein Herz schon so weit.

Das harte Herz ist allein; es ist sich selbst nicht zuwider, weil es sich selbst nicht spürt.

Was ist also ein hartes Herz? Das ist ein Herz, welches sich weder von Reue zerreißen, noch durch Zuneigung erweichen, noch durch Bitten bewegen lässt. Es lässt sich von Drohungen nicht beeindrucken, es wird durch Schläge nur noch härter. Gegenüber Wohltaten ist es undankbar, Ratschläge nimmt es nicht an, über klare Entscheidungen wird es wütend, vor Schimpflichem scheut es sich nicht, Gefahren nimmt es nicht wahr; es hat kein Gespür für menschliches Verhalten, … verliert die Vergangenheit aus dem Bewusstsein, lebt unachtsam in der Gegenwart, schaut nicht voraus in die Zukunft. Für das harte Herz gibt es nichts Erinnerungswertes, außer zugefügte Beleidigungen, nichts Wichtiges in der Gegenwart, nichts in der Zukunft, wonach es ausschauen oder worauf es sich vorbereiten könnte, es sei denn, dass es irgendeinen Racheakt im Schilde führe. Um kurz und knapp alle Übel dieser schrecklichen Krankheit auf einen Nenner zu bringen: einem harten Herzen ist … das Gespür für die Menschen abhanden gekommen.

Wenn Du Dein ganzes Leben und Erleben völlig ins Tätigsein verlegst und keinen Raum mehr für die Besinnung vorsiehst, soll ich Dich da loben? Darin lobe ich Dich nicht. Ich glaube, niemand wird Dich loben, der das Wort Salomos kennt: Wer seine Tätigkeit einschränkt, erlangt Weisheit (Jesus Sirach 38, 25). Und bestimmt ist es der Tätigkeit selbst nicht förderlich, wenn ihr nicht die Besinnung vorausgeht.

Wenn Du ganz und gar für alle da sein willst, nach dem Beispiel dessen, der allen alles geworden ist (1. Korinther 9, 22), lobe ich Deine Menschlichkeit - aber nur, wenn sie voll und echt ist. Wie kannst Du aber voll und echt Mensch sein, wenn Du Dich selbst verloren hast? Auch Du bist ein Mensch. Damit Deine Menschlichkeit allumfassend und vollkommen sein kann, musst Du also nicht nur für alle ändern, sondern auch für Dich selbst ein aufmerksames Herz haben. Denn was würde es Dir sonst nützen, wenn Du … alle gewinnen, aber als einzigen Dich selbst verlieren würdest? Wenn also alle Menschen ein Recht auf Dich haben, dann sei auch Du selbst ein Mensch, der ein Recht auf sich selbst hat. Warum solltest einzig Du selbst nichts von Dir haben? Wie lange bist Du noch ein Geist, der auszieht und nie wieder heimkehrt (Psalm 78, 39)? Wie lange noch schenkst Du allen andern Deine Aufmerksamkeit, nur nicht Dir selber? Du fühlst Dich Weisen und Narren verpflichtet und verkennst einzig Dir selbst gegenüber Deine Verpflichtung? Narr und Weiser, Knecht und Freier, Reicher und Armer, Mann und Frau, Greis und junger Mann, Kleriker und Laie, Gerechter und Gottloser - alle schöpfen aus Deinem Herzen wie aus einem öffentlichen Brunnen, und Du selbst stehst durstig abseits?

Lass ruhig Deine Wasser über die Plätze fließen (Sprüche 5, 16): Menschen und Rinder und alles Vieh mögen von ihnen trinken, und meinetwegen kannst Du sogar die Kamele des Knechtes Abrahams tränken (1. Mose 24, 14); aber mit ihnen allen trinke auch Du vom Wasser Deines Brunnens. Ein Fremder soll nicht aus ihm trinken, heißt es (Sprüche 5, 15). Bist Du etwa Dir selbst ein Fremder? Und bist Du nicht jedem fremd, wenn Du Dir selber fremd bist? Ja, wer mit sich selbst schlecht umgeht, wem kann der gut sein? Denk also daran: Gönne Dich Dir selbst. Ich sage nicht: tu das immer, ich sage nicht: tu das oft, aber ich sage: tu es immer wieder einmal. Sei wie für alle anderen auch für Dich selbst da, oder jedenfalls sei es nach allen anderen.

Fange damit an, dass Du über Dich selbst nachdenkst, damit Du Dich nicht selbstvergessen nach anderem ausstreckst. Was nützt es Dir, wenn Du die ganze Welt gewinnst und einzig Dich verlierst? Denn wärest Du auch weise, so würde Dir doch etwas zur Weisheit fehlen, solange Du Dich nicht selbst in der Hand hast. Wieviel Dir fehlen würde? Meiner Ansicht nach alles. Du könntest alle Geheimnisse kennen, Du könntest die Weiten der Erde kennen, die Höhen des Himmels, die Tiefen des Meeres: wenn Du Dich selbst nicht kennen würdest, glichest Du jemandem, der ein Gebäude ohne Fundament aufrichtet; der eine Ruine, kein Bauwerk aufstellt. Alles, was Du außerhalb Deiner selbst aufbaust, wird wie ein Staubhaufen sein, der jedem Wind preisgegeben ist.

Keiner ist also weise, der nicht über sich selbst Bescheid weiß. Ein Weiser muss zunächst in Weisheit sich selbst kennen und als erster aus seinem eigenen Brunnen Wasser trinken. Fang also damit an, über Dich selbst nachzudenken, und nicht nur dies: lass Dein Nachdenken auch bei Dir selbst zum Abschluss kommen. Wohin Deine Gedanken auch schweifen mögen, rufe sie zu Dir selbst zurück, und Du erntest Früchte des Heils. Sei Du für Dich der erste und der letzte Gegenstand des Nachdenkens.

Wenn es um Dein Heil geht, hast Du keinen besseren Bruder als Dich selbst. Verschließe Dich vor allen Gedanken, die gegen Dein Heil sind. Was sage ich: gegen? Ich hätte besser sagen sollen: die abseits von Deinem Heil liegen. Was immer sich Deinen Gedanken anbietet: weise es zurück, wenn es nicht auf irgendeine Weise mit Deinem Heil zu tun hat.

Aus: Paul Geißendörfer: Komme zu dir selbst. Evang. Buchhilfe e.V., Vellmar 1990 Quelle

 

23.2. Erich Fromm

über Freiheit, Spontaneität, Glück und Authentizität

aus: Erich Fromm (2000) Authentisch leben, S. 59 ff.

Drei Zitate aus dem Text seien als Leseanreiz vorangestellt:

" Die Unfähigkeit, spontan zu handeln und das zum Ausdruck zu bringen, was man genuin fühlt und denkt, und die sich daraus ergebende Notwendigkeit, anderen und sich selbst ein Pseudo-Selbst zu präsentieren, sind die Wurzeln des Gefühls von Minderwertigkeit und Schwäche. Ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, es gibt nichts, dessen wir uns mehr schämen, als nicht wir selbst zu sein, und es gibt nichts, was uns stolzer und glücklicher macht, als das zu denken, zu fühlen und zu sagen, was wirklich unser Eigentum ist.."

„Wenn der Mensch durch spontanes Tätigsein sein Selbst verwirklicht und auf diese Weise zur Welt in Beziehung tritt, hört er auf, ein isoliertes Atom zu sein, er und die Welt werden Teil eines strukturierten Ganzen, er hat seinen ihm zukommenden Platz in der Welt, womit auch seine Zweifel an sich selbst und am Sinn seines Lebens verschwinden. Diese Zweifel entsprangen seiner Absonderung und der Verurteilung seines Lebens. Die Zweifel schwinden, sobald er es fertigbringt, nicht mehr unter Zwang und automatisch, sondern spontan zu leben. Er erlebt sich dann als tätiges und schöpferisches Individuum und erkennt, dass das Leben nur den einen Sinn hat: den Vollzug des Lebens selbst.“ 

„Zur positiven Freiheit gehört auch das Prinzip, dass es keine höhere Macht als dieses einzigartige individuelle Selbst gibt, dass der Mensch Mittelpunkt und Zweck seines Lebens ist und dass das Wachstum und die Realisierung der Individualität des Menschen ein Ziel ist, das niemals irgendwelchen Zwecken untergeordnet werden kann, die angeblich noch wertvoller sind.“

 

Freiheit kann der Mensch dadurch erlangen, dass er sein Selbst verwirklicht, dass er er selbst ist. Was ist unter der Verwirklichung des Selbst zu verstehen? Die Philosophen des Idealismus waren der Ansicht, dass man nur durch intellektuelle Einsicht zur Selbstverwirklichung gelangen könne. Sie betonten nachdrücklich, dass die menschliche Persönlichkeit in Natur und Vernunft gespalten sei und dass die Vernunft die menschliche Natur unterdrücken und unter Aufsicht halten könne. Die Folge dieser Aufspaltung war jedoch, dass nicht nur das Gefühlsleben des Menschen, sondern auch seine intellektuellen Fähigkeiten verkrüppelt wurden. Dadurch, dass die Vernunft zum Wächter über ihren Gefangenen, die Natur, gesetzt wurde, wurde sie selbst zum Gefangenen; und so verkrüppelten beide Seiten der menschlichen Persönlichkeit – Vernunft und Gefühlsleben. Wir glauben, dass die Verwirklichung des Selbst nicht nur durch den Akt des Denkens, sondern auch durch die Verwirklichung der gesamten Persönlichkeit zustande kommt, wenn der Mensch nämlich alle seine emotionalen und intellektuellen Möglichkeiten tätig zum Ausdruck bringt. Diese Möglichkeiten stecken in jedem, sie werden aber nur in dem Maße verwirklicht, als sie einen Ausdruck finden. Mit anderen Worten: Die positive Freiheit besteht im spontanen Tätigsein (activity) der gesamten, integrierten Persönlichkeit.

Wir kommen hier auf eines der schwierigsten Probleme der Psychologie zu sprechen, auf das Problem der Spontaneität. Spontanes Tätigsein (spontaneous activity) meint keine zwanghafte Tätigkeit, zu der sich der Mensch durch seine Isolierung und Ohnmacht getrieben fühlt; es handelt sich nicht um die Tätigkeit eines automatenhaften Konformisten, der kritiklos Verhaltensmodelle übernimmt, die ihm von außen suggeriert werden. Spontanes Tätigsein ist die freie Aktivität des Selbst im Sinne der lateinischen Wurzel des Wortes sponte, was wörtlich soviel bedeutet wie „aus freien Stücken“.

Unter Tätigsein bzw. Aktivität verstehen wir nicht, dass jemand „irgend etwas tut“; es handelt sich vielmehr um das kreative Tätigsein, das sowohl im emotionalen als auch im intellektuellen Bereich, sowohl im sinnlichen Bereich als auch in dem des Willens wirkt. Voraussetzung für diese Spontaneität ist, dass man die Persönlichkeit in ihrer Totalität annimmt und die Spaltung zwischen „Vernunft“ und „Natur“ beseitigt; denn nur wenn der Mensch nicht wesentliche Teile seines Selbst verdrängt, nur wenn er sich selbst transparent wird und nur wenn er die verschiedenen Sphären seines Lebens grundsätzlich integriert hat, ist spontanes Tätigsein möglich.

Die Spontaneität ist in unserer Kultur zwar eine relativ seltene Erscheinung, doch fehlt sie immerhin nicht ganz. Ich möchte nur einige Bespiele dafür anführen:

Erstens kennen wir Menschen, die diese Spontaneität besitzen oder doch besaßen, deren Denken, Fühlen und Handeln Ausdruck ihres Selbst und nicht Ausdruck eines Automaten ist. Bei solchen Menschen handelt es sich meistens um Künstler. Tatsächlich kann man den Künstler geradezu als einen Menschen definieren, der sich spontan auszudrücken weiß. Wenn wir diese Definition akzeptieren – und Balzac hat ihn genau so definiert –, dann muss man auch gewisse Philosophen und Wissenschaftler als Künstler bezeichnen, während wieder andere sich von ihnen so sehr unterscheiden wie ein altmodischer Fotograf von einem schöpferischen Maler. Es gibt andere Menschen, denen zwar die Fähigkeit – oder vielleicht auch nur die notwendige Übung fehlt, sich in einem objektiven Medium auszudrücken, wie der Künstler das tut, die aber trotzdem die gleiche Spontaneität besitzen. Die Lage des Künstlers ist jedoch prekär, denn man pflegt nur die Individualität oder die Spontaneität des erfolgreichen Künstlers zu respektieren; gelingt es ihm nicht, seine Kunstwerke zu verkaufen, so bleibt er für seine Zeitgenossen ein „Spinner“ oder ein „Neurotiker“. Der Künstler befindet sich in dieser Hinsicht in einer ähnlichen Lage wie der Revolutionär. Der erfolgreiche Revolutionär ist ein Staatsmann, der erfolglose ist ein Verbrecher.

Auch kleine Kinder bieten Beispiele von Spontaneität. Sie haben die Fähigkeit, wirklich eigene Gefühle und Gedanken zu haben. Diese Spontaneität zeigt sich an dem, was sie sagen und denken, und in den Gefühlen, die sich auf ihrem Gesicht ausdrücken. Wenn man sich fragt, was die kleinen Kinder für die meisten Menschen so anziehend macht, so ist es meiner Meinung nach – von sentimentalen und konventionellen Gründen abgesehen – eben diese Spontaneität. Sie spricht jeden stark an, der selbst noch nicht so abgestorben ist, dass er kein Gefühl mehr dafür hat. Tatsächlich gibt es nicht Anziehenderes und Überzeugenderes als Spontaneität, mag man sie nun bei einem Kind, bei einem Künstler oder auch bei anderen Menschen finden, die nicht zu dieser Alters- oder Berufsgruppe gehören.

Die meisten von uns erleben wenigstens Augenblicke eigener Spontaneität, die wir gleichzeitig als Augenblicke echten Glücks empfinden. Ganz gleich, ob wir das frische, spontane Erlebnis einer Landschaft haben, ob uns eine Erkenntnis als Ergebnis unseres Nachdenkens dämmert, ob wir ein sinnliches Vergnügen erleben, das nicht stereotyper Art ist, oder ob die Liebe zu einem anderen Menschen plötzlich in uns aufquillt – in solchen Augenblicken wissen wir alle, was ein spontanes Erlebnis ist, und wir haben vielleicht eine Ahnung davon, was das menschliche Leben sein könnte, wenn solche Erfahrungen nicht so selten wären und so wenig gepflegt würden.

Weshalb ist spontanes Tätigsein ein Lösung für das Problem der Freiheit? Die negative Freiheit allein, die ausschließliche Freiheit von, macht den Menschen zu einem isolierten Wesen, dessen Beziehung zur Welt distanziert und voller Misstrauen ist und dessen Selbst schwach und ständig bedroht ist. Spontanes Tätigsein ist der einzige Weg, auf dem man die Angst vor dem Alleinsein überwinden kann, ohne die Integrität seines Selbst zu opfern, denn in der spontanen Verwirklichung des Selbst vereinigt sich der Mensch aufs neue mit der Welt – mit den Menschen, der Natur und sich selbst. Die wichtigste Komponente einer solchen Spontaneität ist die Liebe – aber nicht die Liebe, bei der sich das Selbst in einem anderen Menschen auflöst, und auch nicht die Liebe, die nur nach dem Besitz des anderen strebt, sondern die Liebe als spontane Bejahung der anderen, als Vereinigung eines Individuums mit anderen auf der Basis der Erhaltung des individuellen Selbst. Die dynamische Eigenschaft der Liebe liegt eben in dieser Polarität, die darin besteht, dass sie aus dem Bedürfnis entspringt, die Absonderung zu überwinden und zum Einssein zu gelangen und trotzdem die eigene Individualität nicht zu verlieren.

Die andere Komponente ist die Arbeit – aber nicht die Arbeit als zwanghafte Aktivität, die nur dazu dient, dem Alleinsein zu entfliehen, nicht die Arbeit, die einerseits die Natur beherrschen möchte und die andererseits die von Menschen geschaffenen Produkte vergötzt oder sich zum Sklaven dieser Produkte macht, sondern die Arbeit als Schöpfung, bei der der Mensch im Akt der Schöpfung eins wird mit der Natur. Was für die Liebe und die Arbeit gilt, gilt für jedes spontane Tätigsein, ob es sich nun um sinnliche Freuden oder um die Teilnahme am politischen Gemeinschaftsleben handelt. Sie bejaht die Individualität des Selbst und eint es zugleich mit den anderen Menschen und der Natur. Die der Freiheit innewohnende grundsätzliche Dichotomie – die Geburt der Individualität und der Schmerz des Alleinseins – wird auf höherer Ebene durch das spontane Tätigsein des Menschen aufgelöst. Bei jedem spontanen Tätigsein nimmt der Mensch die Welt in sich auf. Dabei bleibt nicht nur sein individuelles Selbst intakt, es wird stärker und gefestigter. Denn das Selbst ist stark genau in dem Maße, wie es aktiv-tätig ist. Echte Kraft liegt nicht im Besitz als solchem, weder im materiellen Besitz noch im Besitz seelischer Qualitäten wie Emotionen oder Gedanken. Auch der Gebrauch oder die Manipulation von Objekten verleiht keine Kraft. Was wir benutzen, gehört nicht deshalb uns, weil wir es benutzen. Nur das „gehört“ uns, auf das wir durch unser schöpferisches Tätigsein genuin bezogen sind, ob es sich nun um einen Menschen oder einen unbelebten Gegenstand handelt. Nur jene Eigenschaften, die aus unserem spontanen Tätigsein resultieren, verleihen unserem Selbst Kraft und bilden daher die Grundlage seiner Integrität.

Die Unfähigkeit, spontan zu handeln und das zum Ausdruck zu bringen, was man genuin fühlt und denkt, und die sich daraus ergebende Notwendigkeit, anderen und sich selbst ein Pseudo-Selbst zu präsentieren, sind die Wurzeln des Gefühls von Minderwertigkeit und Schwäche. Ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, es gibt nichts, dessen wir uns mehr schämen, als nicht wir selbst zu sein, und es gibt nichts, was uns stolzer und glücklicher macht, als das zu denken, zu fühlen und zu sagen, was wirklich unser Eigentum ist.

Die impliziert, dass es auf das Tätigsein als solches ankommt, auf den Prozess und nicht auf das Resultat. In unserer Kultur ist das Gewicht genau umgekehrt verteilt. Wir produzieren nicht, um konkrete Bedürfnisse zu befriedigen, sondern zu dem abstrakten Zweck, unsere Ware zu verkaufen. Wir haben das Gefühl, alle materiellen und auch alle immateriellen Dinge durch Kauf erwerben zu können, und so werden die Dinge zu unserem Eigentum, unabhängig davon, ob wir uns auf schöpferische Weise um sie bemühen. Ebenso betrachten wir unsere persönlichen Eigenschaften und den Erfolg unserer Bemühungen als Ware, die man für Geld, Prestige und Macht verkaufen kann. So verschiebt sich das Gewicht von der augenblicklichen Befriedigung, welche eine kreative Tätigkeit verleiht, auf den Wert des fertigen Produkts. Dabei geht dem Menschen die einzige Befriedigung verloren, die ihn wirklich glücklich machen kann – das Augenblickserlebnis des Tätigseins – und er jagt hinter einem Phantom her, das ihn enttäuscht, sobald er es erreicht zu haben glaubt – das trügerische Glück, genannt Erfolg.

Wenn der Mensch durch spontanes Tätigsein sein Selbst verwirklicht und auf diese Weise zur Welt in Beziehung tritt, hört er auf, ein isoliertes Atom zu sein, er und die Welt werden Teil eines strukturierten Ganzen, er hat seinen ihm zukommenden Platz in der Welt, womit auch seine Zweifel an sich selbst und am Sinn seines Lebens verschwinden. Diese Zweifel entsprangen seiner Absonderung und der Verurteilung seines Lebens. Die Zweifel schwinden, sobald er es fertigbringt, nicht mehr unter Zwang und automatisch, sondern spontan zu leben. Er erlebt sich dann als tätiges und schöpferisches Individuum und erkennt, dass das Leben nur den einen Sinn hat: den Vollzug des Lebens selbst.

Wenn der einzelne Mensch sein Grundgefühl des Zweifels an sich selbst und an seinem Platz im Leben überwindet, wenn er zur Welt in Beziehung tritt, indem er sie im Akt spontanen Erlebens erfasst, dann gewinnt er Kraft als ein Individuum und er gewinnt Sicherheit. Diese Sicherheit unterscheidet sich jedoch von der Sicherheit, welche das vorindividualistische Stadium kennzeichnet, ebenso wie sich die neue Beziehung zur Welt von den primären Bindungen unterscheidet. Die neue Sicherheit erwächst nicht aus dem Schutz, den der einzelne von einer höheren Macht außerhalb seiner selbst genießt, und es handelt sich auch nicht um die Sicherheit, aus der die tragische Seite des Lebens ausgemerzt ist. Die neue Sicherheit ist dynamisch. Sie gründet sich nicht auf Schutz durch andere, sondern auf das eigene spontane Tätigsein. Es ist die Sicherheit, die nur die Freiheit geben kann und die keiner Illusion bedarf, weil sie die Bedingungen ausgeschaltet hat, welche Illusionen notwendig machen.

Zur positiven Freiheit, der Freiheit zu, als der Verwirklichung des Selbst, gehört die volle Bejahung der Einzigartigkeit des Individuums. Die Menschen sind gleich geboren, aber sie sind auch verschieden geboren. Diese Verschiedenheit beruht auf der unterschiedlichen erblichen körperlichen und seelisch-geistigen Veranlagung, die sie mit auf die Welt bringen, zu der dann die besondere Konstellation der äußeren Umstände und die gemachten Erfahrungen hinzukommen. Diese individuelle Grundlage der Persönlichkeit ist bei zwei Menschen ebenso wenig identisch, wie zwei Organismen jemals identisch sind. Bei der genuinen Entfaltung des Selbst handelt es sich stets um ein Wachstum auf dieser besonderen Grundlage. Es ist ein organisches Wachstum, die Entfaltung eines Kerns, der dieser einen Person eigentümlich ist und nur für sie gilt. Dagegen stellt die Entwicklung eines automatenhaften Konformisten kein organisches Wachstum dar. Da ist die Entfaltung der Basis des Selbst blockiert, und das Selbst wird von Pseudo-Selbst überlagert, das seinem Wesen nach die Inkorporation äußerer Modelle des Denkens und Fühlens ist. Ein organisches Wachstum ist nur möglich, wenn man vor der Besonderheit des Selbst anderer Menschen wie auch vor der des eigenen Selbst größte Achtung hat. Diese Achtung vor der Einzigartigkeit des Selbst und ihre Pflege ist die wertvollste Errungenschaft der menschlichen Kultur, und gerade sie ist heute in Gefahr.

Die Einzigartigkeit des Selbst widerspricht in keiner Weise dem Prinzip der Gleichheit. Die These, dass die Menschen gleich geboren werden, heißt, dass sie alle grundlegenden menschlichen Eigenschaften miteinander gemein haben, dass sie als menschliche Wesen das gleiche Schicksal haben und dass sie den gleichen unveräußerlichen Anspruch auf Freiheit und Glück haben. Es bedeutet außerdem, dass sie in einer Beziehung der Solidarität zueinander stehen, und nicht in einer Beziehung von Herrschaft und Unterwerfung. Aber der Begriff „Gleichheit“ bedeutet nicht, dass alle Menschen gleich sind. Ein derartiger Gleichheitsbegriff ist von der Rolle abgeleitet, die der Mensch heute im ökonomischen Bereich spielt. In der Beziehung zwischen dem, der kauft, und dem, der verkauft, sind die konkreten Unterschiede der Persönlichkeit ausgeschaltet. In dieser Situation kommt es lediglich darauf an, dass der eine etwas zu verkaufen hat und dass der andere das Geld besitzt, es zu kaufen. Im wirtschaftlichen Leben unterscheidet sich der Mensch nicht vom anderen; als reale Personen unterscheiden sie sich, und die Pflege ihrer Besonderheit macht das Wesen der Individualität aus.

Zur positiven Freiheit gehört auch das Prinzip, dass es keine höhere Macht als dieses einzigartige individuelle Selbst gibt, dass der Mensch Mittelpunkt und Zweck seines Lebens ist und dass das Wachstum und die Realisierung der Individualität des Menschen ein Ziel ist, das niemals irgendwelchen Zwecken untergeordnet werden kann, die angeblich noch wertvoller sind. (…)

 

18.2. 2014 Das Schöne, das Wahre, das Gute – Ein Hörvortrag vom Psychoanalytiker und Diplompsychologen Horst Maßholder, gehalten am 22.3.2000 im Theater „Glasperlenspiel“ in Asperg

Horst Maßholder, der Gründer des Glasperlenspiels, hatte im Laufe seiner therapeutischen Arbeit auch mehrfach Klienten aus den Reihen der NAK, die bei ihm Hilfe suchten. Sein Kommentar zur NAK: „Dieses autoritäre und dogmatische System ist eine ungeheure Bedrohung für die Mitglieder. Das Bedürfnis nach Religion wird auf eine schlimme Art und Weise missbraucht“. Auf die Frage eines NAK-Klienten „Was soll ich tun, Herr Maßholder“ kam die ernüchternde Antwort: „Woher soll ich das wissen? Bin ich ihr Stammapostel?“

Das Theater war für ihn eine therapeutische Möglichkeit, die Klienten zu stärken. Er wünschte sich ein "kraftvolles Theater mit Menschen, die Mut haben, eigenständige Charaktere zu sein, die nicht nur die Ratio oder den Bauch reden lassen, sondern Kopf und Bauch mit dem Herzen einen und Mut für tiefes Gefühl und starken Ausdruck zeigen…. auf der Bühne kann sich ein Charakter ganz entfalten, seine Kantigkeiten kraftvoll leben, seine Stärken und Schwächen zutiefst auskosten oder daran leiden. Sein Temperament wird ihn leiten, ihn leidenschaftlich und voller Durchsetzungskraft erscheinen lassen oder aber bedächtig, voller Ausdauer und Zähigkeit. Wer Theater spielt, …, erzeugt selbst Kräfte und Schwingungen, die sich auf die Zuschauer übertragen und diese mitnehmen auf eine Reise zu sich selbst." Diese Erfahrung der eigenen Selbstwirksamkeit ist ein wesentlicher Bestandteil einer erfolgreichen Psychotherapie.

Noch heute schwärmen Menschen von den Mittwochsgesprächen, in denen Maßholder auf Zuruf die Stichworte der Zuhörer (Sorgen, Probleme) aufgriff und  in einem großartigen Gedankenbogen verständlich, unterhaltsam  und anschaulich Ursachen und Zusammenhänge aufzeigte, ohne dabei in oberflächlich simplifizierende Patentrezepte abzugleiten. Berührend dabei ist sein Verständnis für die Problematik des Menschseins, sein Witz in der Darstellung eines tiefgehenden Themas und seine Empathie für die emotionale Ebene der persönlichen Betroffenheit . Er erzeugt sogar diese Betroffenheit, indem er den Zuhörer sich selbst begegnen lässt.  Und dennoch schafft Maßholder gleichzeitig die Einsicht, dass einem eben nicht alles gelingen kann, dass man Verständnis und Geduld mit sich haben muss, um den nächsten Schritt erfolgreich zu gehen und sich durch das Leiden hindurch zur nächsten Ebene bewegen kann... Das alles gelingt ihm, ohne Abgehobenheit oder Arroganz - er ist Teil des Geschehens und der Entwicklung, auch ihm gelten die eigenen Worte, auch er ist nicht vollkommen, obwohl er die Vollkommenheit beschreibt ...

Einer dieser Abende war der mitgeschnittene Vortrag vom „Schönen, Wahren und Guten.“  Was als Titel pathetisch klingt, entwickelt sich eindrücklich zu einem Aufruf zur Menschlichkeit und Freiheit, zur Selbstbestimmtheit und Entwicklung des eigenen Seins mit dem Mut zu sich selbst und den eigenen Idealen. Was für Ideen für ein ehemaliges NAK-Mitglied!

Dieser Mitschnitt des Abends kann durchaus als eine Art Vermächtnis angesehen werden, denn leider verstarb Horst Maßholder, der in früheren Jahren auch im SWR einen festen Sendeplatz mit psychologischen Problemstellungen hatte (danach zwei Stunden Bereitschaft, Zuhörerfragen zum Thema telefonisch zu beantworten),  noch im gleichen Jahr und völlig überraschend ohne jede Vorankündigung.

Ich selbst bedaure außerordentlich, ihn nicht mehr persönlich kennengelernt zu haben und freue mich umso mehr, hiermit einem größeren Kreis von Hörern die Möglichkeit bieten zu können, diesem eindrucksvollen Menschen wenigstens akustisch zu begegnen.

Der Vortrag als Hördatei in Intervallen (die jeweiligen Titel sind lediglich Stichworte aus den Ausführungen, die ich zur Gliederung den Abschnitten formal zugeordnet habe, und keineswegs inhaltlichen Überschriften):

01 Maßholder Einführung

02 Maßholder Die Ziele liegen in uns

03 Maßholder Bedürfnisse

04 Maßholder Entfaltung der Bedürfnisse

05 Maßholder Autonome Selbstverwirklichung

06 Maßholder Wahlmöglichkeiten im Leben

07 Maßholder Neurotische Bedürfnisbefriedigung

08 Maßholder Das Wahre Schöne und Gute

09 Maßholder Innere Welten

10 Maßholder Drei Welten

11 Maßholder  Die Wahrnehmung der Wirklichkeit

12 Maßholder Wachstum und Leiden

13 Maßholder Leben will lebendig sein

14 Maßholder Alles erfahren

15 Maßholder Liebesfähigkeit und Vertrauen

 

"Den guten Gärtner erkennt man nicht an der geschnitteten Hecke, sondern an dem, was er zum Blühen bringt" (Will Andrich)

 

 

31.5.2014 Alles hat seine Zeit, und nach diesem Bibelwort auch der Austritt aus einer Religionsgemeinschaft, denn "der Mensch kann Gottes Werk nicht ergründen, weder seinen Anfang noch sein Ende!", also kann und muss er irren!

DER PREDIGER SALOMO (KOHELET, 3. Jahrhunderts vor Christus) Kap. 3

 

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:

geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit;

pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;  

töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit;

abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;

weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit;

klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;

Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit;

herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit;

suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit;

behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit;

zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit;

schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit;

lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit;

Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.

Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon. Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen. Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt;

nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.

Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben.

Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.

Denn es geht dem Menschen wie dem Vieh: wie dies stirbt, so stirbt er auch, und haben alle einerlei Odem, und der Mensch hat nichts mehr als das Vieh; denn es ist alles eitel.Es fährt alles an einen Ort; es ist alles von Staub gemacht und wird wieder zu Staub.Wer weiß, ob der Odem der Menschen aufwärts fahre und der Odem des Viehes abwärts unter die Erde fahre?So sah ich denn, daß nichts Besseres ist, als daß ein Mensch fröhlich sei in seiner Arbeit; denn das ist sein Teil. Denn wer will ihn dahin bringen, daß er sehe, was nach ihm geschehen wird?

 

Sehr interessant ist auch der Vergleich mit der Buber-Rosenzweig-Übersetzung:

 

Für alles ist eine Zeit, eine Frist für alles Anliegen unter dem Himmel:

eine Frist fürs Geborenwerden und eine Frist fürs Sterben,

eine Frist fürs Pflanzen und eine Frist fürs Entwurzeln des Gepflanzten,

eine Frist fürs Erschlagen und eine Frist fürs Heilen,

eine Frist fürs Niederbrechen und eine Frist fürs Erbauen,

eine Frist fürs Weinen und eine Frist fürs Lachen,

eine Frist fürs Klagen und eine Frist fürs Tanzen ...

Denn Eine Widerfahrnis ist der Menschensöhne und Eine Widerfahrnis des Getiers, eine einzige Widerfahrnis für sie, dem Sterben von diesem ist das Sterben von diesem gleich, und ein einziger Anhauch ist für alle, und da ist kein Vorrang des Menschen überm Tier, denn alles ist Dunst.Alles geht an Einen Ort, alles ward aus dem Staub und alles kehrt wieder zum Staub.Wer erkennts, der Hauch in den Menschensöhnen, ob er nach oben steige, und der Hauch in dem Getier, ob er nach unten sinke zur Erde..So sah ich, daß da kein Gut darüber ist, daß der Mensch sich seines Tuns freut, denn das ist sein Teil, denn wer brächte ihn dahin zu sehn, was nach ihm wird!

 

28.2. Erich Fromm Anmerkungen zur Selbstentfremdung

Zitate aus "Augenblicke der Freiheit; S. 18 und 26 ff

Jeder Akt einer unterwürfigen Anbetung ist ein Akt der Entfremdung und des Götzendienstes.

Der Mensch von heute hat die Möglichkeit, ein Ich-Gefühl zu entwickeln, doch setzt dies voraus, dass er seine eigene Kreativität und Produktivität entwickelt hat, dass er er selbst sein können muss,

dass er sich selbst als das Zentrum und Subjekt seiner eigenen Handlungen erlebt. Sonst bleibt ihm nur ein Ausweg: der Konformismus. Er muss mit den anderen konform gehen. Er erlebt sich dabei nur solange als Ich, als er sich von seinem Nachbarn nicht unterscheidet. Entfernt er sich von diesem nur ein wenig, kommt bereits Angst auf, weil sich sofort sein Identitätsproblem — „Wer bin ich?" - meldet. Solange er sich gänzlich konform verhält, braucht er sich nicht zu fragen, „Wer bin ich?“, weil zweifelsfrei gilt: „Ich bin wie der Rest von uns.“

Psychologisch gesehen lässt sich der Mechanismus der Entfremdung so beschreiben, dass ich ein Erleben, das potentiell in mir ist, auf ein Objekt außerhalb von mir projiziere. Beide Begriffe, Entfremdung wie Götzendienst, bedeuten, dass ich mich meiner selbst beraube, dass ich mich leer mache, gefriere, eine lebendige Erfahrung loswerde, also mein eigenes Denken, mein eigenes Lieben, mein eigenes Fühlen auf eine andere Person oder auf ein Ding außerhalb von mir projiziere, um es dann wieder zurückzuholen, indem ich auf dieses Ding oder diesen Menschen bezogen bin.

Das Objekt wird zur Verkörperung von dem, dessen ich mich entledigt habe. Von da an repräsentiert diese Figur da drüben mich, doch ich bin an sie gebunden und von ihr abhängig. Wenn ich ihr nicht nahe bin, bin ich verloren, denn sie ist sozusagen im Besitz meiner Seele.

Die Entfremdung des Selbst ist eine der wichtigsten Entfremdungsformen. Sie lässt sich am besten mit der Unterscheidung von Selbst und Ego verdeutlichen, wobei es hier nicht auf die Begriffe „Selbst" und „Ego" ankommt. Beim entfremdeten Selbsterleben nehme ich mein eigenes Selbst als ein Ego wahr. Die meisten Menschen erleben heute ihr Selbst in einer entfremdeten Weise: Sie schauen auf sich, wie wenn sie jemanden „da drüben" wahrnehmen würden. Dabei geht es nicht um die Frage, ob das Bild, das wir von uns haben, richtig oder falsch ist, sondern darum, dass wir uns selbst nur als ein Warenangebot wahrnehmen. Wir sehen uns nur von außen.

Wenn wir „Ich" denken, dann erleben wir uns in Wirklichkeit, wie wenn es um eine andere Person ginge und zudem noch so, dass wir dieses Gegenüber auch nur in einer entfremdeten Weise wahrnehmen. Wir erleben uns selbst nur als etwas, das viele Eigenschaften hat. Wir sagen uns dann immer wieder vor: „Immerhin, ich bin intelligent" oder „ich bin hübsch" oder „ich bin nett" oder „ich bin mutig" usw., doch eigentlich sind dies alles nur Beschreibungen dieses Dinges „da drüben". Ein solche Ego-Vorstellung ist eine ent-fremdete Vorstellung des Bildes, das ich von mir als einem Ding habe, mit der ich durch das Leben gehe und mit der ich es im Leben zu etwas bringen möchte.

Beim nicht-entfremdeten Selbsterleben erlebe ich mein Selbst als ein „Ich" in einem Vor- gang, bei dem ich das Subjekt meines Handelns bin. Mit „Handeln" meine ich hier nicht vorrangig, dass ich dieses oder jenes tue; vielmehr dass ich im Prozess des Seins das Subjekt meines menschlichen Erlebens bin: Ich fühle, ich denke, ich schmecke, ich höre, ich liebe - und es gibt noch viele andere Dinge, die alle zum Bereich meiner menschlichen Fähigkeiten gehören und deren Ausdruck sind. Wenn ich nicht künstlich nachahme, sondern das authentische Subjekt meines Tätigseins bin, erlebe ich mich in der Tat im Augenblick des Tätigseins als den, der da handelt: als Ich - und nicht als ein Ego.

 

 

 

26.3.Detlef Streich, Leseauszüge aus  "Ziel hinter dem Horizont" 

(Das Büchlein kann gerne auch direkt bei mir mit persönlicher Widmung bestellt werden)

 

SPIEGELBLICK

 

blick in den spiegel

manchmal das gefühl

dass das

was ich sehe

nicht ich bin

so frage ich in den spiegel

bist du  ich

oder

bin ich ich

 

das spiegelbild

blickt teilnahmslos stumm

es wird wohl von mir selbst zu klären sein

wer ich wirklich bin

 

 

AUF DEM WEG SEIN

 

auf dem weg sein

die früh anerzogene

erstarrung durchbrechen

unterwegs sein

zu sich selbst

und sich nicht aufhalten lassen

vom oft gehörten

„du sollst nicht“

und dem eigenen

 „du darfst nicht“

in die unabhängigkeit eigener freiheit          

um selbstbestimmt

zu leben

 

 

ENTSAGUNGEN

 

du lebst in der enge

denn manche sagten dir

das ist dein schutz

 

du lebst mit begrenzungen

denn manche sagten dir

das bewahrt dich vor vielem 

 

du lebst in geistiger armut

denn manche sagten dir

darin läge wahrer reichtum

 

du lebst gebunden

denn manche sagten dir

genau das ist doch dein glück

 

du lebst

sagten sie dir

wenn du so lebst

wie wir es sagen

 

nun lebst du

und traust dich nicht

selbst zu atmen

obwohl du fast erstickst

an dem gesagten

ohne hoffnung auf veränderung

und manchmal sagst du dir

heute sogar schon selbst

dass das was ist

vielleicht ja doch besser ist

als das was kommen könnte

du lebst

die entsagungen

 

 

ZURÜCK GEHEN

 

in sich gehen

einen tunnel graben

und viele schritte zurück

in die eigene dunkle tiefe gehen

um in sich selbst das wieder zu finden

was achtlos verloren oder verworfen war

und es annehmen

es an sich nehmen

es liebevoll mitnehmen

zurück

nach vorn

in die gegenwart

 

 

ROLLENSPIELE

 

„das spielt keine rolle“

sagt man leicht dahin

und sollte doch genauer überlegen

wer oder was da keine rolle spielt

und ob das

worum es geht

wirklich keine rolle spielt

für das leben

oder ob ich nicht selbst vielleicht

nur eine rolle spiele

anstatt zu sein

 

 

26.3. 2014 Charlie Chaplin - Selbstliebe

Das folgende Gedicht hat Charlie Chaplin zu seinem 70. Geburtstag (am 16. April 1959) geschrieben.

Als ich mich wirklich
selbst zu lieben begann,
konnte ich erkennen,
dass emotionaler Schmerz und Leid
nur Warnung für mich sind,
gegen meine eigene Wahrheit zu leben.

Heute weiß ich , das nennt man
Authentisch-Sein”.

Als ich mich wirklich
selbst zu lieben begann,
habe ich verstanden,
wie sehr es jemanden beschämt,
ihm meine Wünsche aufzuzwingen,
obwohl ich wusste, dass weder die Zeit reif,
noch der Mensch dazu bereit war,
auch wenn ich selbst dieser Mensch war.

Heute weiß, das nennt man
Selbstachtung”.

Als ich mich wirklich
selbst zu lieben begann,
habe ich aufgehört,
mich nach einem anderen Leben zu sehnen,
und konnte sehen, dass alles um mich herum
eine Aufforderung zum Wachsen war.

Heute weiß ich, das nennt man
Reife”.

Als ich mich wirklich
selbst zu lieben begann,
habe ich verstanden,
dass ich immer und bei jeder Gelegenheit,
zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin
und dass alles, was geschieht, richtig ist
– von da konnte ich ruhig sein.

Heute weiß ich, das nennt sich
Selbstachtung”.

Als ich mich wirklich
selbst zu lieben begann,
habe ich aufgehört,
mich meiner freien Zeit zu berauben
und ich habe aufgehört,
weiter grandiose Projekte
für die Zukunft zu entwerfen.

Heute mache ich nur das,
was mir Spaß und Freude bereitet,
was ich liebe
und mein Herz zum Lachen bringt,
auf meine eigene Art und Weise
und in meinem Tempo.

Heute weiß ich, das nennt man
Ehrlichkeit”.

Als ich mich wirklich
selbst zu lieben begann,
habe ich mich von allem befreit
was nicht gesund für mich war,
von Speisen, Menschen, Dingen, Situationen
und von allem, das mich immer wieder hinunterzog,
weg von mir selbst.

Anfangs nannte ich das “gesunden Egoismus”,
aber heute weiß ich, das ist

Selbstliebe”.

Als ich mich wirklich
selbst zu lieben begann,
habe ich aufgehört,
immer recht haben zu wollen,
so habe ich mich weniger geirrt.

Heute habe ich erkannt,
das nennt man “Einfach-Sein”.

Als ich mich wirklich
selbst zu lieben begann,
da erkannte ich,
dass mich mein Denken
armselig und krank machen kann,
als ich jedoch meine Herzenskräfte anforderte,
bekam der Verstand einen wichtigen Partner,
diese Verbindung nenne ich heute
Herzensweisheit”.

Wir brauchen uns nicht weiter
vor Auseinandersetzungen,
Konflikten und Problemen
mit uns selbst und anderen fürchten,
denn sogar Sterne knallen
manchmal aufeinander
und es entstehen neue Welten.

Heute weiß ich,
das ist das Leben!

Charlie Chaplin

(Hörfassung)

 

 

26.2.2014 Vorbemerkung

Der Psychiater und Neurologe Victor E. Frankel (1905 bis 1997) ist Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse . Als deportierter Jude lebte er vom 25. September 1942 bis März 1945 im Ghetto Theresienstadt. Sein Vater starb dort 1943, die Mutter kam in Auschwitz und sein Bruder und seine Frau im KZ Bergen-Belsen ums Leben.

Diese Erlebnisse wie auch die beständige Auseinandersetzung mit dem Tod waren prägend auch für seine therapeutische Arbeit:

„Das Leiden, die Not gehört zum Leben dazu, wie das Schicksal und der Tod. Sie alle lassen sich vom Leben nicht abtrennen, ohne dessen Sinn nachgerade zu zerstören. Not und Tod, das Schicksal und das Leiden vom Leben abzulösen, hieße dem Leben die Gestalt, die Form nehmen. Erst unter den Hammerschlägen des Schicksals, in der Weißglut des Leidens an ihm, gewinnt das Leben Form und Gestalt.“ (Ärztliche Seelsorge, S. 118)

Gerade die individuell erlebten Leiden führen dazu, dass „ das Bedürfnis und die Frage nach
einem Lebenssinn gerade dann aufflammen, wenn es einem am dreckigsten geht.
“ ( Frankl, Viktor E., Das Leiden am sinnlosen Leben, S. 17.) Diese Grundproblematik der Sinnhaftigkeit des Lebens und Leidens stellt sich in intensiver Form auch vielen Sektengeschädigten Menschen, die mit dem Austritt den Boden unter den Füßen und damit ihre Orientierung verloren haben.  Der folgende Artikel kann helfen, den Weg zu sich selbst und dem verlorenen Lebensinn wieder zu finden.
 

 

Victor E. Frankl: Der Mensch auf der Suche nach dem Sinn

(gekürzter Auszug: öffentlicher Vortrag im Rahmen des XIV. Internationalen Kongresses für Philosophie (Wien 1968) Aus: Psychotherapie für den Alltag, Herder 1992)

 

Der Titel umreißt mehr als ein Thema: er umfaßt eine Definition, zumindest eine Interpretation des Menschen. Eben als eines Wesens, das letztlich und eigentlich auf der Suche nach Sinn ist. Der Mensch ist immer schon ausgerichtet und hingeordnet auf etwas, das nicht wieder er selbst ist, sei es eben ein Sinn, den er erfüllt, oder anderes menschliches Sein, dem er begegnet. So oder so: Menschsein weist immer schon über sich selbst hinaus, und die Transzendenz ihrer selbst ist die Essenz menschlicher Existenz.

… Nun, wovon der Mensch zutiefst und zuletzt durchdrungen ist, ist weder der Wille zur Macht noch ein Wille zur Lust, sondern ein Wille zum Sinn. Und auf Grund eben dieses seines Willens zum Sinn ist der Mensch darauf aus, Sinn zu finden und zu erfüllen, aber auch anderem menschlichen Sein in Form eines Du zu begegnen, es zu lieben. Beides, Erfüllung und Begegnung, gibt dem Menschen einen Grund zum Glück und zur Lust. …

Der Mensch von heute neigt ... zur Hyperreflexion. Professor Edith Joelson von der University of Georgia konnte nachweisen, daß für den amerikanischen Studenten das Selbstverständnis und die Selbstverwirklichung  in einem statistisch signifikanten Maße innerhalb einer Hierarchie der Werte am höchsten stehen. Es ist klar, daß es sich durchaus um ein Selbstverständnis handelt, das von einem analytischen und dynamischen Psychologismus her indoktriniert ist, der den gebildeten Amerikaner veranlaßt, unablässig hinter dem bewußten Verhalten stehende unbewußte Beweggründe zu vermuten. Was aber die Selbstverwirklichung anlangt, wage ich zu behaupten, daß sich der Mensch nur in dem Maße zu verwirklichen imstande ist, in dem er Sinn erfüllt. Der Imperativ von Pindar, dem zufolge der Mensch werden soll, was er immer schon ist, bedarf einer Ergänzung, die ich in den Worten von Jaspers sehe: „Was der Mensch ist, das ist er durch die Sache, die er zur seinen macht." …

… (Ich sage ...), daß die Leute heute in einem existentiellen Vakuum leben und daß sich das existentielle Vakuum vor allem durch Langeweile manifestiert. Langeweile - klingt doch ganz anders, nicht wahr? Viel vertrauter, nicht wahr? Oder kennen Sie zuwenig Leute rings um Sie herum, die über Langeweile klagen - ungeachtet der Tatsache, daß sie nur die Hand ausstrecken müssen, um alles zu besitzen - einschließlich Freuds Sex und Adlers Macht?"

Tatsächlich wenden sich heute mehr und mehr Patienten an uns mit dem Gefühl einer inneren Leere, wie ich sie als „existentielles Vakuum" beschrieben und bezeichnet habe, mit dem Gefühl einer abgründigen Sinnlosigkeit ihres Daseins. Und es wäre verfehlt, anzunehmen, daß es sich um ein Phänomen handelt, das sich auf die westliche Welt beschränkt. …

Soll ich kurz auf die Ursachen eingehen, die dem existentiellen Vakuum zugrunde liegen mögen, dann dürfte es auf zweierlei zurückzuführen sein: auf den Instinktverlust und auf den Traditionsverlust. Im Gegensatz zum Tier sagen dem Menschen keine Instinkte, was er muß; und dem Menschen von heute sagen keine Traditionen mehr, was er soll; und oft scheint er nicht mehr zu wissen, was er eigentlich will. Nur um so mehr ist er darauf aus, entweder nur das zu wollen, was die ändern tun, oder nur das zu tun, was die ändern wollen. In ersterem Falle haben wir es mit Konformismus zu tun, im letzteren mit Totalitarismus – der eine verbreitet in der westlichen Hemisphäre, der andere in der östlichen.

Aber nicht nur Konformismus und Totalitarismus gehören zu den Auswirkungen des existentiellen Vakuums, sondern auch Neurotizismus. Neben den psychogenen Neurosen, also den Neurosen im engeren Wortsinn, gibt es nämlich auch noogene Neurosen, wie ich sie genannt habe, das heißt Neurosen, bei denen es sich eigentlich weniger um eine seelische Krankheit als vielmehr um geistige Not handelt, und zwar nicht selten infolge eines abgründigen Sinnlosigkeitsgefühls. … Wenn ich nun bezüglich der Verbreitung (nicht der noogenen Neurosen, sondern) des existentiellen Vakuums einen Hinweis geben darf, so betrifft er eine statistische Stichprobe, die ich vor Jahr und Tag unter den Hörern meiner Vorlesung an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien gemacht habe; sie ergab, daß nicht weniger als 40 Prozent zugaben, das Sinnlosigkeitsgefühl aus eigenem Erleben zu kennen - 40 Prozent; unter meinen amerikanischen Hörern waren es nicht 40, sondern 81 Prozent.

Worauf mag dieses Gefalle zurückzuführen sein? Auf den Reduktionismus, der in den angelsächsischen Ländern das Geistesleben mehr als anderswo beherrscht. Der Reduktionismus verrät sich durch die Redewendung „nichts als". Selbstverständlich kennen wir ihn auch hierzulande - und nicht erst heute. Ist es doch nicht weniger als 50 Jahre her, daß mein Naturgeschichtsprofessor in seiner Mittelschulklasse auf und ab ging und dozierte: „Das Leben ist letzten Endes nichts anderes als ein Verbrennungsprozeß - ein Oxydationsvorgang." Woraufhin ich, ohne mich zum Wort zu melden, aufsprang und ihm leidenschaftlich die Frage ins Gesicht schleuderte: „Ja, was für einen Sinn hat denn dann das ganze Leben ?" Zugegeben: im konkreten Falle verbirgt sich der Reduktionismus hinter einem - Oxydationismus ...

… Nun, als Neurologe stehe ich dafür ein, daß es durchaus legitim ist, den Computer als ein Modell zu betrachten, sagen wir, für das Zentralnervensystem. Der Fehler liegt ja erst im nothing but, in der Behauptung, der Mensch sei nichts als ein Computer. Der Mensch ist ein Computer; aber er ist zugleich unendlich mehr als ein Computer. Daß sich die Werke eines Kant und eines Goethe letzten Endes aus denselben 26 Buchstaben des Alphabets zusammensetzen wie die Bücher der Courths-Mahler und der Marlitt, ist ja ebenfalls richtig. Aber darum ist es noch lange nicht wichtig. Vor allem läßt sich nicht sagen, die „Kritik der reinen Vernunft" sei ebenso wie „Das Geheimnis der alten Mamsell" nichts als eine Anhäufung ein und derselben 26 Lettern. Es wäre denn, wir besitzen eine Druckerei und nicht einen Verlag...

Im Rahmen seiner Dimension hat der Reduktionismus recht. Aber auch nur dort. Und das unidimensionale Denken ist eben sein Verhängnis. Vor allem bringt es ihn um die Chance, einen Sinn zu finden. Daß nämlich der Sinn einer Struktur über die Elemente hinausgeht, aus denen sie sich zusammensetzt, bedeutet letzten Endes, daß der Sinn in einer höheren Dimension lokalisiert ist, als es die Elemente sind. Auf diese Art und Weise kann es geschehen, daß sich der Sinn einer Reihe von Ereignissen nicht in der Dimension abbildet, in der die Ereignisse stattfinden. Die Ereignisse lassen dann einen Zusammenhang vermissen. …

Um aber auf das Sinnlosigkeitsgefühl zurückzukommen: Sinn kann nicht gegeben werden. Sinn geben würde auf Moralisieren hinauslaufen. Und die Moral im alten Sinne wird bald ausgespielt haben. Über kurz oder lang werden wir nämlich nicht mehr moralisieren, sondern die Moral ontologisieren - gut und böse werden nicht definiert werden im Sinne von etwas, das wir tun sollen beziehungsweise nicht tun dürfen, sondern gut wird uns dünken, was die Erfüllung des einem Seienden aufgetragenen und abverlangten Sinnes fördert, und für böse werden wir halten, was solche Sinnerfüllung hemmt.

Sinn kann nicht gegeben, sondern muß gefunden werden. Einer Rorschach-Tafel wird ein Sinn gegeben - eine Sinngebung, auf Grund deren Subjektivität sich das Subjekt des (projektiven) Rorschach-Tests „entlarvt"; aber im Leben geht es nicht um Sinngebung, sondern um Sinnfindung. Das Leben ist kein Rorschach-Test, sondern ein Vexierbild. …

Sinn muß gefunden, kann aber nicht erzeugt werden. Was sich erzeugen läßt, ist entweder subjektiver Sinn, ein bloßes Sinngefühl, oder - Unsinn. Und so ist es denn auch verständlich, daß der Mensch, der nicht mehr imstande ist, in seinem Leben Sinn zu finden, ebensowenig aber auch, ihn zu erfinden, auf der Flucht vor dem Sinnlosigkeitsgefühl entweder Unsinn oder subjektiven Sinn erzeugt: während sich ersteres auf der Bühne – Absurdes Theater! - ereignet, geschieht letzteres im Rausch, im besonderen in dem durch LSD induzierten. In diesem Rausch geschieht es aber auch auf die Gefahr hin, daß am wahren Sinn, an den echten Aufgaben draußen in der Welt (im Gegensatz zu den bloß subjektiven Sinnerlebnissen in einem selbst) vorbeigelebt wird.

Mich erinnert das immer an die Versuchstiere, denen kalifornische Forscher Elektroden in den Hypothalamus verpflanzt haben. Wann immer der Strom geschlossen wurde, erlebten die Tiere Befriedigung, sei es des Geschlechtstriebs, sei es des Nahrungstriebs; schließlich lernten sie es, den Strom selber zu schließen, und ignorierten dann die realen Geschlechtspartner und das reale Futter, das ihnen angeboten wurde.

Sinn muß aber nicht nur, sondern kann auch gefunden werden, und auf der Suche nach ihm leitet den Menschen das Gewissen. Mit einem Wort, das Gewissen ist ein Sinn-Organ. Es ließe sich definieren als die Fähigkeit, den einmaligen und einzigartigen Sinn, der in jeder Situation verborgen ist, aufzuspüren.

Aber das Gewissen kann den Menschen auch irreführen. Mehr noch: bis zum letzten Augenblick, bis zum letzten Atemzug weiß der Mensch nicht, ob er wirklich den Sinn seines Lebens erfüllt oder nicht vielmehr sich nur getäuscht hat: ignoramus et ignorabimus. Daß wir nicht einmal auf unserem Sterbebett wissen werden, ob das Sinn-Organ, unser Gewissen, nicht am Ende einer Sinn-Täuschung unterlegen ist, bedeutet aber auch schon, daß das Gewissen des andern recht gehabt haben mag. Aber Toleranz bedeutet nicht Indifferenz; denn den Glauben des Andersgläubigen respektieren heißt noch lange nicht sich mit dem andern Glauben identifizieren.

Wir leben im Zeitalter eines um sich greifenden Sinnlosigkeitsgefühls. In diesem unserem Zeitalter muß es sich die Erziehung angelegen sein lassen, nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern auch das Gewissen zu verfeinern, so daß der Mensch hellhörig genug ist, um die jeder einzelnen Situation innewohnende Forderung herauszuhören. In einem Zeitalter, in dem die Zehn Gebote für so viele ihre Geltung zu verlieren scheinen, muß der Mensch instand gesetzt werden, die 10000 Gebote zu vernehmen, die in den 10000 Situationen verschlüsselt sind, mit denen ihn sein Leben konfrontiert. Dann wird ihm nicht nur ebendieses sein Leben wieder sinnvoll erscheinen, sondern er selbst wird dann auch immunisiert sein gegenüber Konformismus und Totalitarismus - diesen beiden Folgeerscheinungen des existentiellen Vakuums; denn ein waches Gewissen allein macht ihn „widerstands"-fähig, so daß er sich eben nicht dem Konformismus fügt und dem Totalitarismus beugt. So oder so: mehr denn je ist Erziehung - Erziehung zur Verantwortung. Und verantwortlich sein heißt selektiv sein, wählerisch sein. Wir leben in einer affluent society, werden „reizüberflutet" von den mass media, und wir leben im Zeitalter der Pille.

Wollen wir nicht in der Flut all dieser Reize, in einer totalen Promiskuität untergehen, dann müssen wir unterscheiden lernen, was wesentlich ist und was nicht, was Sinn hat und was nicht, was sich verantworten läßt und was nicht.

Meine Damen und Herren: ich spreche zu Ihnen nicht oder zumindest nicht nur als ein Philosoph, sondern als ein Psychiater. Kein Psychiater, kein Psychotherapeut - auch kein Logotherapeut - kann einem Kranken sagen, was der Sinn ist, sehr wohl aber, daß das Leben einen Sinn hat, ja - mehr als dies: daß es diesen Sinn auch behält, unter allen Bedingungen und Umständen, und zwar dank der Möglichkeit, noch im Leiden einen Sinn zu finden, das Leiden auf der menschlichen Ebene in eine Leistung zu transfigurieren - mit einem Wort, Zeugnis abzulegen von etwas, dessen der Mensch fähig ist, eben noch im Scheitern ...

Tatsächlich geht der Logotherapeut nicht moralistisch, sondern phänomenologisch vor. Und tatsächlich fällen wir keine Werturteile über irgendwelche Tatsachen, sondern machen Tatsachenfeststellungen über das Werterleben des schlichten und einfachen Menschen - er ist es, der immer schon darum weiß, was für eine Bewandtnis es hat mit dem Sinn des Lebens, der Arbeit, der Liebe, und, last but not least, des tapfer durchgestandenen Leidens.

… Es wenden sich Patienten an den Psychiater, weil sie am Sinn ihres Lebens zweifeln oder gar daran verzweifeln, einen Lebenssinn überhaupt zu finden. Es hieße nur einen Rat von Kant befolgen, gedächten wir, die Philosophie als eine Medizin anzuwenden.

Wenn sie perhorresziert (abgelehnt) wird, dann liegt der Verdacht nahe, daß es aus der Angst heraus geschieht, mit dem eigenen existentiellen Vakuum konfrontiert zu werden.

Selbstverständlich: Irgendwie kann man auch Arzt sein, ohne sich um dergleichen zu scheren; aber dann gilt, was in analogen Zusammenhängen Paul Dubois gemeint hat, daß man sich dann nämlich vom Tierarzt nur mehr noch durch eines unterscheidet - durch die Klientel.

 

DIE FREIHEIT DES WILLENS (Seite 216 f)

Verantwortung

Was ist nun Verantwortung? Verantwortung ist dasjenige, wozu  man »erzogen« wird, und - dem man sich »entzieht«. Damit deutet die Weisheit der Sprache bereits an, daß es im Menschen so etwas wie Gegenkräfte geben muß, die ihn davon abzuhalten suchen, die ihm wesensgemäße Verantwortung zu übernehmen. Und wirklich - es ist etwas an der Verantwortung, das abgründig ist. Und je länger und tiefer wir uns auf sie besinnen, um so mehr werden wir dessen gewahr - bis uns schließlich eine Art Schwindel packen mag. Denn sobald wir uns in das Wesen menschlicher Verantwortung vertiefen, erschauern wir: es ist etwas Furchtbares um die Verantwortung des Menschen - doch zugleich etwas Herrliches! Furchtbar ist es: zu wissen, daß ich in jedem Augenblick die Verantwortung trage für den nächsten; daß jede Entscheidung, die kleinste wie die größte, eine Entscheidung ist »für alle Ewigkeit«; daß ich in jedem Augenblick eine Möglichkeit, die Möglichkeit eben des einen Augenblicks, verwirkliche oder verwirke. Nun birgt jeder einzelne Augenblick Tausende von Möglichkeiten, ich aber kann nur eine einzige wählen, um sie zu verwirklichen. Alle ändern aber habe ich damit auch schon gleichsam verdammt, zum Nie-sein verurteilt, und auch dies »für alle Ewigkeit«!

Doch herrlich ist es: zu wissen, daß die Zukunft, meine eigene und mit ihr die Zukunft der Dinge, der Menschen um mich, irgendwie - wenn auch in noch so geringem Maße - abhängig ist von meiner Entscheidung in jedem Augenblick. Was ich durch sie verwirkliche,
was ich durch sie »in die Welt schaffe«, das rette  ich in die Wirklichkeit hinein und bewahre es so vor der Vergänglichkeit.

 

Der dialektische Charakter des Menschen

Das Schicksal gehört zum Menschen wie de- Boden, an den ihn die Schwerkraft fesselt, ohne die aber das Gehen unmöglich wäre. Zu unserem Schicksal haben wir zu stehen wie tu dem Boden, auf dem wir stehen - ein Boden, der das Sprungbrett für unsere Freiheit ist.
Freiheit ohne Schicksal ist unmöglich; Freiheit kann nur die Freiheit gegenüber einem Schicksal sein, ein freies Ski-verhalten zum Schicksal. Wohl ist der Mensch frei, aber er ist nicht gleichsam freischwebend im luftleeren Raum, sondern findet sich inmitten einer Fülle von Bindungen. Diese Bindungen sind jedoch die Angriffspunkte für seine Freiheit.

Freiheit setzt Bindungen voraus, ist auf Bindungen angewiesen. Aber diese Angewiesenheit bedeutet keine Abhängigkeit. Der Boden, auf dem der Mensch geht, wird im Gehen jeweils auch schon transzendiert und ist ihm Boden letztlich eben nur so weit, als er transzendiert wird, Absprungbasis ist. Wollte man den Menschen definieren, dann müßte man ihn bestimmen als jenes Wesen, das sich je auch schon frei macht von dem, wodurch es bestimmt ist (als biologisch-psychologisch-soziologischer Typus bestimmt ist); jenes Wesen also, das alle diese Bestimmtheiten transzendiert, indem es sie überwindet oder gestaltet, aber auch noch während es sich ihnen unterwirft.

Diese Paradoxie zeichnet den dialektischen Charakter des Menschen ab, zu dessen Wesenszügen seine ewige Unabgeschlossenheit und Sich-selbst-Aufgegebenheit gehören: seine Wirklichkeit ist eine Möglichkeit, und sein Sein ist ein Können. Niemals geht der Mensch in seiner Faktizität auf. Mensch-sein - so konnten wir sagen – heißt nicht faktisch, sondern fakultativ sein!

Das menschliche Dasein ist Verantwortlich-sein, weil es Frei-sein ist. Der Tisch, der vor mir steht, ist und bleibt so, wie er nun einmal ist, zumindest von sich aus, d. h. wenn er nicht von einem Menschen verändert wird; der Mensch jedoch, der an diesem Tisch mir gegenüber sitzt, entscheidet jeweils noch, was er in der nächsten Sekunde »ist«, was er im nächsten Moment etwa zu mir sagen oder vielleicht mir verschweigen wird.

Artikel ganz lesen

 

 

 

Wie die Beschreibung der Kindheit in der NAK ... :

 

Zur Genese der Dummheit

Th.W.Adorno, Max Horkheimer: Dialektik der Aufklärung

Das Wahrzeichen der Intelligenz ist das Fühlhorn der Schnecke »mit dem tastenden Gesicht«, mit dem sie, wenn man Mephistopheles glauben darf, auch riecht. Das Fühlhorn wird vor dem Hindernis sogleich in die schützende Hut des Körpers zurückgezogen, es wird mit dem Ganzen wieder eins und wagt als Selbständiges erst zaghaft wieder sich hervor. Wenn die Gefahr noch da ist, verschwindet es aufs neue, und der Abstand bis zur Wiederholung des Versuchs vergrößert sich. Das geistige Leben ist in den Anfängen unendlich zart. Der Sinn der Schnecke ist auf den Muskel angewiesen, und Muskeln werden schlaff mit der Beeinträchtigung ihres Spiels. Den Körper lähmt die physische Verletzung, den Geist der Schrecken. Beides ist im Ursprung gar nicht zu trennen.

Die entfalteteren Tiere verdanken sich selbst der größeren Freiheit, ihr Dasein bezeugt, daß einstmals Fühler nach neuen Richtungen ausgestreckt waren und nicht zurückgeschlagen wurden. Jede ihrer Arten ist das Denkmal ungezählter anderer, deren Versuch zu werden schon im Beginn vereitelt wurde; die dem Schrecken schon erlagen, als nur ein Fühler sich in der Richtung ihres Werdens regte. Die Unterdrückung der Möglichkeiten durch unmittelbaren Widerstand der umgebenden Natur ist nach innen fortgesetzt, durch die Verkümmerung der Organe durch den Schrecken. In jedem Blick der Neugier eines Tieres dämmert eine neue Gestalt des Lebendigen, die aus der geprägten Art, der das individuelle Wesen angehört, hervorgehen könnte. Nicht bloß die Prägung hält es in der Hut des alten Seins zurück, die Gewalt, die jenem Blick begegnet, ist die jahrmillionenalte, die es seit je auf seine Stufe bannte und in stets erneutem Widerstand die ersten Schritte, sie zu überschreiten, hemmt. Solcher erste tastende Blick ist immer leicht zu brechen, hinter ihm steht der gute Wille, die fragile Hoffnung, aber keine konstante Energie. Das Tier wird in der Richtung, aus der es endgültig verscheucht ist, scheu und dumm.

Dummheit ist ein Wundmal. Sie kann sich auf eine Leistung unter vielen oder auf alle, praktische und geistige, beziehen. Jede partielle Dummheit eines Menschen bezeichnet eine Stelle, wo das Spiel der Muskeln beim Erwachen gehemmt anstatt gefördert wurde. Mit der Hemmung setzte ursprünglich die vergebliche Wiederholung der unorganisierten und täppischen Versuche ein. Die endlosen Fragen des Kindes sind je schon Zeichen eines geheimen Schmerzes, einer ersten Frage, auf die es keine Antwort fand und die es nicht in rechter Form zu stellen weiß. Die Wiederholung gleicht halb dem spielerischen Willen, wie wenn der Hund endlos an der Türe hochspringt, die er noch nicht zu öffnen weiß, und schließlich davon absteht, wenn die Klinke zu hoch ist, halb gehorcht sie hoffnungslosem Zwang, wie wenn der Löwe im Käfig endlos auf und ab geht und der Neurotiker die Reaktion der Abwehr wiederholt, die schon einmal vergeblich war. Sind die Wiederholungen beim Kind erlahmt, oder war die Hemmung zu brutal, so kann die Aufmerksamkeit nach einer anderen Richtung gehen, das Kind ist an Erfahrung reicher, wie es heißt, doch leicht bleibt an der Stelle, an der die Lust getroffen wurde, eine unmerkliche Narbe zurück, eine kleine Verhärtung, an der die Oberfläche stumpf ist.