Aquarell D. Streich

"‚Du bist angenommen!‘ Angenommen, bejaht durch das, was größer ist als Du, und dessen Namen Du nicht kennst. Frage jetzt nicht nach dem Namen, vielleicht wirst Du ihn später finden. Versuche jetzt nicht, etwas zu tun, vielleicht wirst Du später viel tun. Trachte nach nichts, versuche nichts, beabsichtige nichts. Nimm nur dies an, dass Du angenommen bist.“ Aus einer Predigt  von Paul Tillich am 20. August 1946

Theologisch orientierte Artikel DS:

18.5.2021 Pfingsten – Tatsächlicher Geburtstag der (NAK-)Kirche Christi oder falsche Bibelinterpretation? Theologische Denkanstöße zum bevorstehenden Pfingstfest   DS​

​Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies? - Der Mensch zwischen Selbstanspruch und erlebter Wirklichkeit Detlef Streich, Februar 2021; ​

23.2.21 Conclusio: Nachbetrachtung, Zusammenfassung, weitere Thesen und alte und neue Fragen zum Nach-Denken

Johannes Scottus Eriugena: Und was der Schärfe des Geistes entgeht – Physikalische und theologische Betrachtungen zu Eriugenas Schrift „Eintheilung der Natur“; Autor: Detlef Streich 18.4.2020

Die Gottesfrage aus multifaktorieller Sicht – Eine fragmentarisch angerissene Betrachtung über das was ist oder nicht ist (Autor: Detlef Streich im Jan. 2020)

Kirche, Religion und Glaube im 21.JHD

JHWH -Ein Gott mit Lebenslauf? Oder: Am Anfang war der Irrtum Bibelarbeit zum Prolog des Johannesevangeliums

De(n)kalog -  10 neue DenkANGEBOTE für  Menschen, die Zweifel haben, an welcher Kirche auch immer … 

Vorbemerkung:

Religiöser Wahn macht nur dann nichts, wenn es ein System gibt, in das er sich einordnen lässt und in dem der normal Denkende zum belächelten Außenseiter wird. Gilt also der Satz des Kabarettisten Wilfried Schmickler?

Lieber einen Blender als gar keine Lichtquelle!

Nein, natürlich nicht.

Deshalb finden Sie auf dieser Seite  alternative, theologisch orientierte Denkansätze und Impulse als Gegenangebot wider das "Betreute Denken und Glauben" in der NAK!

"Der strategische Umgang mit der historischen Wahrheit um einer höheren Wahrheit willen ist ein Erbübel des verfassten Christentums. Da haben die Evangelisten Tatsachen erfunden, und bis in unsere Tage war es Christen streng verboten, sie auch nur zu bezweifeln. Die Geschichte der rationalen Bibelkritik seit der frühen Neuzeit zeigt, wie das starre Festhalten an den biblischen Tatsachenwahrheiten die Glaubwürdigkeit der christlichen Botschaft insgesamt beschädigte. Noch heute versuchen die Amtskirchen, die theologische Aufklärung des Kirchenvolkes zu verhindern. Das ist sogar verständlich, denn was bleibt vom "Kern" des Christentums übrig, wenn man seine fiktiven Schalen entfernt? [...] Ein besonders folgenreicher Geburtsfehler des Christentums ist der Import des Platonismus, der durch die Anstrengungen der Kirchenväter erfolgte, ihren Glauben der hellenistischen Welt als die überlegene Philosophie zu präsentieren. Das Resultat war eine ontologische Aufspaltung der Wirklichkeit in Diesseits und Jenseits sowie der Leib-Seele-Dualismus. Beide Denkmodelle, die Platon in neuplatonischer Vermittlung repräsentieren, bestimmen das christliche Denken bis heute, obwohl sie in Wahrheit mit dem Kernbestand des Alten und Neuen Testaments unvereinbar sind.​"Quelle: Herbert Schnädelbach aus Die Zeit Nr 20/ 2000 Artikel ganz lesen

Auszüge aus dem Buch "Ich glaube, ich zweifle - Notizen im Nachhinein (Günter Weber)"

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18.5.2021 Pfingsten – Tatsächlicher Geburtstag der (NAK-)Kirche Christi oder falsche Bibelinterpretation? Theologische Denkanstöße zum bevorstehenden Pfingstfest 2021  DS (Fassung vom 24.5.21)

Gewidmet und zur Erinnerung an den katholischen Pfarrer Klaus Braden (verstorben 2008) und den neuapostolischen Bezirksältesten Will Andrich (verstorben 2006)

Worum es geht:Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen […]“ (Apostelgeschichte 2,1-4)

„Wenn aber der Tröster kommen wird, den ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird Zeugnis geben von mir“ (Johannes 15,26).

Alle Jahre wieder nimmt die Kirchenleitung der NAK das Pfingstfest zum Anlass und behauptet, dass die damalige Ausgießung (?) des Heiligen Geistes der Geburtstag der Kirche sei. Aber stimmt das auch?Im Zitat „setzte er sich auf sie“, als Geist der Wahrheit, gesandt von Jesus , und sie fingen an zu predigen: „Tut Buße und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes“ (Apostelgeschichte 2,38).

Historisch gesicherte Fakten sind, dass das anfängliche Christentum 280 Jahre lang vom römischen Reich verbannt war, die Mitglieder der urchristlichen Gemeinden (ca. ab dem zweiten Jahrhundert) wurden verfolgt und bestraft. Erst nach der Bekehrung des römischen Kaisers Konstantin und durch sein Toleranzedikt im Jahr 313 legalisierte sich das Heidenchristentum. Der für die Anfangszeit mitunter verwendete Begriff "Urkirche" - besser wäre es, vom Urchristentum, bzw. von  Ur- oder Erstgemeinden zu sprechen - meint die sogenannten Judenchristen, die sich in der Zeit, als die ersten Apostel noch lebten, als kleine, jüdische Randgruppe bildeten. Sie sahen in Jesus keinen anzubetenden Gottessohn, sondern den verheißenen Messias.  Erst die aufkommende  paulinische Theologie  mit ihrer nun konkreten heilsgeschichtlichen Bedeutung führte (ca.135) - in Anlehnung an bereits vorhandene Mysterienkulte -  zu einer deutlichen Abgrenzung vom Judentum (ausführlicher Artikel zum Thema).

War das Pfingstgeschehen also eine (jüdische?) Kirchengründung? Keinesfalls, wie gezeigt wurde! 

Folglich gab es faktisch auch keine erste, apostolische Kirche (Sprachgebrauch Frühregen)! Dies ist eine in den apostolischen Kirchen gerne angeführte, aber falsche  Behauptung als Ursache ihrer eigenen Legitimation (19.Jhd.: Spätregen) in Interpretation des Zitates:  

"Habt nun Geduld, Brüder, bis zur Ankunft des Herrn. Siehe, der Ackersmann wartet auf die köstliche Frucht der Erde und hat Geduld ihretwegen, bis sie den Früh- und Spätregen empfange." [Jak 5,7]

Wenn es also faktisch keine erste, apostolische Kirche gab, braucht es erst recht auch keine zweite, die anlässlich des Pfingstfestes sich selbst und ihren vermeintlichen Geburtstag feiert.

Die NAK im Jahr 1982 sah sich selbst aber dennoch wie folgt:

„Die Neuapostolische Kirche ist nach Gottes Willen die unmittelbare Fortsetzung und Vollendung der von Ihm selbst durch den Heiligen Geist zu Pfingsten in Jerusalem gegründeten christlichen Urkirche
Quelle: BStU, MfS, HA XX/4 3003, Bl. 6., Schreiben Rechtsanwalt und Notar Bruder (xxx), Fachanwalt für Steuerrecht aus Recklinghausen vom 26.07.1982 an den Stap  Hans Urwyler in Zürich, „Entwurf der zu erstellenden Verfassung der Kirche“, Bl. 6-19.   

Bis soweit also der historische Befund!

Und theologisch heute? Im  Katechismus der NAK wird das zwar anders ausgedrückt, das eigene Selbstverständnis ist aber grundsätzlich geblieben. Stap Schneider predigte in Vorbereitung auf Pfingsten am 16. Mai 2021 in der neuapostolischen Gemeinde zu Saarbrücken und leitete zunächst auch historisch ein (zitiert aus der Transkription von Dieter Kastl):

Wir bereiten uns auf das große Pfingstfest vor […] und in diesem Gedanken bin ich auf dieses Wort gestoßen, wo der Herr seine Apostel und seine Jünger eigentlich auch auf Pfingsten vorbereitet hat. Er hat ihnen erklärt, ihr werdet den Heiligen Geist empfangen, der wird auf euch kommen und dieser Geist wird euch dann die Kraft geben euren Auftrag auszuführen und hat sie daran erinnert, was ist ihr Auftrag, ihr sollt meine Zeugen sein in Jerusalem, in ganz Judäa, in Samarien und bis an das Ende der Erde.“

So weit, so gut. Aber nach diesen einleitenden Worten schlägt Schneider den Bogen zur heutigen Zeit und sagt in Bezug auf die Neu-Apostolische-Kirche:

Natürlich – dieser Auftrag gilt nicht nur für die Apostel damals, für die Christen damals, er gilt für jeden Geistgetauften. Wir haben die Gabe des Heiligen Geistes empfangen.  […] Wir sollen allen Menschen diese Botschaft weitergeben, Jesus Christus […] hat seine Kirche aufgerichtet auf Erden, er hat die Apostel gesandt, er kommt wieder.“

Bereits diese ersten Ausführungen zeigen die Widersprüche zu Schneiders Behauptungen deutlich auf: Die ersten Apostel (= Gesandten) waren lediglich als Zeitzeugen beauftragt, von ihren Erlebnissen mit Jesus zu berichten, und „Christen damals“ gab es schlichtweg ebenso wenig wie Geistgetaufte!

„Geistgetaufte“ sind  – in neuapostolischer Unterscheidung zu nur getauften Christen - aus der Sicht der NAK explizit und exklusiv nur ihre eigenen, versiegelten – also geistgetauften - Mitglieder! Schneider stellt hier also fälschlich den Christen von damals (nochmals: die es noch gar nicht gab!) die Geistgetauften klar gegenüber (die es damals auch noch nicht gab!)! Dennoch hatten und haben aus der Sicht Schneiders aber nur sie (will heißen: alle neuapostolischen Kirchenmitglieder) diesen angesprochenen Auftrag, der als Missionsbefehl am Ende des Matthäusevangeliums wie folgt zu lesen ist:

Matthäus 28,18ff „Und Jesus trat herzu, redete mit ihnen und sprach: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“

Zwei klare Aussagen und Aufforderungen stehen - basierend auf der vollumfänglichen Macht Jesu - in diesem Text:

  1. Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes

Von einer einzigen Taufe im Namen (!) des heiligen Geistes ist hier die Rede, nicht aber von einer gesonderten Geistestaufe.

  1. Lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe

Was ich euch befohlen habe“ beschränkt also das zu Lehrende allein auf die überlieferten Lehren Jesu! Neuoffenbarungen, die Schneider ständig in seinen Predigten einfügt (Jesus will …, Jesus sagt, dass …, Jesus wird … etc), sind unbiblisch und somit klar als falsche Lehre anzusehen, da sie keine konkreten Zitate aus den Evangelien bzw. Überinterpretationen von wirklichen Zitaten sind (was zumeist der Fall ist!). Im Besonderen gilt das auch für die in der Internationalen Bezirksapostelversammlung 2018 auf 5 Seiten festgelegten, äußerst dezidierten Vorstellungen für den Fall der Wiederkunft Jesu und was dann in den verschiedenen Abschnitten des Heilsplanes geschieht (siehe offizielles Protokoll von BezAp Ehrich). 

Aber all das entspricht dem neuapostolischen Katechismus, denn laut Leitgedanken 02/2020 gilt für den Stammapostel und seine Apostel:

  • Die neuapostolische Lehre beruht auf den Aussagen der Bibel, gegebenenfalls vertieft durch Erkenntnisse aus dem Heiligen Geist, die vom Stammapostel zur Lehre erklärt werden. 
  • „Die neuapostolische Lehre resultiert aus der in der Kraft des Heiligen Geistes vorgenommenen Interpretation der Heiligen Schrift durch die Apostel. Definiert und endgültig festgelegt durch den Stammapostel kommt sie in den öffentlichen Verlautbarungen der Kirche klar zum Ausdruck, insbesondere im Katechismus

Im Neuapostolischen Katechismus wird behauptet (Quelle: Der Katechismus in Fragen & Antworten – Neuapostolische Kirche International (nak.org) ):

516. „Versiegeln“ bedeutet in den neutestamentlichen Briefen die Übermittlung der Gabe des Heiligen Geistes: „Gott ist’s aber, der uns fest macht samt euch in Christus und uns gesalbt und versiegelt und in unsre Herzen als Unterpfand den Geist gegeben hat“ 

Schon 516 ist in sich widersprüchlich, da einerseits von Übermittlung die Rede ist, andererseits aber zu Recht Gott selbst als der bezeichnet wird, der fest macht, salbt und versiegelt!

Auch das folgende Zitat lässt keinesfalls den dahinter gezogenen Schluss zu, dass die Empfängnis des Heiligen Geistes an vermittelnde Apostel, ja sogar an den Glauben an diese Apostel geknüpft ist. Natürlich kann der Heilige Geist, der bekanntlich weht, wo er will (!),  auch empfangen werden, während die Apostel den Gläubigen die Hände auflegten, eine Kausalität ergibt sich daraus jedoch nicht. Auch die folgenden, gekürzten Aussagen sind demnach unbiblisch und völlig falsch, basieren nicht auf den Evangelien und sind sogar anmaßend, weil die NAK Gottes Souveränität für ihr eigenes Apostolat beansprucht und damit einschränkt!

524 Apostelgeschichte 8,14 ff.: „Als aber die Apostel in Jerusalem hörten, dass Samarien das Wort Gottes angenommen hatte, sandten sie zu ihnen Petrus und Johannes. Die kamen hinab und beteten für sie, dass sie den Heiligen Geist empfingen. Denn er war noch auf keinen von ihnen gefallen, sondern sie waren allein getauft auf den Namen des Herrn Jesus. Da legten sie die Hände auf sie und sie empfingen den Heiligen Geist.“ Nach diesem Zeugnis der Schrift ist die Heilige Versiegelung an das Apostelamt gebunden.

525. Das Sakrament der Heiligen Versiegelung wird durch Apostel gespendet,

526 Die Heilige Versiegelung setzt beim Empfangenden den Glauben an den dreieinigen Gott und die von Jesus Christus gesandten Apostel voraus

530.  Bei der Heiligen Versiegelung wird der Mensch bleibend mit Heiligem Geist erfüllt. Gott schenkt ihm Anteil an seinem Wesen; dabei werden Gottes Kraft, Gottes Leben und Gottes Liebe dem Menschen geschenkt […] Der Versiegelte ist Eigentum Gottes […] Der Mensch ist nun Gotteskind,

Dass all das aus theologischer Sicht blanker Unsinn ist, wusste auch schon der ehemalige Bezirksälteste und scharfsinnige Oberamtsanwalt Will Andrich, zu dem ich ab 2000 einen sehr engen Kontakt pflegte. Er schlussfolgerte:

„Da der Heilige Geist sprechen, trösten, hören, reden, zeugen, schreiben, nehmen, geben, voraussagen, leiten, überführen, erneuern, aussenden, verkündigen, offenbaren, verklären, von den Toten auferwecken, betrübt werden kann, ist er Person!

Das Fazit wäre: Eine Person kann nicht gespendet, sie kann aber empfangen werden! Über Sachen kann ein Mensch verfügen, nicht aber über eine göttliche Person.

Die Konsequenz:

Die Problemstellung dieser Frage »Person oder Kraft?« hat eine nicht unerhebliche praktische Bedeutung für die „Spendung des Heiligen Geistes“. – Eine Spende [Spendung] ist nach dem Sprachgebrauch eine Verfügung über Vermögen oder eine sonstige Sache. Kann je ein Mensch, auch ein ordinierter Amtsträger – gleich welcher Bezeichnung – , über den Heiligen Geist - weil „göttliche Person - verfügen? - Der Heilige Geist ist frei und souverän wie Gott, der Vater, und Gottes Sohn! -  Ist die Sendung des Heiligen Geistes – wie die des Sohnes Gottes – nicht ausschließlich eine Gabe, die Gott - souverän wann und wenn ER will! – z. B. bei der Handauflegung der Apostel schenkt, aber nicht schenken muß? (Vgl. Joh. 3, 8; Luk. 11, 11-13; Gal. 4,6).“

In einer weiteren Zusammenstellung schrieb Andrich treffend:

„Ursache und Ursprung dieses unbiblischen Sprachgebrauchs und der damit verbundenen Ablenkung vom Opfer Jesu liegen 40 Jahre zurück:

 „Amtsblatt“ vom 15. November 1960 (Auszüge)

Nur ein Altar!

                                                        Psalm 26, 6      

Sonntag, den 4. 12. 1960

 „Ich wasche meine Hände in Unschuld und halte mich, Herr, zu deinem Altar.“

»... Wir sind nicht dem Menschen Bischoff, sondern dem Gesandten des Herrn gefolgt, den dieser uns zur Führung seines Werkes gegeben hatte, wie auch Jesus einst in der Urkirche seine Knechte erwählte, die dann Apostel genannt wurden. [...]

Der Wille Gottes aber ist, daß sein Werk vollendet werde. Dazu gab er seinen Aposteln Auftrag, Vollmacht und die notwendigen Gaben, um Erlöserdienste tun zu können. Dazu gab er auch einen Altar, wo solches geschieht. [...]

Der Herr hat auch in unseren Tagen oft dem heimgegangenen Stammapostel seine Engel gesandt, damit er in seinem heißen Ringen gestärkt wurde. [...]

Der lebendige Altar hat auch Verbindung mit denen, die längst in die Ewigkeit gegangen sind. Johannes sah „unter dem Altar die Seelen derer, die erwürgt waren um des Wortes Gottes willen und um des Zeugnisses willen, das sie hatten. [...]

In gegenwärtiger Zeit stehen zahllose Altäre auf Erden. Nur zu einem hat sich der Herr bis heute bekannt, und das wird auch so bleiben. Dieser Altar im Gnaden‑ und Apostelamt hat einen besonderen Auftrag vom Herrn. Dieser besteht nicht allein im Verkündigen des Evangeliums oder Halten von Gottesdiensten auf Grund der Heiligen Schrift, sondern ist mit der ganz bestimmten Arbeit betraut, Befreiung vorn ewigen Tod zu bringen, Erlösung und damit Rückkehr zu Gott. [...]

Dieser Altar spendet nicht nur Gnade und Vergebung, sondern auch den Heiligen Geist. ...Von dem einen Altar des Herrn wird mit Nachdruck auf den Tag der Ersten Auferstehung hingewiesen ... Wer hat denn unser Glaubensleben geformt? Der Herr durch den Stammapostel und die Apostel! [...]

Also, das will sagen:

Der Altar  ist das Apostelamt und

  • der einzige Ort, an dem wir Verbindung mit dem Dreieinen haben
  • der einzige Ort, an dem wir Worte des ewigen Lebens empfangen
  • hat Verbindung mit der Ewigkeit
  • spendet Gnade
  • spendet Vergebung
  • spendet den heiligen Geist
  • spricht vom Wiederkommen Jesu
  • usw.

Dem widersprechen alle Aussagen in den Evangelien und Briefen, man lese einfach nach!

Galater 3, 2

nach der Luther-Übersetzung 1912

»Das allein will ich von euch lernen:

Habt ihr den Geist empfangen

durch des Gesetzes Werke

oder

durch die Predigt vom Glauben?“

(Zitat Ende)

Sowohl also Schneiders Äußerungen als auch die Darstellungen im Katechismus sind demnach als falsche Lehre, als Unwahrheit anzusehen! Und: Sie sind keineswegs nur theologische Irrtümer oder Fehlinterpretationen. Sie sind bewusst und zielgerichtet konstruiert, um dem eigentlichen Anliegen, nämlich dem Erhalt der NAK, einen pseudotheologischen Grund zu geben und den Anschein von biblisch orientierter und begründbarer Wahrheit zu erwecken.

Und hier liegt ein noch tieferes Problem grundsätzlicher Art bereits in den sehr frühen Anfängen der Kirche: Der Bezug auf die eigentliche Lehre des Juden Jesus ist bis zur Unkenntlichkeit ersetzt worden durch einen dogmatisch ausgerichteten Kirchenglauben. Dazu ein Zitat aus einem sehr beachtenswerten Vortrag von Hubertus Halbfas - Traditionsbruch und Neubeginn - Jubiläumsvortrag (wir-sind-kirche.de) zum Paradigmenwechsel am Ende der überlieferten Kirchengestalt.

Auszug S. 4 f: Über das Ende einer Kirchengestalt

"Der verlorene Anfang

"Der Jude Jesus, der in jüdischer Weise glaubte und in der bekannten alltäglichen Welt ihre göttliche Bestimmung zur Sprache brachte, hat mit seiner Botschaft in den ersten Jahrzehnten nach seinem Tod nur in der palästinischen Welt überlebt. Die Dokumente, die davon zeugen, sind die Spruchquelle Q und das Thomasevangelium. Beide Schriften geben ausschließlich die Verkündigung Jesu weiter, kennen aber weder Wundererzählungen noch Passionsgeschichte und Osterbotschaft. Sie zeugen davon, dass im palästinischen Bereich die Jesusbewegungen – ohne eigene Gemeindegründungen – das fortsetzten, was der Wanderlehrer Jesus seinerseits tat und seine Schülerinnen und Schüler zu tun lehrte. Ganz anders die Entwicklung in den hellenistischen Städten. Hier fanden im Milieu des Diasporajudentums und des damit sympathisierenden Heidentums von Anfang an Gemeindegründungen statt. Aus ihnen ging ein Christuskult hervor, dessen zentrale Botschaft nicht mehr die Reich-Gottes-Programmatik Jesu war, sondern die Deutung des Todes Jesu und die Verkündigung seiner Auferstehung. Während Jesus als sein Evangelium lehrte, wie in dieser Welt mitmenschlich gelebt werden kann (wenn dieses Leben ganz von Gott her verstanden wird), wurde dieser Inhalt nun ausgetauscht gegen die Botschaft von Jesus als dem Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen. Das zentrale Programm Jesu trat zurück hinter die Deutung seiner Person. Während Jesus keine Lehre verkündete, die zu glauben sei, sondern eine Existenzform praktizierte, die gelebt werden will, entwickelte sich im hellenistischen Milieu die metaphysische Vorstellung von einem präexistenten Gottessohn, den Gott gesandt habe, um die Menschheit durch seinen Tod am Kreuze wieder mit sich zu versöhnen. Eine Folge dieser gar nicht zu überschätzenden Differenz ist die in den heutigen Kirchen total gewordene Verwirrung im Verständnis dessen, was unter Evangelium zu verstehen ist. Zugleich gewinnt der mit neuem Inhalt gefüllte Begriff Evangelium einen veränderten Grundton. Paulus fordert nun „Glaubensgehorsam“ (Röm 1,5; 16,26). [...] S. 7 Das gängige Gottesbild zeigt sich so patriarchalisch und einseitig maskulin fixiert, dass es in der Vergangenheit zahllose Einzelschicksale mehr belastet als befreit hat. Die katholische Kirchenhierarchie verlor ihre Fähigkeit zum Hinhören und zu kommunikativen Prozessen. Sie sieht sich in der Mitte großer Volksmengen, von der aus man aber nicht mehr wahrnimmt, in welchem Ausmaße die Ränder abbrechen. Auch die Spiritualität hat in ihrer dogmatischen Prägung erhebliche Verengungen erfahren.[...] Aber an der kirchlichen Wahrnehmung und zumal am kirchlichen Problembewusstsein gehen diese Entwicklungen glatt vorbei. Das kann nicht gut enden. Die beschriebenen Prozesse wirken sich zwar auf die bestehenden Kirchen aus, entziehen sich aber durchweg ihrem kritischen Bewusstsein, solange ein relativ fundamentalistischdogmatisches Gehäuse alle Zerfallserscheinungen außerkirchlichen Einflüssen zuschreibt. "

Günter Weber, ein ehemaliger katholischer Katechet, kommt zu ähnlichen Überlegungen:

„Zwar ist und bleibt der Glaubensakt, falls es sich nicht um jenen typischen Konfessionsglauben handelt, der mit Glauben so ziemlich gar nichts zu tun hat, als vertrauendes Sicheinlassen auf Gott immer ein Wagnis, und es gibt keine absoluten Sicherheiten, auf die er sich stützen kann. [...] Auf Mythen, Bilder und Legenden oder gar auf Träume und Poesie mag auch die Kirche die Fundamente ihrer Kathedralen und Dome nicht gründen. Dieser Boden ist ihr nicht sicher genug. Da müssen, bedingt durch das Glaubensklientel, das sie sich geschaffen hat, schon handfestere Tatsachen her. Und wo es die nicht gibt, da müssen sie eben geschaffen werden. Dies hat die Kirche auch getan und tut es heute noch. […] Was in der kirchlichen Lehrverkündigung als historische Tatsachen dargestellt und unter Glaubenszwang gestellt wird, beruht zumeist auf einer Interpretation biblischer Texte, die schlichtweg falsch ist und der Eigenart der Bibel und ihrer Verfasser nicht gerecht wird. Im Gegenteil – da wird der Sinn zum Unsinn verfälscht, womit der biblische Glaube nicht weniger als der Lächerlichkeit preisgegeben wird. [...]

Jesus hatte seinen Gott im Bild des guten Vaters geschildert. Es war ein Gott, der dem schuldig gewordenen Sohn entgegeneilt, ihn, ohne Vorausleistungen zu fordern, in seine Arme nimmt und ihm bedingungslos vergibt. Doch nicht das Gottesbild Jesu wurde zur Mitte des kirchlichen Glaubens und des kirchlichen Kultes, sondern das heidnisch-mythische Bild von einer Gottheit, die durch den Ungehorsam eines einzigen Menschen unendlich beleidigt worden war und nur durch Menschenblut, durch den Sühnetod des eigenen Sohnes, versöhnt werden konnte.“ Quelle Günter Weber, Zitate aus dem Buch:  Ich glaube, ich zweifle – Notizen im Nachhinein

Im Aufsatz „Die Parodie vom Heiligen Geist, der seit Pfingsten unter kirchlicher Verwaltung steht“ merkt  R. Stiegelmeyr fragend an:

Im Bewusstsein, dass der Heilige Geist im Grunde also all jene Eigenarten meidet, die heute in Kirche wie in Gesellschaft an der Tagesordnung sind, schließt sich der Kreis. Das Gegenteil von Falschheit ist Wahrheit und das Gegenteil von Unverstand ist Verstand. Wo wird in den Kirchen Wahrheit und Verstand zugelassen, wenn sie am heiligen System Kirche zu kratzen wagen? Wo kann sich noch die Kraft des besseren Arguments durchsetzen? Welcher Klerus lässt die Wahrheit des göttlichen Geistes die Menschen frei machen von Fremdbestimmung und Glaubenszwang? […]

Hier hat Kirche sich selber eben dadurch ad absurdum geführt, dass nahezu nirgendwo die treibende, einende und Frieden stiftende Kraft des göttlichen Geistes wahrnehmbar ist und den Beweis göttlicher Provenienz anzutreten in der Lage wäre. Die Austrittszahlen sprechen hier eine beredte Sprache. Und doch redet man in schwülstigen Worthülsen weiter aneinander vorbei, macht Nebensachen zu Hauptsache und deckt über Letztere den Mantel des Schweigens.

2001 begann ich einen Mailkontakt mit dem sehr streitbaren katholischen Pfarrer Braden auf Grund seiner beeindruckenden Predigten, die er auf seiner damaligen Homepage ins Netz gestellt hatte. In einer Mail schrieb er mir:

(5.6.2001) Lieber Herr Streich,

Ich habe gerade in der letzten Zeit mehrmals darüber gesprochen bzw. gepredigt, dass in autoritätshörigen Kirchen (da gehört die katholische und die neuapostolische dazu)  oft vergessen wird, dass wir nicht AN die Kirche glauben dürfen, sondern uns ZUR Kirche bekennen sollen. Das ist es ja, was uns beide vermutlich stark verbindet.  In konservativen Kreisen aber begreift man das nicht. In einem theologischen Diskussionsforum hatte ich das mal angesprochen, doch die anwesenden "Theologen" schienen das überhaupt nicht zu begreifen, bzw. als Problem zu sehen, wobei es für alle Lateiner schon im Credo deutlich wird:

Credo in deum  und  credo ecclesiam catholicam et apostolicam*

Das ist so eindeutig, dass man den Kopf schütteln muß über so viel Insider-Blindheit.

Dazu noch meine Pfingstpredigt über des Geistes Neue Kleider.

Liebe Grüße Ihr Klaus Braden


*Anmerkung: Mit catholicam meint Pfarrer Braden hier in Bezug zum Nicäno-Konstantinopolitanumdie umfassende, allgemeine, dem gemeinsamen Glauben gemäße Kirche“, nicht die Konfession.

Seine sehr mutige Predigt „Des Geistes neue Kleider“ (oder auch „Kirche in Unterhosen“) soll hier den theologischen Abschluss dieser komprimierten Denkanstöße zum bevorstehenden Pfingstfest bilden, denn „Denken ist nur in Sekten verboten!“ (Will Andrich) Und Klaus Baden predigte einmal: „Wir bekommen  keinen Schnupfen, wenn der Papst mal hustet, sondern wir empfehlen ihm, sich wärmer anzuziehen!“

Daran sollten sich auch neuapostolische Amtsträger orientieren und sich eher der Wahrheit verpflichtet sehen als dem Kadavergehorsam und Selbstbetrug der von Religionsbürokraten  eingeforderten Apostelnachfolge!

Johannes 8, 31f: Da sprach nun Jesus [...]: So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. 

Dass dies aber vermutlich ein "frommer Wunsch" bleibt, zeigt die leider nach wie vor immer noch gültige Aktualität eines bei seemoz veröffentlichten Artikels von mir aus dem Jahr 2011.  

 

Predigt zu Pfingsten 2001 (Klaus Braden): Des Geistes Neue Kleider

Meine lieben Mitchristen,

heute möchte ich Ihnen ein Märchen erzählen, es stammt von Hans Christian Andersen und heißt: des Kaisers neue Kleider.

Zwei Gauner machen sich die Eitelkeit des Kaisers zunutze. Sie geben sich als tüchtige Tuchweber und Schneider aus und behaupten solch zarte und feine Stoffe weben und verarbeiten zu können, daß nur die edelsten und vornehmsten Menschen sie überhaupt mit ihren Augen wahrzunehmen imstande wären. Wer ihre Stoffe und Kleider nicht sehen kann, so verbreiten sie, der sei untüchtig und unfähig, selbst wenn er ein hohes Amt bekleide.

Natürlich bestellt der Kaiser sich sogleich solche vornehmen und edlen Kleider und die Gauner tun so, als webten und nähten sie Tag um Tag, obwohl sie absolut nichts in Händen haben. Und als der Kaiser seine Würdenträger los schickt, um den Fortgang der Arbeit zu begutachten, da ist auch für sie absolut nichts zu sehen, aber sie loben die Stoffe und die Jacken und die Hosen, weil sie sich keine Blöße geben wollen und weil sie nicht untüchtig erscheinen wollen, denn die Gauner hatten ja gesagt: wer die Gewebe nicht zu sehen vermag, der sei ein Versager, der tauge nicht zu einem hohen Amt. Als man endlich dem Kaiser die neuen Kleider, die es gar nicht gab, zum Anziehen überreicht, da sieht er auch nichts. Aber er darf sich ja nicht blamieren und seine Unfähigkeit zum hohen Amt eingestehen und so lobt er die neuen Kleider, die es ja gar nicht gibt über die Maßen, zieht sie an und schreitet in feierlicher Prozession durch die Straßen. Die Minister und das ganze Volk jubeln, obwohl der Kaiser doch in Unterhosen daherkommt. Nur ein kleines Kind ruft auf einmal in die festliche Stimmung hinein: Seht doch, der Kaiser hat ja gar nichts an.

Und Lug und Trug der großen wie der kleinen Leute zerplatzen wie eine Seifenblase. Weil ein einziges kleines Kind ehrlich und wahrhaftig war, fiel der ganze unehrliche Zauber, das ganze komplizierte Gebilde aus Lüge und Eitelkeit wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Die Moral von der Geschichte ist ja klar: Auch wir Christen sollten  wie das Kind im Märchen ehrlich und wahrhaftig sein.

Mir fiel diese Geschichte ein, als ich über Pfingsten und den Heiligen Geist nachdachte. Denn wir alle reden wie selbstverständlich über den heiligen Geist, als ob wir alles davon wüßten und niemand ruft: Wo ist denn der Heilige Geist? Ihr steht ja in Unterhosen da.

Ich denke an die Taufe und das Taufversprechen, ich denke an die Firmung und an all das „Ich glaube“ und „Ich widersage“ und niemand ruft: Ihr steht ja ganz nackig da!

Immer wieder wird bei den Sakramenten und in den Gottesdiensten vom Heiligen Geist gesprochen. Er wird in verschiedenen Riten den Christen geschenkt, mitgeteilt und gegeben für unser Leben als Christen, als Schüler jenes Jesus von  Nazareth. Immer wieder ist vom Heiligen Geist die Rede, der einem jeden Christen in der Taufe geschenkt wurde, der ihn erfüllen soll und der sein ganzes Leben lang in ihm und aus ihm heraus wirken soll. Ja stimmt denn das? Oder kommen wir wie der Kaiser auch in Unterhosen daher, bloß hat niemand die Courage, dies zu sagen, weil wir uns dann ja blamieren würden. Wir Christen reden ohne Unterlaß von ihm, im Gottesdienst, in der Predigt, im Religionsunterricht, in bischöflichen Hirtenbriefen und päpstlichen Ansprachen und wir wagen nicht zuzugeben, daß er eigentlich keine Rolle bei uns spielt, daß wir als Christen ganz gut ohne ihn zurande kommen.

Wo ist das kleine Mädchen, das uns zuruft: Ihr habt ja gar nichts an, Ihr kommt ja in Unterhosen daher? Hat uns noch niemand die Augen geöffnet? Oder wollen wir es nicht wahrhaben, genauso wenig wie der Kaiser und all die Vornehmen im Märchen?

Doch auch im Märchen haben alle gemerkt, was Sache ist, bloß zugeben konnten und wollten sie es nicht. Niemand hatte den Mut dazu.

Wer hat heute in unserer Kirche und Gemeinde den Mut, laut auszurufen, daß wir alle in unseren heidnischen Unterhosen daherkommen und daß von der Kraft des Gottesgeistes nichts zu spüren ist. Dem kleinen Mädchen haben übereifrige Erwachsene den Mund zugehalten und wer heute die Christen aufmerksam machen will auf das fehlende Gewand, der wird von Bischöfen und vom Papst verurteilt und von den Frommen in unseren Gemeinden geächtet, denn wir alle tun als ob. Jedes Jahr Erstkommunion, und anschließend sind die Kinder und ihre Eltern nicht mehr zu sehen, jedes zweite Jahr Firmung - mit welchem Ergebnis? Regelmäßig Taufen mit großartigen Versprechungen. Wie viel ehrlicher ist da doch das Lied: Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit (644). Dies ist ein Versuch, uns die Augen zu öffnen für unsere marode Situation, uns zu zeigen, daß wir ja gar nichts anhaben, und uns nur in Selbstsicherheit wiegen.

Die christliche Gesellschaft ist tot, auch hier bei uns auf dem Dorf, doch einer, der das heute sagt, macht sich unbeliebt, wir jubeln lieber den unsichtbaren Kleidern zu, weil wir vor uns nicht eingestehen können, daß wir alle unseren Teil an Schuld daran tragen: Lieber Gott, weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit, wecke uns auf und laß uns erkennen, was zu tun ist.

Wir brauchen uns nicht zu wundern über die Geistlosigkeit unserer Christenheit, die lieber nach staatlichen Gesetzen ruft, um Abtreibungen zu verhindern als nach christlicher Überzeugung, die es aber scheinbar nicht mehr fertig bringt den Heiligen Geist als schlichtes Kleid im Alltag zu tragen. Ich bin nach wie vor der Überzeugung, daß man den Heiligen Geist sieht und spürt, wo er wirklich da ist, wenn man ihn wirklich annimmt und anzieht. Doch wo man nichts sieht, da ist auch nichts. Dies gilt es laut zu sagen, wie es das kleine Mädchen tat.

Nicht die geistlose Welt um uns herum sollte uns ängstigen, sondern eine Christenheit und eine Kirche, die von ihrem kostbaren Gewand dauernd redet, es aber im liturgischen Kleiderschrank eingemottet hat.

Eine Kirche ohne dieses Kleid des Heiligen Geistes, eine Kirche in Unterhosen aber bietet eher Anlaß zum Gespött als zur Bewunderung, auch wenn Papstreisen ein anderes Bild vermitteln sollen. Nur wenn wir wieder den Heiligen Geist ernst nehmen und zugeben, daß wir wenig anhaben, können wir die Welt verändern.

(Wer nun noch wissen möchte, was Pfarrer Braden zu Ökumene zu predigen hatte, kann dies hier nachlesen)

 

 

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies? - Der Mensch zwischen Selbstanspruch und erlebter Wirklichkeit DS Februar 2021

Glaube hat Gründe“ lautet ein Buchtitel von Klaus Douglass, und er setzt hinzu, worum es ihm geht: „Eine lebendige Beziehung zu Gott finden.“ Vielen Menschen ist es ein inneres Bedürfnis, mit Gott eine innere Verbindung zu haben. Neben persönlichen Gebeten suchen sie diese Nähe zumeist auch in einer Kirche und sind deswegen dort Mitglied mit mehr oder weniger regelmäßigem Kirchgang. Die Predigt vermittelt ihnen zum einen Kriterien, wie die Nähe zu Gott vertieft werden kann und  kann zudem ebenso eine Hilfe in Zeiten der Not sein oder Impulse setzen, um mit Unsicherheiten in der eigenen Lebensausrichtung umzugehen. Zumeist ist der Grund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kirche bereits mit der Taufe und späteren Konfirmation festgelegt. Schwere Enttäuschungen können diese Bindung aber auch stören und der Grund zu einem Kirchenaustritt sein. Die Enttäuschungen können sein menschliche Unzulänglichkeiten der Prediger, veränderte Lebenssituationen, Zweifel an der Lehre, am Gottesbild, Vertuschung sexuellen Missbrauchs oder anderes mehr. Zumindest in den Landeskirchen sind aber z.B. Hinterfragungen der Lehre oder Zweifel an grundlegenden Dogmen nicht unbedingt mit einem Austritt oder gar angedrohtem Ausschluss des geglaubten, göttlichen Heils verbunden. Selbst der Kirchenaustritt oder ein Wechsel in eine andere Glaubensgemeinschaft bedeuten nicht zwangsläufig, dass diese Menschen gleichzeitig die Beziehung zu Gott oder ihr soziales Umfeld verlieren. Auch ist eine ethisch-moralische und humanitäre Grundhaltung nicht abhängig von einem Gottglauben – ohnehin sind viele der christlichen Grundwerte und Verhaltensregeln wesentlich älter als die Bibel und gründen auf anderen, antiken Quellen (siehe z.B. Aristoteles-Nikomachische Ethik: Tugend) -  oder der Mitgliedschaft in einer Kirche. Albert Einstein sagte einmal: „Wer glaubt, ein Christ zu sein, weil er die Kirche besucht, irrt sich. Man wird ja auch kein Auto, wenn man in eine Garage geht.“ Will sagen:

1. Christ sein kann man auch ohne die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Denomination. Folglich gilt:

2. Die Zugehörigkeit zu einer Kirche ist an sich relativ bedeutungslos. Die freie Integrität der Person und die eigene Entscheidung für oder gegen eine Kirche bleiben folglich in den Landeskirchen weitgehend dem glaubenden Menschen selbst überlassen und werden keinesfalls mit Druck demagogisch indoktriniert.

Anders ist das jedoch in vielen freikirchlichen oder evangelikalen Sondergemeinschaften und christlichen Sekten, die für sich vollumfänglich in Anspruch nehmen, einen ganz besonderen Weg zum göttlichen Heil anzubieten bzw. zu verkünden, der aber nur durch die strikte Befolgung der sehr konkreten Lebens-, Glaubens- und Gefühlsvorgaben der jeweils spezifischen Lehre erreicht werden kann. Bei mir liegt gerade ein Hefter auf dem Tisch mit dem Titel: Handbuch zur Evangelisation Explosiv international (kurz EE) von 2001. Auf 120 Seiten lernt man, den Glaubenskrieg für Jesus zu führen und Menschen anzuwerben, am Ende z.B. mit solchen scheinargumentativen Geschichten: " Stell dir vor jemand sagt:" Ich bin auch ein Christ. Ich bin in ein christliches Elternhaus hineingeboren, bin getauft und konfirmiert." Würde das bedeuten, dass er das Ewige Leben hat? Nein! Nur weil jemand in einer Garage geboren ist, ist er noch lange kein Auto!" Auch so lässt sich Einsteins Zitat missbräuchlich verdrehen.  Zwei Fragen stehen am Anfang der Missionierung durch EE:

  1. Bist du an den Ort in deinem geistlichen Leben gekommen, wo du sagen kannst, dass du mit Sicherheit weißt, dass du in den Himmel gehen würdest, wenn du heute sterben würdest?
  2. Angenommen, Sie sollten heute sterben und vor Gott stehen, und er sollte zu Ihnen sagen: "Warum soll ich euch in meinen Himmel lassen?" Was würdest du sagen?

Eine offene Hinterfragung oder Nichtbeachtung der grundlegenden Dogmen und banalen Lehren dieser oder ähnlicher Gruppierungen führt zum Ausschluss und beendet neben dem Sozialkontakt in der Gruppe auch die  angebotene persönliche Gottesbeziehung samt daran geknüpften Heilsversprechen. Da mag man doch anmerken und frei umgedichtet zu bedenken geben:

Wenn einer, der mit Eifer grad,
von Gottes Wort gesprochen hat,
nun meint, dass er sein Sprachrohr wär,
so irrt sich der!  (
DS, nach Wilhelm Busch)

Kann man aber überhaupt jemals sicher sein, sich auf dem „richtigen“ Weg zu befinden? Die Vielzahl der vorhandenen religiösen Angebote - allein mit christlichem Bezug - lassen darauf schließen, dass es offensichtlich weder eine objektivierbare Lehre noch eine „richtige“ Kirche gibt, in der der wirklich wahre und einzig existierende Gott – dessen gültige Definition nebenbei bemerkt absolut unmöglich wäre, da Gott sich dem menschlichen Denken vollkommen entzieht, d.h. wenn er ist, wäre er mehr als alles denkbare und vorstellbare Sein-  nun allein seligmachend zu finden ist und von den jeweiligen Predigern repräsentiert wird. Glaube, so die Konsequenz aus diesen Überlegungen, ist und bleibt demzufolge also immer eine subjektive Angelegenheit für wahr gehaltener Lehrsätze und/oder einzuhaltender Lebensregeln, die aber nicht objektiv verifizierbar sind.  

Somit stellt sich die weitere Frage, ob es überhaupt Wahrheiten gibt, die wirklich einen in Gott gegründeten Ursprung haben, und die folglich dabei helfen können, eine lebendige Gottesbeziehung zu haben und aus dieser Sicht heraus Gutes und Böses zu unterscheiden? Wer glaubt, dass die Bibel zumindest von Gott inspiriert ist, wird meinen, in ihr Sätze zu finden, die folglich göttlichen Ursprungs sind. In ihren Weisheitslehren sind zumindest teilweise ethisch- moralische Grundsätze vorhanden, die von den vielen Menschen zur Gestaltung ihres gemeinsamen Miteinanders als gültig anerkannt werden können. Schwierig wird es in der modernen Welt aber schon z.B. mit Verurteilungen von Scheidungen, der Abwertung der Homosexualität oder der Rolle der Frau bei Paulus. Vor Kirche gar ist in den Evangelien nichts zu lesen, und die Grundlagen der christlichen Kirche sind nicht von Jesus beschrieben sondern von Paulus.

Die Beurteilung also, was rechter oder falscher Glaube ist, kann somit nicht ohne weiteres der Bibel entnommen werden und bedarf zudem und als Grundlage überhaupt der Fähigkeit des Menschen, Gutes von Bösem unterscheiden zu können. Interessant ist es in diesem Zusammenhang, die literarhistorische Biografie des Menschen in der Paradieserzählung etwas genauer zu betrachten. Die Unterscheidungsfähigkeit von Gut und Böse war zunächst allein Gott vorbehalten bis eben zu dem Augenblick, da Adam und Eva wider Gottes Gebot von dem Baum der Erkenntnis aßen. Buber und Rosenzweig übersetzen 1. Mose 3 wie folgt: Gott, sprach: Da, der Mensch ist geworden wie unser einer im Erkennen von Gut und Böse. […]So schickte ER, Gott, ihn aus dem Garten von Eden, den Acker zu bedienen, daraus er genommen war.“

Auf eine Metaebene gehoben bedeutet das: Das Paradies der Unschuld  - ohne die Unterscheidung von Gut und Böse nämlich auch keine Schuld - hinter sich lassend und mit dieser neuen Erkenntnisfähigkeit ausgestattet war der Mensch – nun getrennt von Gott, von ihm alleingelassen und dennoch Gott gleich (!) - zugleich auch dem Bewusstsein seiner eigenen Endlichkeit ausgeliefert, denn „denn am Tag, da du vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse issest, mußt sterben du, sterben!“ (1. M 2, 17). Erst die Erkenntnis von Gut und Böse ermöglicht aber auch den Blick auf die dem eigenen Sein anhaftenden Mängel (biblisch Schuld/Sünde) und nur dadurch wurde der Mensch zum Menschen im eigentlichen Sinn: Der Mensch  nun als ein seiner Selbst bewusstes und somit der eigenen Erkenntnis nach fehlbares Wesen  war damit über das rein biologische Sein als ICH BIN ins erkennende Leben getreten (Eva, von hebräisch Chawwah, ›die Leben Schenkende‹ , die die Frucht – das Leben - reicht,  und Adam, von hebräisch ādām ›Mensch‹) und stellte sich fortan auch diese, mitunter durchaus lästigen Fragen: Wer bin ich, was bin ich, wozu und warum bin ich, was ich bin; woher komme ich und wohin gehe ich? Fragen also, die die Philosophie seit Jahrtausenden umtreibt und Fragen, die auch nach 80 Lebensjahren nur unzureichend beantwortet werden können. Spätestens in der Zeit der Adoleszenz, in der sich der Heranwachsende immer stärker seines Ichs bewusst wird und ihm das Du der umgebenden Menschen gegenüber tritt mit der Erkenntnis, dass er letztlich doch für sich allein ist, tauchen diese Fragen mehr oder minder heftig auf. An ihnen und am Du des Gegenübers reift man in seiner weiteren Entwicklung, an ihnen reibt man sich auf und zumeist nimmt man sie mehr oder weniger unbeantwortet auch nach 80 Lebensjahren mit ins Grab. Kein allzu befriedigendes Ende also, und dennoch unterscheidet aus Sicht der Evolution innerhalb der Gattung der Säugetiere genau diese Fähigkeit zur Selbsterkenntnis und Selbsthinterfragung – sie waren nackt und schämten sich – nebst dem Bewusstsein des unweigerlichen Todes den Menschen u.a. von seinen nächsten Verwandten, den Menschenaffen, die neben anderen Tieren zwar ein Ich-Bewusstsein haben, nicht aber von moral-ethischen Selbstreflexionen und Selbstzweifeln gesteuert und geplagt werden.

Der Mensch war also durch die Unterscheidungsfähigkeit von Gut und Böse, von richtigem und falschem Verhalten, laut Bibel geworden wie Gott und ist seither auf der Suche nach dem Paradies der verlorenen Unschuld/Harmonie und absoluten Zufriedenheit und der ebenso verlorenen Gottesbeziehung: „Das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns; wir müssen die Reise um die Welt machen und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwie wieder offen ist.“ (Heinrich von Kleist) Was aber ist die Welt, die zu bereisen Kleist vorschlägt? Zunächst ist „Welt“ rein phänomenologisch in Gänze umfassend alles, was um und in uns ist, was wir bewusst wahrnehmen können ebenso wie das, was uns unbewusst mitbestimmt oder wir nicht wahrnehmen können. Also beginnt eines jeden Reise durch die Welt ganz individuell am Tag und Ort der Geburt  und wir bewegen uns von nun an in der Spanne der uns gegebenen Zeit im Strudel des uns umgebenden, manchmal rasanten Wahnsinns und sind nur selten dazu in der Lage, das Gelände und die Umgebung unserer Wanderung zu gestalten oder stark zu beeinflussen. Individuelle und mitunter kontingente Ereignisse (plötzliche Krankheiten, nicht steuerbare Katastrophen oder der unerwartete Tod) treten genauso in den Weg wie äußerliche Entwicklungen (Corona und gesellschaftlich-politischer Irrsinn), die den eigenen Weg erschweren oder gar verdunkeln.

Wenn der in diesem Schlamassel Licht suchende Mensch auf seiner Weltreise nun weiter nach Gott fragt und Antworten in der Religion sucht, sollte er dabei auch dem Satz, „der Mensch war in der Erkenntnis von Gut und Böse geworden wie Gott,“ nachgehen und ebenso in sich selbst nach Antworten, also nach Licht und Erkenntnis forschen, als sich allzu bequem äußerlich fertigen Gottesbildern und Glaubensgebäuden (anderer Menschen) in einem Akt der Selbstentfremdung unter Aufgabe der persönlichen Freiheit gläubig unterzuordnen. Dazu gehört dann freilich aber auch der Blick auf die eigenen Unzulänglichkeiten und die Frage, ob hinter der Suche nach Gott nicht womöglich eine Art Ausgleich eigener Unzulänglichkeiten, eigener „Schuld“ steht. Ferner kann der Wunsch nach einer ethisch- moralischen Überinstanz auch dadurch verursacht sein, unseren oft auf Enttäuschung beruhenden Erfahrungen eine Größe entgegen zu setzen, die unser Vertrauen nun wirklich rechtfertigt. Und menschliche Unzulänglichkeiten und Enttäuschungen sowie die Hoffnung auf Entschuldungen - und damit Gründe, einen Gott zu suchen, der dieses alles bietet - gibt es reichlich!

Steht also womöglich  - so die Frage - hinter der Gottessuche das eigentlich profane Bedürfnis, eine vollkommene Instanz zu haben, die uns mit allen eigenen persönlichen Fehlern und Mängeln des menschlichen Lebens und Seins dennoch vollständig annimmt und die sogar dabei hilft, diese  Mängel vergebend auszugleichen und die zudem Kraft gibt, die Unzulänglichkeiten des eigenen Seins auszuhalten?  Oder anders und einfacher gefragt: Was also bedeutet Gott für den Glaubenden?

16 Hinterfragungen, wofür die menschliche Gottessuche als Surrogat stehen kann:

  1. Steht Gott für den Wunsch,  die eigene, unvollkommene Lebensverantwortung in die Hand eines vollkommenen liebenden und fürsorgenden himmlischen Vaters abzugeben?
  2. Steht Gott ausgleichend für die eigene Unfähigkeit,  aus nicht beherrschbaren Ereignissen wie z.B. einem plötzlichen Kindestod  doch einen Sinn abzuleiten?
  3. Steht Gott ausgleichend für die eigene Unfähigkeit, sich der eigenen Endlichkeit und dem Tod, also dem Nicht-Sein schlussendlich zu stellen?
  4. Steht Gott ausgleichend für das eigene Problem, dem geschenkten Dasein und Leben mehr zuordnen zu wollen als das, was es letztlich ist: Nur das jetzige Leben und sonst nichts?
  5. Steht Gott ausgleichend für das eigene Scheitern, den Sinn des Seins nicht in sich selbst zu suchen und zu finden?
  6. Steht Gott ausgleichend für das Gefühl, das Ausgesetztsein ins Sein nicht ohne höhere Mächte aushalten zu können?
  7. Steht Gott ausgleichend für eine Art Gerechtigkeitsausgleich, dass der reiche Nachbar, der sein Geld verprasst und sich um keine Moral schert,  im Gegensatz zu mir armen Schlucker wenigstens in der Ewigkeit seine Strafe bekommt?
  8. Steht Gott ausgleichend für die Erkenntnislücken, dass der Mangel an wissenschaftlich vollkommenen Erklärungen für alles Seiende einen  Lückengott als Schöpfer notwendig machen?
  9. Steht Gott ausgleichend dafür, dass die menschliche Isolation oder gar Vereinsamung - oft auf Grund eigener Verhaltensmuster entstanden und durch sie hervorgerufen -  wenigstens in der geglaubten und gefühlten Gottesbeziehung überwunden werden kann?
  10. Steht Gott ausgleichend für das Prinzip Hoffnung gegenüber der eigenen  Ohnmacht anlässlich der Ziellosigkeit und Verantwortungslosigkeit des Menschen gegenüber der Umwelt und des Umgangs miteinander, um durch ihn nicht am Dasein an sich zu verzweifeln (Homo homine lupus, d.h. der Mensch ist des Menschen Wolf)?
  11. Steht Gott ausgleichend für die Vergebung der nicht zu vermeidenden eigenen Schuld, am Nächsten immer wieder falsch zu handeln, aus welchen Gründen auch immer?
  12. Steht Gott ausgleichend für das nicht verwirklichte eigene Menschsein, das nie zur Vollkommenheit führen wird?
  13. Steht Gott ausgleichend für die vergebliche Suche nach einer Erfülltheit des eigenen Lebens und dem unerreichbaren Ich-Ideal einer menschlichen Vollkommenheit, die innerhalb der eigenen Existenz niemals in die potentielle Essenz geführt werden kann?
  14. Steht Gott ausgleichend für die mangelnde eigene Fähigkeit, mit fundamentalen menschlichen Regungen wie z.B. Angst, Schuld, Hoffnung und Liebe angemessen umzugehen?
  15. Steht Gott ausgleichend für meine eigene Unfähigkeit, mich von dem multivariablen Geschehen in meiner bisherigen Entwicklung und der oft rigoristischen Beeinflussung lösen zu können und für meinen dadurch entstandenen Mangel einer  kritikfähigen Eigenständigkeit?
  16. Steht Gott ausgleichend und als Hoffnungsprinzip für meine persönliche Beziehungsunreife, weil ich in der Adoleszenz  durch elterliche und/oder kirchliche Vorgaben und Ver- und Gebote nicht gelernt habe,

- reife Beziehungen zu Altersgenossen beiderlei Geschlechts aufzubauen
- geschlechtsspezifische Rollenzuweisungen abzuweisen
- mich und meine eigene Erscheinung auch in den eigenen Bedürfnissen zu akzeptieren
- mich emotional unabhängig von den Eltern und anderen Erwachsenen zu entwickeln
- eigene Werte und ein ethisches System zu erlangen
- in der Auswahl eines Partners frei zu sein
- wie man mit seinem Partner leben und eine reife Beziehung führen kann?

Sollten diese Fragen auch nur teilweise mit „Ja“ beantwortet werden, müsste weiter gefragt werden,  ob Gott dann aber wirklich G-O-T-T ist, oder nicht doch eher nur eine begriffliche Hilfskonstruktion in der Art einer Krücke für den Ausgleich meiner menschlichen Unzulänglichkeiten?  Dann wäre die Gottsuche bestenfalls eine Selbstsuche und die gemeinte Gottesbeziehung schlimmstenfalls sogar die Flucht vor mir selbst als Stellvertretung dafür, mit meinen Unfähigkeiten und Mängeln nicht selbst umgehen zu müssen! Kurz: In dieser Lesart ist Gott nichts anderes und vor allem nichts mehr als die Projektionsfläche menschlicher Unzulänglichkeiten.

Auch  Pfarrer der Landeskirchen greifen diese Mängel auf und knüpfen – um Tröstung bemüht– in ihren Predigten oft exegetisch daran an. Gerade aber speziell Sekten und  kirchlich enge und autoritär geführte Gruppierungen in christlicher Ausrichtung  nutzen schamlos solche menschlichen Unzulänglichkeiten oder Schwächen aus, um daran über möglichst charismatische Führungspersonen und den von ihnen demagogisch gepredigten Heils- und Heilungsversprechen jeglicher Art anzudocken. Die komplexe menschliche Realität wird unter begleitendem Lovebombing auf eine simple Heilslehre ohne spirituelle Ansprüche reduziert, die als unumstößliche Wahrheiten verkündet werden. Der Zuwachs solcher meist fundamentalistischer,  evangelikaler Gruppen, deren Gottesdienste einen ausgesprochenen "Happening-Event-Charakter" haben, ist auch heute gerade unter jungen Erwachsenen wieder beachtlich. Diese jungen Leute unterwerfen sich jedoch freiwillig deren Regeln. Kinder aber, die in diese Gruppen hineingeboren werden, wachsen unfreiwillig - und oft mit erlebter körperlicher Gewalt-  in einem solchen geschlossenen System auf und sind der Gefahr ausgesetzt, die Welt als gering und minderwertig abzuwerten und sich selbst als zu etwas besserem Erwählte anzusehen. Sie nehmen von Anfang an die Welt aus der begrenzt engen Perspektive der speziellen, rigoristischen  Gruppenideologie wahr. Gruppeninterne Vorschriften, mögen sie noch so absurd sein, gelten als selbstverständlich und bilden die unverrückbare Grenzlinie zwischen Gut und Böse. Sie einzuhalten ist lebensnotwendig! Das entstehende Welt- und Selbstbild ist verzerrt, einseitig und bleibt letztlich in vielen Lebensbereichen auf einem sehr niedrigen, oft infantilen Niveau stehen. Ihre unter diesen Einflüssen in der Kinder- und Jugendzeit gebildete Persönlichkeitsstruktur ist stark defizitär und wirkt sich noch im späteren Lebensalter aus, wenn das eigene Leben möglicherweise reflektiert und an anderen Lebensentwürfen geprüft wird (Real-Ideal-Diskrepanz). Die dann erkannte Begrenztheit der eigenen, in der Kindheit stark eingeschränkten  Entwicklungsmöglichkeiten ist schwer zu akzeptieren. Verzweiflung, Wut und Trauer über das, was dem eigenen Leben verwehrt blieb, bleiben übrig, die entgangenen Erfahrungen können aber kaum bis wenig korrigiert, keinesfalls jedoch angemessen nachgeholt werden.

Diesen Missstand können die betroffenen Menschen beklagen, aber nicht ändern. Ändern lässt sich nur die eigene Haltung oder Einstellung zu den Dingen und ihrer Bewertung. Wie aber kann das bereits als Kind verlorene Vertrauen in das eigene Leben und das Leben an sich als Erwachsener neu gefunden werden?  Oftmals leider wieder in den seit Kindheitstagen gewohnten, ähnlichen religiösen Angebotenen und Heilsversprechen sowie der heute zudem versprochenen, ganz persönlichen Selbstverwirklichung von selbsternannten Verkündern des nun wirklichen Wortes Gottes! Der Teufelskreis schließt sich erneut mit der wieder vermeintlich göttlich fundierten und definitiv verkündeten Hoffnung des falschen Versprechens, dass zumindest die Zukunft nun wirklich besser wird als die Vergangenheit jemals war und die Gegenwart es ist.

Solche behaupteten Glaubenssätze und Scheinkausalitäten sind grausam, menschenunwürdig und machen das Leben zu einem unfreien Abhängigkeitsstrampeln und den Gottesgedanken zu einer albernen Absurdität im Sinne eines marionettenhaften Gottesbildes, mit dem die Verkünder dieser Lehren als Strippenzieher nach Belieben manipulativ umgehen. Menschen, die in diesen Denk- und Glaubensbahnen gefangen sind, sind keine eigenen Subjekte ihres eigenen Seins, sondern selbstentfremdete Objekte unter vermeintlich göttlicher Aufsicht. Sie laufen innerhalb der geistlosen Beschränkungen der Gruppen- und Glaubensvorgaben und unterdrücken dabei ihr geschenktes, menschliches Sein mit allen Potenzialitäten ihrer persönlichen Entwicklungen.

Um es aber deutlich zu sagen: Nicht der Glaube an sich muss zwangsläufig schädlich sein. Es kann für Menschen durchaus nützlich sein, ohne Versklavung durch den Gruppenzwang sich selbst am Evangelium zu orientieren! Dann kann es zu einem inneren Geschehen werden, das nicht an vorgegebenen Äußerlichkeiten zu messen ist. In diesem Fall fällt die sektiererische Vorgabe, wenn ich dies und das tue, wird Gott für mich.... weg! Wenn jemand sich von diesen Wenn-Dann-Vorgaben und dem oft gepredigten Strafe-Gott befreien kann und  für sich selbst versucht, dem Evangelium einen Sinn zu geben und sich dadurch nach seinen eigenen Erkenntnissen ausrichtet, handelt er nach seinen eigenen Prinzipien und nimmt somit sein Leben in die eigene Hand.  Der Mensch bleibt dabei als Mensch das Subjekt des eigenen Handelns und Willens! Aber dieser Weg ist weder objektivierbar noch übertragbar für andere, und das ist gut so! Leben muss und kann nicht objektiv nach äußerlichen Vorgaben gestaltet werden, da es für jeden individuell ein eigenes Leben unter den jeweils ganz eigenen Gegebenheiten ist. Ein Gottesbild, das etwas anderes behauptet und gar im Sinne einer Nachfolge eine umfassende Unterordnung fordert, ist ein Götzenbild und führt nur in die Abhängigkeit, niemals in die Freiheit!

Wer aber sein Leben selbst in Freiheit führen möchte, muss auch mit der nicht angenehmen Erkenntnis leben, dass Gutes und Böses, richtiges und falsches Tun oder Denken unweigerlich zum eigenen Sein gehören und dafür selbst Verantwortung übernehmen: Die Kluft zwischen dem Selbstanspruch an sich und der faktischen, eigenen Wirklichkeit,  die Kluft also zwischen der eigenen Existenz und der potentiellen Essenz,  kann zwar kleiner werden, überbrücken wird der Mensch sie aber nie. Dennoch kann der handelnde Mensch weltreisend und sich ändernd auf dem Weg bleiben. Er kann z.B. der bisherigen, angelernten  Scham oder Schuld die autonome Eigeninitiative als Handlungspotential und als zukünftige Entwicklungsmöglichkeiten gegenüberstellen.  Vielleicht ist allein schon die  Erkenntnis dieser Möglichkeit und die Hoffnung auf zukünftige Veränderungen und weitere Entwicklungen ein vorsichtig ahnender Blick von hinten ins verlorene und verschlossene Paradies? Die Unterscheidungfähigkeit jedenfalls zwischen Gut und Böse kann nur um den Preis der menschlichen Selbstaufgabe bzw. Selbstentfremdung abgegeben werden.

Nicht aus jeder Eichel wird ein großer, stattlicher Baum, aber angestrebt werden kann die Weiterentwicklung als Aufgabe, die das Leben an jeden einzelnen Menschen richtet. Das gelingende Leben wird in der Selbstreflexion immer unvollständig bleiben in der Diskrepanz oder Spannung zwischen Sichfinden und Sichverfehlen, zwischen Erkenntnis und Verblendung, zwischen Verstehen und Nichtverstehen, zwischen Glauben und Erkennen, zwischen Täuschung und Wahrheit. Und sich in diesem Selbstverhältnis immer wieder neu zu finden  ist eine der wesentlichen und grundlegenden anthropologischen Bestimmungen des menschlichen Seins, die ihn, wie bereits beschrieben,  in seiner Existenz neben dem Wissen um seine Endlichkeit von allen anderen Lebewesen unterscheidet. Sich dieser Anforderung, die gleichermaßen Sinn und Aufgabe des persönlichen Seins  ist, zu stellen heißt, das geschenkte, eigene menschliche Leben zu achten, es anzunehmen und den ständigen Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit solange auszuhalten, bis die Reise von dem Beginn seiner Existenz an in der zumindest biologisch unweigerlich eintretenden Nichtexistenz enden wird. 

Ob ein auf dieser Reise begleitender Glaube an Gott wirklicher Trost oder doch nur eine Vertröstung über eigene Schwächen hinweg ist, muss jeder für sich selbst prüfen.  Sicher ist wohl, dass im Leben „ein jegliches seine Zeit hat, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit;“

So steht es im Buch der Weisheit aus dem 3.Jhd. vor Christus (KOHELET, Kap. 3). Analog zu den eben gemachten Ausführungen ließe sich passend hinzusetzen:

Sich finden hat seine Zeit, sich verfehlen hat seine Zeit;

Verstehen hat seine Zeit, Nichtverstehen hat seine Zeit;

Glauben hat seine Zeit, nicht glauben hat seine Zeit;

Das Kapitel schließt dann mit einem Gedanken in einer Art Reisemotto für kommende Zeiten,  dass „ der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes. […]Es fährt alles an einen Ort. Es ist alles aus Staub geworden und wird wieder zu Staub. Wer weiß, ob der Odem der Menschen aufwärtsfahre und der Odem des Viehes hinab unter die Erde fahre? Denn wer will ihn dahin bringen, dass er sehe, was nach ihm geschehen wird?

Noch deutlicher heißt es dann im 9. Kapitel, Vers 5 ff

"Denn die Lebenden wissen, dass sie sterben werden, die Toten aber wissen nichts; sie haben auch keinen Lohn mehr, denn ihr Andenken ist vergessen. Ihr Lieben und ihr Hassen und ihr Eifern ist längst dahin; für immer haben sie keinen Teil mehr an allem, was unter der Sonne geschieht. So geh hin und iss dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut; denn dein Tun hat Gott schon längst gefallen. Lass deine Kleider immer weiß sein und lass deinem Haupte Salbe nicht mangeln. Genieße das Leben mit der Frau, die du lieb hast, solange du das eitle Leben hast, das dir Gott unter der Sonne gegeben hat; denn das ist dein Teil am Leben und bei deiner Mühe, mit der du dich mühst unter der Sonne. Alles, was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu; denn im Totenreich, in das du fährst, gibt es weder Tun noch Denken, weder Erkenntnis noch Weisheit."

Zugegeben: Die Gestaltung des eigenen menschlichen Lebens ist und bleibt schwierig auf unserer evolutionären Entwicklungsstufe. Vielleicht gelingt ja der Evolution irgendwann ein entscheidender Entwicklungsschritt, oder aber die Politik schafft es zu einem weltumspannenden, von allen beachteten Ethos, das unseren Planeten und zumindest alle ich-bewussten Lebewesen wirklich schützt und ihnen einen angemessenen Entwicklungs- und Lebensraum zuverlässig gewährleistet. Aber Letzteres ist wohl eher und leider noch unwahrscheinlicher als ein Evolutionssprung. Dennoch sollten wir die Hoffnung, trotz aller negativen Tendenzen, auf eine gelingende Zukunft nicht aufgeben, aber "Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas einen Sinn hat, egal wie es ausgeht." (Vaclav Havel)  

Sinn“ jedoch ist kein Automatismus sondern laut Victor Frankl etwas, das der Mensch finden muss. „Sinn kann nicht gegeben werden. Sinn geben würde auf Moralisieren hinauslaufen. Und die Moral im alten Sinne wird bald ausgespielt haben. Über kurz oder lang werden wir nämlich nicht mehr moralisieren, sondern die Moral ontologisieren - Gut und Böse werden nicht definiert werden im Sinne von etwas, das wir tun sollen beziehungsweise nicht tun dürfen, sondern gut wird uns dünken, was die Erfüllung des einem Seienden aufgetragenen und abverlangten Sinnes fördert, und für böse werden wir halten, was solche Sinnerfüllung hemmt.“

Vielleicht sollte der Mensch sich von daher eher weniger auf die religiöse Suche nach dem verlorenen Paradies – das ohnehin keines war – begeben, sondern vielmehr und immer wieder die Suche nach dem verlorenen Sinn anstreben und sich selbst vom Lebenssinn her interpretieren als ein Wesen, dass „immer schon ausgerichtet und hingeordnet ist auf etwas, das nicht wieder er selbst ist, sei es eben ein Sinn, den er erfüllt, oder anderes menschliches Sein, dem er begegnet. So oder so: Menschsein weist immer schon über sich selbst hinaus, und die Transzendenz ihrer selbst ist die Essenz menschlicher Existenz.“ (Victor E. Frankl: Der Mensch auf der Suche nach dem Sinn; öffentlicher Vortrag im Rahmen des XIV. Internationalen Kongresses für Philosophie (Wien 1968) Aus: Psychotherapie für den Alltag, Herder 1992)

23.2.21 Conclusio: Nachbetrachtung, Zusammenfassung, weitere Thesen und alte und neue Fragen zum Nach-Denken:

Es gibt keine Wahrheiten außerhalb/jenseits unseres Seins. Demzufolge gibt es auch keine übergeordneten, göttlichen Wahrheiten, nach denen wir suchen, die wir finden könnten. Die Fragestellungen 1-16 im Essay  als Dekonstruktionen des üblichen, kirchlich basierten Gottesbegriffes deuten auch in diese RichtungAlle Wahrheiten – so problematisch der Begriff auch ist – liegen in unserem Wahrnehmungs- und Denkhorizont,  sollten verifizierbar und für unser Sein von Bedeutung sein. Aber auch sie sind weder absolut noch unumstößlich. Mitunter notwendige Perspektiven -, teils sogar Paradigmenwechsel beim Lösen von auftretenden Problemen zeigen das deutlich. Auch  z.B philosophisch abgehobene Denkkonstrukte oder theologisch behauptete Dogmen sind zumindest teilweise scholastische Pseudoprobleme, die mit der Realität bzw. unserer menschlichen Wirklichkeit, bzw.  unserem Leben bzw. unserem Lebenssinn mitunter nichts bis wenig zu tun haben ...

Folglich sind die elementaren Fragen „wer bin ich; was bin ich; wozu und warum bin ich, was ich bin; woher komme ich und wohin gehe ich“ letztlich nur aus dem wirklichen, ausschließlich eigenen Sein her zu beantworten. Mit diesen Fragen und mit dem Wissen um unsere individuelle Existenz sind wir herausgehoben aus der Gattung der Säugetiere, ebenso aber mit der Möglichkeit ausgestattet, Glück handelnd zu gestalten (schon in der Nikomachischen Ethik als Unterschied Mensch-Tier festgestellt!).

Zu überlegen ist weiter, wie der Satz von Victor Frankl, der den Menschen vom Lebenssinn her interpretiert als ein Wesen, „dass immer schon ausgerichtet und hingeordnet ist auf etwas, das nicht wieder er selbst ist, sei es eben ein Sinn, den er erfüllt, oder ein anderes menschliches Sein, dem er begegnet“, im eigenen Leben sinnstiftend für sich und andere beachtet werden kann. Wäre dabei womöglich eine zu verfolgende und tröstliche Denklinie, man könnte auf die im Menschen selbst vorhandene Kraft hoffen, auf "zukunftsweisende" Texte von Menschen für die Menschheit, von der Antike bis heute, und auf sie zurückgreifen und Schlussfolgerungen aus ihnen ziehen? Dann bedürfte der Mensch nicht notwendigerweise Religionen und Konfession mehr, obgleich sie in einem solchen Zusammenhang mit offener, ökumenischer Ausrichtung durchaus als ein spiritueller Bestandteil des menschlichen Denkens, Glaubens und Hoffens sinngebend eine weitere Strategie sein können, mit den aufgeworfenen Fragen im gemeinsamen Zusammenleben bewältigend umzugehen!  Die sich real stellenden Probleme, meist vom Menschen selbst produziert oder zumindest mitverantwortet, würden dann auch direkt vom Menschen - sofern er sich wirklich seines Mensch-Seins bewusst wird – angegangen, beantwortet, vielleicht sogar gelöst und nicht auf eine göttliche Außeninstanz projiziert werden.  Die nicht zu beantwortende Frage der Theodizee, also der Frage nach Gottes Verantwortlichkeit für das Böse in der Welt,  würde dann zur Anthropodizee, der sich der Mensch/ die Menschheit als ausschließlich alleine verantwortlich stellen müsste.  Die Prämisse dafür könnte mit den Worten Christian Morgensterns (Auf mich selber) heißen:

Höchste Unabhängigkeit –

sin' qua non condicio;

Zwang der Herdengängigkeit –

maxima contricio!

(conditio sine qua non = absolut notwendige Bedingung; maxima contritio = höchster Kummer)

In diesem Sinn lässt sich nun weiter forschen im Weisheitsfuttersack, wohl wissend, dass, oh Schabernack -  ein ganz wunderbares entspannendes Wort, was einen schmunzeln lässt ob der gehegten Absicht! - die letzten Teilchen unerreichbar bleiben (Morgenstern; Der Droschkengaul)

Bleibt übrig die etwas unbefriedigende Floskel, dass das Leben so gesehen eben nicht mehr ist als eben das Leben selbst – also ohne übergeordneten Sinn bis auf konkret den, dass wir es für uns selbst – sinnfindend/sinnstiftend - im Zusammenleben miteinander und für uns selbst gestalten und verantworten müssen!

 „Für jeden Menschen, sagt Goethe, kommt der Zeitpunkt, von dem an er wieder »ruiniert« werden muß. So auch: für jede Kulturperiode. Die unsrige hat diesen Zeitpunkt bereits überschritten. Sie kann trotz allem, was dagegen einzuwenden ist, in einem gewissen sehr hohen Sinne nicht mehr ein ausschließliches Interesse beanspruchen. Das Hauptaugenmerk richtet sich über ihren mehr oder minder glänzenden Abklang hinweg auf den folgenden Abschnitt, dessen Aufbau, dessen Aufgaben. Ihr bleibt noch vieles zu tun, freilich, aber auch dies: sich möglichst unmißverständlich und allseitig ad absurdum zu führen. […] Nichts ist so fluchwürdig auf Erden wie die bloßen unschöpferischen Negierer... Es besser machen, durch höhere Art beschämen, durch mehr Licht in den Schatten drängen - das gilt es.“ (Christian Morgenstern aus Stufen 1904)

 

 

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Und was der Schärfe des Geistes entgeht – Physikalische und theologische Betrachtungen zu Johannes Scotus Eriugenas Schrift „Eintheilung der Natur(Periphyseon) ; Autor: Detlef Streich 18.4.2020   

Gliederung

1.    Kirche und Wissenschaft           

2.    Naturwissenschaft im Wandel     

3.    Quantenphysik und Eriugena      

4.    Eriugenas Gottesvorstellung     (Theologischer Einschub zu Jenseitsvorstellungen)

5.   Und was der Schärfe des Geistes entgeht -  Schlussbemerkung 

     Anhang: Großzitate aus „Eintheilung der Natur“  

 

1.    Kirche und Wissenschaft

Niemand wird ernsthaft behaupten wollen, dass Kirchen und Religionen sowie ihre spezifischen Gottesbilder und damit verbundenen Vorstellungen darüber, wie die Menschen ihr Leben und Denken, ja selbst Fühlen dem vermeintlichen Willen ihres jeweils verkündeten Gottes unterzuordnen haben, eine treibende Kraft geistes- oder naturwissenschaftlichen Forschens oder schöpferischen Denkens gewesen sind. Mögen die Künste, die durch die etablierten Kirchen in vielen Jahrhunderten in Deutschland finanziell gefördert wurden, in ihnen auch einen Raum der Entfaltung gehabt haben, so wurden sie doch gleichzeitig in einer Reihe von immer wiederkehrenden Beispielen unterdrückt, gegängelt und bestimmte Entwicklungen auch verhindert.  Gleiches lässt sich über den Umgang mit geistes- oder naturwissenschaftlichen Bestrebungen oder den Bildersturm der bildenden Künste sagen.

Erst recht waren Konflikte mit aufkommenden wissenschaftlichen Erkenntnissen Jahrhunderte lang für die Forscher z.T. lebensgefährlich, oder es drohte ihnen zumindest der Hausarrest oder die Ausschließung in Form der Reichsacht und der damit verbundenen Rechtslosigkeit. Erst 300 Jahre nach dem Tod von Galileo Galilei (1564-1642)) später hat die Katholische Kirche den Konflikt mit Galileo Galilei (1564-1642) über das helio- oder geozentrische und damit vor allem auch anthropozentrische Weltbild beigelegt. Damit war aus damaliger Sicht das Skandalon verbunden, dass die Erde ein Planet unter vielen und der Mensch – möglicherweise – nicht einzigartig war. Als Giordano Bruno (1548-1600) genau das behauptete, dass es viele, von lebenden Wesen bewohnte Planeten im Universum gäbe, wurde er wegen dieser und weiterer Ketzereien 1600 in Rom öffentlich verbrannt. Papst Urban VIII. setzte Galileo unter Hausarrest und behauptete, dass sich die von Gott bewirkten Naturerscheinungen dem menschlichen Verstand in seinen Beschränkungen für immer entziehen würden. Papst Johannes Paul II. rehabilitierte Galilei 1992 zwar öffentlich, entschuldigte sich aber nicht für die Verunglimpfung durch die Kirche, lediglich „Irrtümer“ der Theologen wurden zugegeben. Quasi mehr die Kirche entschuldigend erklärte er weiter:

„Es ist eine Pflicht der Theologen, sich regelmäßig über die wissenschaftlichen Ergebnisse zu informieren, um eventuell zu prüfen, ob sie diese in ihrer Reflexion berücksichtigen oder ihre Lehre anders formulieren müssen.  … Die Mehrheit der Theologen vermochte nicht formell zwischen der Heiligen Schrift und ihrer Deutung zu unterscheiden, und das ließ sie eine Frage der wissenschaftlichen Forschung unberechtigterweise auf die Ebene der Glaubenslehre übertragen. (…) Tatsächlich beschäftigt sich die Bibel nicht mit den Einzelheiten der physischen Welt, deren Kenntnis der Erfahrung und dem Nachdenken des Menschen anvertraut wird. (…) Der Fall Galilei kann uns eine bleibend aktuelle Lehre sein für ähnliche Situationen, die sich heute bieten und in Zukunft ergeben können.“  Quelle: Libreria Editrice Vaticana

Dass sich diese Sicht auf die Bibel nun 28  Jahre später allerdings immer noch nicht durchgesetzt hat, ist offensichtlich angesichts der vielen fundamentalistischen, bibeltreuen Gruppierungen oder gar der Kreationisten bzw. Vertreter des  Intelligent Design, die den Schöpfungsbericht, die Sintflut etc. wörtlich für wahr halten und sogar in deutschen Schulen unterrichten (siehe Artikel vom Spiegel von 2006) . Aber die Ungewissheiten über menschliche Lebenssituationen und Erfahrungen wie plötzlicher Tod und Schicksalsschläge jeder Art (Kontingenz) und dadurch aufkommende Sinnfragen des Lebens werden heute eher von der Philosophie, Soziologie oder Psychologie (Kontrollillusion) aufgegriffen und beantwortet als von den Religionen. Am Kindesgrab zu stehen und womöglich vom Pfarrer „Aus Gottes Hand in Gottes  Hand“ oder noch schlimmer „Es war sein Wille“ zu hören, ist nur für hartgesottene, bibeltreue Fundamentalisten oder Evangelikale erträglich bzw. akzeptabel. Die Frage nach Gottes Verantwortlichkeit für alles Gute und auch für das Böse (Theodizeeproblem) ist und bleibt nicht wirklich schlüssig zu klären.

Dass „sich die Bibel nicht mit den Einzelheiten der physischen Weltbeschäftigt ist prinzipiell eine banale Feststellung, da allein schon bedingt durch die Zeiten ihrer Entstehung ein riesiger Abstand zu den heute gewonnenen Erkenntnissen und dem daraus bis in unsere Tage sich stets weiterentwickelnden Weltbild besteht. Allein der Versuch, sie als Basis für die  Naturwissenschaft heranzuziehen war und ist an sich anachronistisch und absurd. Die ältere der zwei Schöpfungserzählungen einschließlich der Schaffung des Menschen wurde vor 3000 Jahren aufgeschrieben, die jüngere entstand ca. im 6. Jhd. vor Christus. Am, oder eigentlich genauer übersetzt, im Anfang schuf demnach Gott in sechs Tagen Himmel und Erde, so steht es im Buch Genesis. Religionsgeschichtlich bedeutsam trat damit die Lehre des  einen Schöpfergottes (logos) in Konkurrenz zu den polytheistischen Religionen. Aus naturwissenschaftlicher Sicht sind diese Aussagen aber nicht nur völlig bedeutungslos, sondern sie widersprechen dem modernen, auf den Erkenntnissen vor allem der Physik, Biologie und Astronomie beruhenden Weltbild. Gleiches gilt den in den jeweiligen Religionen beschriebenen Gottesbildern. (Siehe dazu auch meinen Artikel Die Gottesfrage aus multifaktorieller SichtEine fragmentarisch angerissene Betrachtung  über das was ist oder nicht ist“ )

 

2.    Naturwissenschaft im Wandel

Aber auch die naturwissenschaftlich orientierten  Weltbilder unterliegen bis in unsere Tage einem permanenten und teilweise revolutionären Wandel  und müssen sich den neu gefundenen Erkenntnissen anpassen. Bis zur Jahrhundertwende 1900 entsprach das physikalische Weltbild einer mechanistisch-materialistischen Vorstellung auf der Grundlage der Newtonschen Gesetze, innerhalb derer Materie existiert, die sich im Prinzip im gesamten Universum aus wenigen Elementen zusammensetzt und die sich bewegt innerhalb der definierten Gesetze in relativ oder gänzlich deterministischer Weise. Heute weiß man, dass der für uns sichtbare makroskopische Teil der Materie als Bestandteil des Weltalls insgesamt etwa nur 5% ausmacht, 27% wird als dunkle Materie, 68% als dunkle Energie bezeichnet. Was sich dahinter aber verbirgt ist völlig unbekannt.

Erläuternde Einschübe (können auch übersprungen werden)

Seit der Entdeckung der Quantenphysik und ihrer Elementarteilchen im atomaren bzw. subatomaren Bereich wird die Sache nicht nur für Laien immer undurchschaubarer. Das Bohrsche Atommodell hatte deutliche Schwächen und ist inzwischen vom quantenmechanischen Atommodell abgelöst worden. Ein oder mehrere Elektronen mit ihrem Welle - Teilchen – Dualismus umkreisen als Atomhülle nicht mehr den Kern, sondern haben Aufenthaltswahrscheinlichkeiten. An einem Ort auf der scheinbaren Bahn wird das Elektron im Raum „erzeugt“, an einem anderen vernichtet, erneut erzeugt, wieder vernichtet und dies immer wieder. Der Atomkern aus Protonen und Neutronen bildet die größte Masse des Atoms, ist aber sehr klein. Wäre er so groß wie ein Tennisball, hätte das Atom eine Größe von 5 bis 10 Kilometern. Protonen und Neutronen wiederum bestehen aus verschiedenen Quarks. Zudem gibt es 14 weitere „Teilchen“, deren Bedeutung zum Teil völlig unbekannt ist. Die Physik ist auf dieser subatomaren Ebene längst keine lokale realistische Theorie, sie kann keine Messergebnisse mehr voraussagen sondern nur mögliche Wahrscheinlichkeiten, die durch einen ursachenlosen Zufall auftreten.

Ein besonderes Phänomen stellt die sogenannte Verschränkung oder Korrelation von Teilchen wie Lichtquanten oder Elektronen dar. Zwei Teilchen, die einmal verbunden waren, bleiben auch nach einer räumlichen Trennung in ihren Quantenzuständen weiterhin verbunden und verhalten sich wie eine Einheit, ohne dass ein Informationsaustausch zwischen ihnen stattfindet. Gemessen werden dabei der Spin oder die Polarisation eines Photons. Wenn zwei Teilchen miteinander verschränkt sind, führt die Zustandsmessung eines Teilchens augenblicklich zu einer Zustandsänderung des anderen.

Forscher haben zur Bestätigung dieses Phänomens unlängst auf der Kanareninsel La Palma über eine weite Entfernung zwei Messstationen eingerichtet und dabei „das Licht zweier weit entfernter Quasare verwendet, um die Messeinstellungen ihres Verschränkungsexperiments zu bestimmen. Das Licht dieser aktiven Galaxienkerne diente dabei als eine Art kosmischer Zufallsgenerator. Für ihr Experiment erzeugten die Forscher verschränkte Photonen in einer Anlage auf der Kanareninsel La Palma und sendete die gekoppelten Lichtteilchen anschließend in entgegengesetzte Richtungen. An jedem Ende der Messtrecke wurden diese Teilchen von einem Teleskop eingefangen und ihre Polarisation gemessen. … „Es ist das erste Mal, dass Milliarden Jahre altes Licht aus unserem Universum zum Nachweis der Quantenverschränkung genutzt wurde“, erklärt Seniorautor Anton Zeilinger vom IQOQI. Insgesamt 30.000 Photonenpaare unterzogen er und seine Kollegen diesem kosmischen Bell-Test – und auch diesmal erwies sich die Quantenphysik eindeutig als nicht mit klassischen Einflüssen erklärbar. Die beiden Teleskope registrierten klare Korrelationen im Polarisationszustand der verschränkten Photonen. © wissenschaft.de  Quelle

Forscher des  Berkeley Lab wollen dieses Phänomen der Verschränkung auch im wirklichen Leben im Energiehaushalt von Pflanzen nachgewiesen haben:

Zitat Anfang:  „Die Forscher konnten zeigen, dass Pflanzen die Quantenverschränkungen verwenden, um Energie aus den Energie-erntenden Komplexen ohne Zeitverlust direkt für elektrochemische Prozesse verfügbar zu machen.

 „Die wichtigste Offenbarung dieser Studie ist, dass die Berkeley-Forscher – im Gegensatz zur gängigen wissenschaftlichen Vorstellung, dass die Verschränkung eine fragile und exotische Eigenschaft sei, die schwer zu erhalten und manipulieren ist – nachgewiesen haben, dass Verschränkung in der chaotischen chemischen Komplexität eines biologischen Systems existieren und bestehen kann“, heißt es auf der Website des Berkeley Lab. „Die Lektionen, die wir über die Quanten-Aspekte der Licht-Ernte in natürlichen Systemen lernen können, können auf das Design von künstlichen Photosynthese-Systemen übertragen werden, die sogar noch besser sind“, meint Mohan Sarovar vom Berkely Lab. „Die organischen Strukturen der Lichterntekomplexe und ihre synthetischen Imitationen könnten auch als nützliche Komponenten von Quanten-Computern oder anderen Geräten fungieren.“    Zitat Ende  Quelle

Aus den bisher dargestellten Erkenntnissen, besser physikalischen Denk- und Rechenmodellen ergeben sich einige Fragen zu einem aktuell gültigen physikalisch naturwissenschaftlich begründeten Weltbild, die zur Zeit nur unbefriedigend oder gar nicht beantwortet werden können:

·         Was bedeutet es, dass es eine durch Messungen bestätigte  beobachtungsunabhängige Realität/Welt, die Einsteins Relativitätstheorie widerspricht, in der die herkömmlichen physikalischen Naturgesetze keine absolute Geltung mehr haben?

·         Wieso gibt es dann aber dennoch die Stabilität der der bisher für allgemeingültig gehaltenen gültigen Naturgesetze?

·         Von welcher Art sind die Kräfte, die ein Atom zusammenhalten?

·         Inwiefern sind quantenmechanische Phänomene als durchaus bestehender Teil der Natur (umfassende Wirklichkeit) von Bedeutung für unser Sein in der für uns wahrnehmbaren Realität?

·         Ist die quantenmechanische Realität mit ihren Überlagerungen verschiedener Zustände mit der uns bekannten Welt verbunden und wenn ja, wie?

·         Wenn ja, welche Struktur hat dann unsere Welt und wieso gibt es Atome und stabile Materie?

·         Wie sind unsere Möglichkeiten nach heutigem Stand der Erkenntnis, naturwissenschaftlich etwas über unsere Welt tatsächlich auszusagen?

·         Was ist das „Dunkle“ des Universums, das 95% des Kosmos ausmacht? Oder: Woraus ist das Universum gemacht?

·         Was sind Gravitation, Raum, Zeit, Masse?

·         Welche Fragen, die wir stellen, sind die richtigen Fragen?

Erläuternde Einschübe Ende

 

Aus Sicht der Quantenphysik gibt es  keine absolute Existenz der Materie (Warum ist Materie hart?), es gibt nur „Beziehungsstrukturen“ zwischen Dingen im subatomaren „Raum“, der aber ebenfalls im herkömmlichen Sinn kein Raum ist. So schreibt der renommierte Atomphysiker Prof. Dr. Hans-Peter Dürr, Direktor des Max-Planck-Institutes für Physik, Schüler Heisenbergs und Schrödingers, in dem Buch "Unbelebte und belebte Materie", S. 5

„Materie ist letztlich gar nicht aus Materie aufgebaut! ... Es gilt nicht mehr die Vorstellung, dass der Stoff, die Materie das Primäre und die Beziehung zwischen dieser, ihre Relationen, Form und Gestalt, das Sekundäre ist. Die moderne Physik dreht diese Rangordnung um: Form vor Stoff, Relationalität vor Materialität. Es fällt uns schwer, uns reine Gestalt, Beziehungen ohne materiellen Träger vorzustellen... eine solche immaterielle "Gestalt", gewissermaßen ein formiertes Nichts, eine ganzheitliche, hochdifferenzierte Formstruktur“

Das ca. bis 1900 gültige, alte mechanistische Weltbild der Physik beschrieb die beobachtbare Realität der Dinge, der Objekte und ihre Anordnung  in einem determinierten und annähernd stabilen System, das mehr oder weniger in einer zweiwertigen Logik aus einem ja-nein Dualismus des Entweder-oder besteht. Hierauf sind auch unsere Sprache und unser Denken ausgerichtet. Materie, Raum und Zeit waren strikt getrennte Entitäten, heute sieht man sie als miteinander wechselwirkend zusammen. Einstein verknüpfte Raum und Zeit untrennbar zur Raumzeit, die sich selbst verformen kann und auf Objekte in ihr Einfluss nimmt.

In der subatomaren Welt der Quanten gibt es nun aber weder Gegenstände noch Materie und nichts Substantielles im bisherigen Sinn. Die greifbare „Substanz“ ist verloren gegangen. Die Bausteine der Quantenphysik sind  Theorien und Modelle. Sogenannte diskrete Teilchen wie Elektronen oder Quarks im subatomaren Aufbau der Atome sind eben keine Teilchen mehr im gewohnten Sinn. Sie sind, genau genommen, überhaupt keine Teilchen, sondern Felder. Und was in ihnen schwingt, ist eigentlich Nichts, aber es hat eine Form. Auch das kosmische Vakuum ist nicht etwa leer, obwohl es keine materielle Substanz beinhaltet, sondern vermutete dunkle Energie und dunkle Materie. Die uns begründende und umgebende physikalische Wirklichkeit, die nochmals von der umgangssprachlichen Wirklichkeit unterschieden werden muss,  ist also unvorstellbar größer und auch kleiner und umfassender als die von uns makroskopisch wahrnehmbare und unseren Alltag ausmachende Realität. In einem Interview (Quelle) führt Prof. Dürr dazu aus:

„In der subatomaren Quantenwelt gibt es keine Gegenstände, keine Materie, keine Substantive, also Dinge, die wir anfassen und begreifen können. Es gibt nur Bewegungen, Prozesse, Verbindungen, Informationen. Auch diese genannten Substantive müssten wir übersetzen in: Es bewegt sich, es läuft ab, es hängt miteinander zusammen, es weiß voneinander. So bekommen wir eine Ahnung von diesem Urgrund der Lebendigkeit. …

Die Wirklichkeit in der neuen Physik ist Potenzialität, eine Welt der Kann-Möglichkeiten, sich auf verschiedene Art materiell-energetisch zu verkörpern. Deshalb möchte ich die Begriffe Teilchen oder Atom nicht mehr benutzen und sage stattdessen Wirks oder Passierchen. Ein Passierchen ist ein winzig kleiner Prozess. …

Die Felder in der Quantenphysik sind nicht nur immateriell, sondern wirken in ganz andere, größere Räume hinein, die nichts mit unserem vertrauten dreidimensionalen Raum zu tun haben. Es ist ein reines Informationsfeld – wie eine Art Quantencode. Es hat nichts zu tun mit Masse und Energie. Dieses Informationsfeld ist nicht nur innerhalb von mir, sondern erstreckt sich über das gesamte Universum. Der Kosmos ist ein Ganzes, weil dieser Quantencode keine Begrenzung hat. Es gibt nur das Eine.

Die Quantenphysik beschreibt die Natur viel besser, denn in der Quantenwelt herrscht die mehrwertige Logik, also nicht nur Ja und Nein, sondern auch Sowohl/Als-auch, ein Dazwischen. Eben das Nicht-Greifbare, das Unentschiedene. Daran müssen wir uns gewöhnen.“

3.    Quantenphysik und Eriugena

Das Eine? Den Einen? Der Logos (Es werde) als Schöpfergott? Diese Idee ist theologisch schon lange bekannt und wird kirchlich oft diskutiert oder sogar als Argument gebraucht, wenn es um die Schöpfungsursache geht. Aber zu viele Fragen bleiben dabei offen oder die gegebenen Antworten sind widersprüchlich, zu oberflächlich bzw. greifen zu kurz. Viele Menschen versuchen auch, mit dem „Lückengott“ (“god of the gaps” ) die Existenz Gottes zu begründen, indem sie Gott immer dann ins Gespräch bringen, wenn die wissenschaftliche Erkenntnis im Sinne einer Ursache oder Begründung fehlt. Zu frühen Zeiten gab es solche Löcher zu Hauf: Erdbeben, Blitz und Donner, Wetterphänomene, Heuschreckenplage und anderes mehr waren die Löcher, in die Gott mangels naturwissenschaftlicher Erkenntnis als Verursacher dieser Ereignisse projiziert wurde. Dies alles hat aber die Wissenschaft längst beantwortet, der Lückengott ist je nach Bildungsstand überflüssig geworden.

Umso erstaunlicher sind deswegen die nun folgenden,  theologisch-philosophischen Aussagen über Gott und das gesamte Sein des Alls, die tatsächlich eine konkrete Nähe zu den Modellen der Quantenphysik und zur Zeit-Raum-Relation der physikalischen Theorie von Albert Einstein aufzeigen. Erstaunlich ist dies insbesondere, weil der Autor zu diesen Erkenntnissen durch rein kognitive Spekulation (eine im Altertum und MA übliche Methode, Wissenschaft zu betreiben und durch Nachdenken und logische Aussagen Ergebnisse zu erzielen), gekommen ist. Noch erstaunlicher ist allerdings, aus welcher Zeit diese Ausführungen stammen. Die Rede ist von Johannes Scotus Eriugena (klick HIER zu einem sehr guten Artikel über ihn) und seinem Werk „Die Eintheilung der Natur.“ So bemerkt Prof. Kurt Ruh in seinem maßgeblichen Standartwerk „Geschichte der abendländischen Mystik“ 2001: Eriugena gewann so, wie vor allem sein Hauptwerk „Periphysion“ eindrucksvoll kundtut,  einen Horizont, der für die Zeitgenossen unerreichbar war. Seine in diesem Buch gezeigte „systematische Leistung sei einzigartig in seiner Zeit und einmalig bis zur Hochscholastik“.

Eriugena, der als Schotte um 810 in Irland geboren wurde,  studierte in Irland lateinisch und griechisch (!). Die Irischen Klöster waren zu Beginn des MA. für ca. 300 Jahre das intellektuelle Zentrum Europas, einmalig in Ausprägung und führend in einer ungebrochenen Bildungs- und Weisheitstradition. Um 840 ging er nach Frankreich (Paris) an den Hof Karls des Kahlen und wurde dort Lehrer an dessen Hofschule. Eriugena hatte es neben seinem theologischen Wissen zur Meisterschaft in den sieben freien Künsten gebracht, also Grammatik, Rhetorik, Logik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie. Wahre Theologie und wahre Philosophie waren für ihn ein und dasselbe. Seine Schriften, die auf der negativen Theologie beruhten, wurden, was wenig verwundert, von der Kirche abgelehnt und als häretisch eingestuft. Eriugena starb um 877. Weitere Quellen: Mittelalterlexikon,  Eisler: Philosophen-Lexikon, Philolex (Peter Möller. Aus Eriugenas Hauptwerk „Über die Einteilung der Naturwird im Folgenden zitiert. Die Quelle meiner Zitate ist ein online zu lesendes Faksimile der ersten Ausgabe von Ludwig Noack (1870). Im Anhang können die eingefügten Zitate sowie weitere im Text nicht erwähnte Auszüge als Großzitate in entsprechend  längeren Textpassagen nachgelesen werden.

Erinnern wir einige der bereits benannten physikalischen Aussagen und stellen gegenüber, was Eriugena in spekulativer Annäherung (von lat. speculari = spähen, beobachten) und gefolgerten logischen Schlüssen formuliert und wie er dabei auf durchaus vergleichbare Folgerungen und Formulierungen kommt:

Dürr (Quelle):“ Der Kosmos ist ein Ganzes, weil dieser Quantencode keine Begrenzung hat. Es gibt nur das Eine.“

Eriugena: S. 209  Was ist dann aber von der unaussprechlichen und unbegreiflichen Natur selber zu halten? Wer möchte darin etwas durch eine Grenze Bestimmtes, im Räume Ausgedehntes, in Theile Getrenntes, aus Bestandheiten und zufälligen Bestimmungen Zusammengesetztes denken? S. 333 Auf Grund des bereits Erörterten wird darum gesagt, dass die göttliche Güte nicht sei und überhaupt Nichts sei, gleichwohl aber wird ihr das Sein in Allem zugesprochen, weil sie die Wesenheit und Bestandheit des ganzen Alls ist und Gattung zugleich und Art und Eigenschaft und Grössenbestimmung und das Band von Allem und die Lage und Haltung und Raum und Zeit und Leiden und Tun und überhaupt Alles ist, was in jeder Creatur und ihrer Umgebung irgendwie gedacht werden mag.

Dürr: „In der subatomaren Quantenwelt gibt es keine Gegenstände, keine Materie, keine Substantive, also Dinge, die wir anfassen und begreifen können. Es gibt nur Bewegungen, Prozesse, Verbindungen, Informationen.

Eriugena: S 60/61 Daraus wird aber geschlossen, dass der Raum nichts Anderes ist, als die natürlich bestimmte Weise und Stellung irgend einer allgemeinen oder besondern Kreatur, sowie andererseits die Zeit nichts Anderes ist, als die Reihe von Erzeugungsbewegungen der Dinge beim Eintreten ans dem Nichtsein in das Sein und gewisse Ausdehnungen eben dieser Bewegung veränderlicher Dinge.

Dürr: „Materie ist letztlich gar nicht aus Materie aufgebaut! [...] Es gilt nicht mehr die Vorstellung, dass der Stoff, die Materie das Primäre und die Beziehung zwischen dieser, ihre Relationen, Form und Gestalt, das Sekundäre ist. Die moderne Physik dreht diese Rangordnung um: Form vor Stoff, Relationalität vor Materialität.

Eriugena: S. 322 Unter Stoff wird die gestaltlose Materie verstanden, welche aus Nichts gemacht ist und aus welcher durch Hinzufügung der Verschiedenheit der Formen die sinnliche Welt in ihrem Gefüge zusammengesetzt wird

Dürr: Die Quantenphysik beschreibt die Natur viel besser, denn in der Quantenwelt herrscht die mehrwertige Logik, also nicht nur Ja und Nein, sondern auch Sowohl/Als-auch, ein Dazwischen. Eben das Nicht-Greifbare, das Unentschiedene.“

Eriugena S.5 : Denn wie Gott selbst …durch keinen Verstand erfasst wird, so ist auch in den heimlichsten Winkeln der von ihm geschaffenen und in ihm bestehenden Kreatur das ins Auge gefasste Wesen unbegreiflich. Was vielmehr in jeder Kreatur entweder mit leiblichen Sinnen wahrgenommen oder mit dem Denken erfasst wird, ist eben nur ein für sich unbegreifliches Zubehör jedweden Seins. Mag dasselbe nach seiner Eigenschaft oder Grössenbestimmung oder Form, nach seinem Stoff oder nach irgend einer Unterschiedenheit, nach Ort oder Zeit erkannt werden; so wird doch nicht erkannt, was es ist oder warum es ist.

Hendrik Hildebrandt, Professor für beobachtende Kosmologie: Er ist der Anfang von Allem: Der Urknall. Davor gab es nichts, überhaupt gar nichts. Keine Materie, keinen Raum, keine Zeit.

Eriugena: S. 214 L. Kein frommer und katholischer Philosoph,  [...] wird wohl behaupten, dass Raum und Zeit vor der Welt gewesen sind S. 257 Alles Seiende wird durch das Nichtsein ins Sein geführt.  S. 60f Die Zeit ist nichts Anderes, als die Reihe von Erzeugungsbewegungen der Dinge beim Eintreten ans dem Nichtsein in das Sein und gewisse Ausdehnungen eben dieser Bewegung veränderlicher Dinge.

Dürr: Die Wirklichkeit in der neuen Physik ist Potenzialität, eine Welt der Kann-Möglichkeiten, sich auf verschiedene Art materiell-energetisch zu verkörpern

Eriugena: S. 333 Wie also die göttliche Güte als das Nichts deshalb bezeichnet wird, weil sie über allem Seienden und Nichtseienden hinaus liegt, so wird sie in keiner Wesenheit gefunden und steigt aus sich selber in ihrem eignen Bereiche aus der Verneinung aller Wesenheiten zur Bejahung des Alls der Wesenheit herab, gleichsam aus Nichts in Etwas, aus der Unwesenheit in Wesenheit, aus Unförmigkeit in zahllose Formen und Einzelarten. …

Hendrik Hildebrandt, Professor für beobachtende Kosmologie: Der Urknall. Davor gab es nichts, …. Das ist ziemlich schwierig vorzustellen: Eine Zeit ohne Zeit. Ein Raum ohne Raum. Und dann auf einmal entsteht alles.

Eriugena S. 264: Ist ja doch Alles, was gedacht und wahrgenommen wird, nichts Anders als die Erscheinung des Nicht-Erscheinenden, [...] der Körper des Unkörperlichen, [...] die formlose Form, das unmessbare Mass,  [...] der unräumliche Raum, die zeitlose Zeit, die Begrenzung des Unbegrenzten, [...]  und alles Andere zumal, was mit dem reinen Denken gedacht und durchschaut wird, und was im Gedächtniss nicht erfasst wird und der Schärfe des Geistes entgeht.

Astrophysiker James Hopwood Jeans (1877-1946): „Wenn wir unsere subjektive menschliche Brille abnehmen, werden wir gewahr, daß ein Ereignis nicht mehr in einem Raumpunkt und einem Zeitpunkt geschieht, sondern in einem Punkt des Kontinuums existiert, der Zeit und Raum des Geschehens zusammenfaßt; und wir entdecken so, daß die primären Elemente der Natur nicht Dinge sind, die in Raum und Zeit existieren, sondern Ereignisse im Raum-Zeit-Kontinuum“.

Eriugena: S 58 L. Alles, was  [...]  ist, [...]  wird im Raume begriffen. Mit diesem aber fällt überhaupt und immer die Zeit zusammen; denn wenn man von letzterer absieht, ist es nicht möglich, den Raum zu denken, sowie andererseits die Zeit nicht bestimmt werden kann, ohne dass der Raum mitgedacht würde. Beide gehören nämlich zu demjenigen, was stets nur zugleich ist. [...] Die Wesenheit alles Daseienden ist somit räumlich und zeitlich bestimmt und wird deshalb nur in und unter dem Raum- und Zeitverhältniss erkannt.

Energieerhaltungssatz:Energie kann weder erzeugt noch vernichtet werden. Sie kann nur von einer Form in andere Formen umgewandelt oder von einem Körper auf andere Körper übertragen werden.“ Bis heute ist kein Vorgang in der Natur bekannt, der den Energieerhaltungssatz verletzt.

Eriugena S. 70 Nichts von dem, was ist, so weit es Wesenheit und Natur  ist, kann vernichtet werden. Denn Wesenheit, Kraft und natürliche Wirksamkeit sind in jedem Körperlichen und unkörperlichen Geschöpf  [...] unvergänglich.

S. 400 f Körper, die unserem Sinnen todt scheinen, sind nicht durchaus vom Leben verlassen. Wie ihre Zusammensetzung und Bildung in der Eigenheit ihres Lebens vor sich geht, so vollbringt sich auch ihre allmähliche Abnahme, Auflösung und Rückkehr in ihre Grundbestandheit mit gleicher Willfährigkeit. [...] In Allem diesem findet vielmehr eine und dieselbe Verwaltung statt. Sogar die im Tode des Körpers vor sich gehende Auflösung ist nur für unsere Sinne zu gleich eine Auflösung des Stoffes, nicht zugleich für die Natur selbst, welche in sich selber untrennbar zugleich und immer ist und nicht in Zeiten und Räume zerfällt.[...] Was sich also für den körperlichen Sinn zu trennen scheint, muss nothwendig in einer höhern Betrachtung der Dinge immer zugleich und untrennbar bestehen. In einer höhern Anschauung der Dinge lässt es sich darum verstehen, dass sie (= die Seele) den in seine Elemente aufgelösten Körper nicht weniger bewaltet, als den im Banne seiner Glieder eingeschlossenen Körper. Dies lehrt unzweifelhaft die wahre Vernunft

Definition Physik (Wikipedia): Die Physik ist eine Naturwissenschaft, die grundlegende Phänomene der Natur untersucht. Um deren Eigenschaften und Verhalten anhand von quantitativen Modellen und Gesetzmäßigkeiten zu erklären, befasst sie sich insbesondere mit Materie und Energie und deren Wechselwirkungen in Raum und Zeit. … Physikalische Theorien bewähren sich in der Anwendung auf Systeme der Natur, indem sie bei Kenntnis von deren Anfangszuständen Vorhersagen über spätere Zustände erlauben

Eriugena: S. 259 Das Wissen ist eine Kraft, wodurch der betrachtende menschliche  [...]  Geist über die Natur der Dinge, die aus den uranfänglichen Ursachen durch Zeugung hervorgehen und in Gattungen und Arten getheilt sind, nach deren Unterschieden und Eigenthümlichkeiten sich verbreitet, mag nun diese Natur dem Zufälligen anheimfallen oder nicht, mag sie mit Körpern verbunden oder derselben ledig sein, mag sie räumlich und zeitlich vertheilt oder über Raum und Zeit hinaus in ihrer Einfachheit eins und untheilbar sein. Diese Art von Vernunft wird Physik genannt, und sie besteht in der natürlichen Kenntniss der in die Sinne und unter das Denken fallenden Naturen.

Eriugenas Formulierungen nochmals in kurzen Auszügen:

aus Nichts in Etwas - aus Unförmigkeit in zahllose Formen und Einzelarten - Band von Allem und die Lage und Haltung und Raum und Zeit und Leiden und Tun und überhaupt -  gestaltlose Materie, welche aus Nichts gemacht istAlles Seiende wird durch das Nichtsein ins Sein geführt - die formlose Form- Die Zeit ist die Reihe von Erzeugungsbewegungen der Dinge beim Eintreten ans dem Nichtsein in das Sein und gewisse Ausdehnungen eben dieser Bewegung - so wird doch nicht erkannt, was es ist oder warum es ist

„So wird doch nicht erkannt, was es ist oder warum es ist!“ Formulierungen wie speziell diese stehen in Übereinstimmung mit unserem heutigen, naturwissenschaftlichen Weltbild und  beschreiben zudem noch deren aktuelle Probleme. Die Physik selbst muss z.T. geradezu selber zu philosophischen Beschreibungen über Quarks und Co greifen, weil bisherige Sprache und Vorstellungen nicht ausreichen, die erkannten Vorgänge zu beschreiben. Mehr noch widersprechen die Beobachtungen oder Modelle unseren Wahrnehmungen in der uns sichtbaren Welt. Auch die Modelle selbst (Relativitätstheorie, Unschärferelation und Quantenphysik) sind zueinander widersprüchlich hinsichtlich ihrer Denk- und Rechenmodelle. Mit den eingestellten Zitaten soll aber nicht etwa eine konkrete Beziehung Eriugenas zur modernen Physik hergestellt werden, sondern es sollte seine erstaunliche Nähe zu ihr aufgezeigt werden. Seine transzendentale Logik, die prinzipiell zur Darstellung der Wesenheit Gottes eingesetzt wird, hat ihn über diese logischen Denkprozesse bzw. die rein kognitive Spekulation unter dem Gebot der  „Vernunftforschung“ zu Formulierungen gebracht, die  bereits modernste naturwissenschaftliche/ physikalische Erkenntnisse ausdrücken. Eriugena, der sich als Wahrheits- oder Naturforscher sieht und für den sich die Wesenhaftigkeit Gottes gerade und eigentlich nur in der geschaffenen Natur im Sinne der gesamten Wirklichkeit zeigt,  schreibt zum Thema Wissenschaft: „Dass die Wissenschaft im Geiste gedacht werde, bezweifle ich nicht“ (4. Buch S.40) und spricht kurz danach davon, dass der Geist „die Wissenschaft [...] denkend gewinnt.“ An anderer Stelle heißt es: 

1. Buch S. 65: „Was hindert uns dann, die Wissenschaft des Definirens in die Reihe dieser selben Künste zu setzen, indem wir sie der Dialektik beifügen? Gehört es doch eben dieser letztern zu, die Naturen der dem Denken zugänglichen Dinge einzutheilen, zu verbinden, zu unterscheiden und einer jeden ihren eigenthümlichen Platz zuzutheilen. Pflegt sie doch eben darum von den Weisen die wahre Betrachtung der Dinge genannt zu werden.“

S. 50 Die Dialektik forscht sorgfältig nach den allgemeinen Grundbegriffen des Geistes.

Letztlich unterscheidet sich Eriugenas Forschungsansatz nur unwesentlich vom heutigen Vorgehen, bei dem auch (mehr oder weniger) beobachtbare Vorgänge/Zustände bzw. hochgradig komplizierte Rechnungen die Grundlage aufgestellter, oft einander widersprechender Hypothesen bilden. Viele Fragen der Physik sind deswegen heutzutage  noch vorläufig beantwortet und werden fachlich zudem sehr kontrovers diskutiert. Unter anderem ist immer noch völlig unbekannt, was zunächst Raum und Zeit und später Materie entstehen ließ. Kann der Urknall (als Singularität, in der das Universum noch keine Ausdehnung hatte und Dichte und Temperatur unendlich waren) vor 13,8 Milliarden Jahren als Ursache angenommen werden? Was war dann vor 15 Milliarden Jahren? Die so gestellte Frage ist physikalisch nicht korrekt, da die „Zeit“ erst mit dem Urknall und in Folge entstand. Aus bestimmten beobachtbaren Phänomenen heraus wird aber auch das „Bild“ des Urknalls als falsch angesehen, vielmehr deuten sich heute diskutierte quantengravitative Effekte für die frühen Augenblicke des entstehenden Universums an, die den Raum in Folge inflationär mit Überlichtgeschwindigkeit expandieren ließen (klick hier). Aber auch diese These ist natürlich hochumstritten.

Fragt man nun sogar noch nach der „Ursache“ des Beginns und warum sich alles, was sich entwickelt hat genau so entwickelt hat, wie es heute ist, verlässt man aber u.U. den naturwissenschaftlichen Kontext und kommt zu philosophischen bzw.  theologischen Denkmodellen.  Da Eriugenas Naturbegriff alles Seiende und Nichtseiende umfasst, hätte er vermutlich eine solche Aufspaltung in Natur- und Geisteswissenschaft aber als absolut falsch und unverständlich angesehen. Im Folgenden sollen nun nach den naturwissenschaftlich orientierten Zitaten  Eriugenas philosophische Gottesvorstellung in ausgewählten Teilaspekten aufgezeigt und kommentiert werden.

 

4.    Eriugenas Gottesvorstellung

Korrekterweise muss an dieser Stelle sogleich angemerkt werden, dass Eriugena natürlich insgesamt in seinen Darstellungen das christliche Gottesbild des schöpfenden Dreieinen erläutert und umfangreich auch das Verhältnis vom Vater zum Sohn und Heiliger Geist erörtert, die vom Schüler zunächst als „Namen von Verhältnissen“ bezeichnet werden, eine bemerkenswerte Formulierung (S. 35f). Sogleich aber wird vom Lehrer ergänzt, dass  selbst die Kategorie der „Beziehungs-Verhältnisse“ für Gott nicht gilt und letztlich so nicht ausgesagt werden dürfe, da die göttlichen Wesenheit selbst alles „unaussprechlich überragt/ übersteigt“. Eriugena widerspricht klar der positiven Theologie und „verneint nämlich, dass die göttliche Wesenheit oder Bestandheit zu demjenigen gehöre, was ist, d. h. was ausgesprochen und gedacht werden kann.“ S.26

In der vorliegenden Arbeit werden folglich weitere Aussagen mit christlichem Bezug ausgelassen und nur Formulierungen einbezogen, die die göttliche Wesenheit als Ganzes im Blick haben.  Grundsätzlich folgt Eriugena wie eben angedeutet dabei der Negativen Theologie unter dem Vorbild Platons, der von der Unsagbarkeit des Höchsten ausging und bemerkte, dass wir „von den Göttern nichts wissen, weder von ihnen selbst noch von ihren Namen.“ Die Begriffe negativ und positiv sind dabei nicht wertend zu verstehen. Positive Aussagen über Gott definieren aus Sicht der Negativen Theologie nur unzulässig, was und wie er ist, negative Aussagen über ihn als Verneinung der positiven hingegen sind als wahr anzusehen. Damit folgt Eriugena schlüssig der im AT erhobenen Forderung Gottes „Du sollst dir kein Bild von mir machen!“  Eriugena schreibt:

S. 100  Hierbei wird es aber überhaupt durch die Vernunft empfohlen und durch sichere Wahrheitsforschung bestätigt, dass von Gott nichts eigentlich ausgesagt werden könne, weil Derjenige, welcher jedes Denken und jede sinnliche oder gedankenhafte Bezeichnung übersteigt, besser durch Nichtwissen gewusst wird und seine Unkenntniss die wahre Weisheit ist, sintemal er wahrer und gläubiger in Allem verneint als bejaht wird. Denn Alles, was man über ihn verneint, wird wirklich verneint; keineswegs aber steht das, was man feststellt, wirklich fest. Meint man nämlich bewiesen zu haben, dass er dies oder jenes sei, so erweist sich dies als falsch, weil er von Allem, was ist oder was gesagt und gedacht werden kann, nichts ist. Spricht man dagegen aus, er sei weder dies noch jenes noch irgend etwas, so trifft man das Richtige, weil er nichts ist von Allem, was ist oder nicht ist. Vermag sich ihm doch Niemand anders zu nahen,, als wenn er zuvor  [...]  alles Sinnenfällige mitsammt  Allem, was ist und nicht ist, hinter sich lässt und nichtwissend zur Einheit mit Dem hergestellt wird, der über aller Wesenheit und über allem Denken hinausliegt, und für den weder Vernunft oder Denken noch Wort oder Gedanke passt, und dem kein Name noch Ausdruck eignet.

S. 203 Wozu fragst du, spricht er, nach meinem Namen? Auch diess ist wunderbar. Oder ist diess nicht wahrlich ein wunderbarer Name, der über alle Namen ist, weil er unnennbar jeden Namen überragt, der in dieser oder der zukünftigen Welt genannt wird? Wenn also sein Name gesucht werden soll, während er doch unnennbar über jedem Namen ist: wie wenn nun Jemand seine Wesenheit suchte, die einen bestimmten Namen nicht entbehren würde, wenn sie in irgend etwas Bestimmten enthalten wäre? Weil er jedoch in Keinem besteht, so ist er unnennbar, da der Unendliche jeder Benennung entbehrt.

Darüber hinaus spitzt Eriugena die Ablehnung positiver Aussagen über Gott noch zu, indem er ihn sogar als „Nichts“ bezeichnet und erklärt:

S. 333 f  Schüler: Was aber die hl. Theologie mit dem Namen ”Nichts“ bezeichnet, wünsche ich von dir aufgeklärt zusehen.

Lehrer: Ich glaube, dass mit diesem Namen die unaussprechliche und unzugängliche Klarheit der jedem menschlichen oder engelischen Denken unbekannten göttlichen Güte bezeichnet wird, die ja, überwesentlich und übernatürlich und für sich selber betrachtet, weder ist, noch war, noch sein wird. Denn sie wird in keinen daseienden Wesen erkannt, weil sie Alles übertrifft. Nur dadurch, dass sie auf unaussprechliche Weise in das Seiende herabsteigt, ist sie für das Geistesauge als solche erfassbar, die allein in Allem als das Sein erfunden wird und ist und war und sein wird. Als unerfassbar gedacht, wird sie nicht mit Unrecht in ausnehmender Weise das Nichts genannt. Indem sie jedoch in ihren Theophanien sichtbar zu werden beginnt, wird gesagt, dass sie gleichsam aus dem Nichts in Etwas hervorgehe. Sofern sie eigentlich als über jede Wesenheit hinausgehend gilt, wird sie auch eigentlich in jeder Wesenheit erkannt, und deshalb kann jede sichtbare und unsichtbare Creatur eine Theophanie, d. h. eine göttliche Erscheinung genannt werden. [...] Wie also die göttliche Güte als das Nichts deshalb bezeichnet wird, weil sie über allem Seienden und Nichtseienden hinaus liegt, so wird sie in keiner Wesenheit gefunden und steigt aus sich selber in ihrem eignen Bereiche aus der Verneinung aller Wesenheiten zur Bejahung des Alls der Wesenheit herab, gleichsam aus Nichts in Etwas, aus der Unwesenheit in Wesenheit, aus Unförmigkeit in zahllose Formen und Einzelarten. Ihr erster Fortgang nämlich in die uranfänglichen Ursachen, worin sie wird, heisst in der hl. Schrift gleichsam ein formloser Stoff, nämlich Stoff, weil er der Formlosigkeit der göttlichen Weisheit zunächst liegt. Die göttliche Weisheit nämlich heisst mit Recht formlos, weil sie sich zu ihrer Gestaltung an keine höhere Form wendet, weil sie das unendliche Musterbild aller Formen ist, und weil sie beim Herabsteigen in verschiedene Formen sichtbarer und unsichtbarer Wesen sich auf ihre eigne Urgestalt bezieht.

Die Kategorie des NICHTS wird hier zur geradezu hypostasierten „Endkonsequenz“ negativer Theologie. Das Sein ist ohnehin vom Seienden zu unterscheiden (ontologische Differenz), aber da Gott weder das eine noch das andere ist, bezeichnet ihn Eriugena wortschöpferisch als das Überseiende. Auch gehen alle ihm zugesprochenen „Eigenschaften“ in jeder Weise über das hinaus, was der Mensch überhaupt denken kann:

S. 333 Auf Grund des bereits Erörterten wird darum gesagt, dass die göttliche Güte nicht sei und überhaupt Nichts sei, gleichwohl aber wird ihr das Sein in Allem zugesprochen, weil sie die Wesenheit und Bestandheit des ganzen Alls ist und Gattung zugleich und Art und Eigenschaft und Grössenbestimmung und das Band von Allem und die Lage und Haltung und Raum und Zeit und Leiden und Tun und überhaupt Alles ist, was in jeder Creatur und ihrer Umgebung irgendwie gedacht werden mag.

Gott ist also in Eriugenas Vorstellung die Ursache und der Ursprung alles Seienden und Nichtseienden, der Ursprung von Raum und Zeit und überhaupt allem, was unsichtbar, sichtbar, denkbar oder sogar undenkbar ist und wird dennoch am trefflichsten durch die Kategorie des Nichts benannt.  Werner Beierwaltes schreibt erläuternd dazu in seinem Beitrag „Das Problem des absoluten Selbstbewußtseins bei Johannes Scotus Eriugena (Divina ignorantia summa ac vera est sapientia) Von WERNER BEIERWALTES (Würzburg)“ (Die Zitate im Text sind von Eriugena):

S. 272 ff Die Aussage über das Wesen Gottes, daß er als Über-Wesen und Über-Sein das „erhabene Nichts“ ist und deshalb in sich und an sich nicht als Etwas gedacht werden kann, ist der Ansatzpunkt für die Frage nach dem Selbstbewußtsein Gottes. Am Anfang unserer Überlegungen zeigte sich, daß Gottes Wesen definierendem Denken nicht zugänglich ist, da die Definition durch die Was-Frage (quid) Seiendes als bestimmtes, begrenztes Etwas (aliquid, substantia) von seinen „Umständen“ her aus anderem kategorial Seienden ausgrenzt. […] Unendlichkeit im Sinne von Unbestimmtheit jedoch ist ebensowenig wie Nichtigkeit im Sinne von Nicht-Etwas-Sein Anzeige dafür, daß Gott dunkler Ungrund wäre. Er ist vielmehr gerade durch seine Unendlichkeit und Nichtigkeit, durch sein unbestimmtes Nicht-Etwas-Sein lichter Urgrund. Von diesem Wesenselement Gottes, der Unendlichkeit und Unbestimmtheit her gerät das Denken in dem „undurchdringlichen Dunkel“ der Frage nach dem Selbstbewußtsein Gottes in die Aporie, ob Gott, wenn er „sich selbst erkennt, was er ist, sich nicht etwa doch selbst definiere“ und damit seine Unendlichkeit und Unbestimmtheit gänzlich aufhebe oder einschränke. Denn alles dessen Wesen eingesehen werden kann, vermag entweder durch sich selbst oder durch Anderes definiert zu werden. Wenn nun Gott in der Erkenntnis seiner selbst in der Tat sich selbst definierte, so bliebe er nicht in umfassendem Sinne unendlich oder unbestimmt: er wäre dies lediglich von der Dimension des Geschaffenen her. „Sich selbst wäre er bestimmt, dem Geschöpf unbestimmt." Vermöchte er sich jedoch in der Selbsterkenntnis nicht zu „definieren“, wäre dies dann nicht Unwissen und Ohnmacht? „Unwissen nämlich, wenn er nicht einsieht, was er ist; Ohnmacht aber, wenn er nicht definieren (bestimmen) kann, als was er besteht.“ Dieser Aporie aber steht der in der theologia negativa entfaltete Gedanke entgegen. Fragte man nämlich nach dem Wesen Gottes in der Definitionsfrage „quid", was es denn sei, so fragte man nach einer „eigenen, bestimmten (begrenzten) Substanz“. Solches Denken und Fragen aber wäre unsachgemäß, da es die Dimension des Kategorialen nicht transzendierte und sich nicht der Sphäre des erhabenen Nichts, der Überfülle des Uber-Seins Gottes öffnete. Das Postulat, Gott müsse als Etwas erkannt werden können und müsse sich daher selbst als dieses Etwas erkennen und sich dessen als seines Selbst bewußt sein, würde die menschliche Erkenntnis Gottes zu einer Verendlichung Gottes durch den Menschen, die göttliche Selbsterkenntnis aber zu einem Destruktionsprozeß Gottes durch ihn selbst machen, indem es die Kategorie, die es ihm gänzlich absprechen wollte, wieder in ihn hineintrüge. […] Gott weiß daher nicht, was er ist, weil er kein Was (Etwas) ist; unbegreiflich ist er daher in einem Etwas sowohl für sich selbst, als auch für jedes Denken.“[…] . Wie das Nicht-Sein Gottes nicht impliziert, daß er nicht ist im Sinne der Existenz, oder nicht ist im Sinne der Fülle von Sein als Grund und Ursprung, sondern Nichts ist als die alles kategorial bestimmbare Etwas aus der Fülle seines Über-Seins schaffende Mächtigkeit, so ist auch göttliches Nicht-Wissen die Negation kategorialen Wissens und Erkennens seiner selbst und alles Seienden: göttliche Weisheit. „In dieser Art des Nichtwissens strahlt ganz offen und überaus schön die höchste und unaussprechliche Weisheit.“  Quelle Philosophisches Jahrbuch 2019 

Bei Sirach ist zu lesen in Kapitel 43, 11 f ( Luther 1912): Durch Gottes Wort halten die Sterne ihre Ordnung, Durch sein Wort besteht alles. Wenn wir gleich viel sagen, so können wir's doch nicht erreichen; kurz: er ist alles!“

Eriugena gesteht Gott aber nicht einmal ein Sein nach unserem Verständnis zu:

S.66 Denn auch die All-Ursache, Gott, wird nach ihrem Sein lediglich aus dem von ihr Geschaffenen erkannt; was sie aber ist, können wir von Seiten der Kreatur aus in keiner Weise denken. Es wird darum von Gott nur die einzige Definition gegeben, dass er ist, der mehr als Sein ist.

Über das was ist, aber mehr als Sein ist, lassen sich keine weiteren Aussagen mehr machen. Die Wortschöpfungen in den Zuschreibungen „Übergüte, Überseiendes, Überwesentliches“ zeigen bei Eriugena die Grenzen des menschlichen Verstandes und unserer Sprache und Wahrnehmung auf, weil Gott schlicht Alles ist und sogar das umfasst, was uns noch nicht denkbar ist oder nie wahrnehmbar sein wird. Nach Eriugenas Verständnis ist Gott weder ein „Etwas“ noch existiert er als Existenz. Er ist zwar in Allem, ja er ist sogar vollumfassend Alles in Allem – das wusste Paulus auch schon: „ut sit Deus omnia in omnibus“ – , selbst aber nur in seinem Geschaffenen als Theophanie erkennbar, letztlich in seinem Sein aber jenseits von Allem das uns völlig unvorstellbare ganz „ANDERE“!  Sprachlich wird es hier schwierig, das eben nicht zu Beschreibende, das Unfassliche zu bezeichnen und in Worte zu bringen, denn Gott – im Sinne Eriugenas - ist un-, über-, vor- und nachbegrifflich. Indem er das NICHTS als Qualität Gottes apostrophiert, hebt er sich von allen Gottes-Beweisen und -Beschreibungen ab, die mit Zuschreibungen arbeiten wie Ewig, unendlich, allwissend, überzeitlich.

Könnte man also trotz  moderner, naturwissenschaftlicher Sicht Gott dennoch als die Ursache des Urknalls ansehen oder, philosophisch ausgedrückt, ihn als den Beginn des aus dem Nichts ins Seiende kommende und den die Gesetze Gebenden für alle sich danach ordnenden und entwickelnden Dinge bezeichnen? „Im Anfang war das Wort  heißt es im Johannesevangelium, und weiter, „Und Gott war das Wort! Ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist!“ Goethe wollte das Wort so hoch nicht schätzen und lässt Faust im Studierzimmer überlegen:

Geschrieben steht: "Im Anfang war das Wort!" Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort? Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen, Ich muß es anders übersetzen, Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin. Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn. Bedenke wohl die erste Zeile, Daß deine Feder sich nicht übereile! Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft? Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft! Doch, auch indem ich dieses niederschreibe, Schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe. Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!

Wort –Sinn – Kraft –Tat? Das Problem bleibt, denn indem man Gott als Ursache des Seienden ansieht, folgt man damit wiederum dem alten Kausalitätsprinzip von Ursache und Wirkung und  schreibt damit eine deterministische Weltsicht fort, die wiederum im Widerspruch zu Beobachtungen der modernen Physik steht. Über Gott kann aber- analog zum Zeitbegriff - weder gesagt werden, dass er vor dem Urknall war oder nicht war. Zudem muss vermutet werden, dass die Kräfte, die das Universum hervorgerufen hat und zusammenhält, physikalische sind. Für die makroskopische Welt mit ihren berechenbaren und vorhersagbaren Naturgesetzen gilt das sicher, was aber hält die subatomaren Strukturen zusammen? Antworten darauf stehen noch aus.

Etwas zweifelhaft bleibt außerdem aus unserem Kausalitätsdenken heraus eine andere Annahme: Eriugena schreibt zurecht, dass Gott, der nicht in Zeitkategorien gedacht werden darf, weder also sich selbst bewegt noch bewegt werden kann. Er würde sich dann auf etwas zubewegen oder von etwas entfernen, in beiden Fällen gäbe es notgedrungen ein zu unterscheidendes Vorher und Nachher.

S. 110 L. Gott war also nicht, bevor er Alles schuf.

Sch.  Gewiss nicht; denn wäre er früher gewesen, so würde sein Schaffen ihm etwas Zufälliges sein, und alsdann würden Bewegung und Zeit mit in ihm einbegriffen sein. Er würde sich ja zu demjenigen, was er noch nicht geschaffen hatte, als einem zu Schaffenden hinbewegen, und er würde der Zeit nach selber seiner Thätigkeit vorausgehen, die dann mit ihm weder gleichwesentlich, noch gleichewig sein würde.

Um diesen für die Schöpfung geltenden Fakt zu umschiffen argumentiert Eriugena:

S. 18 Ich sagte, dass sich Gott nicht ausserhalb seiner selbst, sondern nur von und in und zu sich selbst bewege. Denn es darf keine andere Bewegung in ihm angenommen werden, ausser dem Streben seines Willens, wodurch er will, dass Alles geschehe; er lässt aus dem Nichtsein Alles ins Sein laufen.

Hier zeigt sich kausal gedacht und hinterfragt (vielleicht kann aber Eriugenas Gottesvorstellung gar nicht kausal gedacht werden?)  ein Problem: Wenn Gott weder Zeit noch Ort ist, eine vermutlich korrekte Annahme, kann auch keine Bewegung von ihm ausgehen, fortgehen oder in ihm enden. Die Formulierung „Streben seines Willens, wodurch er will, dass Alles geschehe“ impliziert allerdings notwendigerweise doch eine zumindest geistige Bewegung. Eriugena erläutert dies in einer sehr interessanten Analogie:

S. 18 Somit ist Gott Alles, was wahrhaft ist, weil er selber Alles macht und selber in Allem wird, [...]  und alles Andere zumal, was mit dem reinen Denken gedacht und durchschaut wird, und was im Gedächtniss nicht erfasst wird und der Schärfe des Geistes entgeht. Auch durch Beispiele unserer eignen Natur können wir dies erhärten. Obgleich nämlich unser Denken für sich unsichtbar und unfassbar ist, giebt es sich durch gewisse Zeichen zu erkennen und zu fassen, indem es durch Laute oder Buchstaben oder andere Fingerzeige sich gewissermassen verdichtet und so nach aussen sichtbar wird, dabei jedoch immer unsichtbar verharrt, und indem es in mancherlei sinnlich fassbare Gestalten heraustritt, ohne den unbegreiflichen Stand seiner Natur zu verlassen, bewegt es sich in seinem eignen innern Bereich bevor es sich nach aussen offenbart. Demgemäss schweigt es zugleich und ruft, und im Schweigen ruft es und im Rufen schweigt es. Unsichtbar zeigt es sich doch und indem es sich zeigt bleibt es unsichtbar; unumschränkt wird es doch umschränkt, und indem es umschränkt wird beharrt es unumschränkt. Es verkörpert sich nach Belieben in Lauten und Buchstaben, und in dieser seiner Verleiblichung bleibt es doch in sich selber unkörperlich. Während es sich, um sich zu den Sinnen Anderer fortzubewegen, aus dem luftigen Stoff oder aus sinnlichen Gestalten gewisse Bewegungsmittel bildet, verlässt es doch auch wiederum, um zu den äussern Sinnen zu gelangen, eben diese Hülfsmittel und dringt allein durch sich selber frei ins Innerste der Herzen, um sich hier mit fremden Denken zu mischen und mit dem Gegenstand seiner Vereinigung eins zu werden. Indem es dies ausführt, bleibt es gleichwohl stets bei sich selbst; in seiner Bewegung hält es gleichwohl Stand und bewegt sich im Standhalten, denn es ist bewegliches Stehen und ständige Bewegung, und während es sich mit Anderen verbindet, verlässt es seine Einfachheit nicht.

Vielleicht ist aber die rein logische Sicht bzw. Kritik grundsätzlich zu eng durch unsere naturgegebene Begrenzung des Denkens und der sprachlichen Möglichkeiten unserer Begrifflichkeiten. Bestimmte Prozesse im subatomaren Raum entziehen sich auch der Kausalität und Zeit. So wie niemals eine Brille gebaut werden wird, mit der subatomare Prozesse, dunkle Energie oder Materie „gesehen“ werden können, ist vielleicht auch unser Vorstellungshorizont auf der Basis unserer aristotelisch geprägten Logik dafür schlichtweg zu klein bzw. geht im Prozess einer negativen Definition Gottes erheblich über diese „Logik“ hinaus. In der indischen Logik wären die Darlegungen gültig. In ihr gilt:

Eine Aussage über etwas, auch über Gott, kann
- wahr (und nur wahr) sein,
- falsch (und nur falsch) sein,
- sowohl wahr als auch falsch sein,
- weder wahr noch falsch sein.

Aussagen über das Unaussagbare wie z.B. das Überseiende mehr als Sein Gottes können sowohl wahr als falsch sein, oder weder wahr noch falsch. Aus Eriugenas Sicht kann die Gottesfrage aber nicht losgelöst werden von der Wirklichkeit. Und Aussagen über sie bestimmt der Betrachter, der die Dinge zueinander in Beziehung setzt:

S. 38 Was ist nun vom Orte (Raum) zu sagen? Werden Oberes, Unteres und Mittleres ins Auge gefasst, so sind sie nicht ohne ein bestimmtes Verhalten; denn jene Bestimmungen kommen nicht aus der Natur der Dinge, sondern daher, dass der Betrachter ihre Theile ins Auge fasst. Ist ja doch im Weltall kein Oben und Unten und darum auch kein Oberes, Mittleres und Unteres; denn die Betrachtung des Ganzen weist dergleichen Bestimmungen ab, und nur der Hinblick auf die Theile führt uns darauf. Nichts kann in seiner Art für klein oder gross gelten; nur dem vergleichenden Nachdenken ergeben sich dergleichen Grössenverschiedenheiten, und erst die Betrachtung der Räume und der Theile bringt dergleichen Verhältnisse hervor. In Wahrheit ist keine Natur grösser oder kleiner als eine andere, ebensowenig höher oder niedriger, da es nur eine einzige von Gott geschaffene Natur giebt.

Das gesamte Universum (eine einzige Natur) wird hier in Übereinstimmung mit der modernen Physik als ein einziges System mit unzähligen Unterordnungen verschiedenster Größen beschrieben. Der Beobachter bringt erst bestimmte Unterscheidungen hervor. Das wiederum ist ein Phänomen, das auch in der Quantenphysik durch die Betrachtung der Räume und Teilchen im subatomaren Feld u.a. als Schrödingers Katze  in die Geschichte eingegangen ist: Erst nämlich beim Betrachten durch den Versuchsleiter legt sich in dem Moment des Betrachtens die quantenphysikalische Welt zufällig im Ergebnis fest. Aber auch der Beobachtung des sichtbaren Makrokosmos  sind Grenzen gesetzt durch das Phänomen Zeit. Das von uns aus beobachtbare Universum ist reduziert auf Objekte, die maximal 13,8 Milliarden Lichtjahre von uns entfernt sind. Durch die Krümmung des Raumes ist eine Ausdehnung des Weltalls von 46,6 Milliarden bis theoretisch maximal 78 Milliarden Lichtjahren möglich. Da aber seit seiner Entstehung nur 13,8 Milliarden Lichtjahre vergangen sind, erreichen uns auch nur Objekte oder elektromagnetische Wellen bzw. Strahlungen innerhalb dieses Zeitfensters. Durch unsere begrenzten Beobachtungsmöglichkeiten - auch durch das sich beständig weiter ausdehnende Universum - sind die dabei entdeckten Beobachtungsdaten  also nicht notwendigerweise für das gesamte Universum repräsentativ, Ereignisse und Objekte außerhalb unseres kosmologischen Beobachtungs- bzw. Ereignishorizontes werden für uns nie wahrnehmbar sein und stehen in keinem kausalen Zusammenhang mit uns. Informationen darüber wird es nie geben. (Quelle)

 

5.     Und was der Schärfe des Geistes entgeht -  Eine  Schlussbemerkung

Die „eine Natur“ bzw. All-umfassende Wirklichkeit hat noch eine Vielzahl von Fragen durch unser vergleichendes Denken und Nachdenken aufgeworfen, deren Beantwortung entweder in weiter Ferne liegt oder die nie befriedigend beantwortet werden können. Unser Verstand ist nur ein kleines Fenster zum Erblicken und Erahnen dessen, WAS IST, mit der Bescheidenheit, dass es dem Menschen nicht gegeben ist, das ALL-EINE zu erfassen. Weder können wir die wahrnehmbaren 5% der makroskopischen, sichtbaren Wirklichkeit vollständig entschlüsseln noch irgendwelche gesicherten Aussagen hinsichtlich ihrer Repräsentativität, Nachprüfbarkeit oder Objektivität machen über die restlichen 95%!

Aber: In dieser Arbeit soll kein Credo vorgegeben werden, weder im Sinne einer unkritischen Wissenschaftsgläubigkeit noch einer theologisch - aber keinesfalls kirchlich institutionell - orientierten Gottgläubigkeit, vielmehr möchten eher Denkanstöße angeregt werden. Man kann das Universum ohne Gott problemlos denken, ebenso aber auch in der hier dargestellten Art mit ihm. Es ist  nebenbei bemerkt doch  allemal besser, wie Eriugena ein Nichtwissen über Gott umfangreich zu präsentieren, als das bis heute kirchlich verbreitete, aber nur vermeintliche Wissen über ihn konstitutiv zu verwenden, um Kriege anzuzetteln, terroristisch motiviert zu töten und Menschen in ihrem Leben und Sein mit in Gott verorteten Ge- und Verboten einzuschränken, sie zu missionieren, zu drangsalieren oder sektiererisch gar zu versklaven! Das Erstaunliche an Eriugenas Erörterungen ist, dass er eben gerade kein Gottesbild entwirft, sondern ihm einzig gültig zuschreibt, dass ER mehr als das Sein und gleichzeitig dennoch die Ursache allen Seins IST. Kein Gottesbild also, nur ein kleiner Funken an Gottesgedanken, aus dem sich keinesfalls die üblichen Absolutheitsansprüche etlicher Konfessionen und Religionen ableiten lassen. Eriugenas Sicht steht, wie gezeigt, der modernen Physik aber nicht entgegen, sondern ergänzt sie womöglich  als philosophische „Weltformel“ im übertragenden Sinn und völlig ohne Mathematik, wie das einige Physiker sich durchaus wünschten. Eriugena zitiert, wie bereits auszugsweise erwähnt,  in seinem Werk als eine Art Schlüsselstelle Pseudo-Dionysius der Areopagite (5. Jhd.!) wie folgt:

S. 264 Ist ja doch Alles, was gedacht und wahrgenommen wird, nichts Anders als die Erscheinung des Nicht-Erscheinenden, das Offenbarwerden des Verborgenen, die Bejahung des Verneinten, die Erfassung des Erfassbaren, der Ausdruck des Unsagbaren, die Nähe des Unnahbaren, das Verständniss des Nichtverständlichen, der Körper des Unkörperlichen, die überwesentliche Wesenheit, die formlose Form, das unmessbare Mass, die unzählbare Zahl, das unwägbare Gewicht, die geistige Masse, die unsichtbare Sichtbarkeit, der unräumliche Raum, die zeitlose Zeit, die Begrenzung des Unbegrenzten, die Umschränkung des Unumschränkten und alles Andere zumal, was mit dem reinen Denken gedacht und durchschaut wird, und was im Gedächtniss nicht erfasst wird und der Schärfe des Geistes entgeht.

Die Aussagen scheinen paradox und damit logisch nicht erfassbar zu sein, obwohl oder gerade deswegen einige Sätze daraus aus heutiger Sicht durchaus Beschreibungen verschiedener quantenmechanischer Phänomene sein könnten, wie z.B. „die Erscheinung des Nicht-Erscheinenden, die unsichtbare Sichtbarkeit, der unräumliche Raum, die zeitlose Zeit, der Körper des Unkörperlichen, die formlose Form, die Begrenzung des Unbegrenzten, die Umschränkung des Unumschränkten, das unwägbare Gewicht.“

Um Quantenphysik konnte es Eriugena natürlich nicht gehen! Zunächst handelt es sich in diesem Zitat und an vielen weiteren Stellen im gesamten Text um zwei bekannte rhetorische Stilmittel der Antike, das Oxymoron bzw. die Contradictio in adiecto (klick hier). Beides sind Figuren, die zwei Begriffe verbinden, die sich grundsätzlich widersprechen und somit die Aussage stark hervorheben bzw. auf die Doppel- oder Mehrdeutigkeit einer Sache verweisen.

Was aber steht hinter diesen Aussagen? Worum geht es? Die Einleitung sagt: Um ALLES, was gedacht und wahrgenommen werden kann. Der Schluss erläutert bzw. setzt sogar noch hinzu: „Und was im Gedächtnis NICHT erfasst wird und sogar das, was der Schärfe des Geistes ENTGEHT!“ Mit anderen Worten: Es geht um ALLES, was IM Menschen vor sich geht, und ferner um das, was UM den Menschen herum IST – gleich ob er es wahrnehmen kann oder nicht – und somit auch um die DEUTUNG dessen, was in und um uns herum ist, gleich ob es wahrzunehmen oder nicht wahrzunehmen ist.

Letztlich also kann es gehen um die Essenz des eigenen Seins und  in und hinter den Wahrnehmungen um den SINN des Seins, des realen, eigenen/individuellen Mensch- Seins („corpus animale“)  in der sichtbaren Welt und des von Eriugena angenommenen Gott/Gut/Güte-Menschen („corpus spirituale“), der in Eriugenas Vorstellung,  philosophisch reduziert zusammengefasst, mit dem gleichzeitigen Ende „alles Sichtbaren und unsichtbaren“ in vollkommener Weise „wie die ganze  Creatur“, also Mensch und Tier, mit dem „endlosen Ende und dem anfanglosen Anfang“ vereinigt und in ihm und mit ihm Eins wird. Eriugena schreibt:

S. 220  Anfang also und Ende der Welt bestehen im Worte Gottes und (um deutlicher zu reden) sie sind das Wort Gottes selber, welches das endlose Ende und der anfanglose Anfang ist  [...]  Bei der Auferstehung wird das Geschlecht weggenommen und die Natur vereinigt werden, und es wird nur der Mensch bleiben, wie er sein würde, wenn er nicht gesündigt hätte. [...]  Dann folgt die Vereinigung der ganzen sinnlichen Creatur und ihre Verwandlung in übersinnliche Natur, sodass die ganze Creatur übersinnlich wird. Zuletzt wird die ganze Creatur mit dem Schöpfer vereinigt werden, um in ihm und mit ihm Eins zu sein. Und dies ist das Ende alles Sichtbaren und unsichtbaren.

In diesem Abschnitt wird ähnlich auffällig wie im Zitat von Dionysius durch die Stilfigur Contradictio in adiecto stark hervorgehoben und betont vom  Ausgangspunkt und gleichzeitig Ziel des gesamten Seins gesprochen, dem „endlosen Ende und anfanglosen Anfang“. So gesehen beschreibt also auch die zuvor zitierte Schlüsselstelle scheinbar paradox aber gerade deswegen so eindrucksvoll mit  ihren gehäuften Doppel- und Mehrdeutigkeiten sowie Widersprüchlichkeiten den allumfassend Unbeschreiblichen und gleichzeitig alles Umfassenden, aus dem alles Seiende hervorgeht und zu und in den alles Seiende wiederum strebt und mündet als in

die Erscheinung des Nicht-Erscheinenden,

das Offenbarwerden des Verborgenen,

die Bejahung des Verneinten,

die Erfassung des Erfassbaren,

der Ausdruck des Unsagbaren,

die Nähe des Unnahbaren,

das Verständniss des Nichtverständlichen,

der Körper des Unkörperlichen,

die überwesentliche Wesenheit,

die formlose Form,

das unmessbare Mass,

die unzählbare Zahl,

das unwägbare Gewicht,

die geistige Masse,

die unsichtbare Sichtbarkeit,

der unräumliche Raum,

die zeitlose Zeit,

die Begrenzung des Unbegrenzten,

die Umschränkung des Unumschränkten

 

Theologischer Einschub, kann überlesen werden

Wenn im letzten Zitat davon die Rede war, dass „nur der Mensch bleiben wird, wie er sein würde, wenn er nicht gesündigt hätte. [...]  Dann folgt die Vereinigung der ganzen sinnlichen Creatur und ihre Verwandlung in übersinnliche Natur, sodass die ganze Creatur übersinnlich wird. Zuletzt wird die ganze Creatur mit dem Schöpfer vereinigt werden, um in ihm und mit ihm Eins zu sein“, dann soll das hier etwas näher erläutert werden wegen seiner darin stehenden theologischen Ungeheuerlichkeit. Seine argumentierten Behauptungen sind aus christlicher Sicht theologischer Sprengstoff. Es ist durchaus bemerkenswert, dass hier die Rede ist von der „ganzen Creatur“, die uneingeschränkt in ihm und mit ihm, also Gott, Eins werden wird. Wo bleibt hier die Bestrafung des Bösen? Das Böse ist für Eriugena etwas, dass keinesfalls aus Gottes Übergüte kommen kann. Gut und Böse schließen sich gegenseitig aus und können daher keinen gemeinsamen Ursprung haben. Seine Antwort auf Frage nach der Ursache des Bösen lautet:

Fünftes Buch, S. 334 Und wollte Jemand sagen, woher denn also das sogenannte Böse und Unanständige und Ungerechte und wo es sei; so werde ich ihm antworten: nicht irgendwoher und irgendwo anders, als aus der Eitelkeit der Eitelkeiten und in den falschen Vorstellungen, die sich das als seiend einbilden, was durchaus nicht ist. [...]  

S. 335 So schreiben sie die unveränderlichen Ursachen ihres ganzen verkehrten Verhaltens der göttlichen Vorherbestimmung zu, indem sie mit ihrem verblendeten und thörichten Herzen die höchste Güte und Schönheit nicht anzuschauen vermögen oder (um es deutlicher zu sagen) den unerschöpflichen und nie versiegenden Quell der ganzen Güte und Schönheit und Tugend, sintemal er der Urheber und Vorherbestimmer keines Bösen und keiner Bosheit, keines Schändlichen und keiner Schändlichkeit ist, da dies Alles Erfindungen unvernünftiger Begierden sind.

Mit dieser Sicht, dass der Mensch selber der Urheber des Bösen ist, hat man eine schlüssige Antwort auf das christlich nicht schlüssig zu lösende Theodizee-Problem. Das Böse wird bei Eriugena zum Thema des Menschen, also zur Anthropodizee, und gelangt somit dahin, wo es hingehört: Der Mensch hat die alleinige Verantwortlichkeit für das von ihm generierte Böse und nicht Gott!

Auch die Hölle als Ort der Bestrafung eines schlechten Lebens fällt weg, denn am Ende der Zeiten, wenn der räumliche Raum des Seienden aufgelöst sein wird,  bleibt „in der That Nichts übrig, was des Namens der Hölle würdig wäre, und es ist deshalb innerhalb der sinnlichen und körperlichen Creatur kein Platz gegeben für eine Hölle, weder für das ewige Feuer, worin die Gottlosen brennen, noch für die Würmer, die niemals sterben sollen. Alle diese Namen von Qualen nämlich sind in der h. Schrift nur bildlich gesetzt.“ (S. 338)

Diese und ähnliche Vorstellungen erachtet Eriugena als Faseleien, die die wahre Vernunft nicht hegt sondern verlacht:

S. 358 f Man sagt nämlich, dass die Leiber der Gottlosen als ewige und geistige aus keiner andern Ursache auferstehen werden, als um beständige Strafen zu leiden. Dabei zweifelt man nicht, dass auch das Feuer, worin dieselben brennen, leiblich und sinnlich sei, und in ähnlicher Weise träumt man allerlei von Würmern, die nicht sterben, und vom Schwefelpfuhl und behauptet gleichwohl unbedenklich, dass dies Alles körperlich und örtlich verstanden sei. Man ruft laut, dass die Männer im männlichen, die Weiber im weiblichen Geschlecht in ihrer ganzen eigenthümlichen Verfassung auferstehen werden, wobei auch die überflüssigen Verrichtungen einzelner Glieder nicht fehlen würden, und was dergleichen Faseleien mehr sind, welche die wahre Vernunft nicht hegt, sondern vielmehr verlacht.

Da also das Böse gebunden ist an das Menschsein auf Grund seiner Eitelkeiten ist es nicht wesenhaft (da nicht göttlichen Ursprungs) und wird letztlich nach dem Ende von Zeit und Raum zu Nichts werden, denn Gott ist „der Urheber und Vorherbestimmer keines Bösen und keiner Bosheit, keines Schändlichen und keiner Schändlichkeit, da dies Alles Erfindungen unvernünftiger Begierden sind.“ (S. 335)

Ähnlich steht es auch im Buch der Weisheit, Kap.11, 24 (Luther 1912): Denn du liebst alles, das da ist, und hassest nichts, was du gemacht hast; denn du hast ja nichts bereitet, dawider du Haß hättest.“

Der harte und unbeugsame Ernst des strengen Richters Gott wird folglich auch argumentativ aufgelöst, denn wie er „allen Menschen gleichmässig das Sein gegeben hat, so wird er auch Allen gleichmässig verleihen, aufzustehen und die Aehnlichkeit mit der engelischen Natur zu besitzen.“ S. 360

Keine Vorbestimmung (Prädestination) des menschlichen Seins also durch Gott, kein unerbittlicher Richtergott, keine Hölle und keine ewige Verdammnis oder Strafe, keine Verantwortlichkeit Gottes für das Böse, da dies nur aus den Eitelkeiten, falschen Vorstellungen und unvernünftigen Begierden der Menschen und ihrem eigenen, ganz verkehrten Verhalten selbst hervorgeht. Eigentlich bedauerlich, dass sich Eriugenas Sicht auf gegenteilige Annahmen als schlichte „Faseleien, welche die wahre Vernunft nicht hegt, sondern vielmehr verlacht“, nicht durchgesetzt hat. Das Gegenteil war der Fall: Die Synode in Valence 855 und die Synode in Langres 859 verurteilten die Schrift, erstere bezeichnete sie als irischen Haferschleim und eine Erfindung des Teufels“ oder später als „Schwärmerei mit Würmern ketzerischer Perversität.“ Das erste der bekannten Werke von Johannes war eine heute verlorene Abhandlung über die Eucharistie; in ihr vertrat er offenbar die Lehre, die Eucharistie sei nur  symbolisch oder gedenklich zu verstehen. [...] Johannes lehrte, dass alle Menschen und alle Wesen einschließlich der Tiere Gottes Attribute widerspiegeln und erlöst werden können; am Ende werde das reine Universum unter Gottes Herrschaft wiederhergestellt“. (Quelle „Ökumenisches Heiligenlexikon“  klick hier

Theologischer Einschub Ende

Mit Hochachtung und Bewunderung stehe ich nun am Schluss der Erörterungen vor einem Mann des 9. Jahrhunderts, einem großartigen und originären Denker, dessen dialektisch streng argumentierten Ausführungen tatsächlich auch über 1000 Jahre danach noch interessant sind und mehrfache Bedeutungen haben können. Seine Erkenntnisse und Beschreibungen einschließlich seines dargelegten Gottesgedankens können durch ihre theologische Besonderheit mit der modernen Physik korrespondieren. Sowohl das ursprünglich materialistische und mechanische Weltbild als auch die überkommenden kirchlichen Welt- und Gottesbilder der Religionen mit ihren imperialistischen Tendenzen sind argumentativ in sich zusammengefallen. Dennoch gibt es natürlich immer noch kämpferische A-Theisten, die einen theistischen Gottesbegriff mit der gleichen absoluten und aggressiven Vehemenz abstreiten, wie die Theisten vieler Konfessionen und Religionen ihn immer noch durchzusetzen versuchen. Wenn aber heute weder die Physik weiß, was z.B. das Universum ist und auch die Theologen, wie am Beispiel des Eriugena gezeigt,  nicht mehr über Gott wissen und auch nicht mehr sagen würden, als das er das vielleicht „Allumfassende“ ist, so wäre es möglich, dass „Natur“-Wissenschaft und  „Geistes“-Wissenschaft sich nicht als Konkurrenz verstehen müssen, haben es doch beide aus ihrer jeweils eigenen Sicht mit dem  konstitutiv Unsichtbaren, vielleicht sogar  Unvorstellbaren, Unbeschreiblichen oder letztlich Unerklärlichen zu tun. Ansätze dazu, wenn auch kontrovers und umstritten, gibt es schon.  ( klick hier oder hier )

Was würde z.B. wohl ein Quantenphysiker anmerken, wenn man ihn mit den Formulierungen Eriugenas fragen würde: Kann es ein  Ende alles Sichtbaren und Unsichtbaren geben und was könnte das dann sein? Oder anders gefragt: Könnte alles Seiende ins Nichtsein zurückgeführt werden, also dahin, woher es kam?

Ein fruchtbares Miteinander in gegenseitiger Durchdringung könnte sich am Ende sogar als eine Bereicherung unseres derzeitigen Verständnisses von der Wirklichkeit oder von dem was eigentlich „real(?)“ ist erweisen, denn „nichts ist in menschlichen Beschäftigungen vollkommen, wie ich glaube, während dieses noch finsteren Lebens, Nichts, was jedes Irrthums ledig wäre. [...] Jeder mag in seiner Meinung schwelgen, bis jenes Licht kommt, welches das falsche Licht der Philosophen zum Dunkel macht und die Finsterniss der richtig Erkennenden in Licht verwandelt.(S.414 ff)

Und  „jenes Licht“ der  Erkenntnis kann durchaus doppelsinnig mit Elementen aus beiden Disziplinen  interpretiert werden und sollte hier keinesfalls nur philosophisch gedeutet werden. Vielleicht kommt es irgendwann einmal zu einer gemeinsamen, fundamentalen Ontologie. Dass wir selbst im Wesentlichen aus Sternenstaub bestehen und von und mit Dingen leben, die ohne Sternenstaub einschließlich unseres Planeten ebenfalls nicht wären, ist zumindest aber schon heute absolut sicher! Unser Wissen wird immer Stückwerk bleiben, wie auch Paulus schrieb, ob Liebe aber oder doch nur Hoffnung  das vielleicht Letzte sein wird, was uns durchzieht, bleibt jenseits unseres Blickfeldes (Hohelied als Meditation).

Warten wir also ab, ob das, was der Schärfe des Geistes bisher noch entging, demnächst noch erblickt werden wird und vor allem, wie und ob das Erblickte dann zumindest teilweise gedeutet werden kann. Im Allgemeinen führt aber jede neue Entdeckung neben dem Wissenszuwachs gleichzeitig zu einer viel größeren Zahl neuer Fragen.

Das Schönste und Tiefste, was der Mensch erleben kann, ist das Gefühl des Geheimnisvollen. Es liegt der Religion sowie allem tieferen Streben in Kunst und Wissenschaft zugrunde. Wer dies nicht erlebt hat, erscheint mir, wenn nicht wie ein Toter, so doch wie ein Blinder. Zu empfinden, dass hinter dem Erlebbaren ein für unseren Geist Unerreichbares verborgen sei, dessen Schönheit und Erhabenheit uns nur mittelbar und in schwachem Widerschein erreicht, das ist Religiosität. In diesem Sinne bin ich religiös. Es ist mir genug, diese Geheimnisse staunend zu ahnen und zu versuchen, von der erhabenen Struktur des Seienden in Demut ein mattes Abbild geistig zu erfassen."

Albert Einsteins ´Glaubensbekenntnis` 1932/33

 

Ein besonderer Dank gilt am Schluss noch meinen beiden äußerst fachkundigen Freunden und Mitdiskutanten Prof. Dr. Bodo Bischoff (Berlin), der auch das Lektorat übernommen hat, und Dr. Manfred Gröber (Göppingen). Ohne ihre zahlreichen Impulse, Korrekturen und Denkanstöße wäre diese Arbeit  nicht zustande gekommen wäre.

 

 

Anhang: Alles Seiende wird durch das Nichtsein ins Sein geführt

Großzitate zur Gottesfrage und zu naturwissenschaftlichen Bezügen  aus „Über die Eintheilung der Natur“ von Johannes Scotus  Eriugena (810 – 877); Zusammenstellung D. Streich April 2020

Quelle der Zitate: Faksimile der ersten Ausgabe von 1870 in der Übersetzung von Ludwig Noack unter (Zitate können direkt kopiert werden):

http://www.odysseetheater.org/ftp/bibliothek/Philosophie/Johannes_Scotus_Erigena/Johannes_Scotus_Erigena_Ueber_die_Einteilung_der_Natur.pdf#page=140&view=Fit 

Oder mit besserer Suchfunktion: https://archive.org/details/berdieeintheilu00noacgoog/page/n8/mode/2up

Johannes Scotus Eriugena wurde als Schotte um 810 in Irland geboren. Eriugena studierte in Irland lateinisch und griechisch (!). Um 840 ging er nach Frankreich (Paris) an den Hof Karls des Kahlen und wurde dort Lehrer an dessen Hofschule. Eriugena übersetzte dort die Schriften des Dionysius Areopagita (Pseudo-Dionysius) und dessen Kommentators Maximus Confessor ins Lateinische In seiner Lehre ist Eriugena von Plato, dem Neuplatonismus, Augustinus, zum Teil auch von Aristoteles beeinflusst. Eriugena hatte neben seinem theologischen Wissen es zur Meisterschaft in den sieben freien Künsten gebracht, also Grammatik, Rhetorik, Logik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie. Wahre Theologie und wahre Philosophie waren für ihn ein und dasselbe.  Aus christlicher Sicht kann er als der erste Scholastiker angesehen werden. Seine Schriften, die auf der negativen Theologie beruhten, also keine Aussagen über Gott zuließen, wurden, was wenig verwundert, von der Kirche abgelehnt und als häretisch eingestuft. Eriugenas logisch-dialektische Ausführungen, in denen die Vernunft den absoluten Vorrang vor der Autorität hat,  beeinflussten stark das Denken von Aquin, Eckhart und Hegel. Sein philosophisch-theologisches Lehrbuch „Über die Einteilung der Natur“, in dem er kosmologische, ontologische und anthropologische Aspekte dialektisch sehr umfangreich und logisch widerspruchsfrei erörtert, verfasste er zwischen 862 und 866.  Eriugena starb um 877.

(Quellen: Mittelalterlexikon,  Eisler: Philosophen-Lexikon, Philolex (Peter Möller) )

 

Zitate aus dem ersten Buch (alle Hervorhebungen vom Verfasser)

S. 5  Lehrer: Ist doch derjenige, welcher allein wahrhaft ist, eben das Sein von Allem, wie der Areopagit Dionysius sagt: ”Das Sein gehört Allem an, das Übersein ist die Gottheit.“ Auch der Theologe Gregor beweist mit vielen Gründen, dass seine Bestandheit oder Wesenheit der sichtbaren oder unsichtbaren Schöpfung in ihrem Sein mit dem Denken oder der Vernunft erfasst werden könne. Denn wie Gott selbst, in sich selber über jedes Geschaffene hinaus liegend, durch keinen Verstand erfasst wird, so ist auch in den heimlichsten Winkeln der von ihm geschaffenen und in ihm bestehenden Kreatur das ins Auge gefasste Wesen unbegreiflich. Was vielmehr in jeder Kreatur entweder mit leiblichen Sinnen wahrgenommen oder mit dem Denken erfasst wird, ist eben nur ein für sich unbegreifliches Zubehör jedweden Seins. Mag dasselbe nach seiner Eigenschaft oder Grössenbestimmung oder Form, nach seinem Stoff oder nach irgend einer Unterschiedenheit, nach Ort oder Zeit erkannt werden; so wird doch nicht erkannt, was es ist oder warum es ist.

S. 18 f  So glaube ich, wenn es dir beliebt, den in der hl. Schrift gebräuchlichsten Namen ”Gott“ zuerst in Betracht ziehen zu müssen. Obwohl nämlich die göttliche Natur mit vielen Namen bezeichnet wird, als z. B. Güte, Sein, Wahrheit und dergleichen, so bedient sich doch die hl. Schrift am Häufigsten des Namens ”Theos“ (Gott), dessen Wortableitung von den Griechen genommen ist. Denn ”theos“ wird entweder vom Worte ”theoro“ (sehen) oder vom Worte ”theo“ (laufen) oder noch wahrscheinlicher von beiden abgeleitet, da ein und derselbe Gedanke darin liegt. Kommt nämlich”theos“ von ”theoro“, so bedeutet der Name den Sehenden; denn Gott sieht Alles, was ist, in sich selber, während er Nichts ausser ihm erblickt, weil ausser ihm selber Nichts ist. Kommt aber ”theos“ von ”theo“, so bedeutet der Name den Laufenden; denn er läuft in Alles und steht in keiner Weise stille, sondern erfüllt Alles im Laufe, wie geschrieben steht: ”Sein Wort läuft schnell.“ Gleichwohl wird er auf keine Weise bewegt, weil von Gott am Richtigsten ständige Bewegung und bewegliche Ruhe ausgesagt wird. Denn er steht unbeweglich in sich selbst, ohne jemals seine natürliche Zuständlichkeit aufzugeben. Er bewegt sich aber durch Alles, so dass dasjenige ist, was aus ihm wesenhaft besteht; denn durch seine Bewegung entsteht Alles. Eben darum haben auch beide Erklärungen des Namens  ”theos“ eine und dieselbe Bedeutung. Ist ja doch  ”durch Alleslaufen“ für Gott nichts Anderes, als ”Alles sehen“, und wie durch Sehen, so durch Laufen geschieht Alles.

Schüler: Die Ableitung des Namens scheint mir durchaus annehmbar; nur sehe ich nicht genügend, wohin derjenige sich bewegen soll, der doch überall ist, ohne den Nichts sein kann, und ausser welchem sich Nichts erstreckt, da er ja der Ort und Umkreis für Alles ist.

L: Ich sagte, dass sich Gott nicht ausserhalb seiner selbst, sondern nur von und in und zu sich selbst bewege. Denn es darf keine andere Bewegung in ihm angenommen werden, ausser dem Streben seines Willens, wodurch er will, dass Alles geschehe; sowie auch sein Zustand nicht etwa nach der Bewegung eintritt, sondern eben nur den veränderlichen Vorsatz seines Willens bezeichnet, wodurch er beschliesst, dass in der unveränderlichen Zuständlichkeit seiner Gründe Alles verbleibe. Denn eigentlich wird nicht in ihm selber von Ruhe und Bewegung gesprochen, da ja diese beiden sich einander entgegengesetzt zu sein scheinen. Entgegengesetzt es aber in Gott zu denken oder anzunehmen, lässt die wahre Vernunft nicht zu, da ja Ruhe eigentlich das Ende von Bewegung ist, während dagegen Gott nicht anfängt, sich zu bewegen, um in einen gewissen Zustand zu gelangen. Diese Worte sind also, wie vieles Andere, nur Namen, die durch eine gewisse göttliche Vertauschung nicht unangemessen von der Kreatur auf den Schöpfer übertragen werden, weil er die Ursache von Allem ist, was sich in einem Zustand oder in Bewegung befindet. Denn von ihm beginnt Alles zu laufen, um zu sein, weil er der Anfang von Allem ist und Alles durch ihn in natürlicher Bewegung zu ihm hingetrieben wird, um unveränderlich und ewig in ihm zu stehen, der ja Ziel und Ruhe von Allem ist. Denn über ihn hinaus wird Nichts erstrebt, weil Alles den Anfang und das Ende seiner Bewegung in ihm findet. Nicht darum also wird Gott laufend genannt, weil er etwa ausserhalb seiner selbst liefe, da er ja immer unveränderlich in sich selber steht, weil er Alles erfüllt; sondern weil er aus dem Nichtsein Alles ins Sein laufen lässt.

S. 28 Nun gibt es zwar unzählige göttliche Bezeichnungen, die in der hl. Schrift als vom Geschöpf auf den Schöpfer übertragene Namen von Gott ausgesagt werden (wenn es anders damit richtig steht, dass von Gott überhaupt etwas ausgesagt werden kann, was an einem andern Orte zu erwägen ist); gleichwohl können dieselben von unserm geringen Vernunftvermögen nicht allesamt aufgefunden und zusammengestellt werden, und es mögen darum beispielshalber nur einige göttliche Bezeichnungen aufgeführt werden. Wesenheit also wird Gott genannt; aber eigentlich ist er nicht Wesenheit, da dieser das Nichts entgegensteht, sondern er ist überwesentlich. Ebenso wird er Güte genannt; aber er ist dies nicht eigentlich, da der Güte das Bösesein entgegensteht, sondern er ist mehr als gut oder Übergüte. Ferner wird er sehend genannt, wenn anders dies die Bedeutung von ”Theos“(Gott) ist; aber dem Sehen steht das Nichtsehen gegenüber und dem Sehenden der Nichtsehende, und er ist also mehr als sehend. Wird aber der Name ”theos“ vom Laufen hergeleitet, so hat es damit eine ähnliche Bewandtnis; denn dem Laufenden steht der Nichtlaufende entgegen, wie die Langsamkeit der Schnelligkeit. Er wird also mehr als laufend sein, wie geschrieben steht: ”Schnell läuft sein Wort.“ Wir verstehen dies nämlich vom göttlichen Worte, welches durch Alles, was ist, unaussprechlich läuft, um zu sein. Ähnlich verhält es sich mit der Wahrheit; denn dieser steht das Falsche entgegen, und demgemäss ist Gott eigentlich nicht die Wahrheit, sondern mehr als wahr und  Überwahrheit. Dieselbe Bewandtnis hat es mit allen übrigen göttlichen Namen. Denn nicht eigentlich wird er Ewigkeit genannt, weil dieser die Zeitlichkeit entgegensteht; sondern er ist mehr als ewig und Überewigkeit. Das gleiche Verhältnis findet bei der Weisheit statt, die deshalb von Gott nicht eigentlich ausgesagt werden kann, weil der Weisheit und dem Weisen die Torheit und der Tor entgegenstehen; folglich wird er richtig und in Wahrheit mehr als weise und  Überweisheit genannt. Ebenso ist er mehr als Leben, da dem Leben der Tod entgegensteht. Gleichermassen verhält es sich mit dem Licht, dem die Finsternis entgegensteht. Soweit, glaube ich, ist hierüber genug geredet.

S.38 Was ist nun vom Orte (Raum) zu sagen? Werden Oberes, Unteres und Mittleres ins Auge gefasst, so sind sie nicht ohne ein bestimmtes Verhalten; denn jene Bestimmungen kommen nicht aus der Natur der Dinge, sondern daher, dass der Betrachter ihre Theile ins Auge fasst. Ist ja doch im Weltall kein Oben und Unten und darum auch kein Oberes, Mittleres und Unteres; denn die Betrachtung des Ganzen weist dergleichen Bestimmungen ab, und nur der Hinblick auf die Theile führt uns darauf. Gleiche Bewandtniss hat es mit dem Grösseren und Geringeren. Nichts kann in seiner Art für klein oder gross gelten; nur dem vergleichenden Nachdenken ergeben sich dergleichen Grössenverschiedenheiten, und erst die Betrachtung der Räume und der Theile bringt dergleichen Verhältnisse hervor. In Wahrheit ist keine Natur grösser oder kleiner als eine andere, ebensowenig höher oder niedriger, da es nur eine einzige von Gott geschaffene Natur giebt.

S. 40/41 Wie nun? Können wir nicht in Betreff der übrigen Kategorien das vorhin Bemerkte kurz zusammenfassen? Ist Gott freilich weder Zeit noch Ort, so heisst er doch in übertragener Weise Zeit und Ort von Allem, weil er aller Orte und Zeiten Ursache ist. Und gewissermassen als bestimmte Orte haben in ihm alle dergleichen Begriffsbestimmungen Bestand, sowie man auch sagen kann, dass von ihm selber seit einer bestimmten Zeit und durch ihn selber zu einer bestimmten Zeit und nach ihm hin zu einem bestimmten Ende der Zeiten gewissermassen die Bewegung von Allem beginnt und sich fortbewegt und endigt, während er doch sich selber weder durch die Zeit bewegt, noch von einem Andern bewegt wird. Denn wie? Dürfte er eigentlich Raum und Zeit heissen, würde es dann nicht scheinen, als ob er, der durch den Vorzug seiner Wesenheit ausserhalb von Allem steht, gleichwohl in der Reihe der daseienden Wesen eingeschlossen wäre? Denn Zeit und Raum kommen bei Allem in Betracht, was geschaffen ist, und in beiden beruht die ganze jetzige Welt, die ohnedies gar nicht sein könnte. Muss sich doch nothwendig Alles, was in der Welt ist, in der Zeit bewegen und im Raume befasst werden; muss doch der Raum selber sich begrenzen und die Zeit sich bewegen.

S. 42 f L. Wir können also den Begriff des Menschen so bestimmen: Der Mensch ist ein im göttlichen Geiste ewig gewordener Gedankenbegriff.

Veronika Limberger übersetzt diese Stelle in ihrem Buch „Eriugenas Hypertheologie „ (De Gruyter, 2015, Bd. 125) aud S. 100 wie folgt: „Wir können den Menschen also folgendermaßen bestimmen: Der Mensch ist ein gewisser intellektueller Begriff, der im göttlichen Geist ewig erschaffen ist. (Possumus ergo hominem diffinire sic: Homo est notio quaedam intellectualis in mente diuina aeternaliter facta.)

S 58 L. Alles, was ausser Gott ist, der allein über dem Sein selber eigentlich besteht, wird im Raume begriffen. Mit diesem aber fällt überhaupt und immer die Zeit zusammen; denn wenn man von letzterer absieht, ist es nicht möglich, den Raum zu denken, sowie andererseits die Zeit nicht bestimmt werden kann, ohne dass der Raum mitgedacht würde. Beide gehören nämlich zu demjenigen, was stets nur zugleich ist, und ohne sie vermag keine Wesenheit, die durch Zeugung ihr Sein empfängt, irgendwie zu bestehen oder erkannt zu werden. Die Wesenheit alles Daseienden ist somit räumlich und zeitlich bestimmt und wird deshalb nur in und unter dem Raum- und Zeitverhältniss erkannt. [...] Daher ist der Raum die äusserste Grenze der Gesammtheit selber, wie denn Einige den Raum selbst als den äussern Umfang der Gesammtheit  [...] oder als zusammenfassende Grenze bestimmen, worin das Zusammengefasste zusammengefasst wird.

S. 59 Indem wir darum von Gott das Sein aussagen, sagen wir nicht, dass er auf eine bestimmte Weise sei; wir sagen vielmehr bei ihm einfach und unendlich und unbedingt, dass er ist und war. Ist doch das Göttliche für die Vernunft und das Denken durchaus unbegreiflich, und wenn wir ihm darum Sein beilegen, nennen wir ihn nicht selber ein Sein; denn das Sein kommt wohl von ihm, aber er ist es nicht selbst, sondern über seinem bestimmten Sein ist er überseiend, wie überhaupt über Allem, was gesagt und gedacht wird. […] Ebenso klar ist es, dass der Grund und Anfang des Entstehens dem Begriffe nach allem Entstehenden vorangeht. Alles darum, was nicht war und ist, fängt vom Ausgangspunkt der Zeit an zu sein. Daher ist Gott allein unbegrenzt, alles übrige Wo und Wann ist in Raum und Zeit begrenzt, nicht als ob Raum und Zeit nicht unter den von Gott geschaffenen Dingen einbegriffen wären, sondern weil alles im All Befindliche nicht nach Zeiträumen, sondern nach der Bedingung vorausgegangen ist.

S 60/61 Was also vom allgemeinen Raum und der allgemeinen Zeit der gesammten Kreatur verstanden wird, muss auch in den Theilen derselben von oben bis herunter von den besondern und einzelnen Räumen und Zeiten verstanden werden. Im Gedanken geht aber der allgemeine Raum und die allgemeine Zeit Allem vorher, was sich in ihnen befindet. Somit geht die Erkenntniss der besondern und einzelnen Räume und Zeiten demjenigen voraus, was in denselben im Einzelnen und eigentlich verstanden wird. Daraus wird aber geschlossen, dass der Raum nichts Anderes ist, als die natürlich bestimmte Weise und Stellung irgend einer allgemeinen oder besondern Kreatur, sowie andererseits die Zeit nichts Anderes ist, als die Reihe von Erzeugungsbewegungen der Dinge beim Eintreten aus dem Nichtsein in das Sein und gewisse Ausdehnungen eben dieser Bewegung veränderlicher Dinge, die so lange fortgeht, bis ein ständiges Ziel eintritt, worin Alles unveränderlich bestehen wird.

S.66 L. Niemand kann die Wesenheit als solche definiren und sagen, was sie sei; sie kann vielmehr nur aus demjenigen definirt werden, was ihr so untrennbar anhängt, dass sie ohne dies nicht sein kann, nämlich aus Raum und Zeit. Denn jede aus Nichts geschaffene Wesenheit ist räumlich und zeitlich; räumlich nämlich, weil sie nicht unbestimmt, sondern irgendwie bestimmt ist; zeitlich dagegen, weil dasjenige, was nicht war, zu sein anfängt. Damit wird aber keineswegs bestimmt, was die Wesenheit ist, sondern dass sie ist; denn aus Raum und Zeit und anderem Zufälligen, dessen Sein entweder inner- oder ausserhalb ihr selber gedacht wird, ergiebt sich nur, dass sie ist, nicht was sie ist. Und dies lässt sich im Allgemeinen von jeder allgemeinsten oder besondersten oder mittleren Wesenheit nicht unpassend behaupten. Denn auch die All-Ursache, Gott, wird nach ihrem Sein lediglich aus dem von ihr Geschaffenen erkannt; was sie aber ist, können wir von Seiten der Kreatur aus in keiner Weise denken. Es wird darum von Gott nur die einzige Definition gegeben, dass er ist, der mehr als Sein ist.

S. 70 Nichts von dem, was ist, so weit es Wesenheit und Natur  ist, kann vernichtet werden. Denn Wesenheit, Kraft und natürliche Wirksamkeit sind in jedem Körperlichen und unkörperlichen Geschöpf [...] unvergänglich und unzertrennlich.

S. 100  Hierbei wird es aber überhaupt durch die Vernunft empfohlen und durch sichere Wahrheitsforschung bestätigt, dass von Gott nichts eigentlich ausgesagt werden könne, weil Derjenige, welcher jedes Denken und jede sinnliche oder gedankenhafte Bezeichnung übersteigt, besser durch Nichtwissen gewusst wird und seine Unkenntniss die wahre Weisheit ist, sintemal er wahrer und gläubiger in Allem verneint als bejaht wird. Denn Alles, was man über ihn verneint, wird wirklich verneint; keineswegs aber steht das, was man feststellt, wirklich fest. Meint man nämlich bewiesen zu haben, dass er dies oder jenes sei, so erweist sich dies als falsch, weil er von Allem, was ist oder was gesagt und gedacht werden kann, nichts ist. Spricht man dagegen aus, er sei weder dies noch jenes noch irgend etwas, so trifft man das Richtige, weil er nichts ist von Allem, was ist oder nicht ist. Vermag sich ihm doch Niemand anders zu nahen,, als wenn er zuvor … alles Sinnenfällige mitsammt  Allem, was ist und nicht ist, hinter sich lässt und nichtwissend zur Einheit mit Dem hergestellt wird, der über aller Wesenheit und über allem Denken hinausliegt, und für den weder Vernunft oder Denken noch Wort oder Gedanke passt, und dem kein Name noch Ausdruck eignet.

S.101 Es darf dich also keine Autorität von dem zurückschrecken, was eine vernünftige Ueberzeugung durch richtige Betrachtung lehrt. Denn die wahre Autorität steht weder der wahren Vernunft, noch die wahre Vernunft der wahren Autorität entgegen, sintemal beide unzweifelhaft aus der göttlichen Weisheit wie aus einer Quelle fliessen. Sie hat nämlich den sorgfältigen Forschern über die unbegreifliche und unaussprechliche Natur Vieles zu denken und zu sagen dargeboten, damit der Eifer für die wahre Religion nicht in Allen schweige  [...] und vorsichtig zu unterweisen, damit sie nicht etwas Gottes Unwürdiges glauben oder für wahr halten.

S. 110 L. Gott war also nicht, bevor er Alles schuf.

Sch.  Gewiss nicht; denn wäre er früher gewesen, so würde sein Schaffen ihm etwas Zufälliges sein, und alsdann würden Bewegung und Zeit mit in ihm einbegriffen sein. Er würde sich ja zu demjenigen, was er noch nicht geschaffen hatte, als einem zu Schaffenden hinbewegen, und er würde der Zeit nach selber seiner Thätigkeit vorausgehen, die dann mit ihm weder gleichwesentlich, noch gleichewig sein würde.

 

Zitate Zweites  Buch

S. 176 L: Wenn aber Jemand die Eigenthümlichkeit der griechischen Sprache aufmerksam betrachtet, so wird er im Menschen zwei Sinne vertreten finden, sofern hier das Denken als „nüs,“ die Vernunft als „logos“ und nicht der äussere, sondern der innere Sinn als „dianoia“ bezeichnet wird. In diesen dreien aber besteht die Wesendreiheit der nach dem Bilde Gottes geschaffenen Seele; denn sie besitzt Denken, Vernunft und innern oder wesenhaften Sinn,

S. 177 Sch: Die Wesenheit unserer Seele ist also das Denken, welches die ganze menschliche Natur beherrscht, weil es unerkannt um Gott über die ganze Natur sich erstreckt. Die Vernunft aber oder die Kraft bezeichnet nicht ungehörig den zweiten Theil der Seele, weil sie sich um die Gott zunächst befindlichen Ursachen der Dinge herumbewegt. Der dritte Theil endlich wird mit dem Worte Sinn oder Wirksamkeit bezeichnet und behauptet gleichsam den äussersten Platz der Seele, und dies nicht mit Unrecht, weil der Sinn die sichtbaren oder unsichtbaren Wirkungen der uranfänglichen Ursachen umkreist.

S. 203 Wie kann also die göttliche Natur selber verstehen, was sie ist, da sie ja Nichts ist? Denn sie übertrifft Alles, was ist, zumal sie auch nicht selber das Sein ist, sondern alles Sein von ihr herkommt, sintemal sie kraft ihrer Herrlichkeit alle Wesenheit und Bestandheit überragt. Oder wie kann das Unbegränzte in irgend einem Bestimmten von sich selber begränzt oder in irgend Etwas gedacht werden, da es sich über allem Begränzten und Unbegränzten und über der Begränztheit und Unbegränztheit selber weiss? Gott weiss also nicht, was er ist, weil er kein Etwas ist; er ist in jedem Etwas unbegreiflich, sowohl für sich selbst, als für jeden Verstand. Und da in jedem reinen Denken die Wahrheit mit verständlicher Stimme verkündigt, dass diess in Wahrheit von Gott ausgesagt werden muss; so kann kein gewissenhafter Forscher, der in die göttlichen Geheimnisse eingeweiht ist, wenn er hört, dass Gott nicht selber verstehen könne, was er sei, dabei etwas anders denken, als dass Gott selber, der kein Etwas ist, in sich selber auch durchaus nicht weiss, was er selbst nicht ist, und ebensowenig sich selber als ein Seiendes erkennt. Er weiss also nicht, was er selber ist, d. h. er weiss nicht, dass er Etwas sei, weil er erkennt, dass er durchaus nicht in den Bereich desjenigen gehöre, was irgend erkannt wird und wovon man sagen oder denken kann, was es ist. Denn würde er irgend sich selbst erkennen, so würde er damit zeigen, dass er nicht durchaus unbegränzt und unbegreiflich und unaussprechlich sei.

Wozu fragst du, spricht er, nach meinem Namen? Auch diess ist wunderbar. Oder ist diess nicht wahrlich ein wunderbarer Name, der über alle Namen ist, weil er unnennbar jeden Namen überragt, der in dieser oder der zukünftigen Welt genannt wird? Wenn also sein Name gesucht werden soll, während er doch unnennbar über jedem Namen ist: wie wenn nun Jemand seine Wesenheit suchte, die einen bestimmten Namen nicht entbehren würde, wenn sie in irgend etwas Bestimmten enthalten wäre? Weil er jedoch in Keinem besteht, so ist er unnennbar, da der Unendliche jeder Benennung entbehrt.

S. 207 Weiter ist die göttliche Natur jedes Raumes ledig, obwohl zu ihr alles gehört, was von ihr stammt. Sie wird darum der Raum von Allem genannt, ohne doch sich selber als räumlich zu wissen weil sie  unbegränzt und unumschränkt ist und sich von keinem Denken räumlich begränzen und umschränken lässt. Denn wie sie unbegränzt und mehr als unbegränzt ist  geht von ihr Alles hervor, um zu ihr zurückzukehren. Auch der Zeit ist diejenige Natur nicht unterworfen, welche nicht weiss, dass sie Anfang oder Ende oder irgend welche Bewegung ist, worin sich Alles bewegt, was von einem Anfang zu einem Ende als zu seinem Ziele strebt. Auch weiss sie in ihr selber nichts von irgend einem Zuwachs, der in bestimmten Zeiten und an einzelnen Orten entsteht; ebensowenig etwas von einer Einbusse, da sie in sich selber vollständig und vollendet ist Was ist endlich vom Thun und Leiden zu sagen? Wäre es nicht thöricht und unangemessen zu glauben, dass der göttlichen Natur Thun und Leiden zukommen könnten, wenn doch dieselbe keine Bewegung zum Thätigsein und keine Fähigkeit zum Leiden in sich wahrnimmt? [...] Denn was in alle Wege unbegränzt ist, hat dafür durch Wesenheit, Kraft und Wirksamkeit zu gelten, worin es nach oben und unten, d. h. nach Anfang und Ende, unbegrenzt ist. Denn es ist nach der Wesenheit unerfasslich, nach der Kraft unbegreiflich, nach der Wirksamkeit unumschränkt, ohne Anfang nach oben, wie ohne Ende nach unten, also kurz und bündig gesagt, in alle Wege unbegrenzt.

S.209 L. Wenn wir sagen, Gott wisse nicht, was er sei, wollen wir damit wohl etwas Anderes andeuten, als dass er sich, in keinem von Allem, was ist, begreife? Denn wie könnte er in ihm selber Etwas erkennen, was in ihm selber nicht sein kann? Sind doch die Gründe Alles dessen, was Gott in sich selber, d. h. der Vater im Sohne, geschaffen hat, ungetheilt in ihm Eins; sie gestatten keine Bestimmung der eigenthümlichen Bestandheiten durch eigenthümliche Unterschiede oder zufällige Bestimmungen, indem sie dergleichen nur in ihren Wirkungen, nicht aber in ihnen selber zulassen. Was ist dann aber von der unaussprechlichen und unbegreiflichen Natur selber zu halten? Wer möchte darin etwas durch eine Grenze Bestimmtes, im Räume Ausgedehntes, in Theile Getrenntes, aus Bestandheiten und zufälligen Bestimmungen Zusammengesetztes denken? Das göttliche Nichtwissen ist also die höchste und wahre Weisheit.

S. 233 f Denn der Geist, der sich selbst erkennt, liebt auch sich selbst und seine Erkenntniss. Weil es jedoch durch den Sündenfall der menschlichen Natur im ersten Menschen gekommen ist, dass sich der Geist nicht mehr zu erkennen weiss, während er doch natürlicherweise sich selber erkannte, und weil er sich nicht mehr zu lieben versteht, während er doch natürlicherweise sich selber und die Erkenntniss seiner selbst liebt; so strebt er demnach mit den Kräften der Vernunft eben nur zu erfahren, wie und wieweit er sich erkennt und sich selber und die Erkenntniss seiner selbst liebt. [...] Denn wenn der Geist das in ihm selber Vorhandene nicht kennt, wie soll er Verlangen haben, das über ihn Hinausgehende kennen zu lernen?

 

Zitate Drittes Buch

S. 257 Alles Seiende wird durch das Nichtsein ins Sein geführt.

S.258 Denn das Sein wird ja doch nicht von demjenigen ausgesagt, was um seiner Herrlichkeit und untheilbaren Einheit und Einfachheit willen weder vom Sinn, noch vom Denken erfasst werden kann; sondern man legt das Sein Solchem bei, was dem Denken oder dem Sinn anheimfällt und in einer bestimmt abgegrenzten Bestandheit durch Unterschiede und Eigenthümlichkeiten umschrieben wird, mit Zufälligem behaftet ist und räumlich wie zeitlich zerstreut nicht als auf einmal und zugleich seiend gilt.

S. 259 Das Wissen ist eine Kraft, wodurch der betrachtende menschliche [...] Geist über die Natur der Dinge, die aus den uranfänglichen Ursachen durch Zeugung hervorgehen und in Gattungen und Arten getheilt sind, nach deren Unterschieden und Eigenthümlichkeiten sich verbreitet, mag nun diese Natur dem Zufälligen anheimfallen oder nicht, mag sie mit Körpern verbunden oder derselben ledig sein, mag sie räumlich und zeitlich vertheilt oder über Raum und Zeit hinaus in ihrer Einfachheit eins und untheilbar sein. Diese Art von Vernunft wird Physik genannt, und sie besteht in der natürlichen Kenntniss der in die Sinne und unter das Denken fallenden Naturen, welche stets der Wissenschaft von den Sitten vorhergeht.

S. 264 Somit ist Gott Alles, was wahrhaft ist, weil er selber Alles macht und selber in Allem wird, wie der h. Dionysius der Areopagite sagt. Ist ja doch Alles, was gedacht und wahrgenommen wird, nichts Anders als die Erscheinung des Nicht-Erscheinenden, das Offenbarwerden des Verborgenen, die Bejahung des Verneinten, die Erfassung des Erfassbaren, der Ausdruck des Unsagbaren, die Nähe des Unnahbaren, das Verständniss des Nichtverständlichen, der Körper des Unkörperlichen, die überwesentliche Wesenheit, die formlose Form, das unmessbare Maass, die unzählbare Zahl, das unwägbare Gewicht, die geistige Masse, die unsichtbare Sichtbarkeit, der unräumliche Raum, die zeitlose Zeit, die Begrenzung des Unbegrenzten, die Umschränkung des Unumschränkten und alles Andere zumal, was mit dem reinen Denken gedacht und durchschaut wird, und was im Gedächtniss nicht erfasst wird und der Schärfe des Geistes entgeht.

Auch durch Beispiele unserer eignen Natur können wir dies erhärten. Obgleich nämlich unser Denken für sich unsichtbar und unfassbar ist, giebt es sich durch gewisse Zeichen zu erkennen und zu fassen, indem es durch Laute oder Buchstaben oder andere Fingerzeige sich gewissermassen verdichtet und so nach aussen sichtbar wird, dabei jedoch immer unsichtbar verharrt, und indem es in mancherlei sinnlich fassbare Gestalten heraustritt, ohne den unbegreiflichen Stand seiner Natur zu verlassen, bewegt es sich in seinem eignen innern Bereich bevor es sich nach aussen offenbart. Demgemäss schweigt es zugleich und ruft, und im Schweigen ruft es und im Rufen schweigt es. Unsichtbar zeigt es sich doch und indem es sich zeigt bleibt es unsichtbar; unumschränkt wird es doch umschränkt, und indem es umschränkt wird beharrt es unumschränkt. Es verkörpert sich nach Belieben in Lauten und Buchstaben, und in dieser seiner Verleiblichung bleibt es doch in sich selber unkörperlich. Während es sich, um sich zu den Sinnen Anderer fortzubewegen, aus dem luftigen Stoff oder aus sinnlichen Gestalten gewisse Bewegungsmittel bildet, verlässt es doch auch wiederum, um zu den äussern Sinnen zu gelangen, eben diese Hülfsmittel und dringt allein durch sich selber frei ins Innerste der Herzen, um sich hier mit fremden Denken zu mischen und mit dem Gegenstand seiner Vereinigung eins zu werden. Indem es dies ausführt, bleibt es gleichwohl stets bei sich selbst; in seiner Bewegung hält es gleichwohl Stand und bewegt sich im Standhalten, denn es ist bewegliches Stehen und ständige Bewegung, und während es sich mit Anderen verbindet, verlässt es seine Einfachheit nicht

S. 288 f  Denn kein Tod ist schlimmer, als die Unkenntniss der Wahrheit, kein Abgrund tiefer, als die Billigung falscher Meinungen statt des Wahren, worin die Eigenthümlichkeit des Irrthums besteht. Denn daraus pflegen in den menschlichen Gedanken die schändlichsten und abscheulichsten Ungeheuer gebildet zu werden, denen die fleischliche Seele sich zuneigt und folgt, als seien es Wahrheiten, indem sie dem Lichte den Rücken wendet und flüchtige Schattenbilder ergreifen will und, dazu unvermögend, in den Abgrund des Elends zu stürzen pflegt. Darum müssen wir unablässig beten und sprechen: Gott, du unser Heil und unsere Erlösung, der du die Natur gabst, spende auch die Gnade; reiche dein Licht den im Schatten der Unwissenheit. Umhertasten den, welche dich suchen! Rufe uns vom Irrthume zurück; […] zerreisse die Wolken eitler Phantasiegebilde, die den Blick des Geistes hindern, dich so anzuschauen, wie du dich in deiner Unsichtbarkeit denjenigen zeigst, die dein Angesicht zu sehen verlangen als ihr Ruheziel, über welches hinaus sie Nichts mehr erstreben, weil es darüber hinaus kein überwesentliches höchstes Gut giebt.

S. 322  Unter Stoff wird die gestaltlose Materie verstanden, welche aus Nichts gemacht ist und aus welcher durch Hinzufügung der Verschiedenheit der Formen die sinnliche Welt in ihrem Gefüge zusammengesetzt wird,

3. Buch S. 330 L. Wir dürfen somit Gott und Creatur nicht als voneinander verschiedene Zwei denken, sondern als eins und dasselbe. Denn auch die Creatur ist in Gott bestehend, und Gott wird in der Creatur auf wunderbare und unaussprechliche Weise geschaffen, indem er sich selber offenbart,  bekannt macht, indem er sich ferner aus einem Form- und Gestaltlosen zu etwas Schönem und Anziehendem, überwesentlich zu einem Wesentlichen, übernatürlich zu einem Natürlichen und einfach zu einem Zusammengesetzten, von Zufälligem frei zu etwas Zufälligem, unendlich zu etwas Endlichem, unumschränkt zu etwas Umschränktem, überzeitlich zu einem Zeitlichen, überräumlich zu einem Räumlichen, allschaffend zu etwas in Allem Geschaffenen macht, als der Macher von Allem auch in Allem selber wird, als ewig zugleich zu sein anfängt und als unbeweglich sich doch in Allem bewegt und in Allem wird.

S. 333 f  Sch: Was aber die hl. Theologie mit dem Namen ”Nichts“ bezeichnet, wünsche ich von dir aufgeklärt zusehen.

L.: Ich glaube, dass mit diesem Namen die unaussprechliche und unzugängliche Klarheit der jedem menschlichen oder engelischen Denken unbekannten göttlichen Güte bezeichnet wird, die ja, überwesentlich und übernatürlich und für sich selber betrachtet, weder ist, noch war, noch sein wird. Denn sie wird in keinen daseienden Wesen erkannt, weil sie Alles übertrifft. Nur dadurch, dass sie auf unaussprechliche Weise in das Seiende herabsteigt, ist sie für das Geistesauge als solche erfassbar, die allein in Allem als das Sein erfunden wird und ist und war und sein wird. Als unerfassbar gedacht, wird sie nicht mit Unrecht in ausnehmender Weise das Nichts genannt. Indem sie jedoch in ihren Theophanien [= Gott-Erscheinungen] sichtbar zu werden beginnt, wird gesagt, dass sie gleichsam aus dem Nichts in Etwas hervorgehe. Sofern sie eigentlich als über jede Wesenheit hinausgehend gilt, wird sie auch eigentlich in jeder Wesenheit erkannt, und deshalb kann jede sichtbare und unsichtbare Creatur eine Theophanie, d. h. eine göttliche Erscheinung genannt werden. [...]. Wie also die göttliche Güte als das Nichts deshalb bezeichnet wird, weil sie über allem Seienden und Nichtseienden hinaus liegt, so wird sie in keiner Wesenheit gefunden und steigt aus sich selber in ihrem eignen Bereiche aus der Verneinung aller Wesenheiten zur Bejahung des Alls der Wesenheit herab, gleichsam aus Nichts in Etwas, aus der Unwesenheit in Wesenheit, aus Unförmigkeit in zahllose Formen und Einzelarten. Ihr erster Fortgang nämlich in die uranfänglichen Ursachen, worin sie wird, heisst in der hl. Schrift gleichsam ein formloser Stoff, nämlich Stoff, weil er der Formlosigkeit der göttlichen Weisheit zunächst liegt. Die göttliche Weisheit nämlich heisst mit Recht formlos, weil sie sich zu ihrer Gestaltung an keine höhere Form wendet, weil sie das unendliche Musterbild aller Formen ist, und weil sie beim Herabsteigen in verschiedene Formen sichtbarer und unsichtbarer Wesen sich auf ihre eigne Urgestalt bezieht. Auf Grund des bereits Erörterten wird darum gesagt, dass die göttliche Güte nicht sei und überhaupt Nichts sei, gleichwohl aber wird ihr das Sein in Allem zugesprochen, weil sie die Wesenheit und Bestandheit des ganzen Alls ist und Gattung zugleich und Art und Eigenschaft und Grössenbestimmung und das Band von Allem und die Lage und Haltung und Raum und Zeit und Leiden und Tun und überhaupt Alles ist, was in jeder Creatur und ihrer Umgebung irgendwie gedacht werden mag.

S. 392 Es ist darum kein geringer, sondern ein grosser und sehr nützlicher Schritt, durch die  Erkenntniss der sinnlichen Dinge zum Verständnisse der reinen Gedankenwelt zu gelangen. Wie man nämlich durch den Sinn zum Denken fortschreitet, so kehrt man durch die Creatur zu Gott zurück. Denn uns geziemt es nicht, gleich vernunftlosen Geschöpfen blos die Oberfläche der sichtbaren Dinge anzuschauen, sondern wir müssen auch von dem, was wir mit dem leiblichen Sinne wahrnehmen, Rechenschaft ablegen. Schärfer sieht der Adler die Gestalt der Sonne, schärfer sieht der Weise  ihre Stellung und Bewegung in Räumen und Zeiten. Und wenn der Mensch nicht gesündigt hätte und zur Aehnlichkeit des Viehs herabgesunken wäre, so würde er  freilich die Grenzen seines Besitzthums, dieser Welt, vollkommen kennen gelernt haben, um dieselbe nach den Gesetzen  der Natur auf das Gerechteste zu bewalten. Denn da er auch nach dem Falle die Würde seiner Natur nicht gänzlich verlor, so müsste er ja ohne den Sündenfall ein anderer Engel gewesen sein, der in den sinnlichen Creaturen Gott preisen würde. Auch so jedoch verbleibt in ihm die vernünftige Bewegung, wodurch er nach Erkenntnisse der Dinge strebt und sich nicht täuschen möchte, wiewohl er sich in Vielem, wenn auch nicht in Allem täuscht.

398 f Einige sagen nämlich, dass die Elemente dieser Welt, der Sternenhimmel nämlich und der  Aether mit den Planeten, die Luft mit ihren Wolken, den Winden ünd Blitzen und den übrigen Störungen, auch das Wasser mit seiner wogenden Bewegung und die Erde mit ihren Pflanzen und Bäumen, nicht blos der Seele, sondern auch jeder Art von Leben entbehren, und darum, meinen sie, sei bei den Werken der vier ersten Tage weder von Seele noch von Leben die Rede. Aber Platon, der grösste unter den Philosophen,  und seine Anhänger behaupten nicht blos ein allgemeines Leben der Welt, sondern gestehen auch, dass nichts den Körpern Anhängendes und kein Körper selbst des Lebens beraubt sei; sie wagten deshalb das allgemeine wie das besondere Leben kurzer Hand Seele zu nennen. Dieser Meinung folgend, haben die ausgezeichnetsten Schrifterklärer Pflanzen und Bäume und Alles, was auf der Erde entsteht, für lebendig erklärt. Und die Natur der Dinge lässt es kaum anders zu; denn es giebt keinen Stoff, der ohne Form einen Körper zu Stande bringt, und besteht ja keine Eigengestalt ohne bestimmte Bestandheit, so kann auch keine Bestandheit der Lebensbewegung  untheilhaftig sein, welche sie zusammenhält und ihren Bestand sichert, da ja Alles, was sich bewegt, den Anfang seiner Bewegung aus irgend einem Leben nimmt.

S. 400 f Dieses allgemeinste Leben nun wird von den Weltweisen Weltseele genannt, weil sie durch ihre Lebensgestaltung die ganze Fülle des Weltalls verwaltet. Die Betrachter der göttlichen Weisheit nennen sie jedoch allgemeines Leben. Dieses ist nun allerdings des durch sich bestandhaften Einen Lebens theilhaftig und theilt als jedes Lebens Quelle unter die Vielheit sichtbarer und unsichtbarer Dinge nach göttlicher Ordnung das Leben aus, gleichwie ja auch die allbekannte sichtbare Sonne ihre Strahlen überall hin ausgiesst. Gleichwohl aber gelangt das Leben nicht in gleicher Weise überall hin, wie die Sonnenstrahlen, die ja nicht in Alles dringen, weil sie in das Innere vieler Körper nicht eingehen. Indessen kann wenigstens keine sinnliche und geistige Natur des Lebens untheilhaftig bleiben; denn sogar  Körper, die unserem Sinnen todt scheinen, sind nicht durchaus vom Leben verlassen. Wie ihre Zusammensetzung und Bildung in der Eigenheit ihres Lebens vor sich geht, so vollbringt sich auch ihre allmähliche Abnahme, Auflösung und Rückkehr in ihre Grundbestandheit mit gleicher Willfährigkeit. [...] In Allem diesem findet vielmehr eine und dieselbe Verwaltung statt. Sogar die im Tode des Körpers vor sich gehende Auflösung ist nur für unsere Sinne zu gleich eine Auflösung des Stoffes, nicht zugleich für die Natur selbst, welche in sich selber untrennbar zugleich und immer ist und nicht in Zeiten und Räume zerfällt.[...] Was sich also für den körperlichen Sinn zu trennen scheint, muss nothwendig in einer höhern Betrachtung der Dinge immer zugleich und untrennbar bestehen. In einer höhern Anschauung der Dinge lässt es sich darum verstehen, dass sie  [sic die Seele] den in seine Elemente aufgelösten Körper nicht weniger bewaltet, als den im Banne seiner Glieder eingeschlossenen Körper. Dies lehrt unzweifelhaft die wahre Vernunft.

S. 411 ff L. Sieh also, wie schön die Reihe der Dinge in der Erzählung von der göttlichen Schöpfung fortschreibt. Am fünften Tage ist zuerst von der Schöpfung der mit fünf Sinnen begabten Thiere die Rede. Ich werde jedoch nicht wenig beunruhigt, aus welchem Grunde die h. Väter versichern, dass die Seele aller ohne Vernunft lebenden Wesen untergehe und nicht länger verbleiben könne.

In seiner neunten Homilie zur Genesis sagt Basilius: „Es bringe die Erde die lebendige Seele hervor! Wozu anders geschieht dies, als damit man den Unterschied der Seele des Viehs von der des Menschen erfahre?“ Und kurz darauf: „Du wirst erfahren, wie die Seele des Menschen gemacht ist; jetzt aber höre von der Seele der vernunftlosen Wesen, weil nach der Schrift jede lebendige Seele Blut ist! Das ins Fleisch gewachsene Blut pflegt sich nicht zu verändern, während dagegen das verdorbene Fleisch sich in Erde auflöst; folglich ist die Seele des Viehs gewissermassen irdisch. Die Erde also soll die lebendige Seele hervorbringen. Du siehst also, wie folgerichtig die Seele zum Blute, das Blut zum Fleische, das Fleisch zur Erde gehört. So schreite nun wiederum rückwärts von der Erde zum Fleische, vom Fleisch zum Blute, vom Blute zur Seele fort, und du wirst finden, dass die Erde die Seele des Viehs ist, damit du nicht glaubest, die Bestandheit des thierischen Körpers sei älter und nach der Auflösung des Fleisches nicht bleibend.“

Auch Gregor von Nyssa sagt im 16. Kapitel seiner Rede vom Bilde: „Wenn aber einige Creaturen blos ernährende Thätigkeit haben, andere wiederum mit Sinnesthätigkeit begabt sind und jene ebenso wenig am Sinn, wie diese am Denken Antheil haben; wenn dagegen alles nicht so Beschaffene Vollkommenheit besitzt, so kann es nicht eine Art von Seele sein, die doch nicht wahrhaft Seele wäre, sondern eine Lebensthätigkeit, die den Namen der Seele führt.“ Verhält es sich nun so, wie Jene wollen, warum wird das allgemeine Leben in vernünftige und denkende und in vernunftlose und nicht denkende Seele eingetheilt? Weshalb stehen sich in der einen Gattung des Lebens zwei besondere Arten gegenüber? Denn Vernünftiges, und Vernunftloses sind nicht einander entgegen gesetzt, sondern drücken einen Art-Unterschied innerhalb einer und derselben Gattung aus, während dagegen Leben und Sterben einander ganz und gar entgegenstehen, da ja das Eine ein Verhalten, das Andere eine Entziehung bezeichnet, und beide einander entgegengesetzt sind.

Wenn also nach der Auflösung des Körpers die eine Art bleibt, die andere dagegen untergeht, wie soll die Gattung derselben ganz bleiben? Wie ja doch mit der untergehenden Gattung nothwendig zugleich ihre Arten untergehen, so nöthigt uns die Vernunft, mit den untergehenden Arten zugleich den Untergang ihrer Gattung anzunehmen. Denn die Gattung bleibt in ihren Arten erhalten und die Art in der Gattung.

Wenn aber unter den zu einer Gattung gehörenden Formen oder Arten einige sterben und wirklich sterben, andere dagegen weder sterben können, noch wirklich sterben, was sollen wir von ihrer Gattung sagen? Wird auch sie selber in den Einen sterben, in den Andern nicht untergehen? Denn vollständig kann ja doch Etwas nicht bleiben, was einige seiner Theile untergehen lässt. Die Gattung wird demnach nicht Gattung bleiben, sondern Vergehen der Gattung.

Bildet ja doch von Allem, was mit Körper und Seele ausgestattet ist, dasjenige Eine Gattung, was lebendiges Wesen heisst, weil darin alle lebendige Wesen wesentlich bestehen; denn Mensch, Löwe, Ochs, Pferd sind in ihrer Gattung wesenhaft eins. Wie sollen nun alle übrige Arten dieser Gattung untergehen, während nur diejenige bestehen bliebe, die dem Menschen zugehört? Wenn demnach eine einzige Artbleibt, während die  Arten untergehen, so wird auch die ganze Gattung untergehen, die ja, so viel ich einzusehen vermag, keineswegs blos in Einer Art besteht. Wenn ja doch die Gattung die Wesenseinheit vieler Formen oder Arten ist, wie soll die Gattung bestehen, wo die Wesenseinheit vieler Formen oder Arten nicht bestehen bleibt? Dass aber viele Arten in der Gattung Eins sind, dies lehrt der h. Dionysius im Kapitel vom Vollkommenen und Einen mit den Worten: „Keineswegs ist die Menge untheilhaftig des Einen, sondern sie ist Vielheit in den Theilen und Eins im Ganzen, Vielheit im Zufälligen und Eins im bestandhaften Subject, Vielheit in den Einzelwesen oder Kräften und Eins in der Gattung.“

Wenn demnach alle Arten in der Gattung Eins sind, wie soll jenes Eine zum Theil sterben, zum Theil verbleiben? Und wenn jenes Eine ein wesenhaft Eines ist, wie soll es untergehen, da doch in der ganzen Creatur diese drei unvergänglich und ohne Zu- und Abnahme verbleiben, nämlich Bestandheit,  Kraft und Wirksamkeit? Und wenn die Körper aller Thiere bei ihrer Auflösung keineswegs in das Nichts gerathen, sondern die natürliche Vernunft augenscheinlich zeigt, dass dieselben in die Eigenschaften der Elemente zurückfallen, durch deren Zusammentreten sie stofflich entstanden sind, wie können ihre Seelen, die doch wahrlich von besserer Natur sind (denn wie beschaffen auch eine Seele sei, so leugnet doch kein Verständiger, dass sie besser als jeder Körper sei), ganz untergehen, da es doch vernunftwidrig ist, dass das Schlechtere bleibe und erhalten werde, während das Bessere umkäme und zu Grunde ginge, und dass das Zusammengesetzte in seinen unterschiedenen Theilen erhalten bleibe, während das Einfache, das jeder Zusammensetzung entbehrt und unauflöslich ist, unterginge?

Welcher Weisheitsbeflissene, wüsste aber nicht, dass jeder Körper zusammengesetzt, jede Seele dagegen einfach sei? Und was noch wunderbarer ist als dies, wie ist es möglich, dass Diejenigen, welche einen Untergang der vernunftlosen Seelen nach der Auflösung des Körpers annehmen, da sie ja aus der Erde genommen seien und demnach wieder zur Erde würden, gleichwohl mit so grossen Lobsprüchen die Kraft der vernunftlosen Seele sinnbegabter Wesen preisen und dieselbe sogar der Kraft der vernünftigen Seele in den leiblichen Sinnen vorziehen?

Denn welcher Mensch sieht so scharf wie ein Adler und eine Gazelle? Oder wer erreicht im Geruche den Hund? Und damit es nicht scheine, als ob wir allzulange über die Fähigkeit der vernunftlosen Seele in den Sinnen einzelner Thiere reden, was soll man zu der Dauer des Gedächtnisses bei vernunftlosen Wesen sagen? Der Hund des Ulysses erkannte nach 20 Jahren seinen Herrn. Ein Kameel, das von seinen Lehrmeistern Unrecht erduldet, erwartet in einem langen Zeitraume von Jahren eine für seine Rache geeignete Gelegenheit, indem es stets des erlittenen Unrechts eingedenk bleibt. Ueber die natürlichen Kräfte der Thiere reichen aber wenige Beispiele aus. Soll doch der Greif, nachdem er einmal die eheliche Genossin verloren hat, der früheren Gattin eingedenk, seine Keuschheit stets unverletzt bewahren, was die Naturkundigen auch von der Turteltaube erzählen. Ueber die Elternliebe der Störche redet Basilius. Wenn nämlich der Vater alt wird und vor Schwäche die Federdecke verliert, so stellen sich die Kinder um ihn herum und wärmen ihn mit ihrem Gefieder; sie reichen ihm hinlänglich Speise und leisten ihm auch im Fluge kräftige Hülfe, indem sie dem Fliegenden von beiden Seiten nachhelfen und ihn so in Allem unterstützen.

Ich kann also nicht einsehen, wie dergleichen natürliche Tugenden einer vernunftlosen Seele sollten beiwohnen können, wenn sie (wie die gedachten Väter sagen) Erde wäre und wieder zu Erde würde, oder wenn sie keine wahrhaft bestandhafte Seele wäre. Ist die Seele ebenso wie der Körper Erde, wie kann der Körper Seele heissen, da doch beide durch natürlichen Unterschied weit auseinander liegen? Ist aber der Körper Seele, so wird er nothwendig Leben haben, das ihn belebt, sintemal es keinen Körper giebt, der des Lebens und der Gestalt entbehrte, da er sonst nicht Körper sein würde. Doch möge Niemand glauben, dass wir hiermit die Meinung der h. Väter verwerfen wollten, da wir ja nach besten Kräften dem nachforschen, was hierüber als vernunftgemäss anzunehmen ist, ob nämlich die vernunftlosen Seelen mit der Auflösung der Körper untergehen und zur Erde werden, oder ob sie mit Verzichtleistung auf die Besorgung ihrer Körper in ihren Gattungen erhalten werden.

Und was wir in alle Wege hierüber mit wahren Vernunftschlüssen gesucht und gefunden haben, das halten wir unerschüttert fest, dass für jedes Leben, mag es als die Körper regierende Seele durch Theilhabung an einem uranfänglichen Leben oder von einer andern Seele seinen Bestand oder sein Leben empfangen haben, durchaus kein natürlicher Grund vorhanden ist, diese Theilhabung wieder zu verlassen, gleichviel ob sie in der Besorgung eines Körpers bestehe oder nicht.

Hiermit wollen wir keiner vorgefassten Meinung huldigen, sondern unseren Lesern nur eifrigeres Nachforschen empfehlen, um unter der Führung der Wahrheit demjenigen unzweifelhaft zu folgen, was ihnen als wahrscheinlich erscheint. Gleichwohl möchte ich glauben, dass die heiligen und philosophischen Männer, die der wahren Erforschung der Dinge kundig sind, diese Lehre zu Gunsten der thörichten Menschen vortrugen, die gleich dem unvernünftigen Vieh dem Fleische ergeben sind, damit diese nicht gar zu sehr ins Fleisch versinken und ihren Lüsten fröhnen, sondern, von der Niedrigkeit solcher Creatur erschreckt, sich durch Besserung ihrer Sitten zur Würde der ursprünglichen Menschennatur, in der sie erschaffen sind, erheben möchten.

Ebendarauf weist auch Gregor hin, indem er im 11. Kapitel vom Bilde auf seine Behauptung, dass die unvernünftige Seele nicht die wahre sei, die Bemerkung folgen lässt: „Die Liebhaber des Fleisches mögen sich gewöhnen, ihr Denken nicht gar zu sehr ins Schlepptau nehmen zu lassen, sondern sich der Erforschung der Seele zu widmen; denn die wahre Seele wird nur im Menschen betrachtet, nur der Sinn wird auch in vernunftlosen Wesen gleichermaassen gefunden.“

 

Zitate Viertes Buch

S. 19 Und diejenige Natur, die der Mensch mit den Thieren gemein hat, heisst Fleisch; diejenige aber, welche der himmlischen Wesenheit theilhaftig ist, heisst Seele oder Geist oder Gedanke. Höre den Apostel, der da spricht: „Mit meinem Geiste diene ich dem Gesetze Gottes, im Fleisch aber dem Gesetze der Sünde.“ Unzählige andere Aussprüche der heiligen Schrift beweisen ebendasselbe. Was Wunder also, wenn von einem doppelten Bestande des Menschen die Rede ist, da er selber gewissermassen zwiefach ist, und dass sein thierähnlicher Theil mit den Thieren, sein geistähnlicher und unabhängig für sich bestehender Theil dagegen mit den Geistern zugleich geschaffen ist? Es darf dich demnach nicht befremden, wenn ich sagte, der Mensch sei mit den übrigen Thieren von einer und derselben Gattung aus der Erde hervorgebracht und zugleich über alle thierische Natur hinaus nach dem Bild und Gleichniss Gottes gemacht.

S.40 L. Dass die Wissenschaft im Geiste gedacht werde, bezweifle ich nicht. Wollte ich aber sagen, es würde auch aus der Erfahrung selbst grade so wie aus dem Geiste, dessen Erfahrung sie ist, eine und dieselbe Wissenschaft begriffen, so fürchte ich damit in die scheinbare Behauptung zu gerathen, als ob der Geist und die Erfahrung seiner selbst durch die Begriffe der Wissenschaft einen gesonderten Doppelbestand hätten, anstatt eine und dieselbe Wesenheit zu sein, welcher auf natürliche Weise der Begriff der Wissenschaft beiwohnt.

Lehrt aber doch die wahre Vernunft, dass der Geist und die Erfahrung seiner selbst nicht zweierlei, sondern eins und dasselbe sind, so bin ich gezwungen einzugestehen, dass Alles was im Geiste gedacht wird, auch durch Erfahrung seiner selbst gedacht wird, woraus dann folgt, dass der Geist und die Erfahrung oder wenigstens der erfahrene Geist von vorzüglicherer Natur sei, als diejenige Wissenschaft, welche er denkend gewinnt, da das Denken hier früher ist, als das Gedachte. Wollte ich dagegen sagen, die Wissenschaft des erfahrenden Geistes sei selber die Erfahrung, so würde daraus folgen, dass entweder der erfahrende Geist und die erfahrende Wissenschaft zwei sich gegenseitig Denkende und gegenseitig von einander Gedachte seien und demgemäss gleiche Würde der Natur besässen, oder es müsste zugestanden werden, dass der Geist mitsammt seiner Erfahrung und die Wissenschaft, die er denkend gewinnt, von gleicher Wesenheit seien. Was von beiden nun festzuhalten sei, ist noch nicht klar.

S. 42 f L. Wir können also den Begriff des Menschen so bestimmen: Der Mensch ist ein im göttlichen Geiste ewig gewordener Gedankenbegriff.

[Veronika Limberger übersetzt diese Stelle in ihrem Buch „Eriugenas Hypertheologie „ (De Gruyter, 2015, Bd. 125) auf  S. 100 wie folgt: „Wir können den Menschen also folgendermaßen bestimmen: Der Mensch ist ein gewisser intellektueller Begriff, der im göttlichen Geist ewig erschaffen ist. (Possumus ergo hominem diffinire sic: Homo est notio quaedam intellectualis in mente diuina aeternaliter facta.)]

S. 47 f  Der menschliche Geist kennt sich selbst und kennt sich auch nicht. Er kennt sich, sofern er ist, und weiss dagegen nicht, was er ist. Und hiernach hauptsächlich wird, wie wir in den früheren Büchern gelehrt haben, vom Bilde Gottes im Menschen geredet. Denn wie Gott begreiflich ist, sofern aus der Creatur geschlossen wird, dass er ist; wie er aber zugleich unbegreiflich bleibt, da von keinem menschlichen oder englischen Verstande begriffen werden kann, was er ist, noch von ihm selber, weil er kein Etwas, sondern überwesentlich ist: so ist es dem menschlichen Geiste lediglich beschieden, zu erfahren, dass er ist, während ihm verborgen ist, was er ist. Und was noch wunderbarer und für Diejenigen, die sich selber und ihren Gott betrachten, noch schöner ist, so wird der menschliche Geist mehr in seinem Nichtwissen, als in seinem Wissen verherrlicht. Denn es ist preiswürdiger in ihm, nicht zu wissen, was er ist, als zu wissen, dass er ist, sowie ja auch die Verneinung mehr und angemessener zum Lobe der göttlichen Natur gehört, als die Bejahung, und es weiser ist, jene nicht zu kennen, als sie zu kennen, sintemal ihr Nichtwissen wahre Weisheit ist, die besser durch Nichtwissen gewusst wird. Auf das Klarste also wird im Geiste die Aehnlichkeit mit Gott erkannt, sofern nur das Sein erkannt wird, nicht aber zugleich, was er ist, und in ihm so zu sagen das Was-Sein verneint und nur das Sein bejaht wird. Dies geschieht aber nicht ohne Grund; denn würde erkannt, dass er Etwas ist, so würde er in irgend etwas umschränkt sein und demgemäss das Bild seines Schöpfers nicht vollständig in sich ausdrücken, da dieser ganz und gar unumschränkt ist und in Keinem gedacht wird, weil er unbegrenzt und über Allem ist, was gesagt und gedacht wird. -

S. 108 Wir wissen aber, dass der oberste Ausleger der h. Schrift Origenes auseinandersetzt, es gebe nicht anderswo ein anderes Paradies, ausser demjenigen, welches seiner Ansicht nach im dritten Himmel, wohin  der Apostel Paulus entrückt wurde, eingesetzt war. Und wenn es im dritten Himmel ist, so ist es wahrlich geistig; denn dass der dritte Himmel, in den Paulus versetzt wurde, ein geistiger sei, wird von den ersten griechischen und lateinischen Kirchenlehrern nicht bezweifelt, sondern ein müthig versichert, indem sie denselben einen intellectuellen Himmel nennen.

 

Zitate Fünftes Buch

S. 330 Die Netze, die ich gesponnen, d. h. die Fragen, die ich vorgelegt habe, sind deshalb von mir gesponnen worden, damit ich nicht länger von denselben gefesselt bleiben, sondern ihrer ledig mit freiem Geistesblicke klar durchschauen möchte, dass die Einigung der gesammten Natur aus verschiedenen, einander entgegengesetzten Bestandheiten zu Stande komme. Ich bin dazu durch musikalische Gründe gebracht worden, aus denen mir klar wird, dass dem Geiste nichts Anderes gefalle und Schönheit bewirke, als die verhältnissmässigen Abstände der verschiedenen Töne, welche in gegenseitiger Verbindung mit einander die Lieblichkeit des musikalischen Wohlklanges bewirken. Dabei lässt sich das Wunderbare und für den blossen Geistesblick kaum Verständliche begreifen, dass nicht die verschiedenen Töne, z. B. der Rohrpfeife, der Leier oder der Flöte, welche in der Sinnesauffassung gewissermaassen als Dinge erscheinen, die Lieblichkeit des Einklanges bewirken, sondern vielmehr die ebenmässigen Verhältnisse, welche in ihrer gegenseitigen Beziehung lediglich der innere Geistessinn auffasst und beurtheilt. Diesen ebenmässigen Verhältnissen der sinnlichen Laute und Töne wird mit Recht das Sein zugesprochen, weil nicht blos der leibliche Sinn Nichts von ihnen leidet, sondern sie auch über jeden Sinn hinaus mit dem vernünftigen Geistesblicke über die Natur der Dinge hinausliegend aufgefasst werden, und während sie als Nichtseiendes gelten, sie dem Seienden zu dem schönsten Einklänge verhelfen. Mag nun der Hörer in den Tönen dasjenige verstehen, was in ihnen Lieblichkeit und Schönheit zu Stande bringt, oder mag er es nicht verstehen; so wohnt doch in Jedem der innere Sinn, welchem die vergleichende Betrachtung und ebenmässige Verbindung der Dinge nicht entgeht.

Kap 8 S. 193 Daher sagt der selige Maximus im 28. Kapitel der Schrift über das Doppelsinnige: „Das Ende dieses gegenwärtigen Lebens Tod zu nennen, ist meiner Meinung nach unrichtig; man würde dasselbe besser als Entfremdung vom Tode, als Absonderung vom Verderben, als Befreiung von der Knechtschaft, als Ausruhen von den Stürmen, als Untergang der Kämpfe, als Uebergang von der Verwirrung, als Rückkehr von der Finsterniss, als Ausruhen von den Schmerzen, als Beschwichtigung unrühmlichen Prunkes, als Stillstand von der Unbeständigkeit, als Verhüllung der Schmach, als Flucht von den Leidenschaften, als Vertilgung der Sünde, mit Einem Worte als Ende aller Uebel bezeichnen." Das Ende des gegenwärtigen Lebens ist also der Anfang des künftigen, und der Tod des Fleisches die Aussicht auf Wiederherstellung der Natur und deren Rückkehr zur frühern Unverletztheit.

S. 334 L. Mögen dich also die thörichten und falschen Urtheile sterblicher Gedanken und die leeren Meinungen nicht beunruhigen, worin sie meinen, dass durch das was ihnen schändlich und thöricht scheint, die Güte, Schönheit und Gleichheit des Weltalls vermindert und verdorben werde, ohne zu wissen, dass in Allem, was im All einbegriffen ist, nichts Böses oder Schändliches oder Ungerechtes sich findet. [...] Und wollte Jemand sagen, woher denn also das sogenannte Böse und Unanständige und Ungerechte und wo es sei; so werde ich ihm antworten: nicht irgendwoher und irgendwo anders, als aus der Eitelkeit der Eitelkeiten und in den falschen Vorstellungen, die sich das als seiend einbilden, was durchaus nicht ist [...]

S. 334f Auch dies rechnen sie dem barmherzigsten Ordner aller Dinge als ein Böses an, seine Gebilde zu strafen, indem sie faseln, Gott habe Viele gemacht, um sie zu strafen und auf diese Weise seinen Zorn auszulassen, indem sie nicht bemerken, dass Gott in Keinem dasjenige straft, was er gemacht hat, und nur das, was er nicht gemacht, gestraft werden lässt. Auch ihre schlechten und schändlichen Thaten beziehen sie auf Gott, indem sie sagen: wenn dies dem Schöpfer aller Dinge missfallen würde, so liesse er es in der von ihm geschaffenen Natur nicht zu. Und freilich hat er nicht blos Schönes und Anständiges, sondern Unehrenvolles und Schändliches durcheinander seiner Creatur einzuflanzen vorherbestimmt, um daraus Anlässe zur Offenbarung seiner Gerechtigkeit zu finden, indem er nämlich Belohnungen für diejenigen, welche schön und anständig nach den göttlichen Gesetzen leben, und dagegen Strafen für die Uebertreter und mit Schande und Schmutz Befleckten austheilen, beiden aber nach dem unvermeidlichen Rathschlag seiner Vorherbestimmungen gerecht werden will. Und wer widersteht demnach, wie der Apostel sagt, dem Willen desselben? So schreiben sie die unveränderlichen Ursachen ihres ganzen verkehrten Verhaltens der göttlichen Vorherbestimmung zu, indem sie mit ihrem verblendeten und thörichten Herzen die höchste Güte und Schönheit nicht anzuschauen vermögen oder(um es deutlicher zu sagen) den unerschöpflichen und nie versiegenden Quell der ganzen Güte und Schönheit und Tugend, sintemal er der Urheber und Vorherbestimmer keines Bösen und keiner Bosheit, keines Schändlichen und keiner Schändlichkeit ist, da dies Alles Erfindungen unvernünftiger Begierden sind.  Denn würde dergleichen aus göttlicher Vorherbestimmung fliessen, so würde es nothwendig immer in der Natur der Dinge bleiben. Denn wer wird daran zweifeln, dass alles durch göttliche Vorherbestimmung Geordnete immer bleiben wird? Jenes dagegen wird in Ewigkeit vergehen und überhaupt aus der Natur der Dinge verschwinden und ist also nicht aus den ewigen Ursachen der göttlichen Vorherbestimmung hervorgegangen.

S. 338 Denn wie sollen die weltlichen Zeiten zurückbleiben, wann nichts Zeitliches mehr sein wird? Wie sollen Räume bleiben, wo nichts Räumliches ist? Und dies ist der Grund, welcher keinen sinnlichen und körperlichen Platz für die Hölle in der Natur der Dinge offen lässt und die eiteln Meinungen derer zerstört, welche in ihren thörichten Gedanken die Hölle unter der Erde oder im Schoosse derselben oder irgendwo im Umkreis der Erde suchen, ohne zu bedenken, dass die Erde, unter oder in welcher sie der Hölle einen Platz an weisen, ganz und gar untergehen wird. So bleibt in oder unter ihr in der That Nichts übrig, was des Namens der Hölle würdig wäre, und es ist deshalb innerhalb der sinnlichen und körperlichen Creatur kein Platz gegeben für eine Hölle, weder für das ewige Feuer, worin die Gottlosen brennen, noch für die Würmer, die niemals sterben sollen. Alle diese Namen von Qualen nämlich sind in der h. Schrift nur bildlich gesetzt,

S. 358 f Einige nämlich nehmen den zwischen Mond und Erde befindlichen Raum als Ort der Qualen an. Andere nur den untern und dichteren, der Erde zunächst liegenden und der Schatten fähigen Theil jenes Raumes, welcher als Luftraum bezeichnet zu werden pflegt. Andere denken an tiefe und geräumige Höhlen im innersten Schooss der Erde, die voll dichter Finsterniss und gewissermaassen der Töchter der Finsterniss würdig sind. Man behauptet dabei, dass die Körper den Gottlosen in derselben Grösse, in welcher sie verfallen sind, und in gleichem Geschlecht und in derselben Gestalt und Zahl der Glieder auferstehen und überhaupt in derselben Weise, wie sie in diesem Leben waren, künftig sein werden, nur dass sie eben aus sterblichen und zeitlichen Leibern in unsterbliche und ewige, aus thierischen in geistige Leiber verwandelt werden. Und zwar wird dies nicht auf die Kraft der Natur und den Reichthum der göttlichen Güte bezogen sondern auf den harten und unbeugsamen Ernst des strengen Richters, indem man die Gaben der Natur und der Gnade in grausame Strafe übergehen lässt.

Man sagt nämlich, dass die Leiber der Gottlosen als ewige und geistige aus keiner andern Ursache auferstehen werden, als um beständige Strafen zu leiden. Dabei zweifelt man nicht, dass auch das Feuer, worin dieselben brennen, leiblich und sinnlich sei, und in ähnlicher Weise träumt man allerlei von Würmern, die nicht sterben, und vom Schwefelpfuhl und behauptet gleichwohl unbedenklich, dass dies Alles körperlich und örtlich verstanden sei. Man ruft laut, dass die Männer im männlichen, die Weiber im weiblichen Geschlecht in ihrer ganzen eigenthümlichen Verfassung auferstehen werden, wobei auch die überflüssigen Verrichtungen einzelner Glieder nicht fehlen würden, und was dergleichen Faseleien mehr sind, welche die wahre Vernunft nicht hegt, sondern vielmehr verlacht.

S. 360 Wie er deshalb allen Menschen gleichmässig das Sein gegeben hat, so wird er auch Allen gleichmässig verleihen, aufzustehen und die Aehnlichkeit mit der engelischen Natur zu besitzen.

Kap. 40 S. 414 Sollte Jemand finden, dass wir [...]  etwas Unbekanntes oder Ueberflüssiges geschrieben haben, so wolle er dies auf Rechnung unsers Mangels an Maass und Sorgfalt setzen und es als ein demüthiger Betrachter frommen Sinnes der noch mit der fleischlichen Hülle beschwerten menschlichen Einsicht nachsehen. Denn Nichts ist in menschlichen Beschäftigungen vollkommen, wie ich glaube, während dieses noch finsteren Lebens, Nichts, was jedes Irrthums ledig wäre, sintemal auch die Gerechten, solange sie im Fleische leben, nicht darum Gerechte heissen, weil sie es wirklich sind, sondern weil sie es sein wollen und nach der künftigen vollkommenen Gerechtigkeit streben.

Kap. 40 S. 416 Denn wenn  dies Werk bald in die Hände der richtig Philosophirenden gelangt sein wird, so werden sie das mit ihren Erörterungen Zusammenstimmende nicht blos willig aufnehmen, sondern auch wie ihr Eigenthum behandeln. Sollte es aber Solchen in die Hände kommen, die geneigter zum Tadeln, als zum Mitempfinden sind, so mag mit ihnen nicht viel gestritten werden. Jeder mag in seiner Meinung schwelgen, bis jenes Licht kommt, welches das falsche Licht der Philosophen zum Dunkel macht und die Finsterniss der richtig Erkennenden in Licht verwandelt.

 

 

 

24.1.20 Die Gottesfrage aus multifaktorieller SichtEine fragmentarisch angerissene Betrachtung über das, was ist oder nicht ist (Autor: Detlef Streich, Fassung vom 5.3. 2020; neu Denkanstoß V

(Hinweis: Wer an seinem bisher geglaubten religiösem Rahmen und Gottesbezug festhalten möchte und dadurch Sicherheit und Orientierung gewinnt, sollte dabei bleiben und den vorliegenden Artikel nicht lesen. Wer trotzdem weiterliest, tut das auf eigene Verantwortung, Risiken und Nebenwirkungen in Form von Verunsicherungen können nicht ausgeschlossen werden.)

 

                          Gliederung

Einführung:          Gott und/ oder Evolution?

Denkanstoß  I:      Die Problematik des biblisch-christlichen Gottesbildes

Denkanstoß II:      Die menschliche Evolution und der Tod

Denkanstoß III:     Thomas von Aquin (1225 – 1274) und der Erste Beweger

Denkanstoß IV:     Meister Eckart (1260 – 1328) und die negative Theologie

Denkanstoß V:      Religion ist Unglaube - Karl Barth (1886-1968) (Dialektische Theologie)

Denkanstoß VI:     Theologische Aspekte von Paul Tillich (1886-1965) und das Sein-Selbst

Denkanstoß VII:    Martin Heidegger (1889 -1976) und der Satz vom Grund

Denkanstoß VIII:   Die Kontrollillusion im menschlichen Leben

Schlusswort:         Das Problem der Sinnfrage des Lebens

                              Nachwort vom 22.3.2020

Einführung: Gott und/ oder Evolution?

Entwickelt man im Laufe des Lebens Zweifel an dem, was einem durch die eigene, seit Kindheit eingeprägte Religion vorgegeben worden ist, so ist zu überlegen, wie der Religions- bzw. Gottesfrage zukünftig möglichst argumentativ zu begegnen ist, um nicht - rein subjektiven Regungen folgend - vom Regen in die Jauche zu gelangen (Wolf Biermann nach seiner Ausbürgerung), will sagen, dass man nach einem Irrtum in einen noch größeren geraten kann.

Die folgenden Ausführungen und Darstellungen möchten dafür einige Gedankenansätze aufzeigen, sind aber ohne Anspruch auf Wahrheit oder Vollständigkeit lediglich als mögliche Denkanstöße zu verstehen.

Brauchte man in früheren Zeiten Gott, um bestimmten, den Menschen damaliger Zeit unerklärlichen Phänomenen begegnen zu können, hat sich dies heute durch die rasante Entwicklung wissenschaftlicher Erkenntnisse weitestgehend erübrigt. Blitz, Donner, Erdbeben, Tsunamis, zu- und abnehmender Mond, Sonnenfinsternisse, plötzlich eintretende Krankheiten, Geburt und Tod, Dürre oder katastrophale Regenzeiten benötigen zur Erklärung  keinen Gott mehr als Verursacher dahinter, der die Menschen damit womöglich für ihr sündiges Verhalten straft. Versuche dieser Art scheinen antagonistisch und regressiv angesichts des vorhandenen Wissens! Dennoch sind sie, wie das folgende Zitat zeigt, noch längst nicht aus der Welt:

Erdbeben sind eine Offenbarung der Allmacht Gottes! Sie dienen auch der geistigen Erweckung, damit man zur Besinnung kommt und weiß, wer man ist, wo man steht und wohin man will. ...“ (Stammapostel R.Fehr, 1991)

Und ein Jahrhundert zuvor wurde wie folgt kritisiert:

"Als Benjamin Franklin den Blitzableiter erfand, verdammte ihn der Klerus sowohl in England wie in Amerika, leidenschaftlich unterstützt von Georg III, als einen frevelhaften Versuch, den Willen Gottes zu besiegen. Denn alle rechtdenkenden Menschen wußten, der Blitzschlag wird von Gott geschickt, um die Gottlosigkeit oder eine andere schwere Sünde zu bestrafen..." (B. Russell, Essays in skepticism) 

Auch ist die evolutionäre Entwicklung und heutige Existenz des Weltalls aus naturwissenschaftlicher Sicht bis auf die Frage, was vor dem Urknall war, genauso gut dokumentiert und untersucht wie die genuine Ursache unserer eigenen, biologischen Existenz eben durch die Verschmelzung einer Samen- mit einer Eizelle und der sich anschließenden Reifung. Den dazugehörenden Geschlechtsakt sündhaft zu brandmarken gehört genauso wie gleichgeschlechtliche Partnerschaften einer durch die Kirchen bestimmten Pseudomoral längst vergangener Zeiten an, obgleich diese Sicht sich leider noch nicht überall in gleicher Weise durchgesetzt hat.

Unsere Haltung den Dingen gegenüber einschließlich unserer Weltsicht liegt heutzutage aber weniger in kirchlichen Vorgaben, sondern begründet sich eher am erfahrenen soziokulturellen Umfeld ( was kirchliche Einflüsse nicht ausschließt), unserer frühkindlichen Prägung und unseren damit gemachten Erfahrungen einschließlich erworbener Bildung. Eine Erklärung der  menschlichen Existenz im biblischen Schöpfungsakt zu suchen und womöglich wörtlich ernst zu nehmen taugt nur für Kreationisten und andere Fundamentalisten, ist aber vor dem Hintergrund der dokumentierten Stadien der menschlichen Evolution für nachdenkende Menschen nicht haltbar.  Die Welt ist erklärbar geworden, obgleich jede neu gefundene Erkenntnis oft mehr Fragen hervorruft als dass sie Antworten gibt. Dies aber ist Gegenstand der jeweiligen Fachwissenschaften und unterliegt nicht mehr kirchlicher Kontrolle und schon gar nicht ihrer Zensur.

Um aber nun angesichts dieser Erkenntnisse der Frage nach Gott und aufgekommenden Zweifeln angemessen begegnen zu können und nicht länger von vorneherein subjektiv beliebig unterwegs zu sein, sollen hier nun einige wesentliche Denkanstöße aufgezeigt werden. Nur wenn man weiß, auf welchen gedanklichen Schultern (auch theologisch) man steht, kann man vielleicht angemessen und argumentativ entscheiden, welcher zukünftige Weg  gedanklich bzw. spirituell gegangen werden kann. Kein Fachwissenschaftler kann und wird das vor ihm publizierte Wissen ignorieren können und wollen, ist es doch die Basis seiner Ausbildung und Grundlage aller weiteren Arbeiten. Kann hier die theologische Fragestellung oder auch Infragestellung nach dem ihr Grund gebenden und Grund legenden  Gegenstand „GOTT“ eine Ausnahme darstellen und immer noch ausschließlich durch subjektive Befindlichkeiten entschieden werden? Wohl kaum, jedenfalls nicht von Menschen, die sich ernsthaft und mit Interesse den aufkommenden Fragen ehrlich stellen.

Was ist aber dann von Paulus, der gänzlich unbescheiden nach eigenen Worten (1.Kor 1) als ein „durch Gottes Willen berufener Apostel Christi Jesu“ verstanden werden wollte, zu halten? Der sah das jedenfalls anders und schrieb im 1. Kor. 1, 20:

„Wo ist ein Weiser? Wo ein Schriftgelehrter? Wo ein Wortführer in dieser Weltzeit? Hat Gott nicht die Weisheit der Welt als Torheit entlarvt?“

Und im Kolosserbrief warnte er zudem (Kol 2, 8):

„Sehet zu, daß euch niemand beraube durch die Philosophie und lose Verführung nach der Menschen Lehre und nach der Welt Satzungen.“

Ist die Weisheit der Welt tatsächlich nichts als Torheit? Berauben Philosophie und/oder wissenschaftliche Lehren den Menschen tatsächlich oder bereichern sie ihnnicht eher? Ist Ignoranz von Erkenntnissen wirklich der Schlüssel zum Glauben? Die Motivation des Paulus liegt auf der Hand: Alles, was den von ihm propagierten Glauben gefährdet, ist abzulehnen. Oder, um mit seinen Worten zu sprechen, „aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden geachtet. … und achte es für Kot!“ Philipper 3 7

Nun denn, es ist hier nicht der Ort, die psychischen Befindlichkeiten des Paulus zu klären, aber bevor man selbst vorschnell Antworten formuliert, sollte untersucht werden, was sich hinter dem Begriff „Gott“ verbirgt, der laut Paulus also die Weisheiten und Erkenntnisse der Welt als Torheit entlarvt haben will (oder war das doch eher Paulus selbst?) und der Torheit der Erkenntnis des in die Welt gekommenen Christus den Vorzug gegeben hat.

Fangen wir an, lieber Leser, der Sache auf den Grund zu gehen!

 

Denkanstoß  I: Die Problematik des biblisch-christlichen Gottesbildes

Aus welcher Glaubensgemeinschaft auch immer ein Leser dieser Ausführungen kommen mag, wird er kaum zur Hinterfragung des dort gepredigten Gottes angeleitet worden sein. Systemerhaltend sind Nachfolge und Glauben, und je nach Engstirnigkeit der Gruppe werden Widerstand oder Nachfragen als Ketzerei bis Sünde bewertet. Denken ist jedoch nur in Sekten verboten! Man mache sich bewusst, dass die Bezeichnung „Gott“ zunächst einmal überbegrifflich alles unspezifisch und völlig undiffenrenziert bezeichnet, was den Menschen in allen Völkern und Zeitepochen je dazu eingefallen ist.  Der Gottesbegriff ist eine Metapher, eine Chiffre, ein Bild, was mit Inhalten gefüllt werden muss, um eine Bedeutung zu bekommen.  Ich schrieb dazu bereits 2007 im Aufsatz „Kirche, Religion und Glaube  im 21. Jhd.“ zur Frage des Gottesbildes:

Zunächst muss festgestellt werden, dass die sprachliche Bezeichnung „G-O-T-T“, wie auch jeder andere Begriff, nur eine Chiffre ist und nichts über das damit wirklich Gemeinte aussagt. „Gott“,  im weitesten Sinn verstanden, wird etymologisch als Oberbegriff gebraucht für alles über den Menschen ins „Himmlische“ Hinausweisende und von dort Bestimmende, gleich ob es sich dabei um Naturreligionen handelt, Götzenglauben, poly- oder monotheistische Vorstellungen oder anderes mehr. Von daher ist jedes der dahinter stehenden Gottesbilder einerseits in seinem eigenen Kontext gültig, andererseits aus dem Zusammenhang herausgelöst auch ebenso fragwürdig. Dem im Alten Testament gegebenen breiten Bilderverbot setzt interessanterweise bereits Jesaja 40,18 zwei erläuternde Fragen zum direkten „Gottesbild“ hinzu, die bis heute gültig auf die Unmöglichkeit verweisen, die konkrete Frage nach Gott  als dem „Einen“ tatsächlich hinlänglich klären zu können.

1. Mit wem wollt ihr denn Gott vergleichen? 

Zwar ist und bleibt der Mensch davon abhängig, sich von dem, was hinter und mit der allgemeinen Bezeichnung „G-O-T-T“ gemeint ist, ein Bild zu machen, denn wie sollte er etwas lieben oder achten können, von dem er keine Vorstellung hat? Auf der anderen Seite ist aber auch eindeutig, dass uns als raum-, zeit- und materiegebundenen Wesen das nicht an diese Kategorien gebundene Göttliche letztlich unerfassbar und unergründlich verschlossen bleiben muss. Deshalb kausal logisch die folgende weitere rhetorische Frage Jesajas:

2. Oder was für ein Abbild wollt ihr von ihm machen? 

Jeder Versuch eines kulturell definierten Gottesbildes, ob als Malerei, Skulptur oder auch theologisch im Christentum über das höchste menschliche Kulturgut „Sprache“ ist umso nichtiger, je präziser das vermeintliche Gottesbild ausfällt. „Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, sondern soviel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken“, lässt Jesaja seinen G-O-T-T sprechen. Es ist und bleibt unmöglich, das mit dem Wort Gott Bezeichnete in seinem SO SEIN WIE ES IST zu begreifen und seine allumfassende Unbegreiflichkeit zu durchdringen.

Das „Unbegreifliche“ kann eben weder „begriffen“ noch in menschlichen „Begriffen“ erfasst werden, weil wir dafür schlicht keine Worte haben.

Um das vorhandene Gottesbild näher zu untersuchen, können und müssen aus christlicher Sicht weitere Aussagen auch aus dem AT der Bibel über den dort beschriebenen Gott herangezogen und miteinander in Beziehung gesetzt werden.

Laut biblischer Schilderung hat dieser Gott einen beachtlichen Lebenslauf und Karrieresprung vom kleinen, eifersüchtigen und jähzornigen Nomadengott JHWH, der gerne das Fette der Widder mag, über den Vulkangott in der Feuer- und Rauchsäule beim Auszug aus Ägypten bis hin zum zentralen Gott im Christentum des NT und den beiden weiteren Schriftreligionen Judentum und Islam. Eine Zeit lang hatte JHWH übrigens noch eine Gefährtin, die Göttin Aschera. Diese Fruchtbarkeitsgöttin hatte im Tempel vor ca. 3000 Jahren einen festen Platz, an dem sie verehrt wurde. In der Karawanenstation Kuntillet 'Adschrud befand sich ein Vorratskrug  aus dem 8. bis 7. Jahrhundert mit der  Inschrift: „Ich habe Euch gesegnet durch JHWH und seine Aschera. Amaryo sprach zu seinem Herrn: … Ich habe dich gesegnet durch JHWH und seine Aschera. Er möge dich segnen, und er möge dich behüten.“

Im 2.Könige 23,4  steht dann jedoch, dass „der König dem Hohenpriester Hilkija, den Priestern des zweiten Ranges und den Wächtern an den Schwellen (befahl), alle Gegenstände aus dem Tempel des Herrn hinauszuschaffen, die für den Baal, die Aschera und das ganze Heer des Himmels angefertigt worden waren. Er ließ sie außerhalb Jerusalems bei den Terrassen des Kidrontals verbrennen und die Asche nach Bet-El bringen.“

JHWH ließ sich also scheiden mit allen Konsequenzen und ohne Versorgungsausgleich!

Noch ein Beispiel für seine beispiellos, gnadenlos, jähzornige und völlig überzogene Rachsucht soll schnell gegeben werden. Man lese selbst:

"Und Elisa ging von dannen hinauf nach Bethel; und als er auf dem Wege hinaufging, da kamen kleine Knaben aus der Stadt heraus, und verspotteten ihn und sprachen zu ihm: Komm herauf, Kahlkopf! Komm herauf, Kahlkopf! Und er wandte sich um und sah sie an und fluchte ihnen im Namen JHWHs. Da kamen zwei Bären aus dem Walde und zerrissen von ihnen zweiundvierzig Kinder." (2. Könige 2:23-24)

Was ist doch dieser JHWH für ein Unsympat, aber das mal nur so nebenbei!

Wie vereinbart sich nun ein in der einführenden Genesis dennoch behaupteter, allmächtiger, allgütiger Schöpfergott mit der Schöpfung eines von Beginn an jedoch unvollkommenen Menschen?  Wieso schöpft Gott ein in sich fehlerhaftes, vor ihm sündiges Wesen und macht es dann für sein Fehlverhalten verantwortlich und haftbar?  Und weiter geht es: Der Mensch/Mann wird in die bereits bestehende Welt, aber dort ins abgetrennte Paradies gesetzt, zunächst allein! Laut Gen. 2 sieht Gott bald ein, dass er eine Partnerin vergessen hat und fertigt sie anatomisch korrekt aus Adams Rippe (Bein von meinem Bein, Fleisch von meinem Fleisch). Grandioser Schöpfungsfehler! Jedes Tier hat seinen weiblichen Partner, nur Adam nicht. Nun gut, JHWH war damals auch noch nicht verheiratet, und als Junggeselle schuf er sich zum Bilde eben auch einen alleinstehenden Mann, verständlich!

Die nächste Hürde aber naht: Der von Gott gepflanzte Baum der Erkenntnis! Natürlich unterliegt der Mensch der Versuchung, Mann schiebt sogar ergebnislos die Schuld seiner neuen Partnerin zu,  kann nun aber Gutes vom Bösen unterscheiden, ist geworden wie Gott und wird deswegen flugs mit einem Fluch belegt und, von nun an endlich und mit dem Tod konfrontiert, aus dem Paradies vertrieben in die umgebende Welt u.a. zu den Kindern der Menschen!  Man kann im 1. Mose 6,1 lesen:

Da sich aber die Menschen begannen zu mehren auf Erden und ihnen Töchter geboren wurden, da sahen die Kinder Gottes nach den Töchtern der Menschen, wie sie schön waren, und nahmen zu Weibern, welche sie wollten.

Es gibt also laut Bibel zwei Menschenarten, und dummerweise waren die Töchter der Menschen auch noch schöner als Gottes Exemplare! Immerhin konnten sie sich paaren, also waren es biologisch gesehen keine verschiedenen Rassen!

Wie auch immer, als Vertriebene sollten sie sich nun bemühen, nach Gottes Willen zu leben um, analog zu der embryonaler Entwicklung im Mutterleib, dadurch zu dem zu werden, was den Menschen dermal einst in der zweiten Schöpfung zur Vollkommenheit und wieder zurück in die Gemeinschaft mit Gott führen wird! Und wenn dies nicht gelingt, wird er je nach Dogma sogar in die völlige Gottesferne und Hölle verdammt, nun aber auf immer und ewig! Warum nicht gleich ordentlich eine erste, vollkommene Schöpfung?  

Und warum musste der Allmächtige und in sich vollkommene, christlich behauptete Gott später sogar seinen Sohn zur Rechtfertigung der Sünden seines geschöpften Geschöpfes „Mensch“  zum freiwilligen Todesopfer auf die Erde schicken, damit er, Gott Vater, dadurch mit der Sünde der  Menschheit versöhnt werden kann?  Vor dem Opfer Jesu verfolgte der Gott JAHWE des Alten Testamentes die Sünden der Menschen rachsüchtig bis weit in die Nachfolgegenerationen, nach Golgatha schwenkt Gott, der Vater, um und sagt nun durch den Dritten im Bunde, den Heiligen Geist, sinngemäß: „Ich habe dich je und je geliebt und dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ Was für ein charakterlicher Wandel! Aus dem alten Gott der Rache wird neutestamentarisch Gott nun als Vater und Gott der Liebe apostrophiert und umgedeutet. Sohn und Paraklet (= Heiliger Geist, Tröster und Begleiter) kommen dazu. Was überhaupt ist aber unter dem späten Konstrukt des nun Dreieinigen zu verstehen? Ja, ist das überhaupt zu verstehen? Und wie ist das mit dem Gegenspieler, dem gefallenen Engel des Lichtes, Lucifer? Musste der Teufel, der ja in Gestalt der Schlange bereits im Paradies auftritt, erfunden werden, um die dunkle Seite des Menschen zu erklären? Musste er herhalten für die Schöpfungsfehler in der Konstruktion „Mensch?“

Wenn man das alles aber nur als überlieferte Legende, die bildhaft zu uns sprechen sollte und nicht wörtlich zu nehmen ist, verstanden wissen will, so hat Gott folglich den Menschen auch nicht geschaffen und ihm somit auch nicht seinen Geist eingehaucht hat (an welcher Stelle der menschlichen Evolution sollte das geschehen sein?), ja - was dann?  Dann, so müsste man folgerichtig schließen, ist der Mensch kein Geschöpf Gottes, sondern ein Ergebnis der Evolution, nicht mehr und nicht weniger, ein Vertreter der Klasse der Säugetiere, zugehörig zur Gattung der Hominidae (Menschenaffen), anatomisch bezeichnet als moderner Mensch (homo sapiens) und damit ohne das ausgestattet, was die Kirche Seele nennt.

Für eine begründete Vorstellung eines ewigen Lebens in einer geistlichen Welt nach dem Tod ist dadurch aber wenig Spielraum übrig, aus christlicher Sicht wohl gar keiner. Auch Nahtodberichte bleiben spekulativ und sind vor allem von außen nicht zu verifizieren!

Zwischenbemerkung: Halten wir fest, lieber Leser: Das Sprechen von Gott bedarf immer einer Definition dessen, was gemeint ist mit dieser Bezeichnung. Kommt ein Mensch und sagt, ich glaube aber an Gott, so sollten wir ihn bitten zu erklären, was er darunter versteht, bevor wir antworten. In den meisten Fällen wird die Antwort auf die außergewöhnliche Frage allerdings nur unzureichend ausfallen, oder mit einem Zitat von Stap. Leber zu sprechen:“ Da waren die Griechen mit ihrem Latein schnell am Ende!

 

Denkanstoß II: Die menschliche Evolution und der Tod

(Großzitat aus meinem Aufsatz DS„Anmerkungen  zu Schneiders Jenseitsvorstellungen“:)

„Der Versuch, konkrete Vorstellungen über eine jenseitige Welt zu entwickeln, scheint so alt zu sein wie die Geschichte der Menschheit selbst. Neuere Erkenntnisse der Paläoanthropologie, die sich mit der Trennung der Linien von Schimpansen und Frühmenschen vor etwa 7 Millionen Jahren beschäftigt, haben in letzter Zeit erstaunliche Erkenntnisse hervorgebracht. Bisher wusste man, dass Frühmenschen in der mittleren Altsteinzeit, also Homo sapiens und Neandertaler vor mindestens 120.000 Jahren, bereits verschiedene Begrabungsrituale ihrer Verstorbenen praktizierten, bei denen u.a. Beigaben mit ins Grab gegeben wurden. Keine andere Spezies auf unserem Planeten tut etwas auch nur entfernt Ähnliches, trotz ausdauernder Trauer einer Schimpansenmama, die ihr totes Kind drei Tage mit sich herumträgt!
Die Neandertaler bohrten vor 40.000 Jahren und noch früher ein Loch in die Schädeldecke, damit vermutlich die Seele dem Körper entfliehen konnte. Vor 70.000 Jahren bestatteten sie ihre Toten in Hockstellung. Die bislang ältesten Bestattungsfunde sind sogar zwischen 226.000 bis 335.000 Jahre alt.  Ungefähr in dieser Zeit begannen die Frühmenschen, das Feuer zu beherrschen, also Licht zu nutzen. 2013 fand man in der Höhle Rising Star in Afrika die Überreste von ca. 15 Individuen des Homo naledi (Kinder, Kleinkinder, Erwachsene und alte Personen) in einer Kammer , die 90 Meter vom Eingang entfernt war und nur über einen sehr schmalen Zugang in die Tiefe zu erreichen war. Fossilien von Tieren fehlten fast vollständig, was darauf schließen lässt, dass die Verstorbenen unter schwierigsten Bedingungen von den Stammesmitgliedern selbst dort abgelegt wurden. Der Homo naledi war im Durchschnitt nur 1,5 Meter groß, wog 45 kg und hatte ein Hirn von der Größe einer Orange.

Ist aber dieses Verhalten bereits mit religiösen Vorstellungen verknüpft gewesen? Die sehr frühen Bestattungen werden von einigen Wissenschaftlern eher als Schutz verstanden, dass die Toten nicht von Hyänen oder anderen Tieren zerrissen werden sollten.
Aber 90 Meter in die Tiefe mit der Last des Toten nur als Schutz vor Verstümmelung? Und warum sollten sie nicht verstümmelt werden, wenn nicht doch wieder aus letztlich religiösen Motiven heraus?

Die Wissenschaft geht heute davon aus, dass die Ausbildung des präfrontalen Kortex die Fähigkeit zur Selbstreflexion ermöglichte. Die Folgen daraus sind auch Fragen nach dem „Woher und Wohin“ des Individuums Mensch nach seinem Tod und der ursächlichen Verortung von Gut und Böse in geisterhaften, göttlichen Mächten, denen der Mensch in seinem Leben ausgeliefert ist. Denn wenn mein Kollege bei der Jagd vom Blitz erschlagen wird und ich nicht, muss dahinter irgendein Grund liegen (Kontingenz). Also kein gutes Gottesbild ohne böse Dämonen oder Teufel. Sonst wäre der gute Gott ja auch verantwortlich für das Böse! Eine spaltende Frage, die sich nach Auschwitz und der daraus folgenden Theodizee , also Gottes Verantwortlichkeit/ Rechtfertigung für das (zugelassene) Böse, bis auf den heutigen Tag stellt. Theologische Antworten bleiben fadenscheinig. Und die Anthropodizee, also die reine Verantwortlichkeit des Menschen selbst für seine Handlungen, ist eine zugegeben für Viele unbequeme Lösung. Damit wird aber auch die Gottesfrage aus dem Spiel genommen werden.

Doch zurück zu den Anfängen.

Wir dürfen also sicher annehmen, dass in Folge des sich entwickelnden präfrontalen Kortex und der damit verbundenen kognitiven Revolution vor ca. 70.000 Jahren auch Überlegungen zur Existenz an sich und zur Transzendenz des Seins ergaben. Wenn der Mensch stirbt und eine geglaubte, nicht sterbliche Seele aber bleibt, muss auch deren weitere Existenz ähnlich Bedingungen unterworfen sein, wie es das irdische, biologische Leben hat. Manche Wissenschaftler formulieren diesen Drang zu religiösen Vorstellungen mit dem Begriff „Homo religiosus“, der sagen will, dass der Mensch biologisch determiniert nicht in der Lage ist, religiöse Vorstellungen zu unterlassen. Bereits Kinder entwickeln ohne erzieherische Einflüsse Vorstellungen über Gott und ein Weiterleben nach dem Tod! (…) Und wann und wie sollte der Mensch erst Recht aus sich heraus innerhalb der Evolution eine unsterbliche Seele gebildet haben, wenn nicht nur in der Vorstellung seines präfrontalen Kortex? Alle sich daraus in Folge entwickelnden religiösen Vorstellungen einschließlich ihrer bis heute kirchlich manifestierten Dogmen wären demnach nur Annahmen, die letztlich auf uralten, imaginierten Interpretationen des Menschen auf seine Sicht der Welt beruhen mit der als Axiom anzusehenden Behauptung einer ihm innewohnenden, unsterblichen Seele.“

Zwischenbemerkung: Zu allen Zeiten gab es Gelehrte, die sich durchaus durchdacht, intelligent und wortreich mit der Frage nach Gott als dem Ursprung aller Dinge beschäftigt haben. Im Besonderen versuchten die Scholastiker, die auch damals schon vorhandenen Widersprüche zwischen dogmatischen Behauptungen und Erkenntnissen der Wissenschaft argumentativ in Einklang zu bringen. Eine kleine Auswahl soll hier nun in Kurzform deren bemerkenswerten Denkansätze aufzeigen.

 

Denkanstoß III:  Thomas von Aquin (1225 – 1274) und der Erste Beweger (Scholastik)

Könnte zumindest aber dieser christliche Gott nicht trotzdem und dennoch als die Ursache alles Lebens und Seins zumindest in einem Schöpfungsakt erster Lebensformen oder nur durch geschaffene Bedingungen als deren Verursacher angesehen werden, der sich dann aber nach seinem „Es werde …“ aus dem weiteren evolutionären Geschehen heraushalten konnte, weil im ersten Wort bereits alle weiteren Gesetzmäßigkeiten und Stufen grundlegend verankert waren?

Die Annahme eines Schöpfers als Verursacher des Urknalls und des Lebens, der im weiteren Verlauf aber auf Grund der wissenschaftlichen Erkenntnisse mit den weiteren Ereignissen nichts mehr zu tun haben muss, entspräche der aus der Physik stammenden Kategorie des „Unbewegten Bewegers“ (Aristoteles, 384- 322 v. Chr.) oder auch laut Thomas von Aquin dem nun religiös umgedeuteten Ersten Beweger. Er hat diese Idee in seine christlichen  „Gottesbeweise“ eingebaut (Quelle; Übersetzung Hans Zimmermann, Görlitz)

Es ist folglich unmöglich,
daß in ein und derselben Art und Weise etwas verändernd und verändert sein kann,
oder daß es sich selbst bewegt bzw. verändert.
Alles folglich, was verändert wird, muß von einem anderen verändert werden.
Wenn folglich das, von dem aus verändert wird, selbst verändert wird,
muß auch es selbst von einem anderen verändert werden
und jenes wieder von einem anderen. 

Folglich ist es notwendig, hinabzuschreiten
zu einem Ersten Bewegenden bzw. Verändernden,
das selbst von keinem anderen bewegt bzw. verändert wird,
und das begreifen alle als "Gott". 

Alles Notwendige aber hat entweder die Ursache seiner Notwendigkeit von anderem her, oder hat sie nicht von anderem her.  …

Folglich ist es notwendig, etwas zu setzen, was von selbst notwendig ist,
was die Ursache seiner Notwendigkeit nicht von anderem her nimmt,
aber Ursache der Notwendigkeit für die anderen ist,
was alle "Gott" nennen
. ...

 

Dem ist zunächst einmal nichts hinzuzufügen, außer: " Und so kann aus den Wirkungen Gottes bewiesen werden, daß Gott IST, wenn wir ihn auch nicht vollendet über diese Wirkungen erkennen können gemäß seiner Wesenheit."

 

Zwischenbemerkung: Blicken wir auf einen weiteren Meister des Wortes und der Scholastik, Meister Eckhart, der von der Inquisition der Ketzerei beschuldigt wurde und ab 1327 zumindest der Zensur unterlag, ab 1329 wurden nach seinem Tod 17 Sätze von ihm als häretisch eingestuft, 11 weitere waren verdächtig. Seine Werke gerieten in Verruf und wurden bis ins 19. Jhd. vergessen. Er selbst bekannte  vor demTribunal in Köln 1327 wie folgt:

"Ich, Meister Eckhart, Doktor der heiligen Theologie, erkläre vor allen Dingen, indem ich Gott zum Zeugen anrufe, dass ich jeglichen Irrtum im Glauben und jegliche Ausschreitung im Wandel immerdar, so viel es mir nur möglich gewesen ist, verabscheut habe, da solcherlei Verirrungen meinem Stande als Doktor und Ordensmitglied widerstritten haben und noch widerstreiten."

 

 

Denkanstoß IV:  Meister Eckart (1260 – 1328) und die negative Theologie (Mystik)

Meister Eckhart unterscheidet in seinen Ausführungen den trinitarischen Gott in der Lehre von den drei Personen Gottes von einer übergeordneten „Gottheit“ als überpersönliche göttliche Gesamtwirklichkeit,  die nichts hervorbringt, nicht in Korrespondenz mit dem Menschen tritt, sondern ausschließlich auf sich selbst bezogen ist. Über diese Gottheit lassen sich keinerlei Aussagen machen, sie ist Der Eine, der über keinerlei Eigenschaften verfügt, da diese zeitlich begrenzt wären,  er  ist der „grundlose Grund!“ (Schriften Eckharts)

Denn wer kommen will in Gottes Grund,
in dessen Innerstes,
der muss zuvor in seinen eigenen Grund,
in sein Innerstes kommen,
denn niemand kann Gott erkennen,
der nicht zuvor sich selbst erkennen müsse. (Predigt 15) 

Hier ist Gottes Grund mein Grund
und mein Grund Gottes Grund.
Hier lebe ich aus meinem Eigenen,
wie Gott aus seinem Eigenen lebt. (Predigt 5b)

In seinen Ausführungen zur Frage „Was ist Gott“ betont Eckhart:

„Was Wesen hat, Zeit oder Raum, das gehört nicht zu Gott, er ist über dasselbe; was er in allen Kreaturen ist, das ist er doch darüber; was da in vielen Dingen eins ist, das muss notwendig über den Dingen sein. … Wenn wir Gott im Wesen nehmen, so nehmen wir ihn in seiner Vorburg; denn Wesen ist seine Vorburg, worin er wohnt. Wo ist er denn in seinem Tempel? Dies ist die Vernünftigkeit, wo er heilig erglänzt, wie der andere Meister sagt, dass Gott eine Vernunft ist, die in ihrer Erkenntnis allein lebt und in sich selbst allein bleibt, und da hat ihn nie etwas berührt, denn er ist da allein in seiner Stille. Gott in seiner Selbsterkenntnis erkennt sich selbst in sich selbst.“

Demzufolge lassen sich laut Eckhart über die Gottheit keinerlei Aussagen machen, sie besitzt keinerlei Eigenschaften,  will nichts, beabsichtigt nichts,  ist außerhalb von Zeit und Raum und bleibt unfassbar. Positive Aussagen über sie sind damit unmöglich (Gott ist gut oder das Gute), lediglich negative Beschreiben über das, was sie nicht ist, können Gültigkeit haben. Diese Negative Theologie“ basiert auf der Idee, dass alle menschlichen Vorstellungen über diese Gottheit auf Grund der menschlichen Begrenztheit falsch sein müssen, da das „Überseiende“ über allem Seienden steht und sich somit positiven Zuweisungen entzieht (Platon).

„Man soll Gott nicht außerhalb von sich selbst erfassen wollen, sondern als mein eigen und als das, was in mir ist. … Gott und ich, wir sind eins.“

„Gott wird dann in uns geboren, wenn alle Kräfte unserer Seele, die vorher durch Gedanken, Bilder und was es auch sei, gebunden und gefangen waren, ledig und frei werden und in uns alle Absicht  zum Schweigen kommt.“

 

Zwischenbemerkung: Lieber Leser, es ist erstaunlich, wenn du tatsächlich bis an diese Stelle meiner Ausführungen gelangt bist. Eine beachtliche Leistung, denn der Lesedurchschnitt online liegt bei ca. 600 Worten bei 5 Minuten Lesedauer! Wer die bisherigen Ausführungen interessant fand, wird auch im nächsten Artikel nicht enttäuscht werden, sich zuvor aber vielleicht einen Tee, Kaffee oder Wein holen sollen, um gewappnet zu sein. Wir springen nun zu zwei Theologen des 20. Jhd., die durchaus als Fortsetzung zu Eckhart angesehen werden können ...

 

 

Denkanstoß V:  Religion ist Unglaube - Karl Barth (1886-1968) (Dialektische Theologie)

Religion ist Unglaube; Religion ist eine Angelegenheit, man muß geradezu sagen: die Angelegenheit des gottlosen Menschen.“ (Kirchliche Dogmatik  I/2, 327)

Barth unterscheidet Religion (von Menschen erfunden, erschaffen) vom Glauben an Gott, der (zumindest in Barths früher Zeit) als unnahbar, fern und dem Verstand als unzugänglich angesehen werden muss. Über ihn und seinen Willen lässt sich nichts wissen. In Barths Jugend wurde in den Kirchen für den deutschen Sieg im Ersten Weltkrieg gebetet, was er als Vereinnahmung durch die Verbindung Staat und Religion verabscheute und als Instrumentalisierung und Missbrauch des Christentums ablehnte. Gott darf nicht vor den menschlichen Karren gespannt werden, um ihn aus dem Dreck zu ziehen. Was also Kirchen oder Sekten als „Glauben“ kreieren, muss keinesfalls zwingend mit Gott zu tun haben. Wissen über Gott wird nur über Christus erreicht (nicht über den vorösterlichen, historischen Jesus in seiner historischen Umwelt): "Jesus als der Christus ist die uns unbekannte Ebene, die die uns bekannte senkrecht von oben durchschneidet."

In seinem Römerbriefkommentar zu Röm 2,4 (1922) entwickelt Barth, dass zur Erlösung einzig durch Gottes Güte nichts Menschliches hinzukommen muss oder darf, sondern dass menschliche Überlegungen als Scheinwerte und Scheinfundamente dazu geradezu hinderlich sind, wenn sie als heilsbedeutend angesehen werden. Nur Gott selbst kann über sich selbst angemessen reden. In diesem Sinn ist die von Menschen erschaffene Religion als eine  „selbsterwählte Heiligkeit“ (KD II/2, 174) faktisch die Aufrichtung der Herrschaft von Nicht-Gott. Indem aber Jesus das Gericht annahm und sich am Kreuz richten ließ, wurde er zum Christus. Somit rechtfertigt er den Menschen und vollzieht die Wende zum Heil und zur Versöhnung im Prinzip voraussetzungslos für alle Menschen. Im späteren Alter räumte Barth ein, dass das Wissen über Gott und seinen Willen, dem Menschen eigentlich verborgen,  im Christus aber sichtbar wurde (Wer mich sieht, sieht den Vater/ Ich habe euch den Willen Gottes offenbart). Nur deshalb könne man über Gott sprechen und ihn verkündigen. „Gott wird durch Gott und zwar allein durch Gott erkannt.“ – (KD II/1, 47)

Zu jeder Zeit jedoch wurden und werden aber religiöse Interpretationen kulturellen, gesellschaftlichen, politischen und wissenschaftlichen Gegebenheiten angepasst, was in den Augen Barths ein Fehler ist und was letztlich auch ein Beleg für die Beliebigkeit erhobener, religiöser Behauptungen ist und somit ihren Anspruch auf Wahrheit widerlegt. Gäbe es tatsächlich göttliche Wahrheiten, so wären sie unumstößlich und nicht modifizierbar. Letztlich ist aber auch der von Barth als wahr gesetzte Christus auch nur eine (menschliche) Behauptung und als solche nicht verifizierbar.

 

 

Denkanstoß VI: Theologische Aspekte von Paul Tillich (1886 – 1965) und das Sein-Selbst

Der bedeutende evangelische Theologe Paul Tillich bezeichnet Gott als das Sein Selbst, welches jenseits von Essenz und Existenz steht. Sich selbst bejahend entsteht im Menschen der Mut zum Sein, dessen Ziel ohne religiös-dogmatische Vorgaben ausschließlich das ist, was ihn unbedingt angeht.

Im Tillich-Lexikon heißt es zum Stichwort Sein:

Der Ausdruck S. bedeutet das Ganze der menschlichen Wirklichkeit, die Struktur, den Sinn und das Ziel der →Existenz. Das S. ist immer schon gegeben. Weil in seiner Tiefe die Macht des Seins vorhanden ist, widersteht das S. dem →Nichtsein. Der letzte Grund unseres Seins, der über unser Sein und Nichtsein entscheidet, ist das, was uns deshalb unbedingt →angeht. Bevor sich die →Theologie mit dem beschäftigt, was uns unbedingt angeht, muss sie das S. beschreiben: die Struktur des S.s, seine Kategorien, Gesetze und Begriffe (Ontologie als die Wissenschaft vom S.).
Es ist zu unterscheiden zwischen essentiellem S (wie es sein sollte und in der Tiefe immer auch ist) und existentiellem S. (wie es unter den Bedingungen der Existenz ist). Das existentielle S. ist gegenüber dem essentiellem S. selbstenfremdet, zerrissen, zweideutig. Der Übergang vom essentiellen zum existentiellen S. ist durch das →
Symbol des „Falls“, den Verlust der →„träumenden Unschuld“ beschrieben. Die Wiedervereinigung von existentiellem und essentiellem S. geschieht allein im →Neuen S., welches in →Jesus als dem Christus erschienen ist: In ihm ist das essentielle S. unter den Bedingungen der Existenz manifest geworden.“

Der Gott der Religionen ist für Tillich ein zu überwindender Götze,  und der „Glaube ist kein Ort, wo man leben kann; er ist ohne Sicherheit, die Worte oder Begriffe vermitteln, er ist ohne Namen, ohne Kirche, ohne Kult, ohne Theologie. Aber er ist in der Tiefe von ihnen allen wirksam. Er ist die Macht des Seins, an dem sie alle partizipieren und dessen fragmentarische Ausdrucksformen sie sind. […] Der Mut zum Sein gründet in dem Gott, der erscheint, wenn Gott in der Angst des Zweifels untergegangen ist“ (Quelle)

Tillichs Denken und theologischen Umdeutungen aller biblischen Bilder schließt  unglaubliche Dimensionen auf und verwischt, bzw. zerbricht sogar die gewohnten und von je her religiös gezogenen Grenzen zwischen Theismus und Atheismus, zwischen Ketzern und Gläubigen.

Der allgemeine, kirchliche Begriff „Gott“ ist so nichtssagend, dass immer nachgefragt werden müsste: Was meinst du, wenn du von Gott sprichst? Was ist Gott für dich? Und welchen Sinn könnte in unserem Leben diese Idee des Unbewegten Bewegers einnehmen? Veränderungen in unserem Sein ergeben sich aus um uns herum oder in ins selbst liegenden Befindlichkeiten oder sogar Ursachen. Kann der Unbewegte Beweger in unserem Leben überhaupt sinnvoll verortet werden? Und was bedeutet Tillichs Gott hinter dem untergegangenen theologischen Gott pragmatisch und konkret für den wie auch immer glaubenden Menschen? Tillich formuliert es so:

"‚Du bist angenommen!‘ Angenommen, bejaht durch das, was größer ist als Du, und dessen Namen Du nicht kennst. Frage jetzt nicht nach dem Namen, vielleicht wirst Du ihn später finden. Versuche jetzt nicht, etwas zu tun, vielleicht wirst Du später viel tun. Trachte nach nichts, versuche nichts, beabsichtige nichts. Nimm nur dies an, dass Du angenommen bist.“ Aus einer Predigt   am 20. August 1946

 

Zwischenbemerkung: Was Paulus verworfen hatte, die Philosophie, soll hier nun mit einem Vertreter ihrer Art dennoch zu Wort kommen. Auch in diesem Text geht es nicht um Rechthaberei oder Wortspiele. Die Phänomenologie ist ein Bereich der Philosophie, der mir in einem Seminar einmal wie folgt erklärt wurde. Der Dozent malt auf eine große, grüne Wandtafel mit noch Kreideschlieren vom vorigen Wischen einen kleinen, weißen Kreidepunkt. Anschließend fragt er seine Studenten, was sie sehen. Die Antworten lauten: Einen weißen Punkt!  Der Prof. lächelte und verwies auf die sehr große Schieferfläche, die alle ignoriert hatten. Phänomenologie wäre, so klärte er auf, zuerst das Ganze vollständig zu beschreiben und danach zu bewerten ...

 

Denkanstoß VII: Martin Heidegger (1889 -1976) und der Satz vom Grund (Phänomenologie)

In Heideggers berühmtem, philosophischem Vortrag (klicke hier) von 1955/56 über den bis in die Antike zurückreichenden Satz vom Grund heißt es:

Der kleine Satz vom Grund: »Nichts ist ohne Grund« spricht zunächst als der große Grundsatz, das principium grande. Der Satz ist groß durch die Gewalt seines Anspruches an alles Vorstellen. Der kleine Satz vom Grund: »Nichts ist ohne Grund« spricht zugleich als Wort vom Sein und nennt dieses als den Grund.“

Die erste Akzentuierung knüpft, wenn man so lesen möchte, an den Ersten Beweger oder den Unbewegten Beweger an, indem betont wird, dass nur das „Nichts“ ohne Grund ist. Aus heutiger Sicht ist es allerdings schwierig geworden, z.B. allein physikalisch das Nichts zu definieren, denn es ist keinesfalls nur mit einem Vakuum gleichzusetzen. Man könnte als Gedankenspiel durchaus auch anstelle des Nichts „Gott“ in die Aussage einfügen.

Unterschiedliche Akzentuierungen lassen verschiedene Lesarten zu:

Gott ist ohne Grund.

Gott ist, ohne Grund.

Gott ist ohne Grund.

Wenn Gott in seinem Sein aber ohne Grund, ohne Bedingungen, ohne Voraussetzungen ist, ist er auch unbewegbar in sich ruhend. Dies ist bereits in den vorigen Denkanstößen beschrieben worden. Nochmals: Mein Sein hat nichts mit seinem Sein zu tun, es gäbe keine Korrespondenz, keine Wechselwirkungen, keine Beziehung. Gottes ordnender Logos wäre zwar hinter und in allen Dingen, bleibt aber unerreichbar. Wenn aber Gott und Nichts in dieser Aussage austauschbar sind, ist Gott dann mit dem Nichts gleichzusetzen? Gottes Sein entspricht dem Nichts?

Die zweite Hervorhebung (: »Nichts ist ohne Grund«)  setzt Sein (= ist) und Grund ins Verhältnis. Heidegger dazu:

Dieses Wort vom Sein soll nach der aufgestellten Behauptung antworten, nämlich auf die Frage: Was heißt denn Sein? Doch ist dies eine Antwort, wenn uns gesagt wird: Sein heißt Grund? Statt hierdurch eine Antwort zu empfangen, werden wir erneut in eine Frage gestoßen. Denn wir fragen sogleich: Was heißt denn Grund? Darauf gibt es jetzt nur die folgende Antwort: Grund heißt Sein. Sein heißt Grund — Grund heißt Sein: Hier dreht sich alles im Kreis. Uns faßt ein Schwindel. Das Denken stürzt ins Ratlose. Denn wir wissen weder recht, was »Sein« besagt, noch was »Grund«. Gesetzt aber, das Wort vom Sein als Grund antworte auf die Frage nach dem Sinn von Sein, so bleibt diese Antwort für uns zunächst verschlossen. Der Schlüssel fehlt, um sie aufzuschließen,…

Das Wort vom Sein als Grund sagt: Das Sein — selber der Grund — bleibt ohne Grund, d. h. jetzt ohne Warum. Wenn wir versuchen, das Sein als Grund zu denken, dann müssen wir den Schritt zurückmachen, zurück aus der Frage: Warum? Woran sollen wir uns aber dann noch halten?

In der »Spruchsammlung« aus dem Jahre 1815 sagt Goethe: »Wie? Wann? und Wo? — Die Götter bleiben stumm! Du halte dich ans Weil und frage nicht Warum?«

Das Warum entfaltet sich in die Fragen: Wie? Wann? Wo? Es fragt nach dem Gesetz, nach der Zeit, nach dem Ort dessen, was geschieht. Das Fragen nach den raum-zeitlich-gesetzmäßig geregelten Bewegungsabläufen ist die Weise, in der die Forschung dem Warum des Seienden nachstellt. Goethe aber sagt: »Du halte dich ans Weil und frage nicht Warum?«

Was sagt das Weil? Es wehrt ab, nach dem Warum, also nach Begründung zu forschen. Es verweigert das Begründen und Ergründen. Denn das Weil ist ohne Warum, hat keinen Grund, ist selber der Grund.“

Der Grund unseres Seins ist demnach das Sein selbst, das Sein begründet sich im Sein und nur im Sein.

Hier noch Heideggers Schlussgedanke:

Lautet das letzte Wort, das vom Sein gesagt werden kann: Sein heißt Grund? Oder bleibt nicht das Wesen des Menschen, bleibt nicht seine Zugehörigkeit zum Sein, bleibt nicht das Wesen des Seins immer noch und immer bestürzender das Denkwürdige? Dürfen wir, wenn es so stehen sollte, dieses Denkwürdige preisgeben zugunsten der Raserei des ausschließlich rechnenden Denkens und seiner riesenhaften Erfolge? Oder sind wir daran gehalten, Wege zu finden, auf denen das Denken dem Denkwürdigen zu entsprechen vermag, statt, behext durch das rechnende Denken, am Denkwürdigen vorbeizudenken?"

Was aber ist das Denkwürdige und wirklich Wesentliche im Leben? Gibt es darauf überhaupt eine allgemeingültige Antwort? Und ist das Bestreben, alles rationalisieren zu wollen, tatsächlich ein Fehler, womöglich eine Sackgasse? Dazu im Folgenden einige Überlegungen.

 

Zwischenbemerkung: Zum menschlichen Sein gehört auch die Psychologie, die sich intensiv damit beschäftigt, was in uns so alles vorgeht, aber eben unbewusst. Selten sind diese Dinge von der vermeintlichen Vernunft rational gesteuert, im Hintergrund wird entschieden, was und wie wir bewerten und einordnen. Wer sich auf eine tiefenpsychologische Analyse einlässt, wird mit sich selbst konfrontiert - eine lange und mühselige Entdeckungsreise hin zum tiefsten, eigenen Sein. Einen kleinen Anstoß dafür geben die folgenden Ausführungen.


Denkanstoß VIII: Die Kontrollillusion im menschlichen Leben

Fassen wir zunächst kurz zusammen: Mit dem Aufkommen des eigenen Bewusstseins und der Erkenntnis „Ich bin“ sowie der unweigerlichen Erkenntnis der eigenen Endlichkeit und folglich Nicht-Existenz, die für den lebenden Menschen unvorstellbar ist, entstanden Jenseitsvorstellungen und Bilder im Denken, die Antworten auf die Fragen suchten nach dem warum bin ich, warum ist mein Freund nicht mehr (neben mir vom Blitz erschlagen), warum wurde mein Kind tot geboren, das meiner Schwester nicht, wohin gehe ich wenn ich sterbe, wer ist verantwortlich für die Willkür der Ereignisse (Kontingenz) im Leben und anderes mehr.

Erklärungen wurden gesucht und Muster, die im Vorfeld dazu dienen sollten, dem Ausgesetzt Sein gegenüber den Schicksalsschlägen eine Kausalität im Sinne des WARUM zuzuschreiben und es soweit möglich, zumindest scheinbar, plan- oder steuerbar zu machen. Gründe wurden gesucht (denn nichts ist ohne Grund!), um Verhaltensweisen zu finden, den Schlägen möglichst vorzubeugen. Verantwortlichkeiten mussten außerhalb des sichtbaren Seins gefunden werden, Götter kamen ins Gedankenspiel. Wenn aber Dreiecke einen Gott hätten, so würden sie ihn mit drei Ecken ausstatten, formulierte bereits Montesquieu (1689 – 1755).  Willkür und Machtdemonstrationen sowie Gewalt innerhalb der sozialen Gruppen wurden projiziert auf den geglaubten Götterhimmel. Die monotheistischen Vorstellungen der drei Schriftreligionen bilden dabei keine Ausnahmen. Die Transzendenz eines Unbewegten Bewegers wäre nutzlos gewesen, man brauchte einen handelnden und handhabbaren Gott, den man durch bestimmte Verhaltensweisen gnädig stimmen und durch Rituale manipulieren, wenn möglich in seinen Aktionen kontrollieren konnte. Trifft es dann meinen Nachbarn, muss der selber schuld sein, hätte er halt besser den Göttern geopfert …

Bis auf den heutigen Tag verstehen wir nicht, warum gerade der Schulbus, in dem das eigene Kind sitzt, ausgerechnet in einer Kurve genau zu dem Zeitpunkt einem Rohre transportierenden LKW begegnen muss, der unkontrolliert ins Rutschen kommt und auf den Bus prallt. Ein Rohr bricht durch die Scheiben in den Bus und tötet zwei Kinder, eines davon das eigene Kind! Morgens entließ man das Kind gedankenlos auf seinen Schulweg, es würde nie wieder zurückkommen. Zahllose Beispiele ähnlicher Unfassbarkeiten könnte man aufführen, ihnen allen gemein ist der unglaubliche Zufall von womöglich Millisekunden, die entscheidend für das Eintreten der Katastrophe und die Koinzidenz der Ereignisse waren. Jeder Versuch, Kausalitäten zu finden, führt nur zu Fehlschlüssen, aber hätte man vielleicht  nicht gesagt, beeile dich, du kommst zu spät, dann …

Auch das Flugzeug, das man mit größtem Ärger wegen des Staus gerade verpasst hat, das eine Stunde später Opfer aber zu einer Katastrophe ohne Überlebende wird, ist so ein Ereignis. Hier heißt die Frage: Wieso lebe ich noch und 386 Menschen sind tot – ich sollte doch unter den Opfern sein …

Der Autofahrer und junger Familienvater hält bei gerade noch bei gelb an der Ampel und wartet. Bei Grün startet er, noch 800 m bis zur Wohnung. Ein LKW kommt in einer leichten Kurve entgegen, verliert die Kontrolle und stürzt auf das Auto … keine Chance!

Durch solche und andere Ereignisse werden bis auf den heutigen Tag immer wieder  neue Götter und Gottesbeziehungen geboren oder alte wiederbelebt.

Zum Stichwort 'Kontrollillusion' findet man im Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik von Werner Stangl, (Januar 2020) folgenden Beitrag:

Die Kontrollillusion ist die menschliche Tendenz zu glauben, gewisse Vorgänge kontrollieren zu können, die nachweislich aber nicht beeinflussbar sind. Ellen Langer (1982) zeigte, dass Menschen oft so handeln, als ob Zufallsereignisse manipulierbar wären. Gehirne haben sich im Laufe der Evolution so entwickelt, dass sie Sinn in der Welt entdecken möchten, indem sie ständig nach Kausalitäten fahnden, d.h., Menschen neigen von Natur aus dazu, alles so zu interpretieren, als sei es vorherbestimmt und alle Dinge müssen stets aus einem Grund passieren. Daraus entsteht der Aberglauben, der Hang zum Übernatürlichen und der Glaube an übernatürliche Phänomene. Kinder betrachten die Welt, als existiere eine ordnende Kraft, als sei alles in der Natur für einen Zweck geschaffen worden, erst wenn sie älter werden, lernen sie, diese Sicht rational und aus pragmatischer Sicht zu unterdrücken, aber diese Neigung zum Aberglauben verschwindet nicht, und ist bei manchen Menschen nur stärker und bei manchen eben schwächer ausgeprägt. In Zeiten der Unsicherheit und Krisen glauben Menschen eher an übernatürliche Heilsversprechen, denn dann sehnen sich Menschen nach Struktur in ihrem Leben, doch aber auch wenn man unter Stress steht, sucht man nach Ordnung, etwa indem man Rituale des Aberglaubens ausführt oder an übernatürliche Dinge glaubt. Letztlich geht es darum, ein Gefühl der Kontrolle über das Leben oder über die Situationen, die sich an sich nicht beeinflussen lassen, zu entwickeln. Psychologisch betrachtet handelt es sich beim Aberglauben um eine Kontrollillusion.“  Quelle: WWW: https://lexikon.stangl.eu/2221/kontrollillusion/ (2020-01-18)

Natürlich ist Aberglaube etwas für Spinner (Pendeln, schwarze Katze, Freitag der 13., zerbrochenes Glas, Horoskope etc), der wahre Glaube aber  an den einen christlichen Gott  ist etwas völlig anderes, wird oft und gerne behauptet. Aber stimmt das wirklich? Ist der martialische Kreuzestod des geglaubten Gottessohnes als Voraussetzung zur Versöhnung mit Gottvater und den Sünden der Menschheit wirklich akzeptabler als scheinbar primitivere Vorstellungen?

Nochmals Stangl an anderer Stelle:

Durch Religion schaffen sich Menschen Bilder und Hoffnungen, dass das Ende nicht endgültig ist. Religion ist nach dieser Hypothese eine Form des Angstmanagements, die im Gehirn gründet, sich vermutlich mit der Zeit als Überlebensvorteil erwiesen hat und aus einem übersteigerten Kausalitätsdenken sowie der Angewohnheit entstanden ist, Theorien über das Fremdpsychische zu erstellen. Die religiösen Vorstellungen haben letztlich immer mit kognitiven Mechanismen zu tun, wobei Menschen anthropomorphe Bilder benötigen, um Gott zum Ausdruck zu bringen, also Vorstellungskategorien, die ihnen vertraut sind. Manche sehen den Ursprung und die Wurzel von Religiosität beim Menschen vor allem auch im Zusammenleben, denn wie Menschen miteinander umgehen, was Familie und Gemeinschaft bedeuten, wie man sich in der Welt als Einzelner oder als Gemeinschaft orientiert, fördert religiösen Vorstellungen.“

Quelle: Stangl, W. Stichwort: 'Neuropsychologie der Religiosität'. (2020-01-23)

WWW: https://lexikon.stangl.eu/6394/neuropsychologie-der-religiositaet/

Letzte Zwischenbemerkung: Lieber Leser, du hast tatsächlich alle Denkanstöße geschafft und kannst dich fragen, ob sich dadurch gedanklich etwas bewegt hat. Jeder Denkanstoß ist diskussionswürdig bis auf den heutigen Tag, leider findet man aber nur wenige Menschen, die bereit und fähig sind, sich damit auseinander zu setzen. Bequem ist nämlich anders! Es stellt sich die Frage, falls man aus einem frühkindlich gewohnten, religiösen System ausscheiden möchte, was danach kommt. Zunächst erscheimt ein riesengroßes Loch mit der Frage, welchen Sinn das Leben nach so einem Schritt nun noch hat. Dieser Frage soll zum Schluss nachgegangen werden.

 

Schlusswort: Das Problem der Sinnfrage des Lebens

Wem wie in Denkanstoß VII beschriebene Ereignisse begegnen, dem stellt sich wohl in den meisten Fällen die Frage nach dem Sinn hinter dieses Dingen und damit auch die Frage nach dem Sinn des Seins an sich. Man macht Menschen zu Schuldigen und weist ihnen die Verantwortung zu: Fahrlässigkeit, Alkohol, terroristische Verblendung, Selbstüberschätzung, menschliches Versagen wären passende Stichworte. Auch Materialfehler können ursächlich sein: Bremsversagen, Materialermüdung, fehlerhafte Messinstrumente und anderes mehr. Aber hilft das? Hätte sich mein im beschriebenen Busunfall zu Tode gekommenes Kind nicht einfach an einen anderen Platz setzen können, 36 Personen haben doch überlebt?

Oder Gott wird zum Schuldigen erklärt, hat er es doch zugelassen, oder er wird zum Tröster, bietet Zuflucht und Geborgenheit in den offenen und offen bleibenden Fragen, womöglich findet beides abwechselnd statt. Dass der Weg in die Religion bzw. zu einem bestimmten Gottesbild letztlich eine Illusion oder ein Irrtum ist, wurde in den verschiedenen Denkanstößen aufgezeigt. Aber das Unerklärliche bleibt unerklärlich, der gewohnte Ablauf des Lebens ist zerstört, das „Warum“ und damit die Frage nach dem Sinn der Ereignisse bleiben, das Leben zerfasert und man entfremdet sich von sich selbst. Manche Menschen stürzen sich in Arbeit, andere in Drogen, um zu betäuben, was doch nicht zu betäuben ist. Psychologen oder Seelsorger können begleitend helfen, aber Antworten haben auch sie nicht.

Welchen Weg auch immer der unter solchen Ereignissen leidende Mensch einschlägt, niemand hat das Recht, darüber zu richten, solange die Entscheidung hilfreich ist. Die Crux dahinter ist und bleibt der Wunsch des Menschen, in verständlichen Strukturen leben zu wollen, zu verstehen, warum etwas ist oder nicht ist, Hoffnung für die Zukunft wenigstens ansatzweise und womöglich sinnstiftend  aufzubauen. Vaclav Havel sagte einmal:

"Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewißheit, dass etwas einen Sinn hat, egal wie es ausgeht."

Wenn es denn aber unmöglich ist, bestimmten Ereignissen (ein Terrorist in Deutschland zerbombt sich und 46 Menschen auf einem öffentlichen Platz, meinen Partner hat es getroffen, ich aber lebe) einen Sinn zuzuschreiben, ist der Denkansatz zu prüfen. Der einzige Grund des Seins, so stellte Heidegger heraus, ist das Sein selbst. Das Sein ist der Grund, dass ich bin. Keine Frage nach dem Warum beantwortet die existentielle Frage nach einer eben nicht zu ergründenden Ursache, auch nicht der des Seins oder Nichts-Seins.

Bei all diesen Überlegungen geht es aber nicht um streitbare Sophistik oder gar eine rechthaberische Argumentation um ihrer selbst willen, sondern eher um eine pragmatische und eben nicht ontologisch-mystische Sicht auf das wirklich Seiende einschließlich meiner selbst (was immer auch das nun wieder ist!) Ich entscheide, welche Bedeutung und Wichtigkeit ich einer Sache zumesse oder nicht und ob etwas durchaus einen vielleicht auch nur temporären Sinn für mich haben kann oder nicht.

Kehren wir von den tatsächlich schwerwiegenden Schicksalsschlägen zurück zur eigentlichen und einfacheren Fragestellung des Anfangs dieser Überlegungen. Sie lautete:

Entwickelt man im Laufe des Lebens Zweifel an dem, was einem durch die eigene, seit Kindheit eingeprägte Religion vorgegeben worden ist, so ist zu überlegen, wie der Religions- bzw. Gottesfrage zukünftig möglichst argumentativ zu begegnen ist, um nicht - rein subjektiven Regungen folgend - vom Regen in die Jauche zu gelangen. will sagen, dass man nach einem Irrtum in einen noch größeren geraten kann.

Schon Jesus lehnte es ab, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Sollte man also ein erkannt falsches Gottesbild gegen ein wiederum zwar handhabbares neues und also auch illusionäres, irrtümliches Gottesbild austauschen? Der Unbewegte oder Erste Beweger, als vielleicht mögliche und richtige Gedankenkonstruktion, erweist sich als zu entfernt, um nützlich sein zu können, desgleichen der in scholastischer Manier weitergedachte Gott über Gott von Tillich. Geht der „Mut zum Sein“ tatsächlich nur in Verbindung mit einer göttlich begründeten Transzendenz des Seins? Oder besteht nicht vielmehr der Mut zum Sein in der Anerkenntnis, dass das für ein Erdenleben dem jeweiligen Menschen nur kurz verliehene oder geschenkte Sein eben nichts anderes, nicht mehr aber auch nicht weniger ist, als eben dieses Sein selbst? Hilft Tillichs Konstruktion, dass der Gott über Gott als Sein-Selbst gesehen werden kann, wenn ich doch das Sein selbst habe?

Sicher gibt es eine womöglich unüberbrückbare Kluft meines essentiellen Seins, also dem was ich in Vollkommenheit sein möchte, und dem, was existenziell faktisch vorhanden ist. Dann aber könnte sinnstiftend für das weitere Leben sein, dem, was ich noch sein möchte, noch erleben möchte, tagtäglich zuzustreben, die in mir liegenden Potentialität stets weiter zu entwickeln, ihr zum Durchbruch zu verhelfen. Sinn wird dann also (von mir) nicht übergeordnet gesucht oder zugeordnet, sondern in konkreten Situationen bzw. Zusammenhängen angestrebt. Der Satz, der Sinn des Lebens ist das Leben selbst, könnte also auch anders angegangen werden, indem definiert wird (wiederum persönlich), was das „gute“ Leben für einen ausmacht. Wenn das gelingt, hat man die schwierige Sinnfrage ohne Bezug zur bisher erhofften Transzendenz bodenständig geklärt. Mag man die Existenz eines Ersten Bewegers oder Gottes über Gott bejahen, verneinen oder auch offen lassen, der mürrische JHWH oder andere handhabbare Bilder Gottes existieren offensichtlich nur im Denken der Menschen und ihrer Verkünder. Sie können als irrelevant bedenken- und folgenlos beiseitegelassen werden, weil der Sinn meines Seins eben mein eigenes, jetziges Sein selbst ist und nichts anderes!  Das Sein aber ist nicht immer rational erfassbar strukturiert im Sinne mathematischer Gleichungen, und es ist nicht eben durchschaubaren Kausalitäten unterworfen, die wir gerne hätten. Das war Heideggers konsequente Schlussfolgerung.

Das Leben ist in jedem Moment so, wie es ist! Der Preis des Seins, des Lebens, ist jedoch die damit unweigerlich verbundene Sterblichkeit und weitere Nicht-Existenz. Sie gilt es zu akzeptieren. Nicht aber die paulinische Fehldeutung des Todes, dass er der Sünde Sold sei (Röm. 3:26). Der Tod ist das einzig Sichere in jedem Leben, notwendig für den Fortgang der Evolution und keinesfalls eine Strafe, sondern ein völlig natürliches Ereignis.

Geben wir die Illusion auf, das Leben kontrollieren zu können. Bleiben wir ruhig, denn Angst vor dem Unausweichlichen, auch vor dem Tod,  ist ein schlechter Ratgeber. Seien wir zuversichtlich offen, auch für das, was danach vielleicht oder auch höchstwahrscheinlich nicht kommt. Verpassen wir nicht die täglichen Schönheiten des Seins, auch wenn sie nur kurz sind. Nehmen wir mit sinnstiftender Hoffnung an was ist, auch Umbrüche des Lebens, und kommen wir dabei vielleicht bei uns selbst an.

In diesem Sinn wünsche ich jedem Leser gute Entscheidungen und

 

carpe diem (pflücke den tag)*

alles hat seine zeit

ohne Zeit ist nichts was ist

zeit ist raum

lebensraum

begrenzter lebensraum zwischen anfang und ende

zwischen beginn und vielleicht erfüllung

ihn schöpferisch zu füllen

zu gestalten

für sich

und für andere

und mit anderen

ist sinn des seins

das leben zu jeder zeit

jetzt und morgen

dieses jahr und jedes jahr

in die eigene hand zu nehmen

solange zeit ist

denn alles hat seine zeit

 

*Die Überschriftssequenz von Horaz stammt aus dem Jahr 23 v. Chr.

Der Folgetext ist inspiriert von Kohelet 3

 

22.3.20 Nachwort

Man ist beim Suchen ja immer auf einem schlechten Weg, wenn man ein bestimmtes Bild vor Augen hat. Wenn ich eine braune, rechteckige Schachtel suche, deren Inhalt mich interessiert, die aber in Wirklichkeit rund und grün ist, werde ich sie kaum finden und damit auch nicht den Inhalt, den sie enthält…
Man könnte als Lesender meiner Ausführungen zum Thema „Gottesbilder“ der Ansicht sein, dass ich mit meinem Schreiben nur Gottesvorstellungen einreiße, und so letztlich wie eine Abrissbirne nichts als einen Trümmerberg erzeuge. Was also bleibt?

Ein Gottsuchender wird zunächst von seinen alten Vorstellungen Abstand finden müssen. Ich habe letztlich für mich gefunden, was Gott nicht ist und den Schluss daraus gezogen:

Gott selbst - als das eben nicht Definierbare - kann nicht gefunden werden. 

Das ist meine Antwort auf meine Suche. Ich habe zuvor nicht nur nach falschen Schachteln gesucht, sondern auch noch nach falschen Inhalten, die weder in dieser noch in jener Schachtel zu finden sind.
 
Ich kann also aus meiner Suche aussteigen, sie ist zu Ende! Der Blickwinkel ist ein anderer geworden, auch wenn man dadurch im Gegensatz zu unserer aristotelischen Logik eher zur gänzlich anderen, indischen Logik gelangt. Sie akzeptiert:
 
Ich kann einem Objekt eine Eigenschaft
1. zusprechen,
2. absprechen,
3. sowohl zu- als auch absprechen
4. weder zu-, noch absprechen

 
Will sagen, eine Aussage über etwas, auch über Gott, kann

- wahr (und nur wahr) sein,
- falsch (und nur falsch) sein,
- sowohl wahr als auch falsch sein,
- weder wahr noch falsch sein.


Wenn also Barth Religion (wie oben geschrieben) als Unglaube bezeichnet, so sind Religion und Gott als diametrale Widersprüche anzusehen. Und wenn Gott als unergründlich und undefinierbar anzusehen ist, ist der Satz gültig, dass ich ihm weder etwas zu- noch absprechen kann. Auch seine behauptete Existenz ist in diesem Sinn sowohl wahr als auch falsch, bzw. weder wahr noch falsch.
 
Für mich sind diese Feststellungen sehr befriedigend. Vielleicht bleibt noch als letzter Denkanstoß hier übrig:

 

Λόγος (logos) d.streich 24.2.07

 

im anfang war der ruhende

und der in sich selbst ruhende war der ursprung

der ruhende war der ursprung von sinn und vernunft

ursprung sinn und vernunft waren im ruhenden

alle dinge sind durch den alles durchwirkenden ursprung gemacht

und ohne den aus sich selbst herausgetretenen ruhenden

ist nichts gemacht was gemacht ist

 

 

 

 

 

Kirche, Religion und Glaube im 21. Jhd - Angerissenes zum Nachdenken in den Spuren Paul Tillichs  D. Streich, Fassung Juli 2007 Druckfassung 

Gliederung

  1.  Standortbestimmung                  

2.   Verortung Matthäus 22              

3.   Zur Frage des Gottesbildes   

4.   Grundlage der Religion      

5.   Religiöses Verhalten                   

6.   Das neue Sein                       

1. Standortbestimmung

Die Frage, auf welchem Weg und wohin eine Kirche oder Glaubensgemeinschaft im 21.Jahrhundert unterwegs ist, ist nicht nur eine Frage einer spezifischen Religion oder ihrer Kongregationen, sondern sollte auch eine Frage vor dem soziologisch- gesellschaftlichen Hintergrund eines Landes, seiner Menschen und der immer bedeutsamer werdenden Globalisierung sein, wenn sich die Kirchen nicht weiter ins eigene Abseits manövrieren wollen, weil ihre anachronistischen Positionen von den faktischen Realitäten und Bedürfnissen des realen Menschen so weit entfernt sind, dass eine Verbindung Mensch-Religion nur noch Widersprüchlichkeiten erzeugt.

Dem entgegen steht allerdings die tradierte Meinung, dass Religion für unveräußerliche göttliche Wahrheiten eintreten muss, auch wenn reale Gegebenheiten und  wissenschaftliche Erkenntnisse andere, meist konträre Entwicklungen genommen haben. Besonders problematisch sind Vereinigungen, die zudem die Schilderungen der Bibel oder anderer heiliger Schriften in fundamentalistischer Weise für historisch wahr erklären, ihre Aussagen wortwörtlich zur Grundlage ihres Handelns und Denkens machen und die daraus geschlossenen eigenen dogmatischen Setzungen für unumstößlich halten.

Christliche Kirche heute ließe sich zunächst wie folgt charakterisieren:

Unter Kirche versteht man die sich unter einem spezifischen Bekenntnis zusammenschließenden Gläubigen einer bestimmten Konfession mit ihren genau festgelegten Dogmen, Sakramenten und rituellen Handlungen. Gemeinsames Ziel und Anliegen ist es, durch den daraus definierten Glauben, dem der Einzelne sich in seiner Konfession unterzuordnen hat, innerhalb des bereitgestellten Rahmens der Institution „Kirche“ in die Nähe Gottes und seines Heils zu gelangen. Der gesamten Konstruktion unterliegt die Grundannahme, dass der an sich sündige Mensch „gottfern“ ist,  es aber Mittel und Wege gibt, über die er selbst und/oder über die Kirche dieses getrennt sein von Gott überwinden kann. Dafür benötigt man heilsübermittelnde Sakramentsverwalter, für die die Kirche der geistige und räumliche Wirkungsort ist.

Diese tradierten Denkschablonen und Argumentationen haben uns jedoch in die heutige religiöse und gleichzeitig spirituelle Sackgasse geführt und können uns demnach aus diesem Dilemma auch nicht herausführen. Wer einerseits nach wie vor am wörtlich genommenen oder wie auch immer angepasst verfeinerten Kreationismus festhält, oder auf der anderen Seite die Bibel nur als fabelhaftes Legendenbuch begreift, die Schilderungen demzufolge Märchen gleichsetzt und die jeweilige Haltung als „Glauben“ oder „Unglauben“ bezeichnet, ist zumindest im 21. Jahrhundert zu einfach unterwegs, weil damit die Bedeutung der Religion reduziert wird auf das Glauben an spezifisch gesetzte Lehrsätze einschließlich bestimmter moralischer Haltungen oder behaupteter „historischer Wahrheiten“  und ein wie auch immer näher vorgestelltes göttliches Heil für den (einzelnen) Menschen gebunden wird an die notwendig zu vollziehende Akzeptanz und Unterordnung unter diese oder jene gelehrte, „göttliche Tatsache“.

Dass eine solche Haltung schon aus historischen Gründen unhaltbar ist, zeigen die vorgenommenen theologischen Lehrveränderungen und die inhaltlichen Umdeutungen nicht mehr haltbarer Lehrinhalte der Kirchen sowie der Fakt, dass auch die sich gegenseitig durchdringenden und in Korrelation stehenden theologischen und gesellschaftlichen Moralvorstellungen jeweils nur in ihrer Zeit oder ihrem jeweiligen Kontext gültig sind und durchaus Veränderungen unterliegen, wenn auch in längeren Zeiträumen. Andererseits ist festzustellen, dass der Mensch ohne religiöse Ausrichtung und Orientierung nicht wirklich auskommt, ja mehr noch, dass das Religiöse an sich einen grundlegenden Teil des Menschseins ausmacht. Dies bestätigen auch neuere Erkenntnisse der Hirnforschung.

Der sogenannte Atheismus bildet dabei keine Ausnahme, denn an die Stelle eines Gottglaubens sind seit der Zeit der Aufklärung und des Humanismus Surrogate wie z.B. Wissenschaftsglaube, Menschenrechte, Ökologie, Kommunismus u.a. getreten, die aber langfristig durch die ihnen fehlende Möglichkeit einer über das bloße Sein hinausweisenden Transzendenz den Menschen selbst ebenso zum „Ding“ machen, wie es die Dinge um uns herum sind und ihn damit langfristig gesehen in existenzielle Krisen führt.

Auch verdinglicht sich Religion selbst, wenn sie sich nur auf die Ebene einer Institution und deren Regeln herunterbricht und „Glauben“ als bloßes „Glauben an ...“ definiert. Der Schritt vom über sich selbst hinausweisenden Transzendenten, auf das Religion ureigentlich hinzuweisen hat, zum reduziert Dinglichen ist damit auch hier getan. An die Stelle eines noch näher zu bezeichnenden „Göttlichen“  tritt über das festgelegte „Glauben an ...“ ein Anderes in eine ihm eigentlich nicht zukommende Position:

·         Die eigentlich den Weg weisende Institution wird selbst zum Ziel des Glaubens und die 2000 Jahre alten „heiligen“ Schriften mit den daraus abgeleiteten Dogmen werden zu unantastbaren „Wahrheiten“ (und damit transformieren beide zum Götzen)

·         Sakramentale Handlungen werden selbst zum (Heils-)Weg, anstatt tatsächlich auf einen wirklich spirituellen Weg hinzuweisen (und suggerieren so die eigene Unmöglichkeit, wirklich sinnträchtig selbst zu handeln).

·         Lehrende Amtspersonen werden zum heilig geachteten „Mann Gottes“, dessen Worte qua Amt über Wohl und Wehe bestimmen (wodurch die möglicherweise hinter ihnen befindliche „transzendente Ebene“ durch die Vordergründigkeit der Personenpräsenz verdeckt und eine spirituelle Ausrichtung des so glaubenden einzelnen Menschen annähernd verhindert wird. Oder deutlicher gesagt mit einem Wort Jesu aus dem Thomasevangelium: „Wehe den Pharisäern, denn sie gleichen einem Hund, der in dem Trog der Rinder liegt; denn er frißt nicht, noch läßt er die Rinder fressen“. (102))

Fatalismus, Desorientiertheit, Ziellosigkeit, geistliche Verarmung und nicht mehr entwickelte Kräfte zur eigenen Selbstwirksamkeit mit neurotischen oder sogar psychotischen Erkrankungen können für den Einzelnen die Folge sein und damit auch für die Gesellschaft. Dass nun gerade dies nicht die Aufgabe oder der Sinn von Religion sein kann, dürfte unbestritten klar sein.

Demnach wäre also zu klären,  was Religion überhaupt oder eigentlich ist, und, angesichts des Spektrums nicht zu verifizierender Wahrheitsbeanspruchungen der Religionen und ihrer Denominationen, wie eine mögliche Definition unabhängig von einer spezifischen religiösen Lehre gültig in unserer heutigen Zeit heißen könnte. Dies soll, um den hier gegebenen Rahmen nicht zu verlassen, vor dem Hintergrund und auf der Basis christlicher Überlieferungen versucht werden.

 

2. Verortung Matthäus 22

Wenn Religion, wie bereits angesprochen, einerseits wegen der nachzuweisenden Widersprüchlichkeiten nicht mehr länger gültig als ein wissenschaftliche Erkenntnisse ignorierender Glaube im Sinne eines „für wahr halten“ bestimmter Überlieferungen angesehen werden kann und die jeweils spezifischen soteriologischen „Wahrheiten“ gegeneinander widersprüchlich sind, und andererseits aus einem solchen Glauben zudem wenig wirklich Wertvolles für den einzelnen Menschen in seinem Leben entsteht, muss überlegt werden, was für ein Glaube hinter einer Religion stehen kann, der ohne Spagat zwischen „göttlich“ und „irdisch“ verträglich ist mit unserem heutigen, humanistisch orientierten Welt- und Menschenbild.

Jesus hob ein Gebot, es wird als das große Gebot bezeichnet, aus den jüdischen Schriften besonders hervor und machte es damit auch zentral gültig für das Christentum. Dieses Gebot soll deswegen Ausgangspunkt der weiteren heuristischen Überlegungen sein.

Auf die Frage: „Welches ist das höchste Gebot im Gesetz?“ antwortete er in Matthäus 22:

 „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen,

von ganzer Seele und von ganzem Gemüt.“ (5. Mose 6,5).

Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich:

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (3. Mose 19,18).

In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.

Und in Lukas 19, 28 setzt Jesus noch hinzu: „Tue das, so wirst du leben.“

Jedem Christen sind diese Worte geläufig, aber auch in anderen Religionen sind die Gottes- und Menschenliebe verankert. Was also ist daran besonderes, dass Jesus sie so deutlich hervorhebt? Gerade oft gehörte Worte verblassen in ihrer Bedeutung und werden im Lauf der Zeit schematisch verstanden, weil man meint, die Bedeutung ohnehin zu kennen. Gehen wir also neu in und hinter diese Worte um hermeneutisch orientiert den Versuch zu machen, daraus abzuleiten, was Religion und daraus folgend Glaube im tiefsten und größten Sinn bedeutet.

 

3. Zur Frage des Gottesbildes

Zunächst muss festgestellt werden, dass die sprachliche Bezeichnung „G-O-T-T“, wie auch jeder andere Begriff, nur eine Chiffre ist und nichts über das damit wirklich Gemeinte aussagt. „Gott“,  im weitesten Sinn verstanden, wird etymologisch als Oberbegriff gebraucht für alles über den Menschen ins „Himmlische“ Hinausweisende und von dort Bestimmende, gleich ob es sich dabei um Naturreligionen handelt, Götzenglauben, poly- oder monotheistische Vorstellungen oder anderes mehr. Von daher ist jedes der dahinter stehenden Gottesbilder einerseits in seinem eigenen Kontext gültig, andererseits aus dem Zusammenhang herausgelöst auch ebenso fragwürdig. Dem im alten Testament gegebenen breiten Bilderverbot setzt interessanterweise bereits Jesaja 40,18 zwei erläuternde Fragen zum direkten „Gottesbild“ hinzu, die bis heute gültig auf die Unmöglichkeit verweisen, die konkrete Frage nach Gott  als dem „Einen“ tatsächlich hinlänglich klären zu können.

1. Mit wem wollt ihr denn Gott vergleichen? 

Zwar ist und bleibt der Mensch davon abhängig, sich von dem, was hinter und mit der allgemeinen Bezeichnung „G-O-T-T“ gemeint ist, ein Bild zu machen, denn wie sollte er etwas lieben oder achten können, von dem er keine Vorstellung hat? Auf der anderen Seite ist aber auch eindeutig, dass uns als raum-, zeit- und materiegebundenen Wesen das nicht an diese Kategorien gebundene Göttliche letztlich unerfassbar und unergründlich verschlossen bleiben muss. Deshalb kausal logisch die folgende weitere rhetorische Frage Jesajas:

2. Oder was für ein Abbild wollt ihr von ihm machen? 

Jeder Versuch eines kulturell definierten Gottesbildes, ob als Malerei, Skulptur oder auch theologisch im Christentum über das höchste menschliche Kulturgut „Sprache“ ist umso nichtiger, je präziser das vermeintliche Gottesbild ausfällt. „Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, sondern soviel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken“, lässt Jesaja seinen G-O-T-T sprechen. Es ist und bleibt unmöglich, das mit dem Wort Gott Bezeichnete in seinem SO SEIN WIE ES IST zu begreifen und seine allumfassende Unbegreiflichkeit zu durchdringen.

Das „Unbegreifliche“ kann eben weder „begriffen“ noch in menschlichen „Begriffen“ erfasst werden, weil wir dafür schlicht keine Worte haben. Der johannische Evangelist nähert sich jedoch dieser Unbegreiflichkeit, indem er keine personale Definition Gottes versucht, sondern von Gott als dem nie gesehenen Grund und Ursprung allen Seins spricht:

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. (Joh. 1)

Wenn Gott also nicht näher zu bezeichnen ist und gerade in Bezug auf ihn „alles Festlegen verarmt“ (Christian Morgenstern), dann bleibt außer einer einengenden Festlegung unserer notwendig menschlich reduzierten Gottesvorstellung nur eine umfassende Erweiterung unseres  Gottesbildes. Paulus schreibt ergänzend in 1 Kor. 12,6, bezieht sich damit aber deutlich auf gegenwärtiges Geschehen:

Es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen.

Wenn G-O-T-T  in dieser Weise in der Vergangenheit als Urgrund alles Seienden und für die Gegenwart als der, der da wirkt alles in allen, bezeichnet werden kann, so lässt sich daraus folgernd weiter aussagen, dass er bis in den letzten Grund auch ALLES IN ALLEM IST, ohne Eingrenzung oder Be-Gründung durch eine spezifische Theologie oder Moral, die ihn erklären oder für sich vereinnahmen möchte. Diese Grundbezogenheit Gottes zu allem in Vergangenheit und Gegenwart erfährt noch eine Erweiterung durch die Bezeichnung, die er sich laut 2. Mose 3, 14 selbst gegeben hat. Sie wiederum ist grundiert in einer wesentlich zukünftigen Komponente und schließt damit die Möglichkeit einer Veränderung im Sinn eines Bedeutungswandels der Chiffre G-O-T-T inhärent, wenn nicht sogar konstitutiv ein:

Ich werde sein, der ich sein werde!

G-O-T-T konnte und kann demnach nicht statisch aufgefasst werden, weil er nach diesem Wort  ein „Sein Werdender“ ist und sich damit aus unserem Blickwinkel nicht ein für allemal festlegen lässt! Wie ein zusätzlich mahnender Hinweis klingt dieser Name, diese Aussage, als ob dahinter stünde:

Wenn ihr mich schon jetzt nicht begreifen könnt in meiner Gegenwärtigkeit, so hütet euch nochmals vor euren Vorstellungen von mir. Denn selbst wenn ihr mich jetzt begreifen könntet, so sage ich euch, dass ich in eurer Zukunft nochmals der sein werde, der ich dann sein werde!

Eine Festlegung auf eine bestimmte Vorstellung, wie und was G-O-T-T ist, würde Gott aus der Vergangenheit heraus bestimmen und begrenzen in einer Weise, dass sein souveränes Sein in jeder jeweiligen Gegenwart und kommenden Zukunft faktisch ausgeschlossen wird. Und das hieße, wie Nietzsche es bereits formulierte: „Gott ist tot“. Tot und als monumentaler Götze in alter Zeit erstarrt wäre er bedeutungslos für uns und zukünftige Generationen. Da jedoch das, was in unserer Vorstellung hinter der Chiffre G-O-T-T steht, niemals getötet werden kann, wird die eigentliche Bedeutung der Nietzschen Gottestötung klar, wenn wir den Satz wie folgt lesen und verstehen: „Deine exklusive Vorstellung von dem, was G-O-T-T ist, ist tot.“ So tot, wie heute die griechischen Götter des Olymp.

Damit setzt unsere Aufgabe und Chance ein, heute neu verantwortungsvoll auf die Suche zu gehen nach dem, der eigentlich hinter dieser Chiffre steht: dem lebendigen, also gegenwärtigen und zukünftigen Gott, der heute so ist, wie er vor langer Zeit sagte, dass er sein wird! Suchen wir ihn nicht in den toten und erstarrten Vorstellungen vergangener Zeiten. Lassen wir doch die Toten ihre Toten begraben. Für alle wirklich Suchenden gelten jedoch wie ein Wegweiser die deutlichen Worte aus Lk. 24, 5:

 „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“ 

Suchen wir also das, was wir mit der Chiffre G-O-T-T bezeichnen in allem, was lebendig ist, geistig und geistlich beweglich und nicht bewegungslos erstarrt, damit das eigentlich „Unbegreifliche“ vielleicht auch uns in unserem Leben begegnen kann!

 

4. Grundlage der Religion

Wenn wir also jetzt Gott denken oder von ihm sprechen oder schreiben, so wollen wir die Chiffre G-O-T-T tauschen gegen die allgegenwärtige, grenzenlose und lebendige Bezeichnung „ALLES IN ALLEM“. Wenn Gott so als alles in allen Seiender verstanden wird, wird ER auch weder ausgeschlossen aus den Tragödien unserer Zeit noch für sie verantwortlich gemacht, sondern er wird gleichzeitig zur Hoffnung im Mutlosen wie zur Hoffnungslosigkeit im Verzweifelten, zur Liebe im Liebenden, aber auch zum Zweifel im Zweifelnden und zur Trauer im Trauernden. Er ist im Baum auf dem Feld, dessen Leben durch unsere Umwelt und unser eigenes Verhalten bedroht ist. Er ist im Kind, von dessen Not wir gerade wegsehen oder sie sogar verursachen. Und er lässt sich auch finden in dem Buch, dass ich gerade lese, im Film, den ich sehe oder in der Musik, die ich gerade höre oder morgen hören werde.

Er wird aber auch zu dem, der meine eigene Verdunkelung kennt, weil er auch darin viel tiefer ist, als ich blicken kann und mich somit besser kennt, als ich mich selbst zu erkennen in der Lage bin. Er ist in jedem Hohen und Tiefen, in jedem Gegenwärtigen und Zukünftigen und ist bereit, mir in allem zu begegnen, gleich ob ich ihn dabei wahrnehme oder nicht, weil er nicht anders kann, als „ALLES IN ALLEM“ zu sein. Er ist mein Glaube und mein Zweifel, meine Liebe und mein Hass, meine Trauer und meine Freude und ist in meinen guten und meinen schlechten Taten, weil alle Dinge von ihm durchwirkt sind. Also ist er nicht nur im Kind, dessen Not ich verursache, er ist auch in mir, dem Verursacher. In beiden Fällen aber ist er weder Opfer noch Täter, wohl aber die alles umschließende Seinsquelle.

Damit sind meine schlechten Taten nun aber nicht durch ihn aufgehoben, auch nicht durch ein sogenanntes „Gottesopfer“ am Kreuz,  weil ich meine Taten und den vielleicht entstandenen Schaden immer noch vor mir und dem Geschädigten verantworten muss mit allen Folgen. Aber sie können keine Trennung von Gott bewirken im Sinn gelehrter „Schuld“ und „Ungnade“.

Weder kann mich eine gute Handlung Gott näher bringen noch eine schlechte Handlung von ihm entfernen, weil er in Allem ist und sich nicht von sich selbst trennen oder einen Teil des von ihm Geschaffenem als eben einen Teil von sich selbst abspalten kann. (Gleiches gilt für eine wörtlich verstandene "ewige Verdammnis" nach dem sogenannten "Jüngsten Gericht" oder die personale Vorstellung des "Teufels" und seiner endgültigen Verbannung.) Wohl aber können meine Handlungen dazu führen, dass ich in meinem Sein und Handeln reife und zu der neuen Gestalt finde, die ich von mir anstrebe und damit einen Teil meiner eigenen Unzufriedenheit und existenziellen Desorientiertheit verliere.

Wenn wir nun diese symbolisch sinnstiftende Bezeichnung „ALLES IN ALLEM“ einfügen in das höchste Gebot, bekommt es einen ganz anderen Klang. Die Worte erweitern uns jetzt, weil sie nicht mehr etwas von uns fordern, was wir nicht leisten können oder wollen - nämlich ein irgendwie gedachtes, nicht menschliches Wesen zu lieben, dem wir ausgesetzt sind, und das jenseits von Raum und Zeit unberührbar thront und mit Strafen seine Gewalt über uns ausübt -sondern sie erweitern unseren Horizont, indem sie Religion, Glauben und Handeln zusammenführen in einer Bezogenheit auf alles, was uns im tiefsten Innern von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt unbedingt angeht:

„Du sollst und darfst Gott als ALLES IN ALLEM lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt.“

 „Diese Worte“ heißt es direkt daran angefügt im Deuteronomium, „sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore“ (5. Mose 6,6). Umfassender und deutlicher lässt sich die Unbedingtheit der Beachtung des höchsten Gebotes kaum ausdrücken.

Das „Du sollst“ ist dabei weniger als ein Befehl zu verstehen, sondern eher als Versprechen, dessen Befolgung eine gute Auswirkung auf mein Leben hat. Denn lieben „sollen“ von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt heißt doch umgekehrt auch: bedingungslos lieben „dürfen“, zumal Liebe nicht befohlen werden kann, sondern den Menschen ergreift.   Bedingungslos wiederum heißt: unbedingt lieben dürfen. Ohne Einschränkung etwas lieben dürfen als einen Teil von dem, der „ALLES IN ALLEM“ ist, und damit auch und gerade das lieben, was mich selbst in meinem Leben unbedingt angeht.

Dem Liebesgebot Gottes ist zudem noch der oft vernachlässigte Satz gleichgesetzt:

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!

Man beachte: Die Liebe zu dem, was wir als G-O-T-T bezeichnen, ist gleichgestellt der Liebe zu mir und gleichgestellt der Liebe zum Nächsten! Oder andersherum: Es wird kein Unterschied in der Gewichtung zwischen Gottesliebe, Eigenliebe und Nächstenliebe gemacht! Damit wird dieses Gebot zu einem wirklichen Weg, uns zu uns selbst hin zu befreien, in unsere eigene Tiefe zu finden, allerdings mit einer Einschränkung, die viel später erweitert auch als Kategorischer Imperativ aus der Philosophie in die Menschenrechte Eingang gefunden hat und die Jesus in der Bergpredigt bereits so ausdrückte:

Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.“ (Matthäus 7, 12)

Wiederum ist hinzugefügt, dass in diesem Gebot das Gesetz und die Propheten begründet sind,  also jegliche Ordnung und Mahnworte, ob von Theologen, Wissenschaftlern, Lehrern oder anderen, die mit wissender Weisheit warnend in die Gegenwart und Zukunft der Menschheit gerichtet sind. Dies ist der eigentliche Grund, auf dem das alte Testament aufgebaut ist, und es muss durch Jesu Hervorhebung auch der zentrale Grund christlicher Lehre sein.

Alle kirchlichen Ansprüche und Lehren, die sich darunter nicht einordnen lassen und die diesem Gebot widersprechen, sind demnach auf einem anderen Grund gebaut und haben ein anderes, meist an die Institution gebundenes Ziel der Unterwerfung des Menschen und seine Abhängigkeit vom System zu gewährleisten.

 

5. Religiöses Verhalten

Fassen wir den in diesem Gebot stehenden Auftrag wie betrachtet als eigentlichen Auftrag von Religion auf, so ist Religion für den Einzelnen jeweils das, was ihn von ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Gemüte durchdringt und ihn damit unbedingt angeht, also alles, was sein Leben im Eigentlichen und in der Tiefe seines Seins ausmacht. Glauben wird daraus folgend zum zugesprochenen Mut und zur Zuversicht für eigenes Handeln. Das Wesen der Religion ist somit nicht das Erfüllen von Ritualen, moralischen Vorgaben oder Gesetzen, auch nicht das Eingliedern in feudale, hierarchische Strukturen und schon gar nicht das konkrete Glauben an alte Mythenbildungen, die als historisch wahr deklariert werden, anstatt sie als das zu begreifen, was sie wirklich sind: Symbole tiefster menschlicher Vorstellungen vom Göttlichen.

Religion ist auch nicht länger mehr die Übertragung menschlicher Verhaltensweisen auf die Chiffre G-O-T-T im Sinne von Belohnung oder Strafe, weil sie damit dem, der „Alles in Allem“ ist, nicht gerecht wird, sondern ihn begrenzt auf die Teilnahme am sogenannt Guten und ihm unzulässig Kausalitäten des Handelns zuschreibt nach menschlichen Muster: Wenn du ... dann wird dich Gott ... . Diese Sicht bleibt ausschließlich verhaftet in menschlich begrenzten Vorstellungen, ist durch sie bedingt und spricht uns in unserem tiefsten Inneren im religiösen Sinn nur dann an, wenn wir entsprechend manipuliert erzogen wurden. Gott aber manipuliert nicht und kann nicht bedingt werden, sonst wäre er nicht das, was wir mit dieser Chiffre ausdrücken wollen.

Ein Gott, den es gibt, gibt es nicht“, schrieb Bonhoeffer, weil er wusste, dass G-O-T-T unbedingt souverän ist. Also ist unser Glaube und unser Menschsein in diese Unbedingtheit eingebunden. Das unbedingte Angenommensein des Menschen durch Gott unterliegt keinerlei Bedingungen, es ist uns mit dem Tag unserer Geburt als ein immer bleibendes Geschenk in unser Leben gegeben und wird darüber hinaus gültig sein. Aus dem Urgrund, der in seinem Sein selbst als „Liebe“ beschrieben ist, sind wir hervorgegangen, und in diesen Urgrund werden wir zurück geführt, wenn unser irdisches Leben endet. Nur so hat der Mensch über  Religion und Glauben die Fähigkeit zur Transzendenz und die Möglichkeit, in seinem Leben einen existenziellen Sinn zu finden, der über die Erfüllung raum-zeitgebundener Begrenztheiten hinausweist.

Demnach muss also „religiöses Verhalten“ auch an keinen spezifisch gelehrten Gottglauben gebunden sein. G-O-T-T  ist in seinem Sein nicht abhängig von dem Glauben, dass er ist, von unserer Anbetung oder einem spezifisch religiösen Verhalten. Der Atheist, der am gelehrten Kirchenglauben zu Recht zweifelt und ihn begründet ablehnt, sich aber mit sich selbst, seinem Leben und seiner ihn unbedingt angehenden Umwelt bewusst auseinandersetzt, ist in diesem Sinn mehr religiöser Mensch als der, der scheinbar sicher weiß, dass seine Kirche, sein Glaube und sein Leben genau göttlichen Bahnen und Vorstellungen entspricht.

„Religiöses Verhalten“ kann deswegen auch an keine konkrete Religion und ihren speziellen Verhaltenskodex gebunden werden, weil die gewohnte Unterscheidung zwischen profan und sakral in diesem Gebot aufgelöst ist hin zum übergeordneten Gebot unbedingter Liebe, in dem die Gottes-, Eigen- und Nächstenliebe einander expressis verbis gleichstellt wird. Der reiche Jüngling konnte diesen Weg der unbedingten Liebe zu Allem in Allem mit Jesus noch ebenso wenig mitgehen wie der im Gleichnis geschilderte, daheim gebliebene Bruder des verlorenen Sohnes. Beide blieben sie in ihren bestehenden Vorstellungen haften, der eine in tradierten Moral- und Religionsvorstellungen bei der Rückkehr seines verlorenen geglaubten Bruders, und der andere in seinem bestehenden Wertesystem im Glauben an die Macht seines Reichtums, als er Jesus begegnete.

Immer aber ist Religion eine solche Begegnung mit dem Unausweichlichen. Jemand oder etwas tritt unerwartet auf den eigenen Weg, und es ist nicht möglich, daran vorbeizugehen, ohne eine Entscheidung zu treffen. Eine wirkliche Entscheidung ohne falsche Kompromisse für oder gegen das sich eröffnende mögliche Neue, das sich einem durch die eingetretene Situation zur Wahl stellt. Es ist die Konfrontation mit dem eigenen Selbst, die in dieser Begegnung mit dem Anderen liegt.  Und meist erfordert das, was da plötzlich quer auf den persönlichen Weg tritt, eine radikale Entscheidung im Sinne: „entweder – oder“, „jetzt oder nie“,  „alles oder nichts“. Damals konnten weder der Bruder noch  der Jüngling diesen entscheidenden Schritt tun.

Auch heute können viele glaubende Menschen und religiöse Lehrer nicht wirklich alles hergeben an persönlichen Vorstellungen, Meinungen oder Sicherheitsbestrebungen, um den einen köstlichen Schatz, die eine gefundene Perle tatsächlich zu erwerben und sie sich zu eigen zu machen. Wer jedoch die Worte des großen Gebotes annimmt „ist dem Reiche Gottes nicht ferne!“, lautete Jesu Antwort an den verständigen Schriftgelehrten (Mk 12,32), aber er setzte im Vers 38 hinweisend drastisch hinzu:

Seht euch vor vor den Schriftgelehrten, die gern in langen Gewändern gehen und lassen sich auf dem Markt grüßen und sitzen gern obenan in den Synagogen und am Tisch beim Mahl; sie fressen die Häuser der Witwen.

Wenn Religion heute in Gestalt der Kirchen nicht wirklich im Leben des Einzelnen verortet  ist und die Kirchen vielmehr versuchen, dem Menschen einzureden, dass nur in ihrer Nähe persönliches Wohl und Wehe begründet sind, werden sie bedrohlich zum Dämon. Fällt ein „Glaube“ und damit die bisherige Verortung, kann das entstandene „Vakuum“ nur von kurzem Bestand sein, weil es auch in geistlicher Weise kein natürliches Vakuum gibt. Häufig folgt man aus Angst vor dem Unbekannten dann doch erneut wieder dem, der zwar der „Witwen Häuser frisst“ und womöglich das eigene Seelenhaus gleich mit, wiegt sich aber in der gepredigten Sicherheit einer göttlichen Geborgenheit, die gedanklich voraus im sogenannt „kommenden ewigen Leben“ erreicht wird. In den Worten Jesu sind Religion und Glauben jedoch eindeutig ins Leben gerichtet und sollten dem Wohl des Einzelnen dienen, wie auch das Gebot für den Menschen gemacht ist und nicht der Mensch für das Gebot (Mk 2,23 - 3,6).

 

6. Das neue Sein

Die religiöse Sprache geht notwendig mit Begriffen um, die symbolischen Charakter haben, weil sie von Dingen redet, die uns auf direktem Weg verschlossen sind. Es reicht aber gerade deswegen nicht aus, allein auf die Symbole zu sehen, und sie womöglich immer noch oder wieder wörtlich zu nehmen und sie damit selbst zum Gegenstand zu machen, sondern man muss hinter die Worte und Symbole schauen, um ihre Tiefe zu entdecken und zu begreifen, wofür sie eigentlich stellvertretend stehen und worauf sie hindeuten. So gesehen haben die Kirchen der heutigen Zeit im Sinne der eingangs gegebenen Definition keine Zukunft mehr, Religion und Glauben aber als die persönliche Hinwendung zu dem, der als „ALLES IN ALLEM“ gegenwärtig in und um uns ist, umso mehr.

Der Zugang zu G-O-T-T kann nicht liegen im Bekenntnis zu einer Kirche, sondern öffnet sich ganz und gar in der eigenen Tiefe eines jeden einzelnen Menschen. Er lässt sich nicht erzwingen, aber vielleicht finden von dem, der sich auf diesen Weg begibt hin zu sich selbst und damit zu dem neuen Sein, von dem Jesus als der „Neugeburt“ sprach. Dann muss man die alte Frage: “Wann kommt das Reich Gottes?“ auch nicht mehr stellen, auch nicht die Frage einer erwünschten oder befürchteten messianischen Wiederkunft Jesu als Weltenrichter und Herrscher, weil eben die jetzt verständlichere und bereits gegebene, immer noch gültige Antwort heißt:

„Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man's beobachten kann; man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es! Oder: Da ist es!

Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ Luk 17, 20

Dieser Weg ist demnach ein Prozess, der sich tief im eigenen Inneren vollzieht. So gesehen ist das Reich Gottes bereits mitten unter uns in einem jeden Menschen, der sich auf diesen Weg begibt, gleich welcher Religionszugehörigkeit oder ob gar keiner. Gleich, ob er durchdrungen ist von dem, was ihn unbedingt angeht als Theologe, als Künstler, als Musiker, oder als ein Mensch, der sich mit seinen Fähigkeiten Menschen zuwendet im Partner, im Kind oder im Mitmenschen, dabei mit aller Selbstkritik aber auch immer die Würde des Anderen achtet wie seine eigene Würde. Dies ist, ohne damit einer Utopie zu folgen, die eigentliche, mitten ins Leben gerichtete Hoffnung und zentrale Botschaft jesuanischer und damit christlicher Lehre. Dies ist der Anfang des neuen Seins, von dem Jesus als Notwendigkeit sprach, es zu erlangen. Es wird in uns geboren in den tiefsten Schichten unseres Seins, es kommt auf uns zu, es ergreift uns (und nicht wir es!). Und es kann uns führen, wenn wir bereit sind, dieser Stimme zu folgen und uns aus der Macht des Alten, das uns festhält, befreien zu lassen. Dies lag im Ruf dessen, der aufforderte: „Kommet her zu mir!“, ohne dass er damit je eine neue Religion oder so etwas wie eine Kirche gründen wollte. Der johannische Evangelist lässt Jesus in Joh. 12, 44 und an vielen weiteren Stellen ähnlich und deutlich verweisend auf den eigentlichen Ursprung alles Seienden sagen:

„Wer an mich glaubt, der glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat.“

Kirche“ leitet sich ursprünglich von Kyriaké ab, was im griechischen „dem Herrn gehörig“ bedeutet, und mit „Ekklesia“ wird im griechischen Grundtext des Neuen Testamentes die Gemeinde bezeichnet. Die zunächst politische Funktion des Wortes für die als Volksversammlung „herausgerufenen“ Männer wandelte sich im Urchristentum zur geistlichen Gemeinschaft  der von Gott "Herausgerufenen", analog zum alttestamentarischen Ruf:

Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein! 

Demnach war „Glauben“ bereits für die urchristlichen Gemeinden keine konfessionelle Übereinkunft, sondern sie verband auf der Basis des alten Testaments der wahrgenommene, aber nun nicht mehr ethnisch begrenzte Ruf Gottes als die gewisse Botschaft, von Gott angenommen zu sein. „Glaube“ ist somit auch in dieser Weise kein zu suchendes Etwas, sondern war, nach wie vor, das Annehmen der gehörten unbedingten Rufung des jeweils einzelnen Menschen, da es eine kollektive Rufung nicht geben kann. Die weitere kirchliche Entwicklung verlief jedoch wie bekannt:

„Glaube – in Wahrheit der Zustand, in dem der Mensch durch das Unbedingte ergriffen ist – wurde zum Glauben an eine Lehre verzerrt.“ (Tillich, Syst. Theologie Bd. 2, S. 95)

Sakramentale und kirchlich indoktrinierte Formen der „Erlösung“ hingegen sind und bleiben letztlich bedingte und äußerlich orientierte Selbst-Erlösungen, die die persönliche innere Begegnung mit G-O-T-T und die durch ihn gegebene, unbedingte Annahme des „erhörenden“  und dem Ruf folgenden Menschen zumindest relativieren, wenn nicht sogar ganz verhindern, weil sie den Menschen in seiner Beziehung zu Gott unter „ihre“ kirchlichen Bedingungen stellen. Nur das, was uns unbedingt ergreift, ist jedoch auf einen göttlichen Ursprung zurückzuführen und damit bereits Religion, weil nur Gott alleine wirklich unbedingt ist. Deshalb liegt in und hinter dem unbedingten Ergriffen-Sein des Menschen als Ursache Gott selbst. Dafür aber gibt es keine Mittler und braucht es im eigentlichen Sinn keine Kirche. Nicht einmal muss diesem Ruf die Chiffre G-O-T-T zwangsläufig zugeordnet werden, um dem inneren Ruf und Ergriffen-Sein im Glauben an den zu gehenden Weg durch die Liebe zum jeweiligen Objekt zu folgen. Ähnliches deutete bereits auch Bonhoeffer an:

»Die paulinische Frage, ob die Beschneidung Bedingung der Rechtfertigung sei, heißt m.E. heute, ob Religion Bedingung des Heils sei

Dietrich Bonhoeffer am 30. April 1944 aus der Gestapohaft

Göttliches Wirken und damit göttliches Heil kann nicht bedingt werden, auch nicht durch eine bestimmte Religion. Dies zu verkünden, die Zusammenhänge zu vermitteln und den glaubenden Menschen auf seinem persönlichen, spirituellen Weg zu begleiten und ihm in einer solchen Geist-Gemeinschaft eine Möglichkeit zur Ausrichtung zu bieten, wäre die heute neu zu entdeckende und auch notwendige Aufgabe von Kirche und ihren Seelsorgern. Hierin läge ihre neue Chance, ihre eigentliche Bedeutung und der Grund, aus dem sich ihr verbleibender Bestand in Zukunft rechtfertigen ließe.

In diesem weiterführenden Sinn schreibt auch Paul Tillich im Hinblick auf Religion, Christentum und Glauben, und dies soll als abschließende Bemerkung dieser kurzen Ausführungen dienen,  im Schlusswort seines Artikels „Die Last der Religion“:

Glaubt mir, ihr, die ihr euch religiös oder christlich nennt: Es würde nicht der Mühe wert sein, das Christentum zu predigen, wenn es dabei nur um das Christentum ginge! 

Und glaubt mir, ihr, die ihr euch von Religion und Christentum abgekehrt habt: Es ist nicht meine Absicht, euch religiös und christlich zu machen, wenn wir den Ruf Jesu für euch zu deuten versuchen! 

Wir bezeichnen Jesus nicht deshalb als den Christus, weil er eine neue Religion gebracht hat, sondern weil er das Ende der Religion ist, jenseits von Religion und Irreligion, jenseits von Christentum und Nichtchristentum. 

Wir verbreiten seine Botschaft, weil sie für jeden Menschen in jedem Zeitalter der Ruf ist, das neue Sein zu empfangen, diese verborgene heilende Kraft in unserem Dasein, die Mühsal und Last von uns nimmt und unseren Seelen Ruhe gibt.

Fragt jetzt nicht, was wir tun sollen oder was für Taten aus dem neuen Sein und dem Frieden unserer Seele entstehen sollen. Fragt nicht, denn ihr fragt auch nicht, wie gute Früchte auf einem guten Baum reifen können. Sie reifen. Das Handeln erwächst aus dem Sein.“

(Aus: Paul Tillich; In der Tiefe ist Wahrheit, Seite 89 ff)

 

Literatur: 

Paul Tillich:

„In der Tiefe ist Wahrheit“

„Die verlorene Dimension“

„Wesen und Wandel des Glauben“

„Systematische Theologie Bd. 1-3“

                                                                                                              

(Interessant zum Nachschlagen: Theologisches Lexikon zu Paul Tillich

und zum Hineinlesen : Religiöse Reden von Paul Tillich)

 

 

Detlef Streich: De(n)kalog - 10 neue DenkANGEBOTE für  Menschen, die Zweifel haben, an welcher Kirche auch immer … (Mai 2016)

Vorbemerkung zum De(n)kalog: Die theologischen Vereinfachungen in diesen Ausführungen durch Auslassung verkomplizierender Bibelzitate oder Sachverhalte sind beabsichtigt und beruhen nicht auf der Ahnungslosigkeit oder Unfähigkeit des Verfassers. Der Text erhebt auch keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, da er nicht unter dem Anspruch eines apologetischen Kritikerantikirchenkatechismus sondern lediglich unter dem Aspekt zugegeben fragmentarischer Denkanstöße verstanden werden möchte. Alles Weitere muss jeder Leser vertiefend ohnehin mit sich selbst ausmachen.

  1. Euch wird gesagt: Du sollst Gott lieben und keine anderen Götter neben ihm haben (2.M 20f).

Zu überlegen ist:

Du solltest überhaupt keinen Kirchengott anbeten oder lieben, denn sie sind allesamt nur menschliche Erfindungen und haben sich historisch nachvollziehbar je nach den Bedürfnissen ihrer Verkünder genauso in ihrem Profil angepasst oder verändert (oder auch nicht) wie die Kirchen es mit ihren Dogmen bis auf den heutigen Tag tun (siehe z.B.: D. Streich: Ein Gott mit Lebenslauf?- Oder: Am Anfang war der Irrtum Druckfassung). Wenn es das, was wir mit der Chiffre „GOTT“ bezeichnen, wirklich gibt, ist er keine der bekannten und beschriebenen Götter. Er wäre nicht über uns, sondern in uns, um uns und überall und über allem. Paulus benannte das im 1 Kor. 12,6 wie folgt: „Es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen.“ Oder auch: „Von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge.“ (aus Römer 11, 33 f)

Thomas von Aquin stellte fest: „Man sollte wissen, dass es an Gott etwas gibt, das den Menschen in diesem Leben gänzlich unbekannt bleibt, nämlich was Gott ist. … Wir sind mit Gott als mit einem Unbekannten (ignotus) verbunden.“

Und Meister Eckhart , der bedeutendste Vertreter der Negativen Theologie im Mittelalter, der „den personalen dreieinigen Gott zusammen mit allen weltlichen Phänomenen zum unerkennbaren Einen hin transzendiert“ (Quelle: Negative Theologie),  schrieb:  "Der Mensch kann nicht wissen, was Gott ist. Etwas weiß er wohl: was Gott nicht  ist! ... Das ist Gottes Natur, dass er ohne Natur ist."  

Der moderne evangelische Theologe Paul Tillich nimmt diese Sicht auf und führt sie weiter:

Wenn wir sagen ‚Gott ist eine Person‘, sagen wir etwas, was tief falsch ist. [. . . ] Wir sollten deshalb nie sagen, dass Gott eine Person ist. Weder die Bibel noch die klassische Theologie haben das gesagt. In der klassischen Theologie ist der lateinische Termin persona nur für die drei Gesichter Gottes als Vater, Sohn und Geist benutzt. Die Anwendung des Termins ‚Person‘ an Gott ist eine karge Erfindung der Theologie des 19. Jahrhunderts und noch mehr der populären Rede über die Religion.“

Und weiter führt er an anderer Stelle aus:

 „Gott über Gott“ Wie ist das möglich? Weil Gott nicht ein Seiendes ist, sondern der Grund alles Seienden, weil er als der schöpferische Grund alles Seienden auch der Grund meines Seins ist und nicht gegen mich steht. In meiner Selbstbejahung bejaht er sich selbst. Indem er an mir teilhat, ist Autorität hinfällig geworden. Das, was in mir Gott töten will, ist Gott selbst, nämlich der Grund meines Seins und Sinnes – meiner Selbstbejahung. Man könnte dies den ‚Gott über Gott‘ nennen, das heißt über jenem Gott, der ein höchstes Wesen und die Ursache jeder heteronomen und hypostasierten Autorität ist. Der wahre Gott, der Gott über jedem Gott, der ein Wesen ist, befreit uns von der totalen Autorität auch des höchsten polytheistischen Gottes, der in Wahrheit ein Dämon ist.“ P. Tillich, Autorität und Offenbarung, GW VIII, S. 69.

Dass du die anderen Götter neben ihm, wie Geld, Macht, Autos, Selbstsucht und viele mehr, nicht lieben, ihnen nicht dienen oder sie verehren sollst ist hingegen genauso richtig wie das Gebot: Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben (Dekalog).  Aber das wird ohnehin nirgends verkündet oder beachtet, denn dann würde das ganze christliche Religionssystem zusammenbrechen. Gerade in der heutigen Zeit wird der Kirchengott oft mehr als Bedrohung empfunden und ist angstbelegt, denn als Hoffnung oder Kraft. Aber „der Mut zum Sein gründet in dem Gott, der erscheint, wenn Gott in der Angst des Zweifels untergegangen ist.“  (Tillich)

  1. Euch wird gesagt (auch im NT durch Jesus): "Du sollst Gott, deinen HERRN, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüte und deinen Nächsten wie dich selbst. (Lk 10, 27)

Zu überlegen ist:

Wie kann Liebe befohlen werden (du SOLLST!)? Liebe entsteht und wächst. Aber wie kann man etwas lieben, von dem man sich weder Bild noch Gleichnis machen soll. Oft liebt auch der Mensch nicht wirklich sein Gegenüber sondern nur das Bild, das er von seinem Partner hat. Zerbricht das Bild, so zerbricht auch die Partnerschaft. Richtig ist das Gebot der Selbstliebe. Erst wenn du dich selbst liebst, kannst du zunächst auch deinen Nächsten lieben, und zwar so wie er wirklich ist. Ansonsten liebst du in ihm nur narzisstisch dich selbst und missachtest dabei völlig seinen berechtigten Anspruch, eine eigene Persönlichkeit zu verwirklichen. Um dich selbst aber lieben zu können, musst du dich erkennen und dich rücksichtslos dir selbst stellen, so wie du wirklich bist. Nur wer er auf dem Weg zu sich selbst ist, kann auch auf einem Weg zum Nächsten sein und möglicherweise Gott begegnen (was auch immer dann darunter zu verstehen sein könnte; siehe Antwort 1).

  1. Euch wird gesagt: Jesus ist Mensch und Sohn Gottes. Durch seinen unschuldigen Kreuzestod ist Jesus der Christus geworden, weil Gott sich durch den freiwilligen Opfertod seines Sohnes mit aller Sündenschuld der gesamten Menschheit versöhnt hat.

Zu überlegen ist:

Die ersten Christen und vor allem Paulus haben aus dem hebräischen Maschiach, an den man keine endzeitlichen Heilserwartungen knüpfte, einen weltumspannenden Heilsbringer Messias/Christus gemacht, der die Kluft zwischen Gott und dem sündigen Menschen ein für alle Mal geschlossen hat. Nimmt man das theologisch ernst, ist von diesem Moment des Todes, als Jesus der Christus wurde, etwas geschehen, das von einem unvorstellbaren, auch kosmologischen Ausmaß ist. Niemand bräuchte mehr missioniert werden, da die Tat Jesus des Christus ein für alle Mal auf immer und ewig für jeden vollgültig ist, da jeder Mensch oder Außerirdische in dieser vollumfänglichen Gnade mit Gott versöhnt ist: Jesus der Christus hebt die Entfremdung des Menschen zu Gott auf! Hiermit ist aber die Erfindung des Jüngsten Gerichtes oder eines tausendjährigen Friedensreiches völlig überflüssig. Diese Tat Jesus des Christus kann weder geschmälert noch vermittelt werden. Sie bedarf auch weder eines  Bekenntnisses zu irgendeiner Religion, auch keiner christlichen, oder irgendwelcher guten Taten. Wenn eine Werkgerechtigkeit nicht erarbeitet werden kann gibt es auch keine noch so schlimme vergangene oder zukünftige Tat, die nicht durch dieses Geschehen bereits gerechtfertigt ist. Die Bemühungen des Einzelnen im Leben sind und bleiben fragmentarisch. Es erfolgt also keine direkte Freigabe unter dem Hören der Worte, „Dir sind deine Sünden vergeben“, sondern diese Worte sind lediglich die Verkündung einer ewig geltenden und bereits vollzogenen Tatsache. Allerdings wird diese Sicht auch theologisch sehr kontrovers aufgefasst, die ökumenische Annäherung zwischen RKK und EKD ist an einer gemeinsamen Schrift zur Rechtfertigungslehre fast gescheitert (Wortlaut der Erklärung). Drei Theologen = mindestens 6 Meinungen und Ansichten, da diese Damen und Herren in höchst komplexer Form dialektisch argumentieren und jeden Begriff wie Heil, Christus, Auferstehung, Ewiges Leben, Gnade etc im Gegensatz zum Verständnis volkstümlich Glaubender zu Recht neu definieren und ihn damit aus dem Dunst banaler Missdeutung herauslösen. In Sekten und fundamentalistischen Gruppen gibt es im Gegensatz dazu ohnehin nur richtig (=wir) und falsch (= die anderen). Der evangelische Theologe Heinz Zahrnt drückte das Problem so aus:

Da sitzen wir Theologen dann, einzeln oder in Schulen zerteilt, im Kreis unter dem Baum der Erkenntnis und zeigen uns gegenseitig die Früchte, die wir gepflückt haben, lieblich anzuschauen und gut zu essen, derweil Adam und Eva im Schweiße ihres Angesichts das Gemüse für den Wochenmarkt ziehen. Oder in einem Bild Søren Kierkegaards: Statt die Wäsche zu waschen, stellen wir Schilder her mit der Aufschrift "Hier wird Wäsche gewaschen" und streiten schwermütig darüber, wie die Schilder beschaffen und beschriftet sein müssen, welche versichern, daß hier Wäsche gewaschen werde. (…)Der neue Schlüsselbegriff heißt "Koinonia", "Einheit als Gemeinschaft der bleibend Verschiedenen". Statt sich bei Divergenzen aufzuhalten, gilt es, die vorhandenen Konvergenzen auszuleben, in der Hoffnung, sie auf diese Weise zu erweitern und zu vertiefen. Der südafrikanische Erzbischof Desmond Tutu hat dies 1993 vor der Kommission für "Glauben und Kirchenverfassung" in Santiago de Compostela in den Appell gefaßt: "Riskiert, euch so zu verhalten, als wäret ihr vereint, und laßt die Theologen dann die nötigen Aufräumungsarbeiten machen." Die Lehre trennt, aber das Leben vereint. Und nur was sich wandelt, bleibt.“ Q.: - Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt,  30. Januar 1998, Nr. 5

  1. Euch wird gesagt: Nur wer unter das Wort göttlicher Predigt und Offenbarung kommt, wer die Sündenvergebung empfängt und an der Abendmahlsgemeinschaft teilnimmt, wer in der Gemeinschaft treu bleibt und ihren Verkündern nachfolgt, wer Zeit und Geld opfert, wer sein Leben in den Dienst des Herren stellt und dabei eigene Interessen hintenanstellt, wird in die Gemeinschaft mit Gott und Christus eingehen.

Zu überlegen ist, dass all diesen aufgestellten Bedingungen unter Beachtung der bisherigen Antworten völliger Unsinn sind und nur dem Selbsterhalt des Systems und dem Machterhalt ihrer Führer dienen!

  1. Euch wird gesagt, dass ihr durch den Glauben an Jesus Christus unglaubliches Heil und Erlösung erleben werdet. Manche behaupten das schon für die Gegenwart, andere verschieben das sicherheitshalber auf eine „himmlische Herrlichkeit“, die aber seit dem Altertum verkündet wurde und deswegen heute geradezu vor der Tür stehen muss.

Zu überlegen ist:

Hier wurden in christlicher Adaption antike Vorstellungen und Vorbilder in die neu entstandene Bewegung eingebaut, damit sie konkurrenzfähig ist. Der besondere Christentrick war aber, dass auch Freien und Unfreien, Reichen und Armen diese Zusicherung gemacht wurde. Auch spielte die Zugehörigkeit zu einem Volk oder einer Nation nun keine Rolle mehr. Die Zielgruppe der Missionierung war nun nicht mehr irgendwo zentral verortet oder an heilige Stätten gebunden, sondern weltweit konnten sich Menschen zu dieser Überzeugung bekennen: Die Heilige Katholische Kirche war geboren! Geniale Idee! Leider fehlen bis auf den heutigen Tag auch nur kleinste Zeichen eines wo auch immer heilenden Eingreifens Gottes. Im Gegenteil wurde es immer besonders böse, wenn die kirchlichen Diener sich in seinem Namen auf den Weg machten: Kreuzzüge, Südamerika, Afrika usw. Auch der deutsche Führer Adolf H. fühlte sich von der heiligen Vorsehung berufen und der neuapostolische Stammapostel Bischoff folgte ihm gerne und freiwillig. Und wie viele ekklesiogene Neurosen im Einzelnen tragisch durch Sekten und Kirchen hervorgerufen wurden, ist wohl unüberschaubar. Von wegen also, wir können nicht tiefer als in die Hand Gottes fallen, vorher landen wir nämlich erst einmal in der Gewalt seiner sogenannten Diener!

  1. Euch wird gesagt: Jesus ist vor den Augen seiner Jünger aufgefahren in die Wolken gen Himmel, von dannen er wiederkommen wird.

Zu überlegen ist, dass diese Beschreibung der antiken Vorstellung, die Erde ist eine Scheibe, unter ihr die Höllenwelt und über ihr die Götterwelt, entspricht. Aber nur im Glauben an dieses Weltbild ist die Aussage stimmig. Nicht nur, dass der Himmel in Australien in die genau gegensätzliche Richtung führt wie der europäische, nein, das besonders Dumme an der Sache ist, dass sich die Erde ja zudem unaufhörlich dreht. Jesus hätte sich also unausweichlich verflogen und würde heute noch das Ende des Universums als den Eingang zum Himmel suchen, denn im Kosmos kann dieser „Himmel“ keinesfalls verortet werden, außerhalb aber auch nicht, denn er kann ja wohl kaum unser direkter Außennachbar sein. Wo also ist der Himmel? Wenn Paulus selbst schreibt, dass unser Glaube hinfällig ist, wenn Jesus nicht auferstanden ist, dann sollte man dieser Überlegung mal in aller Konsequenz Raum geben.

  1. Euch wird gesagt, dass die Bibel zwar von Menschen geschrieben wurde (samt Schöpfungsbericht), ihre Worte aber göttlich inspiriert und damit Wahrheit sind.

Zu überlegen ist, dass manche Leute die gesamte Bibel wörtlich als göttliche Wahrheit ansehen, sich dann aber aus den sich oft widersprechenden Aussagen genau die herausnehmen, die auf ihr Gottes- und Weltbild und zu ihrer Meinung passen. Der Rest wird tunlichst ignoriert. Deshalb kann neben dem ganz lieben Gott (Erfindung des 19. Jhd.) genauso der rachsüchtige und zornige Richter stehen. Prediger allerorten formulieren dann mit Phrasen wie Gott will …, Gott braucht ….,  Gott möchte gerne, kann aber nur wenn …, Gott denkt …, Gott sieht …, Gott liebt (alle, aber …) die oft unglaublichsten Konstrukte und niemand bemerkt es, weil alle dem gleichen Denkschema verpflichtet und unterworfen sind. Wer es nicht ist, hockt nicht mehr da und hört sich diese fabulösen Reden auch nicht (mehr) an. Ach ja, seit Jesu Tod ist ja an seine Stelle noch der dritte Gottesteil, der Heilige Geist, (HG) getreten. In katholischen und evangelischen Kirchen wird die Predigt als Auslegung des Wortes Gottes (Bibel) verstanden, die vom HG inspiriert sein sollte. In anderen Gemeinschaften wirkt allerdings bis zur Ekstase der HG direkt, quasi eine persönliche Standleitung vom Allerhöchsten ins Gotteshaus auf Erden, der Prediger ist lediglich ein unvollkommenes Sprachrohr. „Wer Ohren hat zu hören, der höre“ dann aber sehr genau zu, was da als konkreter göttlicher Wille verkündet wird und prüfe die Geister … und behalte am Ende nur das Gute (falls etwas Gutes dabei sein sollte).

  1. Euch wird gesagt: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Und ob ich auch wandelte im Todesschattentale, so fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang. Und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar (Ps. 23)

Zu überlegen ist:

Dieser uralte Wunsch(traum) des Psalmisten ist, vermutlich seitdem es religiöse Vorstellungen gibt (also seit Anbeginn der Menschheit), ´das` Grundbedürfnis aller Menschen, sich mit den Göttern gut zu stellen, um sich eine möglichst umfassende Fürsorge, Geborgenheit und Schutz in allen Lebenslagen zu sichern. Schon immer waren plötzliche, unerwartete und grausige Schicksalsschläge, Krankheiten, Unfälle, Kindestot, Ernteausfälle usw.  Bestandteile des Alltäglichen und unberechenbar (Kontingenz). Die Erklärung hinter den Ursachen der an sich unerklärlichen Katastrophen wurde Göttern zugeschrieben, also galt es, sich mit ihnen gut zu stellen. Bis auf den heutigen Tag flüchtet der Mensch sich vor oder in diesen Ereignissen lieber in die scheinbare Sicherheit göttlicher Geborgenheit und sucht Trost in der Vorstellung, dass die Wege des Herrn selbst im Leid richtig sind, als sich diesen unvermeidlichen Situationen ernsthaft zu stellen. Jeder heranwachsende und sich aus der Geborgenheit seiner Familie herauslösende junge Mensch erkennt in der Pubertät, dass er von nun an alleine unterwegs ist und Verantwortung übernehmen muss für sich und seine zukünftige Familie. Das „Haus des Herrn“ ist gerade für religiös erzogene Menschen in regressiver Rückanbindung die unverzichtbare, ruhige Insel im Weltenmeer mitten im Tosen der umgebenden, schrecklichen Ereignisse. Leiden, Nöte und gesellschaftliche Missstände werden kompensiert bzw. ignoriert durch die geglaubte und gefühlte Geborgenheit in Gott. Die Religion bietet Sinnfindung, moralischer Orientierung und Welterklärung, doch wo ist Gott im Leid wirklich? War er in Auschwitz, beim Erdbeben oder anderen Naturkatastrophen oder beim unverschuldeten Unfalltod eines kleinen Kindes auf der Straße oder der Vergewaltigung einer Mutter wirklich anwesend? Und wenn ja, wieso hat er nicht eingegriffen? Diese schon lange gestellte Frage beschäftigt unter dem Begriff der Theodizee spätestens seit der Judenvernichtung im Dritten Reich erfolglos die Theologen und kann nicht beantwortet werden. Kann nicht? Kann schon, aber nicht theologisch, denn die Antwort will niemand hören und niemand geben. Sie lautet schlicht: Dieser personifizierte Gott des 23. Psalm ist in Wahrheit weder anwesend noch abwesend, er existiert einfach nicht, bzw. nur in der Vorstellung und Hoffnung gläubiger Menschen. Die einzige, wirkliche Gewissheit im Leben eines jeden Menschen ist ausschließlich der Tod, alles andere ist unvorhersehbar und nur begrenzt zu steuern. Die Verortung des Menschen im Leben liegt damit nur im gelebten Leben selbst und in der moralisch-ethischen Verantwortung, die der Einzelne dafür vor sich selbst übernimmt. Die Anerkenntnis dieser Tatsache fällt jedoch schwer und also klammern sich viele Menschen lieber an die geglaubten Illusionen und Jenseitsvertröstungen in der kollektiven Gemeinschaft ihrer Religion als sich der Realität der Welt und des eigenen Lebens verantwortungsbewusst zu stellen.

Einen alternativen Denkansatz zum Gottesbegriff liefert nochmals der Theologe Paul Tillich in letzter Konsequenz zum bisher Erläutertem:

„Und wenn das Wort (Gott) für euch nicht viel Bedeutung besitzt, so übersetzt es und sprecht von der Tiefe in eurem Leben, vom Ursprung eures Seins, von dem, was euch unbedingt angeht, von dem, was ihr ohne irgendeinen Vorbehalt ernst nehmt. Wenn ihr das tut, werdet ihr vielleicht einiges, was ihr über Gott gehört habt, vergessen müssen, vielleicht sogar das Wort Gott selbst. Denn wenn ihr erkannt habt, daß Gott Tiefe bedeutet, so wißt ihr viel von ihm... Vielleicht solltet ihr diese Tiefe einfach Hoffnung nennen.“ (Paul Tillich, In der Tiefe ist Wahrheit)

Angesichts des Ausbleibens Gottes stellt sich hier nun aber eine neue und durchaus unbequeme Frage: Wo war und ist der Mensch angesichts menschenverursachter Übel? Was tut er, wenn er die Verantwortung nicht mehr in Gott verorten und abschieben kann? (siehe Anthropodizee)

  1. Euch wird gesagt, dass Gott der Schöpfer und Lenker der gesamten Welt und alles Lebendigen ist. Er schuf alles Getier und ordnete den Lauf der Gestirne. Den Menschen schuf er sogar ´zu` seinem eigenen Bild, zum Bilde Gottes, als Mann und Frau, auf das sie herrschen über die Erde und sie sich untertan machen. (1.Mose ff)

Zu überlegen ist, dass auch diese Schilderungen aus den mythischen Überlieferungen von über Generationen gewachsener und mündlich weiter gegebener Erzählungen stammen, die dann von den Verfassern der Bücher Mose in der Vereinigung zweier Erzählungen widersprüchlich miteinander verknüpft und schriftlich fixiert wurden. Sie entsprechen damit einem Weltbild, das weit über 5000 Jahre alt ist und sind als Zeugnisse vergangener Zeiten historisch beeindruckend, wissenschaftlich aber nach den heutigen Erkenntnissen gänzlich unhaltbar. In den letzten Jahrzehnten hat die Erforschung des Kosmos und der Evolution des Lebens unglaubliche Entdeckungen gemacht. Zahlreiche wissenschaftlich sehr fundierte Berichte im Fernsehen und viele Fachartikel zeigen und beweisen unglaubliche Zusammenhänge, die zur Entwicklung des Lebens in seinen vielfältigen Formen auf unserer Erde geführt haben. Als letzte Stufe findet sich der Mensch als höchste Stufe der Evolution. Aber vom Fisch zum Menschen war es ein weiter Weg. Unser Körper ist eine Landkarte dieser Evolution, in ihm sind viele frühen Lebensformen und Entwicklungsstufen präsent. Ohne  z.B. die ersten Lebensformen (Viren, Bakterien) wären wir heute nicht lebensfähig. Viren sorgen dafür, dass der Fötus im Mutterleib nicht als Fremdkörper abgestoßen wird, Bakterien verwandeln unter anderem unsere aufgenommene Nahrung in verwertbare Bestandteile. (hier die trivial-halbherzige, noch aktuelle Sicht der NAK von Stap Leber, 2010)

Auch der gesamte Kosmos ist seit dem punktförmigen Urknall in ständiger Bewegung. Er ist eher als ein lebendiges Wesen zu verstehen, dass immer noch aufs Neue sich selbst andauernd verändernd gestaltet, als eine tote Anhäufung von Materie, die sich im Raum bewegt. Aus dem Sterben von Supersonnen entstanden die sich im All verteilenden schweren Elemente, das Wasser auf unserem Planeten ist kosmischen Ursprungs. Wir alle sind Sternenstaub im wahrsten Sinn des Wortes. Die Vorstellung eines schöpferischen Gottes könnte nur noch als Ursache des Urknalls angenommen werden, alles andere ist eine unglaubliche Folge einzelner evolutionärer Entwicklungsschritte ohne notwendige göttliche Eingriffe. Wir selbst leben darin in einem unglaublich kurzen Ausschnitt von 80 Jahren innerhalb eines seit 13 Milliarden Jahren laufenden Prozesses des Werdens, Vergehens und wieder neu Entstehens, in dem alles ineinander greift und miteinander sich entwickelt.

Auch die kulturelle, industrielle und zuletzt zwar fast unmerklich aber absolut rasant sich vollziehende digitale (R)Evolution unserer Zeit zeigt auch das Tempo, dass der Mensch mit zunehmender Entwicklung nimmt. Schon heute ist nicht mehr vorauszusehen, wie die Welt technisch und medizinisch in 20 Jahren aussehen wird und wie sich der Mensch in unseren Breitengraden darunter verändern und anpassen wird, um lebensfähig zu bleiben. Auch der derzeitig sich vollziehende Klimawandel wird gravierende Folgen haben. Kirchen als institutionelle Einrichtungen und Denksysteme und ihre heute bestimmenden Vertreter hinken diesen Entwicklungen und den damit verbundenen gesellschaftlichen Umbrüchen genauso hoffnungslos hinterher wie der durchschnittliche Bürger, der zwar die Fortschritte nutzt, den Gesamtprozess der Veränderungen aber keinesfalls durchschauen kann oder will. Die Evolution des Lebens geht aber dennoch unaufhaltsam weiter. Also bleibt die Frage, wie sich der Einzelne dazu stellt sowie auf die daraus resultierenden soziologischen Folgen reagiert. Wie sich Jesus (und nach ihm noch viele andere) als Einzelner gegen ein überkommenes und in Geboten erstarrtes Glaubenssystem wandte, muss auch heute jeder für sich entscheiden, wie er sich den historisch tradierten Dogmen seiner Kirche sowie den sich ändernden gesellschaftlichen Lebensbedingungen gegenüber positioniert. Die Zeit der einfach zu glaubenden Mythen und antiken Vorstellungen und des Abwartens ist jedenfalls längst vorbei. Es ist an der Zeit, dass auch die Religionen endlich den Schritt ins 21. Jhd ernsthaft unternehmen und sich den Realitäten stellen, der Einzelne kann derweil ja dennoch schon mal vorangehen. Nachfolge mal anders herum!

  1. Euch wird gesagt  … … …

Was auch immer euch von nun an noch über göttliches Wirken und Wollen, seinen Plan, sein Heil, seinen Segen und vieles mehr als göttliche Wirklichkeit und unumstößliche Wahrheit gesagt, verkündet und versprochen wird, überlegt alle diese Worte und fragt euch selbst, ob es stimmig für euch ist und zu welchem Menschen euch die Annahme dieser dogmatischen Reden macht:

Zu einem folgsamen Schaf in einer großen Herde mit genau einer Möglichkeit, seine Meinung zu äußern (mähh) oder zu einem einzigartigen Gedanken Gottes (zumindest als Metapher gibt es das ja) in genau der Ausprägung, in die hinein du dich entwickeln kannst und möchtest, ohne deine Selbstbestimmtheit zu verleugnen oder zu zerbrechen, und diese Entwicklungsmöglichkeit gibt es ganz bestimmt für jeden Menschen jeden Alters in jeder Gruppe, außer in Sekten!

Ob das Leben mit dem unausweichlichen Tod eines jeden Einzelnen wirklich gänzlich erlöscht oder in einer anderen Dimension unter gänzlich anderen Bedingungen als die Dogmen der Kirche zu wissen meinen dennoch evolutionär weiter geht (manche seriösen Nahtoderlebnisse sprechen z.B. dafür) bleibt Spekulation und ist abzuwarten, das Leben bis dahin bleibt hingegen gewiss und bietet ausreichend Entfaltungsmöglichkeiten. Das ist sicher! Die institutionell etablierten Religionen leisten dagegen alleine schon durch die permanente Betonung der Sündhaftigkeit des Menschen vor Gott aber genauso Widerstand wie neuchristliche, fundamentalistisch-charismatische Bewegungen. Also, lieber Leser, werde Mensch, übernehme Verantwortung und entscheide selbst!

Stufen

Wie jede Blüte welkt
und jede Jugend dem Alter weicht,
blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in and're, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten!
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt,
so droht Erschlaffen!
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewohnheit sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegen senden:
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

(Herman Hesse)

Druckfassung

 

Siehe auch den Literaturauszug: Paul Tillich: Das Neue Sein in Jesus als dem Christus als die Macht der Erlösung

Detlef Streich: Ein Gott mit Lebenslauf?- Oder: Am Anfang war der Irrtum

Bibelarbeit zum Prolog des Johannesevangeliums (1. Strophe) (stark überarbeitete Fassung vom 20.8.2014)

 

Gliederung:

  1. Im Anfang war das Wort  - Thesen und Überlegungen
  2. Zwischenbemerkungen                                                            
  3. Antithesen: Der Schöpfergott und der Mensch                
  4. Gottes Lebenslauf                                                                        
  5. Zusammenfassung                                                                                  
  6. Sinn und Aufgaben von Kirche in heutiger Zeit – Oder:  Kirche ja, aber wohin?  (ein Thesenpapier von 2004)    

 

Der Mut, die Angst vor der Sinnlosigkeit auf sich zu nehmen, ist die Grenze, bis zu der der Mut zum Sein gehen kann. Jenseits dieser Grenze ist bloßes Nichtsein. In diesem Mut werden alle Formen des Mutes wiedergeboren aus der Macht des Gottes über dem Gott des Theismus. Der Mut zum Sein gründet in dem Gott, der erscheint, wenn Gott in der Angst des Zweifels untergegangen ist. (Aus Paul Tillich: Der Mut zum Sein)

                                                        

  1. Im Anfang war das Wort  - Thesen und Überlegungen

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott.  Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen.

Schön sind diese ersten Worte des johanneischen Evangelisten, ja sogar poetisch muten sie an durch ihre Rhythmisierung. Nicht ohne Grund werden die ersten Verse des Textdichters deswegen auch als Lied (Hymnus) bezeichnet und demzufolge in Strophen unterteilt. Ja sie können sogar zum Gegenstand philosophischer und/oder theologischer Betrachtungen gemacht werden.

Diese Zeilen klingen so umfassend und kirchenfrei und sie sind es tatsächlich auch. Vieles an Interpretationen ist möglich, denn der in der Bibel mit „Wort“ übersetzte Ausdruck  „logos“ hat eine vielfältigere Bedeutung als unser deutsches Wort.  Zudem bleibt unklar, welches "Wort" konkret gemeint ist.  Ist es der Bezug zu  Genesis 1,1: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war.“ Naheliegend wäre es, fragwürdig bleibt es. Deswegen lassen manche Übersetzer den Logosbegriff unübersetzt stehen. Dazu ein Textvergleich :

Konkordantes Neues Testament (KNT):

 

Zu Anfang war das Wort, und das Wort war zu Gott [hingewandt], und [wie] Gott war das Wort.“

Haubeck & von Siebenthal: Neuer sprachlicher Schlüssel zum griechischen NT:

„[...] das Wort/ der Logos war Gott (d.h. seinem Wesen nach Gott)“

Hier die 1. Strophe in der Fassung von Christian Dietzfelbinger, der den Begriff „logos“ auch direkt in den Text einfügt:

1 Im Anfang war der Logos, und der Logos war bei Gott, und Gott war der Logos.

2 Dieser war im Anfang bei Gott.

3 Alles ist durch ihn geworden, und ohne ihn wurde nicht eines, das geworden ist.

4 In ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.

5 Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht überwältigt.

Durch den Begriff „Logos“ wird der Inhalt dieser Worte zwar nicht klarer, er erfährt jedoch zumindest eine Befreiung aus der relativen Simplizität des deutschen Wortes „Wort“. Aber was bedeutet Logos? Im hellenistischen Judentum, als mögliche relevante Quelle zum besseren Verständnis, bezeichnet logos das ewige Denken des einen Gottes. Der göttliche Logos tritt somit bei der Schöpfung aus Gott heraus und wird zum Erklärungsgrund der Welt selbst.  Heraklit verstand in ähnlicher Weise unter Logos das ewige Weltgesetz, das sich dem Verständnis des Menschen entzieht.

Das hebräische Wort "dabar" hat aber neben der einfachen Bedeutung "Wort" im Gegensatz zu einer rein konstativen Beschreibung  noch einen zusätzlichen Aspekt, der in der Linguistik „performativer Sprechakt”  genannt wird. Das bedeutet, dass durch den Akt des Sprechens sich die (soziale) Wirklichkeit ändert. Als Beispiel hierfür möge das „Ja-Wort“ bei der Eheschließung dienen. Ebenso können die Worte einer Mutter „Hab keine Angst“ bei einem Kind tatsächlich eine Beruhigung oder sogar Vertrauen zu sich selbst auslösen.  Während der "Logos" also als Weltgesetz sogar noch über den Dingen steht, hat "dabar" eine in den Worten liegende, wirklichkeitsverändernde Kraft und Bedeutung, die so gesehen sehr zum  Johannesprolog passt: Das Wort als einwirkende, schöpferische Kraft.

Das Wort lógos hat allerdings weitere und sehr verschiedene Deutungsmöglichkeiten. Hier eine kleine Auswahl: das Sagen, Sprechen, Rede, Darstellung; Wort, Spruch, Ausspruch, Behauptung, Satz, Grundsatz; Beschluss; Kunde, Botschaft; Denkkraft, Vernunft.

Denkkraft und Vernunft haben zudem viel mit dem sich ebenfalls aus dem „logos“ ableitenden  Wort „Logik“ gemeinsam. Was aber haben Logik und Vernunft mit Religion zu tun?  

Dazu nun zwei Kommentare zum Johannesprolog von hochrangigen Wortverkündern  aus den beiden christlichen Volkskirchen.

Für den späteren Papst Benedikt (Ratzinger) ist der Zusammenhang zwischen Logik, Vernunft und Religion kein Problem. Im Gegenteil und sehr erstaunlich scheint ihm das sogar konstitutiv einander bedingend zu sein. Ratzinger fügt nämlich Vernunft und Glaube auf der Grundlage platonischer Ideen zusammen, nach denen die Wirklichkeit an sich nicht selbst sondern erst durch Vernunft erkennbar wird. Die Realitäten werden von Platon  als Abbilder immaterieller Urformen (Ideen) gesehen, die eben nicht mit den Sinnen wahrnehmbar sind. So schreibt er:

„Wenn das Johannesevangelium Christus als den Logos bezeichnet, so kommt diese Verschmelzung sehr deutlich zum Vorschein: Der Text drückt damit die Überzeugung aus, dass im christlichen Glauben das Vernünftige, die Grundvernunft selbst zum Vorschein kommt, ja, er will sagen, dass der Grund des Seins selbst Vernunft ist und dass die Vernunft nicht ein zufälliges Nebenprodukt aus dem Ozean des Unvernünftigen darstellt, aus dem eigentlich alles stammte.”

Aus: Joseph Ratzinger, Theologie und Kirchenpolitik, in: Internationale katholische Zeitschrift “Communio” 9 (1980)

Ergänzend dazu schreibt er im 6. Kapitel seines Buches “Jesus von Nazareth”, Freiburg im Breisgau 2007, S. 211,  nun als Papst:

„ Die Welt “kommt aus der ewigen Vernunft, und nur diese schöpferische Vernunft ist die wahre Macht auf der Welt und in der Welt. Nur der Glaube an den einen Gott befreit und ‘rationalisiert’ wirklich die Welt. Wo er verschwindet, wird die Welt nur scheinbar rationaler.“

Bis soweit so gut, aber direkt im Anschluss schlussfolgert er in dichotomer Gegenüberstellung der „ewig schöpferischen Vernunft“ zu „unauflösbarer, chaotischer Dunkelheit“  in fast fundamentalistischer Manier:

In Wirklichkeit müssen nun die Mächte des Zufalls anerkannt werden, die unbestimmbar sind; die ‘Chaostheorie’ tritt der Einsicht in die rationale Struktur der Welt zur Seite und stellt den Menschen vor Dunkelheiten, die er nicht auflösen kann und die der rationalen Seite der Welt eine Grenze setzen. ‘Exorzisieren’, die Welt in das Licht der ratio stellen, die von der ewigen schöpferischen Vernunft und ihrer heilenden Güte herkommt und auf sie zurückweist - das ist eine bleibende, zentrale Aufgabe der Boten Jesu Christi."

Und die evangelische Seite und Sicht? Auf der  5. Tagung der 11. Synode der EKD im November 2012 hat Frau Prof. Dr. Dr. h.c. Margot Käßmann, Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017 in einer Bibelarbeit zum Prolog einführend folgendes erwähnt:

„Im Anfang war das Wort. Keine Weihnachtsgeschichte, keine Krippe im Stall, keine Hirten, keine Weisen, keine Engel   es menschelt nicht so sehr bei Johannes wie bei Lukas oder Matthäus. Eher sachlich bleibt er, ja fast nüchtern protestantisch: Gott ist das Wort und in diesem Wort ist Leben, das zum Licht der Menschen wird. Der Neutestamentler Klaus Wengst zeigt in seinem Kommentar auf, wie das Johannesevangelium hier an die jüdische Weisheitsliteratur anknüpft. Dort wird die Weisheit als Mitschöpferin Gottes gesehen, als erste von Gott geschaffen und dann die Verbindung zu den Menschen suchend. Etwa im apokryphen 1. Henochbuch: „Die Weisheit ging aus, um unter den Menschenkindern zu wohnen, und sie fand keine Wohnung; die Weisheit kehrte an ihren Ort zurück und nahm ihren Sitz unter den Engeln.“

Wirklich aufschlussreich ist der Verweis auf die Weisheitslehre auch hier nicht, eher im Zusammenhang der Darstellungen etwas verwirrend. Am Ende ihrer Rede resümiert Käßmann dann:

„Am Anfang war das Wort – und so wurde Schöpfung, Leben, Licht der Menschen. Im Anfang war das Wort – und so wurde durch Jesus Christus Gott sichtbar für die Völker der Welt, Hoffnung für die Menschen, Licht in der Finsternis über den Tod hinaus. Von diesem einen Wort her leben wir, formen Worte, glauben, reden, handeln, mit Herzen, Mund und Händen, Intellekt und Spiritualität, Ringen um die Wahrheit und Freude an der Gemeinsamkeit. Von diesem Anfang her, auf den wir uns rückbeziehen, der für uns gegenwärtig präsent ist und von dem her wir Zukunft gestalten wollen.“

… und so fort im Stile von letztlich allerdings mehr oder weniger Allgemeinplätzen, die im Gegensatz zur katholischen Denkrichtung eher an existenziellen Werten orientiert zu sein scheinen!

 

2. Zwischenbemerkungen

Ich selbst habe diesen Johannesprolog auch schon immer als sehr beeindruckend empfunden und ihn in Anlehnung an die jüdische Sicht auch zum Gegenstand einer eigenen Bearbeitung gemacht:

Λόγος - logos 24.2.07 (Auszug)

im anfang war der ruhende

und der in sich selbst ruhende war der ursprung

der ruhende war ursprung von sinn und vernunft

ursprung sinn und vernunft waren im ruhenden

alle dinge sind durch den alles durchwirkenden ursprung gemacht

und ohne den aus sich selbst herausgetretenen ruhenden

ist nichts gemacht was gemacht ist

Worte erzeugen Gedanken, und Gedanken werden in Worten ausgedrückt. Gedanken und Worte wiederum schaffen gleichzeitig Denkräume und Gedankeneinschränkungen.  Auch am Anfang jeder Ideologie steht  immer das Wort. Und stets wird als Urheber des Wortes im christlichen Sinn Gott benannt, theologisch begründet mit dem einen Teil des Dreieinen: Heiliger Geist. Er ist der Paraklet – der Wirkende, der Verursacher, der Verkünder, der Tröster!

Gerade in fundamentalistisch-sektiererischen Gruppen wird das aber besonders zum Problem: Der Sprecher versteht sich nur als Sprachrohr Gottes  und ist nicht verantwortlich für den Inhalt der Verkündung. Das Wort kommt ja von Gott. Und ohne das gerade jetzt verkündete Wort ist alles nichts, und nichts Positives kann folgen ohne die gleichzeitig eingeforderte,  bedingungslose Annahme des gerade gehörten Wortes. In ihm ist das Leben für den Hörer. Es ist sein Licht! Und das Licht scheint in der Finsternis, die aber hat es nicht begriffen – wir aber als die eben hörenden Hörer haben es begriffen, verstanden und folgen nach, nehmen es an usw. Der Sprecher verkündet aus Gottes Gnaden eben den aktuellen Willen Gottes. Vernünftig der, der diesem Wort folgt - Chaos dem und Verwerfung, der es ignoriert. Himmel oder Hölle! Plakativ rhetorischer, dichotomer Scheindualismus! Selbst lebensfeindliche Denkvorgaben wie „Im Leiden liegt die Freude des Ewigen Lebens begründet“ oder literarischer „Durch Nacht zum Licht“ bleiben Glaubenswortparolen. Diese fundamentalistischen  Gruppen missbrauchen   die Problematik des Menschen vor der Kontingenz des Seins im Allgemeinen und speziell im Vergleich den Menschen gegenüber, die sich in keiner Weise um gottgegebene Regeln und Gesetze kümmern. Diese Problematik ist uralt. So schrieb bereits der Psalmist im 73. Psalm:

2Ich aber hätte schier gestrauchelt mit meinen Füßen; mein Tritt wäre beinahe geglitten.  3 Denn es verdroß mich der Ruhmredigen, da ich sah, daß es den Gottlosen so wohl ging.   4 Denn sie sind in keiner Gefahr des Todes, sondern stehen fest wie ein Palast. 5 Sie sind nicht in Unglück wie andere Leute und werden nicht wie andere Menschen geplagt. 6 Darum muß ihr Trotzen köstlich Ding sein, und ihr Frevel muß wohl getan heißen. 7 Ihre Person brüstet sich wie ein fetter Wanst; sie tun, was sie nur gedenken. 8 Sie achten alles für nichts und reden übel davon und reden und lästern hoch her. 12 Siehe, das sind die Gottlosen; die sind glücklich in der Welt und werden reich.

Soll also wirklich alles gottesfürchtige Leben vergebens sein? Da das nicht sein kann, wird also fleißig umgedeutet. Die sachliche Beobachtung weicht dem religiös geprägten Wunschdenken:


16 Ich dachte ihm nach, daß ich's begreifen möchte; aber es war mir zu schwer, 17 bis daß ich ging in das Heiligtum Gottes und merkte auf ihr Ende.
   18 Ja, du setzest sie aufs Schlüpfrige und stürzest sie zu Boden. 19 Wie werden sie so plötzlich zunichte! Sie gehen unter und nehmen ein Ende mit Schrecken.
   27 Denn siehe, die von dir weichen, werden umkommen; du bringest um, alle die von dir abfallen.

Und diese Gedanken des Psalmisten wurden und werden zum allgemeingültigen Glaubensgut und haben ein riesiges Droh- und Angstpotential, das auch und eben gerade in eschatologisch ausgeprägten Endzeitsekten entsprechend ausgenutzt wird.

 

3. Antithesen: Der Schöpfergott und der Mensch

Es ist immer schwer, sich von den eigenen Meinungen zu verabschieden, auch wenn die beobachteten Fakten  nicht mit der religiösen Überzeugung übereinstimmen. Es kann eben nicht sein, was nicht sein darf. Aber wo liegt der Ursprung dieses apologetischen Redens von Gott und dem Logos und seiner Weltschöpfung?  Gemäß Genesis 1 ist Gott der Weltenschöpfer. Auf sein Wort hin entstehen die Gestirne und die Erde belebt sich. Besonderes Augenmerk richtete er auf den Menschen: Er entstand nicht, er wurde gemacht zu einem Bild, das Gott gleich sein sollte. Hier stellt sich aber sogleich die Frage: Von welchem Menschen ist hier die Rede?

Sind es die bereits vor 6-7 Millionen Jahren aufrecht gehenden Homininen?  Oder ist es der  Australopithecus Lucy, der auf ca. 3,18 Millionen Jahre datiert wird?  Möglicherweise ist es aber erst der Homo erectus aus der Altsteinzeit, der schon vor 1,8 Millionen Jahren  als erster das Feuer zu beherrschen lernte?  Vielleicht braucht es zur Bedingung aber auch das größere Gehirn, dass der Homo sapiens bis vor etwa 100.000 Jahre entwickeln konnte. Er hat schließlich auch Amerika vor etwa 11.500 bis 15.000 Jahren oder noch früher und Australien vor etwa 60.000 Jahren besiedelt. Faustkeile wurden bereits benutzt, die Toten wurden begraben, erste Höhlenzeichnungen und Statuen entstanden gerade auch in der letzten Phase der Altsteinzeit 22.000 bis 16.500 vor unserer Zeit. Ebenfalls wurden  aus dieser Zeit Lampen mit Docht, Zelte, Jagdwaffen und Schmuck gefunden. Blieben noch am Rand zu erwähnen die rätselhaften, ausgestorbenen Neandertaler. Der alte Bezirksapostel Startz sagte dazu in einem unsäglichen Erklärungsversuch am 10.5.1972 in einem privaten Schreiben:

 „Wir geben zu, daß durch Ausgrabungen der Neandertaler‑Mensch ge­funden wurde, der schon vor 100 000 Jahren gelebt haben soll. Steht es aber Gott nicht zu, von dem Menschen, den er schaffen wollte, zuerst ein Modell zu machen? In dem Modell hat er aber nicht gewohnt. Ein kluger Bauherr läßt sich von seinem Architek­ten auch zuerst ein Modell anfertigen. Dieses wird er nie bezie­hen oder gar darin wohnen. So hat Gott auch nicht in dem Neandertaler-Menschen gewohnt. Er war lediglich das Modell. Dann aber kam die Stunde, in welcher der allmächtige Gott die Worte sprach: "Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei!" In diesem Ebenbild Gottes wohnte der Herr, denn er gab ihm seinen Geist und dadurch wurde der Mensch zu einer lebendigen Seele.“

Oder ist die Sache noch ganz anders. Man kann im 1. Mose 6,1 lesen:

Da sich aber die Menschen begannen zu mehren auf Erden und ihnen Töchter geboren wurden, 2 da sahen die Kinder Gottes nach den Töchtern der Menschen, wie sie schön waren, und nahmen zu Weibern, welche sie wollten.

Hatte der Gott des Johannesprologs also doch einen Lehmklumpen zum Leben erweckt als exklusive Kinder Gottes? Dann müssten dies logischer Weise die Juden sein und alles andere ist tatsächlich Folge der Evolution, will sagen: Dieser andere Teil der Menschheit stammt vom Affen ab. Tatsächlich glauben das manche Fundamentalisten auch wirklich! Ein Religionslehrer in der Schule sagte tatsächlich einmal im Scherz zu einem meiner sich übel benehmenden Mitschüler: „Wenn man dich so sieht, könnte man tatsächlich glauben, dass der Mensch vom Affen abstammt!“ Dann bleibt aber noch die Frage nach dem Mischprodukt der Kinder Gottes mit den Kindern der Menschen offen …

Wir sehen spätestens hier, dass sich die Gottes- und Schöpfungsfrage auf diese Art und Weise nicht lösen lässt: Die Entwicklung der Menschheit war und ist ein Prozess der fortschreitenden Veränderungen in genetischer und kultureller Art.  Gehen wir deswegen also zurück zum einleitenden Satz des Prologs „Im Anfang war der Logos, und der Logos war bei Gott, und Gott war der Logos“ und fragen nun nach dem Gott, der hier benannt wird. Gott selbst ist ja lediglich eine Bezeichnung, ein Lexem, eine Chiffre  und kein Name. Was verbirgt sich also hinter dieser Chiffre G-O-T-T? Klare Antwort aus dem AT: Das Tetragramm JHWH ist der Name, so zu lesen im 2. Mose 3,14:

(Luther 1984) Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen?  Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt. … Das ist mein Name auf ewig, mit dem man mich anrufen soll von Geschlecht zu Geschlecht.

Buber/Rosenzweig übersetzen JHWH mit den Worten: Ich werde da sein, als der ich da sein werde.  Das klingt interessant, aber hilft es wirklich weiter? Setzen wir das einmal als Synonym in den Prolog ein, so entsteht Sprachmüll:

Im Anfang war der Logos, und der Logos war bei“ Ich werde da sein, als der ich da sein werde“, und  „Ich werde da sein, als der ich da sein werde“ war der Logos.

Wieder Sackgasse! Oder doch nicht ganz?

 

4. Gottes Lebenslauf (siehe auch Terra X: Die Karriere Gottes)

Einen konkreten Hinweis gibt die Übersetzung des Tetragramms nämlich trotzdem: „Ich werde da sein, als der ich da sein werde“ legt fest, das man diesen Gott nicht festlegen kann und darf, er ist veränderbar. Und dieser JHWH hat tatsächlich, wenn man genau liest,  einen evolutionären, nachvollziehbaren und beachtlichen Lebenslauf. Im Buch Exodus (Kapitel 18) bringt zunächst Moses Schwiegervater, der midianitische Priester Jethro, dem Gott Jahwe Opfer, noch bevor der von den Hebräern anerkannt wird. Ursprünglich stammt  der Gott JHWH aus dem Süden, wo er von midianitischen und verwandten Stämmen verehrt wurde (Deuteronomium 33,1-5). In der Exoduserzählung taucht er dann als Rauch- und Feuersäule auf. Will sagen, JHWH war zunächst ein als Gott verehrter Vulkan.  Das zeigt sich auch darin, das er selbst in der Bibel auch konkret als verzehrendes Feuer bezeichnet wird (5. Mose 4,24; Hebräer 12,29).  Und bei der Verkündung der 10 Gebote liest man im 2. Mose 20, 18ff:  Und alles Volk sah den Donner und Blitz und den Ton der Posaune und den Berg rauchen. Da sie aber solches sahen, flohen sie und traten von ferne 19 und sprachen zu Mose: Rede du mit uns, wir wollen gehorchen; und laß Gott nicht mit uns reden, wir möchten sonst sterben. Die Angst vor JHWH als Gewitter- und Donnergott war zu groß.

JHWE bestimmte Mose zu seinem Sprachrohr und schaffte nun nach und nach die Götter der anderen Stämme ab, weil er alleine verehrt werden will. Aus dem kleinen Berg – und Naturgewaltengott wird ein monolithischer Machtfaktor, der letztlich alle anderen Umgebungsgötter in die Knie zwingt. So berichtet jedenfalls auch die Geschichte von Elia und den Baalspriestern (1.Könige 18,17–47 ). Wer von ihm abfällt, dem droht sogar die Todesstrafe (2. Mose 22,19; 5. Mose 13,7–12).  Bei der Wüstenwanderung war JHWH zunächst noch in der Bundeslade präsent, was für Nomaden außerordentlich praktisch war, konnte er doch überall hin mitgenommen werden. Mit dem Tempelbau gab es dann einen festen Wohnsitz und Ort der Verehrung, in dessen Richtung die Hebräer sich anbetend wandten. Anfangs hatte JHWH übrigens noch eine Gefährtin, die Göttin Aschera. Eine Zeit lang hatte die vermutliche Fruchtbarkeitsgöttin im Tempel vor ca. 3000 Jahren einen festen Platz, an dem sie verehrt wurde. In der Karawanenstation Kuntillet 'Adschrud befand sich ein Vorratskrug  aus dem 8. bis 7. Jahrhundert mit der Inschrift:

Ich habe Euch gesegnet durch JHWH und seine Aschera. Amaryo sprach zu seinem Herrn: … Ich habe dich gesegnet durch JHWH und seine Aschera. Er möge dich segnen, und er möge dich behüten

Im 2.Könige 23,4  steht dann aber, dass „der König dem Hohenpriester Hilkija, den Priestern des zweiten Ranges und den Wächtern an den Schwellen (befahl), alle Gegenstände aus dem Tempel des Herrn hinauszuschaffen, die für den Baal, die Aschera und das ganze Heer des Himmels angefertigt worden waren. Er ließ sie außerhalb Jerusalems bei den Terrassen des Kidrontals verbrennen und die Asche nach Bet-El bringen.“

JHWH ließ sich scheiden! Von jetzt an konnte er sich ganz seinem Zorn und dem Krieg widmen. Ab Vers 26 ist zu lesen:

"Doch der Herr ließ von der gewaltigen Glut seines Zornes nicht ab. Sein Zorn war über Juda entbrannt wegen all der Kränkungen, die Manasse ihm zugefügt hatte.

27 Darum sprach der Herr: Auch Juda will ich von meinem Angesicht entfernen, wie ich Israel entfernt habe. Ich verwerfe diese Stadt Jerusalem, die ich erwählt habe, und das Haus, von dem ich gesagt habe: Hier wird mein Name sein."

Die spätere Inkarnation Gottes im Christus war der Höhepunkt seiner Laufbahn im christlichen Sinn. Jesus ging für JHWH in den Tod. Der Tempel konnte nun sogar zerstört werden, da ihn die Christen als die Nachfolger Jesu als Ort der Anbetung nicht mehr brauchten, denn jetzt bevölkerte der zunächst Zweieine und später durch die Hinzusetzung des Heiligen Geistes sogar Dreieine den überall verfügbaren Himmel und sogar das Innere des Menschen. Will sagen, diesem neuen Gott(esbild) konnte sich damals wie heute niemand mehr entziehen, zumal er heute sogar weltweit als Gott der drei Schriftreligionen (Christen, Juden, Muslime) zum Allobersten überhaupt avancierte. Was für ein Karriereaufstieg:  Vom kleinen Berggott eines Nomadenstammes zum weltschöpfenden, allumfassenden Herrscher, der sogar über den Tod hinaus auch über Annahme oder Verdammnis des verstorbenen Menschen bestimmt! Mehr geht wirklich nicht!

 

5. Zusammenfassung

Aber ist so ein Gott(esbild)  mit Lebenslauf und evolutionärer Entwicklung theologisch wirklich denkbar? Natürlich nicht! Demzufolge muss die Sache sich anders herum entwickelt haben: Von jeher fanden die Menschen in ihrer frühesten Geschichte sich ausgesetzt den sie umgebenden Gefahren und Naturgewalten. Wie auch heute noch in den sogenannten primitiven Religionen oder Kulten entwickelten sie also übernatürliche, religiöse Vorstellungen die ihnen halfen, mit den Schicksalsschlägen und dem Phänomen „Tod“  zu Recht zu kommen. Aus den zuerst angebeteten Naturgewalten wurden kleine Statuen oder Bildern, die als Götter angesehen wurden, Schamanen oder Priester aller Art verwalteten sie.  So hatte man die Möglichkeit, den jeweiligen Gott durch Wohlverhalten gegenüber ihm selbst oder seinen Vertretern zu manipulieren, ihn für sich zu gewinnen und mit ihm seine Feinde zu zerschlagen! Der jüdische JHWH-Gott  gab dann noch das Bilderverbot und ließ andere Kult- und Anbetungsstätten vernichten. Schluss war es von nun an mit diesen als heidnisch angesehenen und geächteten Vorstellungen.  Und wieder entwickelte sich „Ich werde sein“, denn auch seine alttestamentarische Rachsucht wich mit dem Christus (eine Übernahme griechischer Ideen, die wiederum in das christliche Gottesbild integriert werden konnten) dem Bild der eher liebenden Gottesvorstellung.  

Die Neuzeit kennt allerdings andere Hinterfragungen. Wo war denn dieser liebende und allmächtige Gott in Auschwitz? Der Journalist und Politiker Uri Avnery kommentiert: "Der Gott, der Auschwitz zugelassen hat, kann nur unmoralisch sein oder gar nicht existieren." Und wo ist dieser Gott nach wie vor, wenn plötzlicher Tod in den Lebensplan tritt, wenn Kleinstkinder Opfer von Verbrechen werden? Die Liste könnte unendlich fortgesetzt werden.  Bekannt und ungelöst sind und bleiben diese Fragen und das dahinter stehende Problem bis heute als Theodizee: Gott müsste sich rechtfertigen für das zugelassene Leid und Leiden der Menschheit und des Einzelnen… Auch wenn eine Antwort ausbleibt, ist zumindest seine Allmacht auf der Strecke geblieben. Allerdings stellt sich mit dem Ausbleiben Gottes dann auch die neue Frage der Anthropodizee: Wo war und ist der Mensch angesichts menschenverursachter Übel ...

Aber zu viel Wissen und Nachfragen behindert bekanntlich den Glauben, so jedenfalls das allgemeinverbindliche und weit verbreitete Credo. Und je kürzer die eigenen Gedanken, umso heftiger die Kritik an all den hier aufgeworfenen Fragen. Also bleibt man doch lieber beim Alten und blickt mit Zuversicht zurück auf etwas, was es so nie konkret gegeben, sondern sich in und aus den Denkvorstellungen vergangener Jahrhunderte  entwickelt hat. 

Meine Lesart des Johannesprologs für alle zu sich selbst hin aufgebrochenen Aussteiger bzw. mündigen Christen  heißt nach  den hier dargestellten Überlegungen nun als Antithese:

  1. Im Anfang war der Irrtum, und der Irrtum war Gott, G-O-T-T selbst war der Irrtum.
  2. Dieser erste Irrtum war auch der Anfang Gottes.
  3. Der zweite Irrtum im Anfang war, dass alle Dinge durch G-O-T-T gemacht sind,
  4.  und dass ohne ihn nichts gemacht ist, was geschieht.
  5.  In diesem Irrtum aber und irrtümlichen Licht blieb das Leben und Denken der Menschen verfangen.

Die notwendige Synthese mag und muss jeder Leser für sich selbst vollziehen,  hat doch ein jeder Mensch sein eigenes „Gläuble“, wie es im Schwäbischen heißt, und damit sein Gottesbild.  Nur Sekten verwehren dieses sogar staatsrechtlich verbriefte Grundrecht! Man sollte sich aber im Klaren darüber sein, dass alles Reden über Gott in Wahrheit ein Reden über Gottesbilder ist. Gott selbst, falls er wie auch immer existent ist, ist nicht verifizierbar und konstituiert sich in der subjektiven Wahrnehmung und/oder Vorstellung des einzelnen Menschen. Paul Tillich machte nicht von ungefähr einen bedeutsamen Unterschied zwischen Gott und dem kirchlichen Gott des Theismus (Quelle: Der Mut zum Sein):

Der Mut, die Angst vor der Sinnlosigkeit auf sich zu nehmen, ist die Grenze, bis zu der der Mut zum Sein gehen kann. Jenseits dieser Grenze ist bloßes Nichtsein. In diesem Mut werden alle Formen des Mutes wiedergeboren aus der Macht des Gottes über dem Gott des Theismus. Der Mut zum Sein gründet in dem Gott, der erscheint, wenn Gott in der Angst des Zweifels untergegangen ist. (Aus Paul Tillich: Der Mut zum Sein)

Dieser "Gott" ist aber nicht in äußerlichen Dingen zu finden, sondern nur im tiefen inneren Selbst. Diese "innere" Geburt Gottes im Menschen war auch eines der zentralen Themen der deutschen Mystik:

"Wenn diese Geburt nicht in mir geschieht, was hilft es mir dann? Denn dass sie in mir geschehe, daran liegt alles./ Man soll Gott nicht außerhalb von sich selbst erfassen wollen, sondern als mein eigen und als das, was in mir ist. … Gott und ich, wir sind eins."" (Meister Eckhart)

Oder Martin Luther:

Du bist weit davon entfernt, Gott wahrhaftig zu erkennen. Du meinst, Du hast diese Erkenntnis. Aber du musst zuvor ein anderer Mensch werden. Du musst neu geboren werden. Diese Geburt schenkt dir das ganze Wesen neu. Wer Gott erkennen will, muss diese neue Geburt empfangen."

Allgemeingültige Aussagen über Gott sind laut Eckhart bestenfalls durch die Negation von Zuschreibungen möglich (Negative Theologie):  "Der Mensch kann nicht wissen, was Gott ist. Etwas weiß er wohl: was Gott nicht  ist! ... Das ist Gottes Natur, dass er ohne Natur ist."

Oder mit anderen Worten, wie Bonhoeffer dies in seiner Habilitationsschrift von 1929: Akt und Sein, Transzendentalphilosophie und Ontologie in der systematischen Theologie, München 1956, S.94.) ausdrückte:  

Einen Gott, den ´es gibt`, gibt es nicht!

Und in den Gedanken zum Tauftag von D. W. R., Mai 1944, (aus „Widerstand und Ergebung“) schrieb Bonhoeffer noch:

 Unsere Kirche, die in diesen Jahren nur um ihre Selbsterhaltung gekämpft hat, als wäre sie ein Selbstzweck, ist unfähig, Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und für die Welt zu sein. Darum müssen die früheren Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muß neugeboren werden aus diesem Beten und aus diesem Tun. Bis Du groß bist, wird sich die Gestalt der Kirche sehr verändert haben. …

  Es ist nicht unsere Sache, den Tag vorauszusagen - aber der Tag wird kommen -, an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes so auszusprechen, daß sich die Welt darunter verändert und erneuert. Es wird eine neue Sprache sein, vielleicht ganz unreligiös, aber befreiend und erlösend, wie die Sprache Jesu, daß sich die Menschen über sie entsetzen und doch von ihrer Gewalt überwunden werden, die Sprache einer neuen Gerechtigkeit und Wahrheit …

Das alte Modell  „Kirche“ unter Aufrechterhaltung eines geozentrisch und anthropozentrisch geprägten Weltbildes, das aus christlicher Sicht 2000 Jahre alt ist, und all der dadurch bedingten heutigen Widersprüchlichkeiten ist heute ein lebendes Fossil und damit in Hinsicht auf den evolutionären Prozess der vor allem geistigen Entwicklung des Lebens hinderlich. Es wird sich selbst entsorgen durch seine mangelhafte Fähigkeit zur Anpassung an die heutigen psychosozialen und wissenschaftlichen Rahmenbedingungen oder sich verändern müssen. In einem interessanten, offenen Brief mit dem Titel "Gott bedarf keiner Vertreter" hat sich Eugen Drewermann mit ähnlichen Gedanken am 19.9.2011an den Papst gewandt und geschrieben:

 „Gott bedarf keiner Vertreter. Eben deshalb aber ist christlich ein Hauptfehler des römischen Katholizismus, dass er Gott bindet an ein paternales Amt mit Anspruch auf Gottähnlichkeit und ausgestattet mit Unfehlbarkeit in allen Fragen, die menschlich relevant sind. Dieses, Ihr Amt, Herr Ratzinger, schiebt sich dem Mond gleich vor die Sonne und verdunkelt mit seinem Schatten die gesamte Erde. Ein Petrusamt? Mitnichten. … Doch eben die Fragen des Lebens an die Unpersönlichkeit der klerikalen Ämterhierarchie gebunden zu haben, macht aus der Sache Jesu eine Art archaischer Magie zum Zwecke bloßer Machtausdehnung. Es verfälscht die Freiheit des Vertrauens zu einem Akt von Außenlenkung und Gehorsam. Es wirkt nicht heilend, es zerstört durch die Entfremdung der Person in den verfassten Gruppenzwängen eines hohlen Kirchenkollektivs.

Man braucht  Papstamt und RKK nur auszutauschen durch Stammapostel und NAK, um die Parallelen zu erkennen.

Aber welchen Sinn, welche Aufgabe kann Kirche in der heutigen Zeit haben, bzw. welchen Sinn sollte sie sich heute neu geben, um für den einzelnen Glaubenden und die Gesellschaft eine bereichernde Institution zu sein? Die nachstehenden Thesen sind von mir zusammengestellt worden mit der Absicht, den kritisch und für sich selbst Verantwortung übernehmenden Glaubenden eine sachliche Überlegungsgrundlage für das eigene Handeln und Denken in christlicher Ausrichtung zu ermöglichen.

 

  1. Sinn und Aufgaben von Kirche in heutiger Zeit – Oder:  Kirche ja, aber wohin?  (ein Thesenpapier von 2004)

    1.    Kirche im allgemeinen Sinn ist
    1.1    kein Heilsweg Gottes, sondern der freiwillige und offen gestaltete Zusammenschluss von Menschen, die ihre Beziehung zu Gott gefunden haben oder dabei sind, sie zu entdecken.  Der Weg zu Gott ist und bleibt ein individueller Prozess innerer und ggf.  äußerer Umkehr und liegt in der Einsicht, was das Leben ist und was es zu tun gilt, um es individuell und ökumenisch (in der Bedeutung der „belebten Erde“) zu fördern
    1.2    mit der Einsicht verbunden, dass nicht die Lehre „einer“ Kirche Gültigkeit vor Gott besitzt, sondern dass Menschen in ihrer Glaubwürdigkeit im Reden von und vor Gott letztlich „Gültiges“ vor Gott bezeugen. Vor diesem Hintergrund ist keine einheitliche, weltweite Kirchenlösung anzustreben, da sich dieser individuelle Prozess in unterschiedlichen Konfessionen oder Denominationen vollziehen kann

    2.    Kirche im christlichen Sinn ist
    2.1    in ihrem Grundwesen die Gemeinschaft aller an die Frohbotschaft Christi Glaubenden
    2.2    verbunden mit der Aufgabe aller ihr angehörenden Menschen, das Abendmahlsgedächtnis (als ihren gemeinsamen Ursprung) und das Botschaftsvermächtnis (als Ziel dieses Weges) ihres Gründers, Lehrers und Heilsmittlers Jesus am geistigen Leben zu erhalten
    2.3    weder hierarchisch ausgerichtet noch stellt sie mit faschistoiden Tendenzen den eigenen Systemerhalt über die Interessen der sie ausmachenden Gläubigen
    2.4    tolerant gegenüber nichtchristlichen Lehren, die wie sie ursprünglich selbst an der Würde und Freiheit des Menschen orientiert sind und steht zu diesen anderen Glaubensüberzeugungen ohne missionarische Absichten
    2.5 von der Einsicht geprägt, dass alles ´EINS` ist und einem übergeordneten Gedanken Gottes zustrebt im Sinn evolutionärer Entwicklung, ohne dass das ´Eigene` auf Kosten der ´Anderen` geschieht

    3.    Kirche (im christlichen Sinn) hat die Aufgabe,
    3.1    eine kritische Funktion der Welt und der Gesellschaft gegenüber zu sein; indem sie aber diese kritische Funktion wahrnimmt, ist sie damit zugleich auch selbst eine kritisch zu befragende Größe
    3.2    zur „Liebe“ als dem Grundsatz des Christentums zu führen, anstatt einen Katalog von Glaubensbekenntnissen und Dogmen festzulegen, die zu glauben und zu verkünden sind
    3.3    in ihrer Struktur einen sich verselbstständigen Dogmatismus zu verhindern, damit der Glaubende auf seinem Weg zu Gott im Mittelpunkt bleibt
    3.4    die Lehre (Jesu) auf das jetzt sich vollziehende Leben zu begreifen und (geistliche Lebens-) Räume für alle zu schaffen, die nach Gott  fragen
    3.5    Gläubigen bzw. Suchenden die Aussprache und gegenseitigen Austausch zu ermöglichen  und Haltsuchenden Halt zu bieten
    3.6      unter seelsorgerischen Prinzipien glaubwürdige, hinterfragbare, authentische und  erbauende Gottesdienste und Predigten anzubieten, die ohne Sprachhülsen, ohne Druck, ohne manipulative Suggestionen im Bewusstsein eines christlichen Menschenbildes hier und heute dem Menschen helfen. Predigt kommt aus dem Leben und nicht aus dem Himmel und sollte direkt ins Leben einwirken

    4.    Kirche (im christlichen Sinn) muss ein Ort sein,
    4.1    wo die Gläubigen lernen können, mutig und mündig - mit anderen Worten ohne Glaubensgeländer und andere dogmatistische Gehhilfen - in Eigenverantwortung ihren Weg zu gehen und mit einer individuellen  Gottesbeziehung umzugehen
    4.2    an dem sich die Kirche nicht als  „die einzig richtige Kirche“ begreift, die dem Glaubenden ein geistiges Zuhause bieten will, sondern wo die Menschen in der Kirche gemeinsam dieses Zuhause schaffen
    4.3    wo es kein moralisches Verurteilen gibt und Abweichler, Bedenkenträger, Zweifler und Andersartige nicht „bestraft“ werden, sondern in ihrem Denken und Fühlen ernst genommen werden
    4.4    wo Glauben und Vernunft im richtigen Verhältnis zueinander stehen, indem Vernunft nicht zum Gegenspieler des Glauben gebrandmarkt wird, sondern zu seinem Gesellen wird
    4.5    an dem institutionelle Flexibilität und maßvolle (!) Unverbindlichkeit nicht als ihre Schwäche sondern als ihre Stärke begriffen werden, da nur eine solche von Demut getragene geistige Beweglichkeit jedem  Einzelnen (!) die Möglichkeit bietet, konstruktiver Teil der Kirche zu sein
    4.6    wo um Wahrheit und Wahrhaftigkeit gegen menschliche Egoismen zu ringen ist

 

Ergänzung: Papst Franziskus: 'Es gibt zwei Kirchenbilder'

2. Wenn die Kirche nicht aus sich selbst herausgeht, um das Evangelium zu verkünden, kreist sie um sich selbst. Dann wird sie krank (vgl. die gekrümmte Frau im Evangelium). Die Übel, die sich im Laufe der Zeit in den kirchlichen Institutionen entwickeln, haben ihre Wurzel in dieser Selbstbezogenheit. Es ist ein Geist des theologischen Narzissmus.

In der Offenbarung sagt Jesus, dass er an der Tür steht und anklopft. In dem Bibeltext geht es offensichtlich darum, dass er von außen klopft, um hereinzukommen ... Aber ich denke an die Male, wenn Jesus von innen klopft, damit wir ihn herauskommen lassen. Die egozentrische Kirche beansprucht Jesus für sich drinnen und lässt ihn nicht nach außen treten.

3. Die um sich selbst kreisende Kirche glaubt - ohne dass es ihr bewusst wäre - dass sie eigenes Licht hat. Sie hört auf, das «Geheimnis des Lichts» zu sein, und dann gibt sie jenem schrecklichen Übel der «geistlichen Mondänität» Raum (nach Worten de Lubacs das schlimmste Übel, was der Kirche passieren kann). Diese (Kirche) lebt, damit die einen die anderen beweihräuchern. Vereinfacht gesagt: Es gibt zwei Kirchenbilder: die verkündende Kirche, die aus sich selbst hinausgeht, die das «Wort Gottes ehrfürchtig vernimmt und getreu verkündet»; und die mondäne Kirche, die in sich, von sich und für sich lebt.

Diese Sätze von Papst Franziskus vom Präkonklave vor der Papstwahl habe ich als Nachbemerkung eingefügt, weil sie in aller Kürze präzise ausdrücken, was Kirche in Zukunft sein sollte und vor allem NICHT sein darf. Hätte es diese Bemerkungen bereits 2004 gegeben, hätte ich meine Ausführungen vielleicht niemals geschrieben.

 

Günter Weber, Zitate aus dem Buch:  Ich glaube, ich zweifle – Notizen im Nachhinein

Günter Weber: Ich glaube – ich zweifle - GünterNotizen im Nachhinein

Zürich-Düsseldorf, Benziger Verlag 1996,


(Hier habe ich einige längere Passagen zitiert, da das Buch nicht mehr aufgelegt wird. Sollte ein gebrauchtes Exemplar im Angebot sein, empfehle ich sehr den Kauf!)

Rückfrage nach Jesus

1. Jesus: der Prophet
Die Gestalt Jesu ist nicht zu lösen aus seiner jüdischen Herkunft, seiner jüdischen Umwelt und seiner jüdischen Religion. Die Frage, wer Jesus war und was er gewollt hat, kann nur innerhalb dieses Kontextes beantwortet werden.
Jesus war ein gläubiger Jude. Er war kein Priester und auch kein Mönch. Er war, wie man heute in der Kirche sagen würde, ein ganz gewöhnlicher «Laie ». Er hatte kein kirchliches Amt; er war kein Mann des Systems. Er war auch kein studierter Theologe, kein Schriftgelehrter. Er hütete keine «heiligen Überlieferungen» und wirkte auch nicht als Gesetzeskundiger.
Man kann ihn am besten mit einem Wort bezeichnen, das auch er selbst auf sich anwandte:
Er war ein Prophet. So sagten es damals auch die Leute von ihm: Er ist einer von den Propheten. «Er war ein Prophet, mächtig in Tat und Wort vor Gott und allem Volk.» (Mk 8,28)
Israels Religion hatte immer wieder Propheten hervorgebracht, Männer, die in besonderen geschichtlichen Stunden mit dem Anspruch auftraten, die Sache Gottes zu vertreten. Sie verkündeten keine Lehrsätze, keine unfehlbaren Wahrheiten; sie sprachen unmittelbar in die Situation des Volkes hinein; sie redeten ins Gewissen, sie riefen auf, sie drohten an, sie griffen ein, sie forderten Änderung des Denkens, Änderung der Zustände. Sie machten Mut, sie trösteten, sie vermittelten Visionen einer besseren Zukunft, sie öffneten neue Wege. Sie standen nicht auf der Seite der etablierten Ordnungen. Sie schafften vielmehr Unruhe und hatten die Ordnungshüter des Tempels und des Palastes meist als Gegner. In ihrer Stimme vernahm Israel Anspruch, Zuspruch und Weisung des Gottes, der das Volk einst aus der Knechtschaft Ägyptens herausgeführt hatte. Sie redeten und handelten aus dem Geist Gottes heraus.

Wenn die Person Jesu in ihrer Einzigartigkeit einer Gruppe zugeordnet werden kann, dann wohl am ehesten den Propheten Israels. Auch er ist einer; der; «vom Geist Gottes ergriffen», mit dem Anspruch auftrat, Gottes Willen zu verkünden und im Namen Gottes zu reden. Er machte Mut, im Vertrauen auf Gott zu leben. Auch er brachte gegenüber dem ritualisierten Tempelgott der Priester, gegenüber dem domestizierten Büchergott der Schriftgelehrten und gegenüber dem pedantischen Ordnungsgott der kasuistischen Gesetzeslehrer wieder den lebendigen, persönlichen Gott aus Israels Jugendzeit zur Geltung. Sein Gott ist derselbe Gott, von dem auch die großen Propheten Israels gesprochen hatten.

Auch er erlangte damit die todbringende Feindschaft der priesterlichen Religionsbürokraten, die ihn schließlich auch ans Kreuz brachte.
Jesus übte scharfe Kritik an den Mächtigen, geißelte die Ausbeutung der Armen und griff soziale Mißstände an. Solche Zustände entsprechen nicht dem Willen Gottes. Gott will Freiheit. Gott will Barmherzigkeit. Obwohl Jesus kein Politiker war und auch keine politische Befreiungsbewegung anführte, weckte er damit doch auch den Argwohn der staatlichen Macht. Obwohl er sich von aufrührerischen antirömischen Bewegungen in seinem Land fernhielt, auf das Schwert verzichtete und Gewaltlosigkeit forderte, wurde er dennoch als politischer Aufrührer von der römischen Staatsmacht hingerichtet. Prophetenschicksal!

2. Jesus: der Gottessohn


Die Umwandlung des jüdischen Messias Jesus in einen aus dem Himmel herabgestiegenen gottgleichen, ewigen Gottessohn begann schon wenige Jahre nach seinem Kreuzestod.
Der Glaube der jüdischen Urgemeinde an die Messianität Jesu wurde auch von Juden übernommen, die außerhalb Judäas im hellenistischen Kulturkreis lebten, griechisch sprachen und griechisch dachten. Und über diese erreichte die Botschaft von Jesus, dem Messias, auch die übrigen Völker im hellenistischen Umfeld des Judentums, die sogenannten «Heiden». Wenn diese Nichtjuden von einem Sohn Gottes namens Jesus hörten, verbanden sie damit nicht die Vorstellung der jüdischen Messias-Erwartung. Diese war eigentlich nur für Menschen, die in der jüdischen Denktradition aufgewachsen waren, von Bedeutung. Sie war den Nichtjuden fremd und mußte ihnen wie eine innerjüdische Angelegenheit erscheinen. Sie hörten die Rede vom Gottessohn Jesus mit anderen Ohren, mit hellenistischen. Auch ihnen war die Vorstellung von einem Gottessohn wohlvertraut, und sie war mit großer Bedeutung gefüllt. Der Name «Sohn Gottes» bezeichnete auch bei ihnen nicht unbedingt ein göttliches Wesen. Meist wurden bedeutende und hervorragende Menschen mit diesem Titel geehrt.
Der ägyptische Pharao galt als ein Sohn Gottes. Die römischen Kaiser wurden nach ihrem Tod zu einem Gott. Augustus wurde schon zu Lebzeiten als Gott verehrt. In den Mythen waren Herakles und Dionysos Söhne eines Gottes. Sie waren aus der Verbindung des Zeus mit einer irdischen Frau hervorgegangen. Sogar geschichtliche Gestalten wie Homer, Pythagoras, Platon, Alexander der Große, Pompejus wurden als «Sohn Gottes» bezeichnet.

Die Grenze zwischen «göttlich» und «menschlich» war damals noch fließend. Es war nichts Außergewöhnliches, von einem Menschen zu sagen, er sei ein Sohn Gottes.
Ich kann mir gut vorstellen, daß es für die Menschen des hellenistischen Kulturkreises, in dem ja das Christentum entstand, gar nicht schwierig war, dasselbe auch von Jesus zu sagen. Dieser ihnen vertraute Titel half ihnen vielleicht sogar, die Bedeutung Jesu herauszustellen und auszudrücken. Allerdings verknüpften sie mit dem Namen «Sohn Gottes» andere Vorstellungen als die jüdisch-biblische Tradition. Ihre Vorstellungen von einem Sohn Gottes vermischten sich mit den jüdischen, und damit wandelte sich auch die ursprüngliche Bedeutung dieses Titels.
Mit dieser Umwandlung flossen auch Vorstellungen aus der hellenistischen Mythologie, aus dem Kaiserkult und aus der griechischen Philosophie in das Bild ein, welches das Neue Testament von Jesus, dem Gekreuzigten, zeichnet.
In der Heidenmission der Urkirche wurde aus dem jüdischen Messias, dem gehorsamen Gottesknecht, ein griechischer Christus mit göttlichem Glanz. Aus dem jüdischen Messias-Titel «Sohn Gottes» wurde ein gottgleicher Sohn Gottes im metaphysischen Sinn. Aus dem gottgehorsamen Menschen Jesus wurde selbst ein Gott, «der herrscht in Ewigkeit».
Und: Aus einer jüdischen Erneuerungsbewegung wurde eine Weltreligion: das Christentum. Aus der angekündigten «Herrschaft Gottes» wurde die Herrschaft der Kirche.

3. Der «Christus des Glaubens»


Die Umgestaltung des Jesus-Bildes von dem eines jüdischen Messias in das Bild eines göttlichen Heilbringers für die ganze Welt ist vor allem das Werk eines hochgebildeten Juden, der aus Tarsus stammte, einer hellenistischen Stadt im Süden der heutigen Türkei: Paulus. Viele Religionswissenschaftler bezeichnen ihn als den eigentlichen Begründer des Christentums, nicht Jesus. Ohne Paulus wäre die Sache Jesu eine innerjüdische Angelegenheit geblieben. Es wäre vielleicht eine jüdische Sekte, ein «Jesustum», entstanden, aber kein Christentum.
Es ist nicht sicher, ob Paulus Jesus überhaupt persönlich gekannt hat. Auffallend ist, daß Paulus in allen seinen Schriften fast gar nichts aus dem Leben und Wirken Jesu berichtet. Es gibt in ihnen keine biographischen Details über Jesus. Der historische Jesus wird völlig überdeckt von der Gestalt des göttlichen Christus.
Was der wirkliche Jesus getan und gesagt hat, scheint ihn gar nicht zu interessieren.
Paulus überliefert keine Worte aus dem Munde Jesu. Er erzählt nichts von seinen Taten. Er verkündet nicht die Lehre Jesu; er verkündet seine eigene Lehre. Nicht Jesus ist die Quelle, aus der er schöpft, sondern eine «Erleuchtung» durch den «Geist».
Paulus hat eine ganz neue Gestalt geschaffen: den «Christus des Glaubens». Und dieser hat mit dem wirklichen Jesus nicht mehr viel Ähnlichkeit. Während das Bild des historischen Jesus immer mehr im Hintergrund verschwindet, wird das Bild des erhöhten Christus immer vielgestaltiger ausgemalt, mit immer mehr Details angereichert und ins Göttliche gesteigert. Es entstand eine gottgleiche Gestalt, in die alle Vollkommenheiten und alle Mächtigkeiten hineinprojiziert wurden.
Das Kreuz, das Jesu Scheitern als Messias besiegelte, wurde zum Siegeszeichen. Und der geschundene Mann, der daran gehangen hatte, wurde zum herabgestiegenen Gottes-Sohn, der sich als Sühneopfer darbrachte und dadurch zum Erlöser der ganzen Menschheit aufstieg.
Dieser Christus war da, «noch ehe die Welt erschaffen wurde». «Alles ist durch ihn und auf ihn hin erschaffen worden.» (Kol 1,15-17). Der Zimmermannssohn aus Nazaret wurde zum Erschaffer des Kosmos und zum göttlichen Weltenherrscher. «Er ist ein Abglanz der Herrlichkeit Gottes und ein Abbild seines Wesens», schreibt der Hebräerbrief, und der Philipperbrief steigert noch, indem er von einem «Gleichsein mit Gott» spricht.
Anders als auf den historischen Menschen Jesus konnte sich die Kirche auf diese Gestalt des Christus immer wieder unwiderlegbar berufen und ihre eigene Bevollmächtigung durch ihn begründen. Deshalb wird auch noch heute in der Kirche, in der Liturgie, in den Predigten und im Katechismus viel mehr von Christus als von Jesus gesprochen.

„Sohn Gottes“

„Der Titel „Sohn Gottes“ ist schon viel älter als das Christentum und hatte schon im Glauben Israels, im Alten Testament, eine große Bedeutung. Mit einer Herabkunft eines ewigen Gottessohnes auf die Erde und seiner Menschwerdung durch göttliche Zeugung im Jungfrauenschoß hat dieser Titel nichts zu tun.
Nach damals wirksamen Vorstellungen wurde ein Kind erst dann zum „Sohn“, wenn der Vater es aufhob (erhob) und damit als Sohn anerkannte, annahm und bestätigte (ein unter heutigen oriental. Nomadenvölkern noch weit verbreiteter Ritus, e.A.). Der Titel „Sohn“ drückte die Erwählung, Zuwendung, Anerkennung, Annahme, Bestätigung, Erhebung aus, letztlich auch Bevollmächtigung, später etwas „im Namen des Vaters“ tun zu dürfen. Dabei steht der „Sohn“ unter dem Vater und ist ihm gehorsam.
In diesem Sinne wurde das ganze Volk Israel „Sohn Gottes“ genannt. Auch David, der König Israels, wurde „Sohn Gottes“ genannt, obwohl keiner daran zweifelte, dass er von menschlichen Eltern gezeugt und geboren worden war. Auch Israels Könige trugen diesen Titel. Die Bibel drückt damit aus, dass sie „unter Gott“ standen, dass sie nicht aus eigener Macht herrschten, sondern aufgrund einer Erwählung durch Gott. Nur wenn sie in diesem Gehorsam gegenüber Gott blieben, wurde ihre Herrschaft zum Segen und zum Heil für das Volk. Nur wo der Wille Jahwes geschah, wo also Gott im Volk „herrschte“, entstand Heil. Und wenn der König sich von Gott abwandte, ihm nicht mehr gehorchte, seine Macht aus sich selbst begründete, kam Unheil. – So jedenfalls stellten es die Propheten immer wieder dar.
Aus diesen Vorstellungen entstand dann später im Judentum das Bild des gottgesandten Messias (griech. Christus), der von Gott erwählt und ihm ganz gehorsam war, der dadurch die Herrschaft Israels aufrichten werde (eine typische Gefangenschaftsliteratur, wie sie in allen Völkern vorkommt, e.A.). Er wurde „der Gesalbte des Herrn“ genannt, wie die Könige Israels nach ihrer Salbung.


Der Messias, der Christus, war ein „Sohn Gottes“ wie David, der König. Die Bezeichnung „Sohn Gottes“ ist ein Titel für den erhofften Retter, den Christus. Der Name besagt nicht, dass der Messias selber „göttlich“ oder gar ein Gott sei. Der Messias galt wie einst David als ein von Gott erwählter Mensch, der den Willen Gottes erfüllte und dadurch Heil brachte: ein neuer David, ein Davidsproß. „Sohn Gottes“ war praktisch ein anderer Name für Messias oder Christus.
Wenn die Jünger Jesu und seine jüdischen Anhänger Jesus „Sohn Gottes“ nannten, dann drückten sie damit nichts anderes aus als ihren Glauben, dass Jesus aus Nazareth der erhoffte Messias, der von Gott gesandte Retter Israels war. Keineswegs meinten sie damit, dass Jesus eine göttliche Person sei, die als Mensch unter ihnen lebte. Dies Vorstellung wäre ihrem strengen jüdischen Monotheismus genauso schwer gefallen wie einem heutigen Juden oder Moslem.
Auch wenn die Juden in Jerusalem darüber stritten, ob Jesus Gottes Sohn sei oder nicht, dann stritten sie nicht darüber, ob er ein Gott sei oder „nur ein Mensch“; sie stritten darüber, ob er der Messias sei.
Die Familie Jesu wusste nicht von seiner Gottheit. Maria steht ihrem Sohn ziemlich verständnislos gegenüber, trotz der bei Lukas geschilderten angeblichen Belehrung durch einen Engel. Und seine Verwandten halten ihn schlichtweg für „verrückt“ (Mk3,21). Auffällig ist auch, dass sich Jesus an keiner Stelle der Evangelien auf seine Zeugung durch den Heiligen Geist beruft und seine Geburt aus einer jungfräulichen Mutter erwähnt (was doch, vor allem für orientalisches Denken, das überzeugendste Argument einer göttlichen Sendung gewesen wäre, e.A.).
Obwohl die Evangelienredakteure die menschliche Gestalt Jesu später vergötternd übermalen, wird doch an vielen Stellen aus den ältesten Überlieferungsschichten des Neuen Testaments deutlich, dass auch der historische Jesus sich selbst nicht als eine göttliche Person gesehen hat. Nicht einmal für moralisch vollkommen hat er sich gehalten. Als einer ihn „Guter Meister“ nannte, wies er das zurück: „Nur einer ist gut“, Gott (Mt. 19,17).>>


Die Umwandlung des jüdischen Messias Jesus in einen aus dem Himmel herabgestiegenen gottgleichen, ewigen Gottessohn hatte ihre ersten Ursprünge in den nachösterlichen Auferstehungslegenden.
Der Glaube der jüdischen Urgemeinde an die Messianität Jesu war auch von den Juden übernommen worden, die außerhalb Judäas im hellenistischen Kulturkreis lebten, griechisch sprachen und griechisch dachten. Und über diese erreichte die Botschaft von Jesus, dem Messias, auch die übrigen Völker im hellenistischen Umfeld des Judentums, die sogenannten „Heiden“. Wenn diese Nichtjuden von einem Sohn Gottes names Jesu hörten, verbanden sie damit nicht die Vorstellung der jüdischen Messiaserwartung – diese hätte ihnen gar nicht überzeugend nahegebracht werden können. Sie war ja nur für Menschen, die in der jüdischen Denktradition aufgewachsen waren, von Bedeutung (und nach der Zerstörung Jerusalems durch die Römer, also noch bevor die wichtigsten Evangelien niedergeschrieben wurden!, nicht einmal mehr für diese, e.A.). Sie war den Nichtjuden fremd und musst ihnen wie eine innerjüdische Angelegenheit erscheinen. Sie hörten die Rede vom Gottessohn Jesus mit anderen Vorstellungen, anderen Ohren – hellenistischen! Auch ihnen war die Vorstellung von einem Gottessohn wohlvertraut, und sie war mit großer Bedeutung gefüllt. Der Name „Sohn Gottes“ bezeichnete auch bei ihnen nicht unbedingt ein göttliches Wesen. Meist wurden bedeutende und hervorragende Menschen mit diesem Titel geehrt.
Der ägyptische Pharao galt als ein Sohn Gottes. Die römischen Kaiser wurden nach ihrem Tod zu einem Gott. Augustus wurde schon zu Lebzeiten als Gott verehrt. In den Mythen waren Herakler und Dionysos Söhne eines Gottes. Sie waren aus der Verbindung des Zeus mit einer irdischen Frau hervorgegangen. Sogar geschichtliche Gestalten wie Homer, Pythagoras, Platon, Alexander der Große, Pompejus, usw. wurden als „Sohn Gottes“ bezeichnet. Die Grenze zwischen göttlich und menschlich war damals noch fließend. Es war nichts Außergewöhnliches, von einem Menschen zu sagen, er sei ein Sohn Gottes.


So ist es auch nicht schwierig sich vorzustellen, dass es für die Mensches des hellenistischen Kulturkreises, in dem ja das Christentum entstand, gar nicht schwierig war, dasselbe auch von Jesus zu sagen. Dieser ihnen vertraute Titel half ihnen wahrscheinlich, die Bedeutung Jesu herauszustellen und auszudrücken (wofür ja Paulus auch kräftig gesorgt hatte, e.A.). Allerdings verknüpften sie mit dem Namen „Sohn Gottes“ andere Vorstellungen als die jüdisch-biblische Tradition. Ihre Vorstellungen von einem Sohn Gottes vermischten sich mit den jüdischen, und damit wandelte sich auch die ursprüngliche Bedeutung des Titels.
Mit dieser Umwandlung flossen auch Vorstellungen aus der hellenistischen Mythologie, aus dem Kaiserkult und aus der griechischen Philosophie in das Bild ein, welches das Neue Testament von Jesus, dem Gekreuzigten, zeichnete. So wurde in der Heidenmission der Urkirche aus dem jüdischen Volksretter, Messias, dem gehorsamen Gottesknecht, ein griechischer Christus mit göttlichem Glanz. Aus dem jüdischen Messias-Titel „Sohn Gottes“ wurde ein gottgleicher Sohn Gottes im metaphysischen Sinn. Aus dem gottgehorsamen Propheten Jesus wurde selbst ein Gott, „der herrscht in Ewigkeit“.....>>


Wer ein Haus bauen will, sucht nach einem festen Grund, in den er die Fundamente seines Hauses eingründen kann. Auch der, der sich auf den Glauben einlässt, sucht nach einem festen Grund, auf den er bauen kann. Zwar ist und bleibt der Glaubensakt, falls es sich nicht um jenen typischen Konfessionsglauben handelt, der mit Glauben so ziemlich gar nichts zu tun hat, als vertrauendes Sicheinlassen auf Gott immer ein Wagnis, und es gibt keine absoluten Sicherheiten, auf die er sich stützen kann. Dennoch verlangt auch der wagende Glaube nach Gründen, die ihm sein Wagnis sinnvoll machen. Wo dies nicht der Fall ist, kann von Glauben im biblischen Sinne denn auch nicht gesprochen werden.
Jeder ehrliche und gleichzeitig mündige Christ sucht nach verlässlichen Fundamenten, die nicht nachgeben, wenn sie belastet werden. Er sucht Stützen, die seinen Glauben in der Last der Anfechtung tragen. Und diesen festen Grund, der Glaubenssicherheit gewährt, meint er am besten in „feststehenden und unumstößlichen Tatsachen“, in „tatsächlich geschehenen historischen Ereignissen“ zu.
Dieses Bedürfnis des Menschen, seinen Glauben in „feststehenden Tatsachen“ zu gründen, ist die Hauptursache dafür, dass so viele Gläubige mit heftiger Abwehr reagieren, wenn sie hören, dass viele Darstellungen aus der Bibel keine historischen Ereignisse schildern, sondern „Bilder“, sogar Legenden und Mythen sein sollen. Sie fühlen sich in ihrem Glauben bedroht. Sie fürchten, Sicherheiten zu verlieren, die ihren Glauben getragen haben, und dagegen wehren sie sich instinktiv.
Die Kirche weiß um die Angst des Menschen, sich auf Wagnisse einzulassen, und wie sein Herz verlässliche Sicherheiten sucht. Das gilt auch und vor allem für den Glauben. Deshalb ist sie bereit, dieses Verlangen zu befriedigen. Sie ist bereit, Sicherheiten zu geben, auch wenn es nur scheinbare Sicherheiten sind.
Unbeeindruckt vom Wissen sogar der kirchlichen Theologen beharrt das Lehramt deshalb auf Historizität und Faktizität der biblischen Darstellungen. Es sperrt sich instinktiv dagegen, wichtige biblische Darstellungen als Bilder, Mythen oder Legenden anzuerkennen. Man lese nur einmal den Disput zwischen Erzbischof Degenhard von Paderborn und Eugen Drewermann. Man schaue einmal in den Weltkatechismus von 1993, der alle Ergebnisse der bibelwissenschaftlichen Forschung fast völlig ignoriert und in seiner ganzen Argumentation so tut, als seien bildhafte Darstellungen der Bibel historische Tatsachenschilderung.


Auf Mythen, Bilder und Legenden oder gar auf Träume und Poesie mag auch die Kirche die Fundamente ihrer Kathedralen und Dome nicht gründen. Dieser Boden ist ihr nicht sicher genug. Da müssen, bedingt durch das Glaubensklientel, das sie sich geschaffen hat, schon handfestere Tatsachen her. Und wo es die nicht gibt, da müssen sie eben geschaffen werden.
Dies hat die Kirche auch getan und tut es heute noch. Schon in den Tagen der alten Kirchenväter setzte ein Prozess ein, in dem die biblischen Bilder in biblische Tatsachen umgewandelte wurden – denn nur über Tatsachen waren die Gläubigen bereit, sich der Kirche und ihren Versprechen bedingungslos zu unterwerfen.
Wie unglaubwürdig, sogar widersinnig und unsinnig diese Bilder und damit der sich darin gründende Glauben werden, wenn sie als faktische Ereignisse verstanden werden, war den Menschen des Altertums und des Mittelalters noch kaum bewusst, war doch für sie die ganze Wirklichkeit der Welt noch wunderhaft und waren deren Grenzen zum Unwirklichen fließend. Was die Kirche lehrte und was sich damit in ihre Lehre einschlich, entsprach ihrem eigenen Denken – einem Denken in Wundervorstellungen und ähnlichem, denn das Wenigste konnte anders als über den Glauben erklärt werden.


Seit Galilei, Kopernikus und Descartes zu Beginn der Neuzeit, spätestens jedoch seit der Aufklärung, seit Voltaire und Kant und der Entstehung des neuzeitlichen Weltbildes im 19. und 20. Jahrhundert, seit Darwin und Einstein ist es dem kritischen Denken des aufgeklärten Menschen nicht mehr so ohne weiteres möglich, diese sogenannten „Tatsachen“, auf welche die Kirche ihre Glaubensmuster stützt, ohne Widerspruch, Skepsis und berechtigtes Hinterfragen hinzunehmen.
Statt Einsicht in die Wahrheit des Glaubens zu vermitteln, hindert die kirchlcihe Verkündigung so Menschen daran, die „Wahrheit“, von der die Bibel spricht, zu erfassen und anzunehmen. Nicht Zustimmung zum Glauben wird erzeugt, sondern bestenfalls höfliche tolerante Nachsicht mit jenen, die so etwas noch glauben.
Noch im Jahre 1909 schrieb eine römische Entscheidung vor, auch die mythisch-bildhafte Erzählung über die Erschaffung des Weibes aus Adams Rippe (siehe Genesis) als historisches Faktum zu glauben. Aus einer tiefsinnigen Darstellung, die in bildhafter Weise die Einheit und Gleichheit von Mann und Frau herauszustellen trachtet, wurde eine faktische Absurdität, aus dem tiefen Sinn dieser wunderbaren Darstellung purer Unsinn!
Aussagen, die, als Bild verstanden, einmal Sinn ergaben (und also noch heute geben könnten, e.A.) und die Wahrheit aufleuchten ließen, erscheinen dem heutigen Denken, sofern sie als Fakten geglaubt werden sollen, nicht selten als Unsinn und Widersinn. Sie erscheinen als absurde Behauptungen, die allem gesicherten Wissen widersprechen.
Was in der kirchlichen Lehrverkündigung als historische Tatsachen dargestellt und unter Glaubenszwang gestellt wird, beruht zumeist auf einer Interpretation biblischer Texte, die schlichtweg falsch ist und der Eigenart der Bibel und ihrer Verfasser nicht gerecht wird. Im Gegenteil – da wird der Sinn zum Unsinn verfälscht, womit der biblische Glaube nicht weniger als der Lächerlichkeit preisgegeben wird.


Als ich den neuen Katechismus  kurz nach seinem Erscheinen 1993 ein erstemal durchblätterte, traute ich meinen Augen nicht, als ich dort lesen musste, dass der Tod seinen „Einzug in die Menschheitsgeschichte“ gehalten habe, weil „unsere Stammeltern [...] vom Teufel versucht, ungehorsam gegen Gottes Gebot waren.“ So hatte ich es zwar als Kind im Religionsunterricht gelernt, aber mir war unter den heute führenden Theologen keiner bekannt, der die Herkunft des Todes noch so deutete.
Die kirchliche Tradition beruft sich auf den Satz aus dem Römerbrief des Paulus: „Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod, und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen“ (Röm 5,12). Diese Lehre verdankt Paulus wiederum dem damaligen jüdischen Verständnis der mythischen Erzählung vom Sündenfall der Stammeltern Adam und Eva in den ersten Kapiteln der Bibel.
Mythen, die den Ursprung des Bösen und des Todes durch einen Bruch mit der Gottheit deuten, finden wir in vielen alten Religionen. Innerhalb solcher archaischen Weltbilder gaben die Mythen den Menschen damals Antwort auf die sie drängenden Lebensfragen. Lehrt man heute solche Mythen aber als ein historisches Ereignis, dann erscheinen die Bilder der Mythen den meisten als widersinnige, gar unsinnige Aussagen. Sie werden als Beschreibung historischer Fakten missverstanden.
Den Tod gibt es schon seit der Entstehung des Lebens auf der Erde; er ist Bestandteil des Lebensprozesses (anders ließe sich ein Jahrtausende währender Lebensprozess gar nicht vorstellen!, e.A.). Seit sich vor über drei Milliarden Jahren auf dieser Erde Leben entwickelt hat, kennen Pflanzen und Tiere schon den Tod. Diese sind – anthropogenetisch gesehen – unsere Stammeltern. Nur durch die Abstammung unseres Lebens aus ihrem Leben „hielt der Tod ebenso programmgemäß wie notwendigerweise Einzug in die Menschheitsgeschichte“, aber mit Sicherheit nicht aus dem Ungehorsam der „ersten Menschen“.
Müssen nicht jedem denkenden Wesen Zweifel kommen an den Lehren einer Kirche, die heute noch unter Berufung auf eine „göttliche Offenbarung“ dem Menschen zumutet, mythische Bilder aus längst vergangenen Weltbildern als ein „historisches Ur-Ereignis“ zu glauben? Noch heute lehrt der Papst, dass die bekannte Geschichte aus der Bibel vom Sündenfall Adams und Evas im Paradies ein „Bericht“ ist, der trotz bildhafter Sprache ein „Ur-Ereignis“ beschreibe, das „zu Beginn der Geschichte der Menschen“ stattgefunden habe.


Müssen gläubige katholische Christen wirklich für wahr halten, was das höchste kirchliche Lehramt lehrt, „... dass das unermessliche Elend, das auf den Menschen lastet, und ihr Hang zum Bösen und zum Tod nicht verständlich sind ohne den Zusammenhang mit der Sünde Adams“?
„Die Offenbarung gibt uns die Glaubensgewissheit, dass die ganze Menschheitsgeschichte durch die Ursünde gekennzeichnet ist, die unsere Stammeltern freiwilligen begangen hätten!“
Was der höchste Inhaber des kirchlichen Lehramtes heutigen Menschen hier als „geoffenbarte Wahrheit“ zu glauben zumutet, widerspricht nicht nur allen gesicherten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen der Neuzeit, sondern auch dem übereinstimmenden Verständnis fast aller ernst zu nehmenden Bibeltheologen. Wenn der Papst heute noch diese mythische Erzählung der Bibel als einen „Tatsachenbericht“ über ein historisches „Ur-Ereignis“ darstellt, ohne gleichzeitig dessen Historie in den Händen deren zu lassen, die dafür in jahrzehntelangen Forschungen Detail für Detail zusammengetragen haben, zerstört er nicht nur die nach Wahrheit ringenden Menschenseelen, die auch heute glauben wollen, sondern er zerstört damit auch jene tiefgründige biblische Wahrheit, welche diesen mythischen Erzählungen überhaupt erst ihren göttlichen Charakter zu geben in der Lage ist. Schlimmer noch: Er gibt den biblischen Glauben der Lächerlichkeit preis
Beim Papst persönlich bin ich nicht so sicher, ob er ausreichend Kenntnis hat von dem, was die überwiegende Mehrzahl seiner eigenen Theologen zu den Fragen der Historizität der Sündenfall-Erzählung und letztlich der ganzen Bibel erkannt hat. Er ist in seinem Denken geprägt durch die besondere Situation des polnischen Katholizismus unter dem kommunistischen Regime. Die polnische Theologie war weithin von der theologischen Entwicklung im Westen abgeschnitten und hat deren kritischen Aufklärungsprozess nur begrenzt mitvollziehen können. Für sie war die zur Selbstbehauptung und zum Überleben notwendige innere Festigung der Kirche wichtiger als die kritisch-wissenschaftliche Hinterfragung der biblischen Texte (womit sie im Prinzip das Schicksal mit der beginnenden Kirche teilte, sic!, e.A.).
Ich weiß deshalb nicht, inwieweit der Papst darüber wirklich nachgedacht hat, wie seine Lehre von der „Ursünde“ in den Kontext der gesamten wissenschaftlichen Forschung der Menschheitsgeschichte einzubringen ist.


Bei Kardinal Josef Ratzinger aber, der immerhin ein bedeutender Theologe war, bevor er in die höchsten Hierarchien der Kirche aufstieg, kann mit Sicherheit angenommen werden, dass er um die vielfältigen literarischen Formen weiß, in denen die Bibel spricht. So weiß er sehr wohl, dass die Sündenfall-Erzählung ein Mythos ist, der, ganz im Stil aller diesbezüglicher Mythen, das gegenwärtig erfahrbare Böse und Leidvolle in der Welt durch einen schuldhaften Bruch zwischen Mensch und Gott zu deuten versucht. In nahezu allen Mythen aus allen Religionen taucht dieses Motiv auf. In der biblischen Darstellung des Sündenfalls ist kein historisches „Ur-Ereignis“ als Tatsache zu greifen; auch nicht „in bildhafter Sprache“. Das weiß Ratzinger sehr genau.
Warum stellt er dennoch den Sündenfall-Mythos als eine historische Tatsache dar? Wider besseres Wissen?
Ich habe nur eine Erklärung für diese intellektuelle Unredlichkeit: Ratzinger weiß auch, dass der Kirche und vielen ihrer Lehren alle Fundamente weggeschwemmt würden, wenn sich herausstellen sollte, dass sie nicht auf dem festen Boden zuverlässig belegter und „irrtumsfrei überlieferter“ Fakten gegründet sind. Und davor hat er Angst. Er verschweigt dem Kirchenvolk die Wahrheit, weil er Angst hat, die Wahrheit könnte der Kirche schaden.
Ohne historische Faktizität des Sündenfalls gäbe es auch keine historische Faktizität der Erlösung, ja nicht einmal das kirchliche Fundament einer Erlösungsnotwendigkeit durch ein damit völlig willkürlich gewordenes Sühneopfer. Und wenn das rauskommt, dann schwimmen alle „Früchte der Erlösung“, die der Kirche zur Verwaltung und zur Verteilung „anvertraut“ wurden, den Bach hinunter, mitsamt den Mitren und Krummstäben ihrer Oberhäupter.


Am Kreuz geopfert?

Seit den Predigten, die ich in Kindertagen hörte, seit den Belehrungen, die ich in meinem eigenen Religionsunterricht in der Dorfschule und später auf dem Gymnasium empfing, hängen mir die Formeln im Ohr: «... der uns durch sein hochheiliges Blut, durch sein bitteres Leiden und durch seinen Tod am Kreuz von den Sünden erlöst hat.» «In sei-nem Blut gereinigt von aller Schuld.» «Das Lamm, das ge-schlachtet wurde, um uns wieder mit Gott zu versöhnen.»
Tausendfach habe ich inzwischen diese Worte in allen Variationen in jedem nur möglichen Kontext gehört, in Hunderten von Predigten, in unzähligen Gebetsformulierungen der Liturgie, bei Kindstaufen und Begräbnissen, in der Fronleichnamsprozession und in der Osternacht, im Wort zum Sonntag, in bischöflichen Hirtenbriefen und bei Papstansprachen. Trotzdem muß ich ehrlich gestehen, daß ich bis heute nicht verstanden habe, was damit gemeint ist. Jedenfalls ist es mir bis zum heutigen Tag nicht gelungen, damit einen nachvollziehbaren, erhellenden Sinn zu verbinden.
Gewiß, ich weiß, was religionsgeschichtlich dahintersteht. Die Vorstellung, daß Schuld nur durch Blut getilgt werden kann, reicht weit zurück in ein archaisches Denken. Dieses Denken ist heute noch wirksam in südländischer Blutrache und Sippenfehden, in Duellen «zur Wiederherstellung der Ehre». Dieses Denken gab Grund zur blutigen Rache und wurde so zum Anlaß zahlreicher Gemetzel und Kriege. Auch in der Verhängung einer Todesstrafe ist die Vorstellung wirksam, daß schwerste Schuld der Sühnung durch Blut und Leben bedürfe.

Blut!


In einem nepalesischen Hindutempel sah ich angewidert, wie Hähne und Lämmer geschlachtet wurden und ihr Blut den Gottheiten dargebracht wurde. Die Geschichte der Religionen trieft von Blut. Den Göttern war Blut immer ein ganz besonderer Saft. Blut scheint Gottheiten gnädig zu stimmen. Nicht nur das Blut von unschuldigen Opfertieren, auch das Blut von gemetzelten Menschen scheint für sie ein willkommener Trank zu sein.
Das Blut war es auch, das Blut eines geschlachteten Lammes, das die Hebräer in ägyptischer Fron bei ihrem Exodus an die Türpfosten ihrer Häuser strichen. Durch Blut blieben sie verschont, als «der Herr alle Erstgeburt im Lande Ägypten erschlug.» (Ex iz,i2.) Blut befreite und erlöste Israel «aus dem Sklavenhaus Ägypten». Zur Erinnerung an diese Rettung, Befreiung und Erlösung feierte Israel alljährlich sein Passahfest. Dabei wurde das Passahlamm geschlachtet.
Blut sühnt, Blut versöhnt, Blut reinigt, Blut rettet, Blut befreit, Blut ... erlöst.


Das Blut des Lammes


Dieser jüdische Ritus, am Passahfest als Erinnerung an die Erlösung aus ägyptischer Knechtschaft ein Lamm zu schlachten, wurde für Paulus zum Schlüssel, den Tod Jesu am Kreuz zu deuten: «Christus, unser Passahlamm, ist geschlachtet worden.» (i Kor 5,7)
Wie Israel einst durch das Blut des Lammes gerettet und erlöst wurde, so wird die Menschheit durch das Blut Jesu aus der Macht der Sünde und des Todes erlöst.
Jesus wurde in dieser Sicht zum «Lamm Gottes», zum «Sündenbock», dem man die Schuld auflud. Was einst das Blut des Opferlammes bewirkte, bewirkt nun das Blut Jesu. Es sühnt, es versöhnt, es reinigt, es rettet, es befreit, es nimmt die Schuld hinweg, es erlöst. «Ihr wurdet losgekauft mit dem kostbaren Blut Christi, des Lammes ohne Fehl und Makel.» (i Petr 1,18)
Damit war eine Opfer- und Erlösungslehre geboren, die bis heute im Zentrum der christlichen Lehre und der kirchli-chen Praxis steht, mehr als Jesu Lehre und Botschaft selbst.
In der Sprache des Katechismus hört sich das so an: «Der Tod Christi ist das österliche Opfer, worin <das Lamm, das die Sünde der Welt hinwegnimmt>, die endgültige Erlösung der Menschen vollzieht. Zugleich ist er das Opfer des Neuen Bundes, das den Menschen wieder in die Gemeinschaft mit Gott versetzt, indem er den Menschen mit Gott versöhnt durch das Blut.» (Nr. 613)


Der Tod Jesu - von Gott geplant?


Die Deutung des Todes Jesu als Sühnetod war herausgewachsen aus dem Schock, den seine Anhänger bei seiner Kreuzigung verarbeiten mußten. Jesus, von dem man geglaubt hatte, er sei der Messias und werde Israel befreien, war gescheitert. Wie ein Verbrecher war er schmachvoll am Kreuz geendet. Sein Tod hatte alle Hoffnungen, die man auf ihn gesetzt hatte, zunichte gemacht. Wie sollte man den gläubigen Juden einen Messias verkündigen, der gescheitert war und wie ein Verbrecher am Kreuz geendet hatte?
Die Antwort finden wir bei Paulus und später auch in den Evangelien: Das Unheils-Ereignis wurde in ein Heils-Ereignis umgedeutet. Aus dem gekreuzigten jüdischen Messias wurde der Retter der ganzen Menschheit. Sein Tod war kein Schei-tern; sein Tod war ein Opfer, aus Liebe und Gehorsam gegen Gott erbracht. Sein Tod lag im Plan Gottes, der die Menschheit aus der Herrschaft der Sünde und des Todes erretten wollte.
Auch die Darstellung der Passion Jesu im Johannesevangelium ist geprägt von der Absicht, Jesus als das «Passahlamm» darzustellen. Das reicht hinein bis in die Chronologie der Ereignisse.

Ich zweifle, ob Jesus seinen Tod gewollt hat, um dadurch die Menschheit zu erlösen. Dafür war sein Engagement zu sehr auf die «Kinder Israels» zentriert. Jesus hat sich nicht geopfert, um Gott ein Sühneopfer darzubringen. Er hatte ein anderes Bild vom «Vater». Jesus hat den Tod erlitten, weil er seine Sache, die für ihn zugleich die Sache Gottes war, bis zum Letzten durchgestanden hat.


Sühneopfer - eine archaische, heidnische Vorstellung


Ich kann diese kirchliche Opfer- und Erlösungstheologie bestenfalls als einen zeitbedingten Versuch der frühen Christen ansehen, dem katastrophalen Tod Jesu gottgegebenen Sinn zuzuschreiben. Die Deutung geschah mit Hilfe von Vorstel-lungen, die im spätjüdischen Denken bereitlagen; das Bild vom leidenden Gottesknecht und der Brauch des Passahmahles, der daran erinnerte, daß Israel einst durch das Blut des Osterlammes aus Ägyptens Knechtschaft erlöst wurde.
Auch die damals allgemein verbreitete religiöse Vorstellung, daß Opferblut die Gottheit versöhnt und Schuld tilgt, steht im Hintergrund der neutestamentlichen Deutung. Motive wie die Entsühnung durch Blutopfer, nicht nur durch das Blut von Opfertieren, auch durch das Blut von Menschen, das zu Ehren der Gottheit vergossen wird, tauchen auch in den Mythen und Sagen anderer Religionen auf. Die Vorstellung eines unschuldig getöteten Gottes, dessen Blut den Men-schen Heil bringt, ist jedenfalls Jahrhunderte vor dem Tod Jesu in den Mythen der Völker zu finden. Auch im Mithraskult träufelten die Opferpriester das Blut eines geopferten Stieres auf die Gläubigen und wuschen damit deren «Sünden» ab.
Solche Vorstellungen aus der religiösen Umwelt des damaligen Judentums wurden auf Jesus übertragen: Jesus ist das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt. Sie sind zeitbedingte magischmythische Deutungen, die damals von den Menschen verstanden wurden. Damals dienten sie dem Glauben, dem Sterben Jesu einen gottgewollten Sinn zu geben. In der säkularisierten Welt von heute, in der solche Opfervorstellungen keine Rolle mehr spielen, werden diese kirchlichen Glaubensformeln zu Leerformeln, unverständlich und unglaubwürdig. Sie vermögen dem heutigen Menschen nicht mehr das ursprünglich Gemeinte mitzuteilen.
Sie haben nur noch Bedeutung in der binnenkirchlichen Ritualsprache. Sie degenerieren zu kultischen Zaubersprüchen.


«... seinen Sohn dahingegeben»?


Nach christlicher Erlösungslehre «hat Gott die Welt so sehr geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn dahingegeben hat». Lag der grausame Kreuzestod Jesu demnach im Heilsplan Gottes? War die Todesstrafe, die Jesus erlitten hat, also von Gott gewollt?
Der katholische Katechismus antwortet in gewünschter Klarheit: «Zum gewaltsamen Tod Jesu kam es nicht zufällig durch ein bedauerliches Zusammenspiel von Umständen. Er gehört zum Mysterium des Planes Gottes, wie der hl. Petrus schon in seiner ersten Pfingstpredigt den Juden von Jerusalem erklärt: Er wurde nach Gottes beschlossenem Ratschluß und Vorauswissen hingegeben.» (Nr. 599)
Dieser Katechismus beteuert zwar gleich anschließend in schöner Unschuld, daß dies nicht besage, daß die, die Jesus verraten haben, «nur die willenlosen Ausführer eines Szenarios waren, das Gott im voraus verfaßt hatte». Dennoch macht diese kirchliche Lehre die jüdischen Ankläger und die römischen Schergen zu Gottes Werkzeugen, und Gott macht sie zum Drahtzieher im Hintergrund, zu deren heimlichem Komplizen.
Papst Johannes Paul II. vertritt die Lehre, daß Maria unter dem Kreuz ihres Sohnes «nicht ohne göttliche Absicht stand, [...] sich mit seinem Opfer in mütterlichem Geist verband, indem sie der Darbringung des Schlachtopfers, das sie geboren hatte, liebevoll zustimmte». (Nr. 964)
Mein Gott! Merken diese Leute überhaupt nicht, welche Ungeheuerlichkeit sie da von sich geben? Sind sie so sehr in dem Käfig ihres Denksystems verfangen, daß sie alles Gespür dafür verloren haben, wie weit sich ihr Denken von der Botschaft Jesu entfernt hat?


Abrahams Opfer


In einer Stellungnahme zu einem Buch von Hans Küng im November 1977 verglichen die deutschen Bischöfe das Handeln Gottes bei der Kreuzigung seines eingeborenen Sohnes Jesus Christus mit dem Verhalten Abrahams bei der Opferung seines Sohnes Isaak. Abraham erschien ihnen nur als ein «schwaches Vorausbild», denn dieser bricht das Schlachten seines Sohnes ab. «Aber der himmlische Vater», so die Bischöfe, «hält nicht ein, er gibt den einzigen Sohn, sein Liebstes, und damit sich selbst, für uns dahin.» (vgl. 23/329, 346)
Es gehört wohl mit zum Bedeutendsten der im Volke Israel herausgebildeten Gottesvorstellung, daß der Gott Israels Menschenopfer verschmähte. Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, die auch in der Bibel mit Ablehnung und Abscheu erwähnt werden, hat Israel seinem Gott keine Menschenopfer dargebracht. Und damit stand Israels Gott ziemlich allein inmitten der Gottheiten der umgebenden Völker.
In der berühmten Geschichte von Abraham wird erzählt, daß er seinen Sohn Isaak dem Herrn opfern wollte. Die Ge-schichte ist so, wie sie in der Bibel erzählt wird, mit Sicherheit nie geschehen. Sie gibt keinen historischen Vorgang wieder, spiegelt jedoch die Auseinandersetzung Israels mit der Praxis der Menschenopfer in den Religionen der Nachbavölker. Und die Antwort, zu der Israels Nachdenken hingeführt hat, legt der unbekannte Autor dieser Erzählung einem Engel Gottes in den Mund: «Nimm deine Hand von dem Knaben und tu ihm nichts zuleide.» (Gen 12,12)

Israels Gott will keine Sohnesopfer, überhaupt keine Menschenopfer. Abraham opfert statt dessen einen Widder.


Was Jesus unter Opfer verstand


Das Schlachten von Opfertieren, vornehmlich von Lämmern, war in allen alten mediterranen und vorderorientalischen Hirtenkulturen üblich, auch in Israel bis zur Zerstörung des Tempels durch die Römer. Doch schon die Propheten übten Kritik an den Schlacht- und Brandopfern. «Schlachtopfer will ich nicht; Liebe will ich», sagt Gott bei Hosea. (6,6)
Diesen Satz des Propheten zitiert auch Jesus. (Mt 9,13) Nicht Opfergaben will Gott, sondern Zuwendung des Herzens, Umkehr, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit. Das Opferverständnis Jesu steht in der Linie der Propheten. Für Jesus bedeutet Opfer: liebende Hingabe an Gott, den Willen des Vaters tun, so leben, wie Gott es will. Dadurch wird die «Sünde», die Nichtübereinstimmung mit Gott, überwunden. Nicht durch das Vergießen von Blut, nicht durch Schlachten von Tieren und Menschen, nicht durch Sterben, sondern durch Umkehr, Liebe und Vergebung. Der Gott Jesu bedarf keiner blutigen Satisfaktion, um eine Schuld zu vergeben. Hatte man das Gleichnis vom verlorenen Sohn bei der Konstruktion der christlichen Erlösungslehre übersehen?
Gegenüber der Botschaft Jesu und der Propheten erscheint mir die kirchliche Opfertheorie als ein atavistischer Rückfall in das Denken archaischer Frühformen des Religiösen. Sie fällt weit zurück hinter die Propheten, sogar noch zurück hinter Abraham; sie reicht zurück in die Zeit der Kinderopfer. In der Abrahams-Erzählung wurde die Opferung von Menschenblut überwunden und durch das Tieropfer ersetzt. Und bei den Propheten wurde der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit der Vorzug gegenüber dem Schlachten von Tieren gegeben. Wahrhaft ein großer Schritt in der Evolution des religiösen Bewußtseins in der Menschheit!
In der kirchlichen Deutung des Todes Jesu aber führt der Schritt in die umgekehrte Richtung: Die Opferung des einzi-gen Sohnes löst die Schlachtung von Opfertieren ab.

Nicht das Gottesbild Jesu


Jesus hatte seinen Gott im Bild des guten Vaters geschildert. Es war ein Gott, der dem schuldig gewordenen Sohn entgegeneilt, ihn, ohne Vorausleistungen zu fordern, in seine Arme nimmt und ihm bedingungslos vergibt. Doch nicht das Gottesbild Jesu wurde zur Mitte des kirchlichen Glaubens und des kirchlichen Kultes, sondern das heidnisch-mythische Bild von einer Gottheit, die durch den Ungehorsam eines einzigen Menschen unendlich beleidigt worden war und nur durch Menschenblut, durch den Sühnetod des eigenen Sohnes, versöhnt werden konnte.
Nicht aus der Gottesherrschaft, die Jesus ankündigte, kommt «Heil» in die Welt. Nicht aus der Zuwendung Gottes zum Menschen, die Jesus verkündete, wurde die Erlösung des Menschen aus schuldhafter Gottesferne begründet, sondern aus dem Schlachtopfer am Kreuz, das «im Plane Gottes» lag.
Nicht Jesu Botschaft, sondern die Lehre von seinem sühnenden Opfertod wurde zum Zentrum des kirchlichen Glaubens. Denn mehr als Jesu Botschaft sichert diese Erlösungslehre der Kirche ihre Bedeutung, ihren Status und ihre Macht. Denn, so lehrt der Katechismus: «... die Heilssendung, die der Vater seinem menschgewordenen Sohn anver-traut hat, wird von ihm den Aposteln und durch sie ihren Nachfolgern anvertraut.» (Nr. 1120)
Wem so das zeitliche und ewige Heil der Menschheit zur Verwaltung und Zuteilung anvertraut wurde, gelangt fast von selbst in eine zentrale Schlüsselstellung zwischen Gott und Menschheit. Die «Früchte der Erlösung», die Jesus durch seinen Kreuzestod erworben hat, werden von den kirchlichen Amtsträgern verwaltet und ausgeteilt.
Ich kann deshalb gut verstehen, weshalb die Kirche diese Erlösungslehre in den Mittelpunkt ihrer Lehre und ihres Kultes gerückt hat.


Heilsverwaltung - nach geltenden Bestimmungen

Die Verwaltung der «Früchte der Erlösung» in der Praxis: Es ging um die Sündenvergebung in der Beichte. Auch für die Prälaten im bischöflichen Ordinariat war es unübersehbar geworden, daß sich das Bußsakrament nicht mehr allzu großen Zuspruchs bei den Gläubigen erfreute. Die Zahl der Beichtenden ging rapide zurück.
Bei vielen Seelsorgern und Theologen führte diese Tatsache zu einem neuen Nachdenken über das Bußsakrament und zu einer Neubesinnung auf das, was Jesus über die Vergebung der Schuld gelehrt hatte. Jesus hatte nicht aufgefordert, beichten zu gehen. Jesus forderte mehr: Umkehr des Lebens. Er verkündete, daß jedem, der vom Bösen abläßt und sein Leben neu auf Gott ausrichtet, ein Neuanfang möglich wird. Schuld kann überwunden und vergeben werden. Wahr-haft, eine gute und hilfreiche Botschaft.
Nach Botschaft und Lehre Jesu ist die Vergebung Gottes jedoch nicht an kirchliche Prozeduren gebunden; die einzige Bedingung Jesu: Umkehr des Herzens, Erneuerung der Ge-sinnung, ehrliche Bereitschaft zum Neuanfang im guten! Eine Ohrenbeichte mit der Exklusivität der Sündenvergebung durch einen katholischen Priester hat Jesus mit Sicherheit nie eingesetzt.
Der ursprünglich richtige Kern der Sündenvergebung durch die Kirche trat damals vielen wieder neu ins Bewußtsein: In der Gemeinschaft derer, die an Christus glauben, sollte die Vergebung weiterleben und weiterwirken. Wer so große Schuld auf sich geladen hatte, daß er sich dadurch aus der Gemeinschaft der Mitchristen herauslöste, sollte den noch Neuaufnahme und Vergebung finden, wenn er sich von seiner Schuld distanzierte und sein Leben änderte.
Aus dieser Rückbesinnung auf die neutestamentlichen Grundlagen der Sündenvergebung wuchsen damals viele Bemühungen, in der Praxis der Seelsorge neue Akzente zu setzen. Die Ohrenbeichte wurde als nur eine der vielen möglichen Formen von Umkehr und Vergebung erkannt, obgleich ihr nach wie vor hoher pastoraler Wert zugemessen wurde.
Die persönliche Umkehr zu Gott, verbunden mit der Bitte um Vergebung bei dem Menschen, an dem man schuldig ge-worden war, wurde wieder stärker herausgestellt. Ebenso versuchte man eine uralte kirchliche Praxis neu zu beleben, den Bußgottesdienst mit gemeinsamem Schuldbekenntnis der Gemeinde und dem allgemeinen Zuspruch der Vergebung Gottes durch den Priester.
Bei den Vertretern des Ordinariats wurden die Bemühungen der Seelsorger keineswegs mit Wohlwollen begleitet. Sie riefen vielmehr ihr Mißtrauen und ihre Mißbilligung hervor. Im Kirchlichen Amtsblatt des Bistums erschien eine Verfügung des Generalvikars, der darauf verwies, daß nach den geltenden Bestimmungen die Vergebung der Sünden nur in der sakramentalen Beichte erfolge. «Nach den geltenden Bestimmungen» stand tatsächlich da! Ich erinnere mich noch, wie ratlos und irritiert ich war, als ich das las. Mir wurde wieder einmal mehr bewußt, wie weit sich amtskirchliches Denken von seinen Ursprüngen in der Verkündigung Jesu entfernt hatte.
Die von Jesus verkündete Vergebung Gottes wird «nach den geltenden Bestimmungen» verabreicht. Heilsverwaltung nach Juristenart! Wer weiß, welch große Macht über die Menschen und welch gewaltiger Einfluß auf die Gesellschaft der Kirche allein aus dem Beichtstuhl zuwuchsen, wird allerdings die Sorge des Generalvikars verstehen.

Das Kreuz im Leben - gottgefällig?


Hatten sich - nach der Lehre der Kirche - «das bittere Leiden und das hochheilige Kreuz Jesu» als gottgefällig und heilbringend erwiesen, dann müssen Leid und Kreuz doch auch für den gewöhnlichen Christen gottgefällig und heil-bringend sein. In der Tat! Der Katechismus folgt dieser Logik: «Er (Jesus) will diejenigen, denen sein Erlösungsopfer zuerst zugute kommt, an diesem Opfer beteiligen.» «Es gibt keine andere Leiter, um zum Himmel emporzusteigen, als das Kreuz.» (Nr. 191)
Aus Spanien bekam ich einen Brief von einem Priester, der früher einmal der Religionslehrer meiner Kinder gewesen war und oft in unserem Haus geweilt hatte. Obwohl er inzwischen in der Organisation «Opus Dei» eine leitende Stel-lung hat, schätze ich ihn persönlich hoch ein, weil er ein lauterer Mensch mit einem «reinen Herzen» ist. - Im Briefkopf war der Wahlspruch des Opus-Dei-Gründers Escriva gedruckt: «In laetitia, nulla dies sine Cruce.» «In Freude — kein Tag ohne Kreuz.»
Es kann durchaus sein, daß auch in meinem Leben einmal eine Zeit kommt, in der kein Tag ohne Schmerzen vergeht. Und ich weiß nicht, wie ich dann damit fertigwerde. Das muß ich dann wohl aushaken, weil mir nichts anderes übrig-bleibt. Aber ist das eine «Freude»? - Ist das von Gott gewollt?
Muß das ein bösartiger Gott sein, dem das Leiden seiner Kreatur wohlgefällig ist! Er unterscheidet sich kaum von den grausamen Gottheiten der Vorzeit, denen menschliche Qualen eine willkommene Opferspeise waren. Ein perverser Gott! Das ist nicht der Gott Jesu. Von Jesus her habe ich ein anderes Bild von Gott: ein Gott, der das Wohl des Menschen will, sein Glück, seine Freude, sein Heilsein; ein Gott, der kein menschliches Leiden will; ein Gott, der vom Leid befreien will.
Drewermanns Giordano Bruno sagt: «Mein Haupteinwand gegen den Christus der Christen lautet: Er hat den natürlichen Instinkt, den Schmerz zu fliehen und das Glück zu suchen, für etwas Gottwidriges ausgegeben, und er hat einen Gott zu den Menschen gebracht, der das Leiden Unschuldiger braucht als Sühne für seine rächende Gerechtigkeit. Eine schlimmere Sünde gegen den Menschen und gegen Gott kann niemand begehen.» (5/146)
Wohlgemerkt: Das sagt Giordano Bruno vom «Christus der Christen», nicht von Jesus.


Opfer bringen?

Die aus archaisch-heidnischen Vorstellungen stammende Lehre vom sühnenden Opfertod führte dazu, daß das Kreuz das eigentliche Zeichen des christlichen Glaubens wurde. Sicher, man kann das Kreuz als ein Zeichen sich hingebender Liebe deuten, und damit weist es ins Zentrum des Christlichen. Aber macht das Kreuz wirklich das Wesenhafte der Liebe sichtbar? Werden die Akzente nicht einseitig auf Opfer und Schmerz hin verschoben?
Gewiß: Liebe ist bereit, um des Geliebten willen auch Opfer zu bringen, Verzichte zu leisten, das eigene Glücksverlangen in den Hintergrund zu stellen, sogar Schmerz auf sich zu nehmen - aber nicht um des Opfers willen, nicht um des Verzichtes willen, nicht um des Schmerzes willen. Diese sind nicht das Ziel; sie haben keinen Wert in sich. Vom Gott Jesu her gesehen erscheinen sie mir sogar als Un-Werte. Denn der Gott Jesu will das Wohl der Menschen, Freude, Frieden, Glück. Der Gott Jesu will nicht das Kreuz. Er will nicht den Schmerz; er will, daß Schmerzen vermieden und Wunden geheilt werden. Er will kein Leid. Er will, daß Leid, Not, Elend, Haß und Feindschaft überwunden werden; er will, daß die Tränen getrocknet werden.
Opfer und Schmerzen auf sich zu nehmen kann nur dann einen gottgefälligen Wert haben, wenn sie um der Liebe willen, um das zu erreichende Gute willen auf sich genommen werden, nicht aber als Selbstzweck. Opfer bringen - für sich allein gesehen - ist noch keine gottgefällige Leistung.

Gottgefällig ist es, zu anderen gut zu sein, für sie da zu sein, wenn sie uns brauchen, einander zu helfen, zu dienen und zu vergeben. So habe ich jedenfalls die Botschaft Jesu verstanden. Ich kann jetzt - im nachhinein beim Schreiben dieser «Notizen» - besser verstehen, weshalb ich mit den dogmatischen und liturgischen Formeln von Jesus, «der uns durch sein Blut von aller Schuld gereinigt» und «uns am Kreuz von der Sünde erlöst hat», nie so recht etwas anfangen konnte. Diese kirchliche Opfer- und Erlösungslehre paßt nicht zu Jesus. Aus dem «Geist Jesu» heraus habe ich sie nie in mich aufgenommen.

 

 

 

 

Neue Wege ohne Gott?

 

WAS GLAUBEN DENN SIE?

Interessante Antworten auf die folgenden Fragen von der HP „Und die Bibel hat doch nicht recht“ ??

Es ist festzustellen, dass die Aussagen in der Bibel zu widersprüchlich sind, als dass sie in einen logischen Zusammenhang gebracht werden können. Vor allem aber das versuchen die Kirchen in ihren Dogmen und dem Versuch, sie biblisch zu begründen. Den eingestellten Linkerläuterungen ist deutlich zu entnehmen, dass  die Kirchen mit ihren aufgestellten Glaubenssätzen und Dogmen willkürlich zitieren und nicht passende Lesestellen einfach ignorieren. Einige Leser werden die eingestellten Links unter dem Stichwort "Atheismus" abhaken.

Ich kann als Agnostiker nur sagen: Mir ist ein undogmatischer Atheist, der selbst DENKT, lieber, als ein Theist, der nur GLAUBT oder als ein Fundamentalist, der absolut WEISS ! Mit dem (undogmatischen) Atheisten kann man meist interessant diskutieren.

Man schaue Videos Klick

oder lese selbst:

 

Der Heilsplan: Wer wird errettet werden? http://www.bibelkritik.ch/bibelkritik/c8.htm

Das Jüngste Gericht?  http://www.bibelkritik.ch/jesus/h8.htm

Die Bibel sagt: Es gibt mehr als einen Gott! http://www.bibelkritik.ch/jesus/h1.htm

Der sanfte Jesus? http://www.bibelkritik.ch/bibel/g4.htm

Jesu Verhältnis zu seiner Mutter! http://www.bibelkritik.ch/bibel/g15.htm

Marias Jungfernschaft! http://www.bibelkritik.ch/bibel/g12.htm

Irrtümer der Lehre Jesu! http://www.bibelkritik.ch/bibel/g27.htm

Jesu Wiederkunft hätte längst geschehen sein müssen! http://www.bibelkritik.ch/bibel/g28.htm und http://www.bibelkritik.ch/bibel/g26.htm

Hat Jesus wirklich gelebt? http://www.bibelkritik.ch/bibel/g6.htm

Jesus auferstanden oder nicht?    http://www.bibelkritik.ch/bibel/g23.htm und http://www.bibelkritik.ch/bibel/g24.htm

Antike Vorbilder der Jesus-Geschichte! http://www.bibelkritik.ch/bibel/g1.htm

Das Neue Testament – ein heiliges Buch?  http://www.bibelkritik.ch/bibelkritik/a7.htm

Entstehung des NT! http://www.bibelkritik.ch/bibelkritik/a5.htm

Kirchengründer: Jesus oder Paulus? http://www.bibelkritik.ch/jesus/f14.htm

 

Und was glauben SIE jetzt, wenn SIE die Antworten gelesen haben?

Weitere Bibelkritische Informationsseiten

Hubertus Halbfas, Traditionsbruch und Neubeginn - Paradigmenwechsel am Ende der überlieferten Neuzeit 

Glauben und Wissen, Inhaltsverzeichnis:    http://www.glauben-und-wissen.de/M1.htm#Inhaltsverzeichnis

Widersprüche in der Bibel http://www.bibelzitate.de/wsidb.html

Falsche Vorhersagen  http://www.bibelzitate.de/up.html

Das Theodizeeproblem   http://www.dittmar-online.net/religion/theodizee.html

Entwicklung des Christentums in der Antike:  http://www.wcurrlin.de/kulturepochen/kultur_roemer.htm#glaubensueberzeugungen-jesu

Und die Bibel hat doch NICHT recht: Das Buch der Bücher im Licht von Wissenschaft, Vernunft und Moral - Objektive Bibelkritik nach Johannes Maria Lehner  http://www.bibelkritik.ch/

Übersetzungsprobleme   http://www.dittmar-online.net/religion/bibel/translation.html

Und HIER noch viel mehr Angebote zum Lesen ...

 

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