Aquarell D. Streich

"Du bist angenommen!‘ Angenommen, bejaht durch das, was größer ist als Du, und dessen Namen Du nicht kennst. Frage jetzt nicht nach dem Namen, vielleicht wirst Du ihn später finden. Versuche jetzt nicht, etwas zu tun, vielleicht wirst Du später viel tun. Trachte nach nichts, versuche nichts, beabsichtige nichts. Nimm nur dies an, dass Du angenommen bist.“

Aus einer Predigt  von Paul Tillich am 20. August 1946

 

Sie finden auf dieser Unterseite:

  • 2016 Detlef Streich: De(n)kalog -  10 neue DenkanGEBOTE für  Menschen, die Zweifel haben, an welcher Kirche auch immer … (Mai 2016)
  • 2013 Jenseitsvorstellungen der NAK – Realität oder Phantasie?
  • 20.8.2014 JHWH -Ein Gott mit Lebenslauf? Oder: Am Anfang war der Irrtum Bibelarbeit zum Prolog des Johannesevangeliums für werdende Aussteiger  (DS)
  • Kirche, Religion und Glaube im 21.JHD (DS)
  • WAS GLAUBEN DENN SIE? Interessante Antworten auf substanzielle Glaubensfragen

  • Links: Neue Wege ohne Gott?

 

Detlef Streich: De(n)kalog - 10 neue DenkanGEBOTE für  Menschen, die Zweifel haben, an welcher Kirche auch immer … (Mai 2016)

Vorbemerkung zum De(n)kalog: Die theologischen Vereinfachungen in diesen Ausführungen durch Auslassung verkomplizierender Bibelzitate oder Sachverhalte sind beabsichtigt und beruhen nicht auf der Ahnungslosigkeit oder Unfähigkeit des Verfassers. Der Text erhebt auch keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, da er nicht unter dem Anspruch eines apologetischen Kritikerantikirchenkatechismus sondern lediglich unter dem Aspekt zugegeben fragmentarischer Denkanstöße verstanden werden möchte. Alles Weitere muss jeder Leser vertiefend ohnehin mit sich selbst ausmachen.

  1. Euch wird gesagt: Du sollst Gott lieben und keine anderen Götter neben ihm haben (2.M 20f).

Zu überlegen ist:

Du solltest überhaupt keinen Kirchengott anbeten oder lieben, denn sie sind allesamt nur menschliche Erfindungen und haben sich historisch nachvollziehbar je nach den Bedürfnissen ihrer Verkünder genauso in ihrem Profil angepasst oder verändert (oder auch nicht) wie die Kirchen es mit ihren Dogmen bis auf den heutigen Tag tun (siehe z.B.: D. Streich: Ein Gott mit Lebenslauf?- Oder: Am Anfang war der Irrtum Druckfassung). Wenn es das, was wir mit der Chiffre „GOTT“ bezeichnen, wirklich gibt, ist er keine der bekannten und beschriebenen Götter. Er wäre nicht über uns, sondern in uns, um uns und überall und über allem. Paulus benannte das im 1 Kor. 12,6 wie folgt: „Es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen.“ Oder auch: „Von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge.“ (aus Römer 11, 33 f)

Thomas von Aquin stellte fest: „Man sollte wissen, dass es an Gott etwas gibt, das den Menschen in diesem Leben gänzlich unbekannt bleibt, nämlich was Gott ist. … Wir sind mit Gott als mit einem Unbekannten (ignotus) verbunden.“

Und Meister Eckhart , der bedeutendste Vertreter der Negativen Theologie im Mittelalter, der „den personalen dreieinigen Gott zusammen mit allen weltlichen Phänomenen zum unerkennbaren Einen hin transzendiert“ (Quelle: Negative Theologie),  schrieb:  "Der Mensch kann nicht wissen, was Gott ist. Etwas weiß er wohl: was Gott nicht  ist! ... Das ist Gottes Natur, dass er ohne Natur ist."  

Der moderne evangelische Theologe Paul Tillich nimmt diese Sicht auf und führt sie weiter:

Wenn wir sagen ‚Gott ist eine Person‘, sagen wir etwas, was tief falsch ist. [. . . ] Wir sollten deshalb nie sagen, dass Gott eine Person ist. Weder die Bibel noch die klassische Theologie haben das gesagt. In der klassischen Theologie ist der lateinische Termin persona nur für die drei Gesichter Gottes als Vater, Sohn und Geist benutzt. Die Anwendung des Termins ‚Person‘ an Gott ist eine karge Erfindung der Theologie des 19. Jahrhunderts und noch mehr der populären Rede über die Religion.“

Und weiter führt er an anderer Stelle aus:

 „Gott über Gott“ Wie ist das möglich? Weil Gott nicht ein Seiendes ist, sondern der Grund alles Seienden, weil er als der schöpferische Grund alles Seienden auch der Grund meines Seins ist und nicht gegen mich steht. In meiner Selbstbejahung bejaht er sich selbst. Indem er an mir teilhat, ist Autorität hinfällig geworden. Das, was in mir Gott töten will, ist Gott selbst, nämlich der Grund meines Seins und Sinnes – meiner Selbstbejahung. Man könnte dies den ‚Gott über Gott‘ nennen, das heißt über jenem Gott, der ein höchstes Wesen und die Ursache jeder heteronomen und hypostasierten Autorität ist. Der wahre Gott, der Gott über jedem Gott, der ein Wesen ist, befreit uns von der totalen Autorität auch des höchsten polytheistischen Gottes, der in Wahrheit ein Dämon ist.“ P. Tillich, Autorität und Offenbarung, GW VIII, S. 69.

Dass du die anderen Götter neben ihm, wie Geld, Macht, Autos, Selbstsucht und viele mehr, nicht lieben, ihnen nicht dienen oder sie verehren sollst ist hingegen genauso richtig wie das Gebot: Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben (Dekalog).  Aber das wird ohnehin nirgends verkündet oder beachtet, denn dann würde das ganze christliche Religionssystem zusammenbrechen. Gerade in der heutigen Zeit wird der Kirchengott oft mehr als Bedrohung empfunden und ist angstbelegt, denn als Hoffnung oder Kraft. Aber „der Mut zum Sein gründet in dem Gott, der erscheint, wenn Gott in der Angst des Zweifels untergegangen ist.“  (Tillich)

  1. Euch wird gesagt (auch im NT durch Jesus): "Du sollst Gott, deinen HERRN, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüte und deinen Nächsten wie dich selbst. (Lk 10, 27)

Zu überlegen ist:

Wie kann Liebe befohlen werden (du SOLLST!)? Liebe entsteht und wächst. Aber wie kann man etwas lieben, von dem man sich weder Bild noch Gleichnis machen soll. Oft liebt auch der Mensch nicht wirklich sein Gegenüber sondern nur das Bild, das er von seinem Partner hat. Zerbricht das Bild, so zerbricht auch die Partnerschaft. Richtig ist das Gebot der Selbstliebe. Erst wenn du dich selbst liebst, kannst du zunächst auch deinen Nächsten lieben, und zwar so wie er wirklich ist. Ansonsten liebst du in ihm nur narzisstisch dich selbst und missachtest dabei völlig seinen berechtigten Anspruch, eine eigene Persönlichkeit zu verwirklichen. Um dich selbst aber lieben zu können, musst du dich erkennen und dich rücksichtslos dir selbst stellen, so wie du wirklich bist. Nur wer er auf dem Weg zu sich selbst ist, kann auch auf einem Weg zum Nächsten sein und möglicherweise Gott begegnen (was auch immer dann darunter zu verstehen sein könnte; siehe Antwort 1).

  1. Euch wird gesagt: Jesus ist Mensch und Sohn Gottes. Durch seinen unschuldigen Kreuzestod ist Jesus der Christus geworden, weil Gott sich durch den freiwilligen Opfertod seines Sohnes mit aller Sündenschuld der gesamten Menschheit versöhnt hat.

Zu überlegen ist:

Die ersten Christen und vor allem Paulus haben aus dem hebräischen Maschiach, an den man keine endzeitlichen Heilserwartungen knüpfte, einen weltumspannenden Heilsbringer Messias/Christus gemacht, der die Kluft zwischen Gott und dem sündigen Menschen ein für alle Mal geschlossen hat. Nimmt man das theologisch ernst, ist von diesem Moment des Todes, als Jesus der Christus wurde, etwas geschehen, das von einem unvorstellbaren, auch kosmologischen Ausmaß ist. Niemand bräuchte mehr missioniert werden, da die Tat Jesus des Christus ein für alle Mal auf immer und ewig für jeden vollgültig ist, da jeder Mensch oder Außerirdische in dieser vollumfänglichen Gnade mit Gott versöhnt ist: Jesus der Christus hebt die Entfremdung des Menschen zu Gott auf! Hiermit ist aber die Erfindung des Jüngsten Gerichtes oder eines tausendjährigen Friedensreiches völlig überflüssig. Diese Tat Jesus des Christus kann weder geschmälert noch vermittelt werden. Sie bedarf auch weder eines  Bekenntnisses zu irgendeiner Religion, auch keiner christlichen, oder irgendwelcher guten Taten. Wenn eine Werkgerechtigkeit nicht erarbeitet werden kann gibt es auch keine noch so schlimme vergangene oder zukünftige Tat, die nicht durch dieses Geschehen bereits gerechtfertigt ist. Die Bemühungen des Einzelnen im Leben sind und bleiben fragmentarisch. Es erfolgt also keine direkte Freigabe unter dem Hören der Worte, „Dir sind deine Sünden vergeben“, sondern diese Worte sind lediglich die Verkündung einer ewig geltenden und bereits vollzogenen Tatsache. Allerdings wird diese Sicht auch theologisch sehr kontrovers aufgefasst, die ökumenische Annäherung zwischen RKK und EKD ist an einer gemeinsamen Schrift zur Rechtfertigungslehre fast gescheitert (Wortlaut der Erklärung). Drei Theologen = mindestens 6 Meinungen und Ansichten, da diese Damen und Herren in höchst komplexer Form dialektisch argumentieren und jeden Begriff wie Heil, Christus, Auferstehung, Ewiges Leben, Gnade etc im Gegensatz zum Verständnis volkstümlich Glaubender zu Recht neu definieren und ihn damit aus dem Dunst banaler Missdeutung herauslösen. In Sekten und fundamentalistischen Gruppen gibt es im Gegensatz dazu ohnehin nur richtig (=wir) und falsch (= die anderen). Der evangelische Theologe Heinz Zahrnt drückte das Problem so aus:

Da sitzen wir Theologen dann, einzeln oder in Schulen zerteilt, im Kreis unter dem Baum der Erkenntnis und zeigen uns gegenseitig die Früchte, die wir gepflückt haben, lieblich anzuschauen und gut zu essen, derweil Adam und Eva im Schweiße ihres Angesichts das Gemüse für den Wochenmarkt ziehen. Oder in einem Bild Søren Kierkegaards: Statt die Wäsche zu waschen, stellen wir Schilder her mit der Aufschrift "Hier wird Wäsche gewaschen" und streiten schwermütig darüber, wie die Schilder beschaffen und beschriftet sein müssen, welche versichern, daß hier Wäsche gewaschen werde. (…)Der neue Schlüsselbegriff heißt "Koinonia", "Einheit als Gemeinschaft der bleibend Verschiedenen". Statt sich bei Divergenzen aufzuhalten, gilt es, die vorhandenen Konvergenzen auszuleben, in der Hoffnung, sie auf diese Weise zu erweitern und zu vertiefen. Der südafrikanische Erzbischof Desmond Tutu hat dies 1993 vor der Kommission für "Glauben und Kirchenverfassung" in Santiago de Compostela in den Appell gefaßt: "Riskiert, euch so zu verhalten, als wäret ihr vereint, und laßt die Theologen dann die nötigen Aufräumungsarbeiten machen." Die Lehre trennt, aber das Leben vereint. Und nur was sich wandelt, bleibt.“ Q.: -Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt,  30. Januar 1998, Nr. 5

  1. Euch wird gesagt: Nur wer unter das Wort göttlicher Predigt und Offenbarung kommt, wer die Sündenvergebung empfängt und an der Abendmahlsgemeinschaft teilnimmt, wer in der Gemeinschaft treu bleibt und ihren Verkündern nachfolgt, wer Zeit und Geld opfert, wer sein Leben in den Dienst des Herren stellt und dabei eigene Interessen hintenanstellt, wird in die Gemeinschaft mit Gott und Christus eingehen.

Zu überlegen ist, dass all diesen aufgestellten Bedingungen unter Beachtung der bisherigen Antworten völliger Unsinn sind und nur dem Selbsterhalt des Systems und dem Machterhalt ihrer Führer dienen!...

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Siehe auch den Literaturauszug: Paul Tillich: Das Neue Sein in Jesus als dem Christus als die Macht der Erlösung

DS 2013: Jenseitsvorstellungen der NAK – Realität oder Phantasie? DS Druckfassung

Das Abendmahl für Verstorbene  gehört seit Anbeginn zum gottesdienstlichen Geschehen der  NAK. Wird dies als Ritual des Gedenkens verstanden, ist dagegen nichts zu sagen, weil darin ein gewisser Trost über den Verlust von lieben Menschen liegt.  Wird hingegen der Anspruch erhoben, nicht neuapostolisch Verstorbene in magischer Weise die Sünden zu vergeben, sie zu taufen und zu versiegeln, liegt darin nicht nur ein Akt der Vermessenheit, die eigenen Vorstellungen exklusiv über die anderer Religionen zu erheben, sondern es zeigt sich darin auch eine äußerst simplifizierende Sicht der gedachten Jenseitsbereiche. Die Verstorbenen werden kategorisiert, als bestünden sie nur aus einer Eigenschaft und sind dem entsprechend nun im Bereich der Mörder, Ehebrecher, Kinderschänder etc.  Die gedachte Annahme der Sündenvergebung führt sie nun heraus aus ihren „Gefängnissen“ in den Bereich der „Erlösten“, dort  können sie nun warten und winken, bis zur Wiederkunft Jesu …

Woher kommen solche Vorstellungen, die als Realität aufgefasst werden? Und warum können sie nicht mit vernünftigen Argumentationen beseitigt werden?

Von frühester Kindheit an erzeugen neuapostolische Eltern und hier besonders die Mütter  bewusst und unbewusst als verlängerter Arm der NAK bei ihren Kindern spezifische „innere Bilder“ und formen sie somit zu dem „neuapostolischen Bild" vom Menschen primär in seiner Bestimmtheit als Gotteskind. Das "tut ein Gotteskind nicht", "Gott ist traurig" und ähnliche Verknüpfungen zwischen Moralvorstellungen und Sünde zu göttlichem Heil und Unheil sind die seelischen Geißeln, die diesem Entwicklungsprozess den nötigen Gewissensgrund geben.  Und immer im ABSOLUTEN Mittelpunkt der sich entwickelnden Person steht die NAK, die den Horizont und Blickwinkel begrenzt und bestimmt und um den sich alle Selbstbildung des Kindes rankt! Das Lebensziel ist eschatologisch bestimmt und auf das Jenseits ausgerichtet und nicht auf das wirkliche Leben in „dieser Welt“! Der geistige Tod – also das ewige Getrenntsein von Gott (= Trennung von der NAK) – wird als das „Furchtbarste“ deklariert, der leibliche Tod hingegen ist ja schließlich nur das Ablegen der „körperlichen Hülle“! Gehirnwäsche über predikale Psychomanipulation und Großgruppendynamik sind in Folge die Mittel, die dem Erwachsenen die Richtigkeit dieser inneren Bilder immer wieder suggestiv bestätigen.  Verankert werden diese Bilder aber nicht im Großhirn, das für Sprache und alle kognitiven Prozesse zuständig ist, sondern im Stammhirn, dem ältesten Teil und eigentlichen “Betriebssystem“ des Menschen. Hier sind bildhaft die konditionierten „inneren Gewissheiten“ als Vorstellungen verankert, die von dort direkt in die Organisation aller grundlegenden Lebensprozesse und auch Körperfunktionen hineinwirken. Jede spätere, erneute Suggestion des sich entwickelnden Kindes und auch Erwachsenen über den regelmäßigen Predigt- und besonders Liedkonsum spricht genau dieses fundamentale Zentrum des Gehirns an, und nicht etwa das „kognitiv“ orientierte Großhirn. Die normalerweise beim Sehen in Aktion tretenden occipitalen Gehirnlappen werden in der sich dabei automatisch einstellenden Trance verstärkt durchblutet und befördern so das „innere Sehen“.  Die so erzeugte Resonanz zu den „inneren Bilder“  überlagert nun immer wieder die äußere Wirklichkeit bis hin zur Vollständigkeit und erzeugt ein anderes Bewusstsein, weil diese ältesten Hirnschichten keine Sprache verstehen und keine komplizierten Zusammenhänge.

„Zwecklos also, mit differenzierten Analysen oder Inhalten aufzuwarten. Sie verstehen Bilder, gefühlsbehaftete, archaische Bilder, Symbole, Gleichnisse - davon sind die Reden voll. Und sie verstehen Klänge. Der Tonfall, wechselnd zwischen vertrauenweckender Väterlichkeit und strenger Autorität, übersetzt die wortarchäologischen Bedeutungen in Melodie, und Melodie und Musik wirken immer unmittelbar suggestiv... Und schließlich appellieren die Massenrituale an ein quasireligiöses Urvertrauen, erzeugen im sozialen Gleichklang ein Milieu unzweifelhafter Glaubwürdigkeit und erlauben, Erwartungshaltungen dramaturgisch punktgenau zuzuspitzen. Damit ist fast das gesamte Inventar möglicher Anspracheformen an das Hypnosebewusstsein eingebracht.“ (SWR, “Die Macht der inneren Bilder“, cut 9)

Dabei wären andere Jenseitsvorstellung wesentlich interessanter und basieren auf einem „größerem Gottesbild“, als dem der NAK.  Um nur eines herauszugreifen, hier ein kurzer Ausschnitt aus Neale D. Walsch: Freundschaft mit Gott (S.102 ff) zur Frage des Lebens nach dem Tod:

Diese Erfahrung machst du - du erinnerst dich- - sofort nach dem Tod. nachdem du deinen Körper verlassen hast. Alle Seelen erleben ihr Innewerden des Einsseins auf eine höchst interessante Weise. Es wird ihnen gestattet, noch einmal jeden Moment ihres gerade vollendeten Lebens durchzu­gehen und ihn nicht nur aus ihrer Sichtweise, sondern auch aus der all jener zu erleben, die in diesem Moment davon berührt waren.“

Das Ende dieser „Rückschau“ ist jedoch nicht die Hölle, denn, so Walsh weiter,

 „Es gibt keinen solchen Ort der ewigen Qual und Verdamm­nis, wie ihr ihn in euren Theologien erschaffen habt… Doch dabei geht es um Wachstum, nicht um »Gerechtigkeit«. Es ist ein evolutionärer Prozess, nie eine »Strafe« Gottes. Und bei eurer „Lebensrückschau« werdet ihr von niemandem gerichtet werden, sondern euch wird einfach gestattet zu er­fahren, was euer Ich in seiner Gesamtheit erlebt hat; an Stelle von dem, was eure örtlich begrenzte Ich-Version, die in eurem gegenwärtigen Körper residiert, in jedem Augenblick ihres ir­dischen Daseins durchlebte.“

Und das dahinter stehende Ziel:

 „Gott ist nicht daran interessiert, euch in ein Zurück zu brin­gen. Gott ist daran interessiert, euch voranzubringen. Ihr befindet euch auf dem Pfad der Evolution, nicht auf dem Weg zur Hölle. Das Ziel ist Gewahrsam, Bewusstheit, nicht Vergeltung.“


Natürlich sind auch das nur "Vorstellungen", aber wenn es überhaupt weitergeht, dann erscheint mir das logisch auch im Sinne weiterer, evolutionärer Entwicklungen und geistiger Reifung. Aber dazu braucht man dann auf jeden Fall auch keine NAK mehr …

 

 

Detlef Streich: Ein Gott mit Lebenslauf?- Oder: Am Anfang war der Irrtum

Bibelarbeit zum Prolog des Johannesevangeliums (1. Strophe) (stark überarbeitete Fassung vom 20.8.2014)

 

Gliederung:

  1. Im Anfang war das Wort  - Thesen und Überlegungen
  2. Zwischenbemerkungen                                                            
  3. Antithesen: Der Schöpfergott und der Mensch                
  4. Gottes Lebenslauf                                                                        
  5. Zusammenfassung                                                                                  
  6. Sinn und Aufgaben von Kirche in heutiger Zeit – Oder:  Kirche ja, aber wohin?  (ein Thesenpapier von 2004)    

 

Der Mut, die Angst vor der Sinnlosigkeit auf sich zu nehmen, ist die Grenze, bis zu der der Mut zum Sein gehen kann. Jenseits dieser Grenze ist bloßes Nichtsein. In diesem Mut werden alle Formen des Mutes wiedergeboren aus der Macht des Gottes über dem Gott des Theismus. Der Mut zum Sein gründet in dem Gott, der erscheint, wenn Gott in der Angst des Zweifels untergegangen ist. (Aus Paul Tillich: Der Mut zum Sein)

                                                        

  1. Im Anfang war das Wort  - Thesen und Überlegungen

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott.  Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen.

Schön sind diese ersten Worte des johanneischen Evangelisten, ja sogar poetisch muten sie an durch ihre Rhythmisierung. Nicht ohne Grund werden die ersten Verse des Textdichters deswegen auch als Lied (Hymnus) bezeichnet und demzufolge in Strophen unterteilt. Ja sie können sogar zum Gegenstand philosophischer und/oder theologischer Betrachtungen gemacht werden.

Diese Zeilen klingen so umfassend und kirchenfrei und sie sind es tatsächlich auch. Vieles an Interpretationen ist möglich, denn der in der Bibel mit „Wort“ übersetzte Ausdruck  „logos“ hat eine vielfältigere Bedeutung als unser deutsches Wort.  Zudem bleibt unklar, welches "Wort" konkret gemeint ist.  Ist es der Bezug zu  Genesis 1,1: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war.“ Naheliegend wäre es, fragwürdig bleibt es. Deswegen lassen manche Übersetzer den Logosbegriff unübersetzt stehen. Dazu ein Textvergleich :

Konkordantes Neues Testament (KNT):

 

Zu Anfang war das Wort, und das Wort war zu Gott [hingewandt], und [wie] Gott war das Wort.“

Haubeck & von Siebenthal: Neuer sprachlicher Schlüssel zum griechischen NT:

„[...] das Wort/ der Logos war Gott (d.h. seinem Wesen nach Gott)“

Hier die 1. Strophe in der Fassung von Christian Dietzfelbinger, der den Begriff „logos“ auch direkt in den Text einfügt:

1 Im Anfang war der Logos, und der Logos war bei Gott, und Gott war der Logos.

2 Dieser war im Anfang bei Gott.

3 Alles ist durch ihn geworden, und ohne ihn wurde nicht eines, das geworden ist.

4 In ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.

5 Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht überwältigt.

Durch den Begriff „Logos“ wird der Inhalt dieser Worte zwar nicht klarer, er erfährt jedoch zumindest eine Befreiung aus der relativen Simplizität des deutschen Wortes „Wort“. Aber was bedeutet Logos? Im hellenistischen Judentum, als mögliche relevante Quelle zum besseren Verständnis, bezeichnet logos das ewige Denken des einen Gottes. Der göttliche Logos tritt somit bei der Schöpfung aus Gott heraus und wird zum Erklärungsgrund der Welt selbst.  Heraklit verstand in ähnlicher Weise unter Logos das ewige Weltgesetz, das sich dem Verständnis des Menschen entzieht.

Das hebräische Wort "dabar" hat aber neben der einfachen Bedeutung "Wort" im Gegensatz zu einer rein konstativen Beschreibung  noch einen zusätzlichen Aspekt, der in der Linguistik „performativer Sprechakt”  genannt wird. Das bedeutet, dass durch den Akt des Sprechens sich die (soziale) Wirklichkeit ändert. Als Beispiel hierfür möge das „Ja-Wort“ bei der Eheschließung dienen. Ebenso können die Worte einer Mutter „Hab keine Angst“ bei einem Kind tatsächlich eine Beruhigung oder sogar Vertrauen zu sich selbst auslösen.  Während der "Logos" also als Weltgesetz sogar noch über den Dingen steht, hat "dabar" eine in den Worten liegende, wirklichkeitsverändernde Kraft und Bedeutung, die so gesehen sehr zum  Johannesprolog passt: Das Wort als einwirkende, schöpferische Kraft.

Das Wort lógos hat allerdings weitere und sehr verschiedene Deutungsmöglichkeiten. Hier eine kleine Auswahl: das Sagen, Sprechen, Rede, Darstellung; Wort, Spruch, Ausspruch, Behauptung, Satz, Grundsatz; Beschluss; Kunde, Botschaft; Denkkraft, Vernunft.

Denkkraft und Vernunft haben zudem viel mit dem sich ebenfalls aus dem „logos“ ableitenden  Wort „Logik“ gemeinsam. Was aber haben Logik und Vernunft mit Religion zu tun?  

Dazu nun zwei Kommentare zum Johannesprolog von hochrangigen Wortverkündern  aus den beiden christlichen Volkskirchen.

Für den späteren Papst Benedikt (Ratzinger) ist der Zusammenhang zwischen Logik, Vernunft und Religion kein Problem. Im Gegenteil und sehr erstaunlich scheint ihm das sogar konstitutiv einander bedingend zu sein. Ratzinger fügt nämlich Vernunft und Glaube auf der Grundlage platonischer Ideen zusammen, nach denen die Wirklichkeit an sich nicht selbst sondern erst durch Vernunft erkennbar wird. Die Realitäten werden von Platon  als Abbilder immaterieller Urformen (Ideen) gesehen, die eben nicht mit den Sinnen wahrnehmbar sind. So schreibt er:

„Wenn das Johannesevangelium Christus als den Logos bezeichnet, so kommt diese Verschmelzung sehr deutlich zum Vorschein: Der Text drückt damit die Überzeugung aus, dass im christlichen Glauben das Vernünftige, die Grundvernunft selbst zum Vorschein kommt, ja, er will sagen, dass der Grund des Seins selbst Vernunft ist und dass die Vernunft nicht ein zufälliges Nebenprodukt aus dem Ozean des Unvernünftigen darstellt, aus dem eigentlich alles stammte.”

Aus: Joseph Ratzinger, Theologie und Kirchenpolitik, in: Internationale katholische Zeitschrift “Communio” 9 (1980)

Ergänzend dazu schreibt er im 6. Kapitel seines Buches “Jesus von Nazareth”, Freiburg im Breisgau 2007, S. 211,  nun als Papst:

„ Die Welt “kommt aus der ewigen Vernunft, und nur diese schöpferische Vernunft ist die wahre Macht auf der Welt und in der Welt. Nur der Glaube an den einen Gott befreit und ‘rationalisiert’ wirklich die Welt. Wo er verschwindet, wird die Welt nur scheinbar rationaler.“

Bis soweit so gut, aber direkt im Anschluss schlussfolgert er in dichotomer Gegenüberstellung der „ewig schöpferischen Vernunft“ zu „unauflösbarer, chaotischer Dunkelheit“  in fast fundamentalistischer Manier:

In Wirklichkeit müssen nun die Mächte des Zufalls anerkannt werden, die unbestimmbar sind; die ‘Chaostheorie’ tritt der Einsicht in die rationale Struktur der Welt zur Seite und stellt den Menschen vor Dunkelheiten, die er nicht auflösen kann und die der rationalen Seite der Welt eine Grenze setzen. ‘Exorzisieren’, die Welt in das Licht der ratio stellen, die von der ewigen schöpferischen Vernunft und ihrer heilenden Güte herkommt und auf sie zurückweist - das ist eine bleibende, zentrale Aufgabe der Boten Jesu Christi."

Und die evangelische Seite und Sicht? Auf der  5. Tagung der 11. Synode der EKD im November 2012 hat Frau Prof. Dr. Dr. h.c. Margot Käßmann, Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017 in einer Bibelarbeit zum Prolog einführend folgendes erwähnt:

„Im Anfang war das Wort. Keine Weihnachtsgeschichte, keine Krippe im Stall, keine Hirten, keine Weisen, keine Engel   es menschelt nicht so sehr bei Johannes wie bei Lukas oder Matthäus. Eher sachlich bleibt er, ja fast nüchtern protestantisch: Gott ist das Wort und in diesem Wort ist Leben, das zum Licht der Menschen wird. Der Neutestamentler Klaus Wengst zeigt in seinem Kommentar auf, wie das Johannesevangelium hier an die jüdische Weisheitsliteratur anknüpft. Dort wird die Weisheit als Mitschöpferin Gottes gesehen, als erste von Gott geschaffen und dann die Verbindung zu den Menschen suchend. Etwa im apokryphen 1. Henochbuch: „Die Weisheit ging aus, um unter den Menschenkindern zu wohnen, und sie fand keine Wohnung; die Weisheit kehrte an ihren Ort zurück und nahm ihren Sitz unter den Engeln.“

Wirklich aufschlussreich ist der Verweis auf die Weisheitslehre auch hier nicht, eher im Zusammenhang der Darstellungen etwas verwirrend. Am Ende ihrer Rede resümiert Käßmann dann:

„Am Anfang war das Wort – und so wurde Schöpfung, Leben, Licht der Menschen. Im Anfang war das Wort – und so wurde durch Jesus Christus Gott sichtbar für die Völker der Welt, Hoffnung für die Menschen, Licht in der Finsternis über den Tod hinaus. Von diesem einen Wort her leben wir, formen Worte, glauben, reden, handeln, mit Herzen, Mund und Händen, Intellekt und Spiritualität, Ringen um die Wahrheit und Freude an der Gemeinsamkeit. Von diesem Anfang her, auf den wir uns rückbeziehen, der für uns gegenwärtig präsent ist und von dem her wir Zukunft gestalten wollen.“

… und so fort im Stile von letztlich allerdings mehr oder weniger Allgemeinplätzen, die im Gegensatz zur katholischen Denkrichtung eher an existenziellen Werten orientiert zu sein scheinen!

 

2. Zwischenbemerkungen

Ich selbst habe diesen Johannesprolog auch schon immer als sehr beeindruckend empfunden und ihn in Anlehnung an die jüdische Sicht auch zum Gegenstand einer eigenen Bearbeitung (ganz unten) gemacht:

Λόγος - logos 24.2.07 (Auszug)

im anfang war der ruhende

und der in sich selbst ruhende war der ursprung

der ruhende war ursprung von sinn und vernunft

ursprung sinn und vernunft waren im ruhenden

alle dinge sind durch den alles durchwirkenden ursprung gemacht

und ohne den aus sich selbst herausgetretenen ruhenden

ist nichts gemacht was gemacht ist

Worte erzeugen Gedanken, und Gedanken werden in Worten ausgedrückt. Gedanken und Worte wiederum schaffen gleichzeitig Denkräume und Gedankeneinschränkungen.  Auch am Anfang jeder Ideologie steht  immer das Wort. Und stets wird als Urheber des Wortes im christlichen Sinn Gott benannt, theologisch begründet mit dem einen Teil des Dreieinen: Heiliger Geist. Er ist der Paraklet – der Wirkende, der Verursacher, der Verkünder, der Tröster!

Gerade in fundamentalistisch-sektiererischen Gruppen wird das aber besonders zum Problem: Der Sprecher versteht sich nur als Sprachrohr Gottes  und ist nicht verantwortlich für den Inhalt der Verkündung. Das Wort kommt ja von Gott. Und ohne das gerade jetzt verkündete Wort ist alles nichts, und nichts Positives kann folgen ohne die gleichzeitig eingeforderte,  bedingungslose Annahme des gerade gehörten Wortes. In ihm ist das Leben für den Hörer. Es ist sein Licht! Und das Licht scheint in der Finsternis, die aber hat es nicht begriffen – wir aber als die eben hörenden Hörer haben es begriffen, verstanden und folgen nach, nehmen es an usw. Der Sprecher verkündet aus Gottes Gnaden eben den aktuellen Willen Gottes. Vernünftig der, der diesem Wort folgt - Chaos dem und Verwerfung, der es ignoriert. Himmel oder Hölle! Plakativ rhetorischer, dichotomer Scheindualismus! Selbst lebensfeindliche Denkvorgaben wie „Im Leiden liegt die Freude des Ewigen Lebens begründet“ oder literarischer „Durch Nacht zum Licht“ bleiben Glaubenswortparolen. Diese fundamentalistischen  Gruppen missbrauchen   die Problematik des Menschen vor der Kontingenz des Seins im Allgemeinen und speziell im Vergleich den Menschen gegenüber, die sich in keiner Weise um gottgegebene Regeln und Gesetze kümmern. Diese Problematik ist uralt. So schrieb bereits der Psalmist im 73. Psalm:

2Ich aber hätte schier gestrauchelt mit meinen Füßen; mein Tritt wäre beinahe geglitten.  3 Denn es verdroß mich der Ruhmredigen, da ich sah, daß es den Gottlosen so wohl ging.   4 Denn sie sind in keiner Gefahr des Todes, sondern stehen fest wie ein Palast. 5 Sie sind nicht in Unglück wie andere Leute und werden nicht wie andere Menschen geplagt. 6 Darum muß ihr Trotzen köstlich Ding sein, und ihr Frevel muß wohl getan heißen. 7 Ihre Person brüstet sich wie ein fetter Wanst; sie tun, was sie nur gedenken. 8 Sie achten alles für nichts und reden übel davon und reden und lästern hoch her. 12 Siehe, das sind die Gottlosen; die sind glücklich in der Welt und werden reich.

Soll also wirklich alles gottesfürchtige Leben vergebens sein? Da das nicht sein kann, wird also fleißig umgedeutet. Die sachliche Beobachtung weicht dem religiös geprägten Wunschdenken:


16 Ich dachte ihm nach, daß ich's begreifen möchte; aber es war mir zu schwer, 17 bis daß ich ging in das Heiligtum Gottes und merkte auf ihr Ende.
   18 Ja, du setzest sie aufs Schlüpfrige und stürzest sie zu Boden. 19 Wie werden sie so plötzlich zunichte! Sie gehen unter und nehmen ein Ende mit Schrecken.
   27 Denn siehe, die von dir weichen, werden umkommen; du bringest um, alle die von dir abfallen.

Und diese Gedanken des Psalmisten wurden und werden zum allgemeingültigen Glaubensgut und haben ein riesiges Droh- und Angstpotential, das auch und eben gerade in eschatologisch ausgeprägten Endzeitsekten entsprechend ausgenutzt wird.

 

3. Antithesen: Der Schöpfergott und der Mensch

Es ist immer schwer, sich von den eigenen Meinungen zu verabschieden, auch wenn die beobachteten Fakten  nicht mit der religiösen Überzeugung übereinstimmen. Es kann eben nicht sein, was nicht sein darf. Aber wo liegt der Ursprung dieses apologetischen Redens von Gott und dem Logos und seiner Weltschöpfung?  Gemäß Genesis 1 ist Gott der Weltenschöpfer. Auf sein Wort hin entstehen die Gestirne und die Erde belebt sich. Besonderes Augenmerk richtete er auf den Menschen: Er entstand nicht, er wurde gemacht zu einem Bild, das Gott gleich sein sollte. Hier stellt sich aber sogleich die Frage: Von welchem Menschen ist hier die Rede?

Sind es die bereits vor 6-7 Millionen Jahren aufrecht gehenden Homininen?  Oder ist es der  Australopithecus Lucy, der auf ca. 3,18 Millionen Jahre datiert wird?  Möglicherweise ist es aber erst der Homo erectus aus der Altsteinzeit, der schon vor 1,8 Millionen Jahren  als erster das Feuer zu beherrschen lernte?  Vielleicht braucht es zur Bedingung aber auch das größere Gehirn, dass der Homo sapiens bis vor etwa 100.000 Jahre entwickeln konnte. Er hat schließlich auch Amerika vor etwa 11.500 bis 15.000 Jahren oder noch früher und Australien vor etwa 60.000 Jahren besiedelt. Faustkeile wurden bereits benutzt, die Toten wurden begraben, erste Höhlenzeichnungen und Statuen entstanden gerade auch in der letzten Phase der Altsteinzeit 22.000 bis 16.500 vor unserer Zeit. Ebenfalls wurden  aus dieser Zeit Lampen mit Docht, Zelte, Jagdwaffen und Schmuck gefunden. Blieben noch am Rand zu erwähnen die rätselhaften, ausgestorbenen Neandertaler. Der alte Bezirksapostel Startz sagte dazu in einem unsäglichen Erklärungsversuch am 10.5.1972 in einem privaten Schreiben:

 „Wir geben zu, daß durch Ausgrabungen der Neandertaler‑Mensch ge­funden wurde, der schon vor 100 000 Jahren gelebt haben soll. Steht es aber Gott nicht zu, von dem Menschen, den er schaffen wollte, zuerst ein Modell zu machen? In dem Modell hat er aber nicht gewohnt. Ein kluger Bauherr läßt sich von seinem Architek­ten auch zuerst ein Modell anfertigen. Dieses wird er nie bezie­hen oder gar darin wohnen. So hat Gott auch nicht in dem Neandertaler-Menschen gewohnt. Er war lediglich das Modell. Dann aber kam die Stunde, in welcher der allmächtige Gott die Worte sprach: "Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei!" In diesem Ebenbild Gottes wohnte der Herr, denn er gab ihm seinen Geist und dadurch wurde der Mensch zu einer lebendigen Seele.“

Oder ist die Sache noch ganz anders. Man kann im 1. Mose 6,1 lesen:

Da sich aber die Menschen begannen zu mehren auf Erden und ihnen Töchter geboren wurden, 2 da sahen die Kinder Gottes nach den Töchtern der Menschen, wie sie schön waren, und nahmen zu Weibern, welche sie wollten.

Hatte der Gott des Johannesprologs also doch einen Lehmklumpen zum Leben erweckt als exklusive Kinder Gottes? Dann müssten dies logischer Weise die Juden sein und alles andere ist tatsächlich Folge der Evolution, will sagen: Dieser andere Teil der Menschheit stammt vom Affen ab. Tatsächlich glauben das manche Fundamentalisten auch wirklich! Ein Religionslehrer in der Schule sagte tatsächlich einmal im Scherz zu einem meiner sich übel benehmenden Mitschüler: „Wenn man dich so sieht, könnte man tatsächlich glauben, dass der Mensch vom Affen abstammt!“ Dann bleibt aber noch die Frage nach dem Mischprodukt der Kinder Gottes mit den Kindern der Menschen offen …

Wir sehen spätestens hier, dass sich die Gottes- und Schöpfungsfrage auf diese Art und Weise nicht lösen lässt: Die Entwicklung der Menschheit war und ist ein Prozess der fortschreitenden Veränderungen in genetischer und kultureller Art.  Gehen wir deswegen also zurück zum einleitenden Satz des Prologs „Im Anfang war der Logos, und der Logos war bei Gott, und Gott war der Logos“ und fragen nun nach dem Gott, der hier benannt wird. Gott selbst ist ja lediglich eine Bezeichnung, ein Lexem, eine Chiffre  und kein Name. Was verbirgt sich also hinter dieser Chiffre G-O-T-T? Klare Antwort aus dem AT: Das Tetragramm JHWH ist der Name, so zu lesen im 2. Mose 3,14:

(Luther 1984) Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen?  Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt. … Das ist mein Name auf ewig, mit dem man mich anrufen soll von Geschlecht zu Geschlecht.

Buber/Rosenzweig übersetzen JHWH mit den Worten: Ich werde da sein, als der ich da sein werde.  Das klingt interessant, aber hilft es wirklich weiter? Setzen wir das einmal als Synonym in den Prolog ein, so entsteht Sprachmüll:

Im Anfang war der Logos, und der Logos war bei“ Ich werde da sein, als der ich da sein werde“, und  „Ich werde da sein, als der ich da sein werde“ war der Logos.

Wieder Sackgasse! Oder doch nicht ganz?

 

4. Gottes Lebenslauf (siehe auch Terra X: Die Karriere Gottes)

Einen konkreten Hinweis gibt die Übersetzung des Tetragramms nämlich trotzdem: „Ich werde da sein, als der ich da sein werde“ legt fest, das man diesen Gott nicht festlegen kann und darf, er ist veränderbar. Und dieser JHWH hat tatsächlich, wenn man genau liest,  einen evolutionären, nachvollziehbaren und beachtlichen Lebenslauf. Im Buch Exodus (Kapitel 18) bringt zunächst Moses Schwiegervater, der midianitische Priester Jethro, dem Gott Jahwe Opfer, noch bevor der von den Hebräern anerkannt wird. Ursprünglich stammt  der Gott JHWH aus dem Süden, wo er von midianitischen und verwandten Stämmen verehrt wurde (Deuteronomium 33,1-5). In der Exoduserzählung taucht er dann als Rauch- und Feuersäule auf. Will sagen, JHWH war zunächst ein als Gott verehrter Vulkan.  Das zeigt sich auch darin, das er selbst in der Bibel auch konkret als verzehrendes Feuer bezeichnet wird (5. Mose 4,24; Hebräer 12,29).  Und bei der Verkündung der 10 Gebote liest man im 2. Mose 20, 18ff:  Und alles Volk sah den Donner und Blitz und den Ton der Posaune und den Berg rauchen. Da sie aber solches sahen, flohen sie und traten von ferne 19 und sprachen zu Mose: Rede du mit uns, wir wollen gehorchen; und laß Gott nicht mit uns reden, wir möchten sonst sterben. Die Angst vor JHWH als Gewitter- und Donnergott war zu groß.

JHWE bestimmte Mose zu seinem Sprachrohr und schaffte nun nach und nach die Götter der anderen Stämme ab, weil er alleine verehrt werden will. Aus dem kleinen Berg – und Naturgewaltengott wird ein monolithischer Machtfaktor, der letztlich alle anderen Umgebungsgötter in die Knie zwingt. So berichtet jedenfalls auch die Geschichte von Elia und den Baalspriestern (1.Könige 18,17–47 ). Wer von ihm abfällt, dem droht sogar die Todesstrafe (2. Mose 22,19; 5. Mose 13,7–12).  Bei der Wüstenwanderung war JHWH zunächst noch in der Bundeslade präsent, was für Nomaden außerordentlich praktisch war, konnte er doch überall hin mitgenommen werden. Mit dem Tempelbau gab es dann einen festen Wohnsitz und Ort der Verehrung, in dessen Richtung die Hebräer sich anbetend wandten. Anfangs hatte JHWH übrigens noch eine Gefährtin, die Göttin Aschera. Eine Zeit lang hatte die vermutliche Fruchtbarkeitsgöttin im Tempel vor ca. 3000 Jahren einen festen Platz, an dem sie verehrt wurde. In der Karawanenstation Kuntillet 'Adschrud befand sich ein Vorratskrug  aus dem 8. bis 7. Jahrhundert mit der Inschrift:

Ich habe Euch gesegnet durch JHWH und seine Aschera. Amaryo sprach zu seinem Herrn: … Ich habe dich gesegnet durch JHWH und seine Aschera. Er möge dich segnen, und er möge dich behüten

Im 2.Könige 23,4  steht dann aber, dass „der König dem Hohenpriester Hilkija, den Priestern des zweiten Ranges und den Wächtern an den Schwellen (befahl), alle Gegenstände aus dem Tempel des Herrn hinauszuschaffen, die für den Baal, die Aschera und das ganze Heer des Himmels angefertigt worden waren. Er ließ sie außerhalb Jerusalems bei den Terrassen des Kidrontals verbrennen und die Asche nach Bet-El bringen.“

JHWH ließ sich scheiden! Von jetzt an konnte er sich ganz seinem Zorn und dem Krieg widmen. Ab Vers 26 ist zu lesen:

"Doch der Herr ließ von der gewaltigen Glut seines Zornes nicht ab. Sein Zorn war über Juda entbrannt wegen all der Kränkungen, die Manasse ihm zugefügt hatte.

27 Darum sprach der Herr: Auch Juda will ich von meinem Angesicht entfernen, wie ich Israel entfernt habe. Ich verwerfe diese Stadt Jerusalem, die ich erwählt habe, und das Haus, von dem ich gesagt habe: Hier wird mein Name sein."

Die spätere Inkarnation Gottes im Christus war der Höhepunkt seiner Laufbahn im christlichen Sinn. Jesus ging für JHWH in den Tod. Der Tempel konnte nun sogar zerstört werden, da ihn die Christen als die Nachfolger Jesu als Ort der Anbetung nicht mehr brauchten, denn jetzt bevölkerte der zunächst Zweieine und später durch die Hinzusetzung des Heiligen Geistes sogar Dreieine den überall verfügbaren Himmel und sogar das Innere des Menschen. Will sagen, diesem neuen Gott(esbild) konnte sich damals wie heute niemand mehr entziehen, zumal er heute sogar weltweit als Gott der drei Schriftreligionen (Christen, Juden, Muslime) zum Allobersten überhaupt avancierte. Was für ein Karriereaufstieg:  Vom kleinen Berggott eines Nomadenstammes zum weltschöpfenden, allumfassenden Herrscher, der sogar über den Tod hinaus auch über Annahme oder Verdammnis des verstorbenen Menschen bestimmt! Mehr geht wirklich nicht!

 

5. Zusammenfassung

Aber ist so ein Gott(esbild)  mit Lebenslauf und evolutionärer Entwicklung theologisch wirklich denkbar? Natürlich nicht! Demzufolge muss die Sache sich anders herum entwickelt haben: Von jeher fanden die Menschen in ihrer frühesten Geschichte sich ausgesetzt den sie umgebenden Gefahren und Naturgewalten. Wie auch heute noch in den sogenannten primitiven Religionen oder Kulten entwickelten sie also übernatürliche, religiöse Vorstellungen die ihnen halfen, mit den Schicksalsschlägen und dem Phänomen „Tod“  zu Recht zu kommen. Aus den zuerst angebeteten Naturgewalten wurden kleine Statuen oder Bildern, die als Götter angesehen wurden, Schamanen oder Priester aller Art verwalteten sie.  So hatte man die Möglichkeit, den jeweiligen Gott durch Wohlverhalten gegenüber ihm selbst oder seinen Vertretern zu manipulieren, ihn für sich zu gewinnen und mit ihm seine Feinde zu zerschlagen! Der jüdische JHWH-Gott  gab dann noch das Bilderverbot und ließ andere Kult- und Anbetungsstätten vernichten. Schluss war es von nun an mit diesen als heidnisch angesehenen und geächteten Vorstellungen.  Und wieder entwickelte sich „Ich werde sein“, denn auch seine alttestamentarische Rachsucht wich mit dem Christus (eine Übernahme griechischer Ideen, die wiederum in das christliche Gottesbild integriert werden konnten) dem Bild der eher liebenden Gottesvorstellung.  

Die Neuzeit kennt allerdings andere Hinterfragungen. Wo war denn dieser liebende und allmächtige Gott in Auschwitz? Der Journalist und Politiker Uri Avnery kommentiert: "Der Gott, der Auschwitz zugelassen hat, kann nur unmoralisch sein oder gar nicht existieren." Und wo ist dieser Gott nach wie vor, wenn plötzlicher Tod in den Lebensplan tritt, wenn Kleinstkinder Opfer von Verbrechen werden? Die Liste könnte unendlich fortgesetzt werden.  Bekannt und ungelöst sind und bleiben diese Fragen und das dahinter stehende Problem bis heute als Theodizee: Gott müsste sich rechtfertigen für das zugelassene Leid und Leiden der Menschheit und des Einzelnen… Auch wenn eine Antwort ausbleibt, ist zumindest seine Allmacht auf der Strecke geblieben. Allerdings stellt sich mit dem Ausbleiben Gottes dann auch die neue Frage der Anthropodizee: Wo war und ist der Mensch angesichts menschenverursachter Übel ...

Aber zu viel Wissen und Nachfragen behindert bekanntlich den Glauben, so jedenfalls das allgemeinverbindliche und weit verbreitete Credo. Und je kürzer die eigenen Gedanken, umso heftiger die Kritik an all den hier aufgeworfenen Fragen. Also bleibt man doch lieber beim Alten und blickt mit Zuversicht zurück auf etwas, was es so nie konkret gegeben, sondern sich in und aus den Denkvorstellungen vergangener Jahrhunderte  entwickelt hat. 

Meine Lesart des Johannesprologs für alle zu sich selbst hin aufgebrochenen Aussteiger bzw. mündigen Christen  heißt nach  den hier dargestellten Überlegungen nun als Antithese:

  1. Im Anfang war der Irrtum, und der Irrtum war Gott, G-O-T-T selbst war der Irrtum.
  2. Dieser erste Irrtum war auch der Anfang Gottes.
  3. Der zweite Irrtum im Anfang war, dass alle Dinge durch G-O-T-T gemacht sind,
  4.  und dass ohne ihn nichts gemacht ist, was geschieht.
  5.  In diesem Irrtum aber und irrtümlichen Licht blieb das Leben und Denken der Menschen verfangen.

Die notwendige Synthese mag und muss jeder Leser für sich selbst vollziehen,  hat doch ein jeder Mensch sein eigenes „Gläuble“, wie es im Schwäbischen heißt, und damit sein Gottesbild.  Nur Sekten verwehren dieses sogar staatsrechtlich verbriefte Grundrecht! Man sollte sich aber im Klaren darüber sein, dass alles Reden über Gott in Wahrheit ein Reden über Gottesbilder ist. Gott selbst, falls er wie auch immer existent ist, ist nicht verifizierbar und konstituiert sich in der subjektiven Wahrnehmung und/oder Vorstellung des einzelnen Menschen. Paul Tillich machte nicht von ungefähr einen bedeutsamen Unterschied zwischen Gott und dem kirchlichen Gott des Theismus (Quelle: Der Mut zum Sein):

Der Mut, die Angst vor der Sinnlosigkeit auf sich zu nehmen, ist die Grenze, bis zu der der Mut zum Sein gehen kann. Jenseits dieser Grenze ist bloßes Nichtsein. In diesem Mut werden alle Formen des Mutes wiedergeboren aus der Macht des Gottes über dem Gott des Theismus. Der Mut zum Sein gründet in dem Gott, der erscheint, wenn Gott in der Angst des Zweifels untergegangen ist. (Aus Paul Tillich: Der Mut zum Sein)

Dieser "Gott" ist aber nicht in äußerlichen Dingen zu finden, sondern nur im tiefen inneren Selbst. Diese "innere" Geburt Gottes im Menschen war auch eines der zentralen Themen der deutschen Mystik:

"Wenn diese Geburt nicht in mir geschieht, was hilft es mir dann? Denn dass sie in mir geschehe, daran liegt alles./ Man soll Gott nicht außerhalb von sich selbst erfassen wollen, sondern als mein eigen und als das, was in mir ist. … Gott und ich, wir sind eins."" (Meister Eckhart)

Oder Martin Luther:

Du bist weit davon entfernt, Gott wahrhaftig zu erkennen. Du meinst, Du hast diese Erkenntnis. Aber du musst zuvor ein anderer Mensch werden. Du musst neu geboren werden. Diese Geburt schenkt dir das ganze Wesen neu. Wer Gott erkennen will, muss diese neue Geburt empfangen."

Allgemeingültige Aussagen über Gott sind laut Eckhart bestenfalls durch die Negation von Zuschreibungen möglich (Negative Theologie):  "Der Mensch kann nicht wissen, was Gott ist. Etwas weiß er wohl: was Gott nicht  ist! ... Das ist Gottes Natur, dass er ohne Natur ist."

Oder mit anderen Worten, wie Bonhoeffer dies in seiner Habilitationsschrift von 1929: Akt und Sein, Transzendentalphilosophie und Ontologie in der systematischen Theologie, München 1956, S.94.) ausdrückte:  

Einen Gott, den ´es gibt`, gibt es nicht!

Und in den Gedanken zum Tauftag von D. W. R., Mai 1944, (aus „Widerstand und Ergebung“) schrieb Bonhoeffer noch:

 Unsere Kirche, die in diesen Jahren nur um ihre Selbsterhaltung gekämpft hat, als wäre sie ein Selbstzweck, ist unfähig, Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und für die Welt zu sein. Darum müssen die früheren Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muß neugeboren werden aus diesem Beten und aus diesem Tun. Bis Du groß bist, wird sich die Gestalt der Kirche sehr verändert haben. …

  Es ist nicht unsere Sache, den Tag vorauszusagen - aber der Tag wird kommen -, an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes so auszusprechen, daß sich die Welt darunter verändert und erneuert. Es wird eine neue Sprache sein, vielleicht ganz unreligiös, aber befreiend und erlösend, wie die Sprache Jesu, daß sich die Menschen über sie entsetzen und doch von ihrer Gewalt überwunden werden, die Sprache einer neuen Gerechtigkeit und Wahrheit …

Das alte Modell  „Kirche“ unter Aufrechterhaltung eines geozentrisch und anthropozentrisch geprägten Weltbildes, das aus christlicher Sicht 2000 Jahre alt ist, und all der dadurch bedingten heutigen Widersprüchlichkeiten ist heute ein lebendes Fossil und damit in Hinsicht auf den evolutionären Prozess der vor allem geistigen Entwicklung des Lebens hinderlich. Es wird sich selbst entsorgen durch seine mangelhafte Fähigkeit zur Anpassung an die heutigen psychosozialen und wissenschaftlichen Rahmenbedingungen oder sich verändern müssen. In einem interessanten, offenen Brief mit dem Titel "Gott bedarf keiner Vertreter" hat sich Eugen Drewermann mit ähnlichen Gedanken am 19.9.2011an den Papst gewandt und geschrieben:

 „Gott bedarf keiner Vertreter. Eben deshalb aber ist christlich ein Hauptfehler des römischen Katholizismus, dass er Gott bindet an ein paternales Amt mit Anspruch auf Gottähnlichkeit und ausgestattet mit Unfehlbarkeit in allen Fragen, die menschlich relevant sind. Dieses, Ihr Amt, Herr Ratzinger, schiebt sich dem Mond gleich vor die Sonne und verdunkelt mit seinem Schatten die gesamte Erde. Ein Petrusamt? Mitnichten. … Doch eben die Fragen des Lebens an die Unpersönlichkeit der klerikalen Ämterhierarchie gebunden zu haben, macht aus der Sache Jesu eine Art archaischer Magie zum Zwecke bloßer Machtausdehnung. Es verfälscht die Freiheit des Vertrauens zu einem Akt von Außenlenkung und Gehorsam. Es wirkt nicht heilend, es zerstört durch die Entfremdung der Person in den verfassten Gruppenzwängen eines hohlen Kirchenkollektivs.

Man braucht  Papstamt und RKK nur auszutauschen durch Stammapostel und NAK, um die Parallelen zu erkennen.

Aber welchen Sinn, welche Aufgabe kann Kirche in der heutigen Zeit haben, bzw. welchen Sinn sollte sie sich heute neu geben, um für den einzelnen Glaubenden und die Gesellschaft eine bereichernde Institution zu sein? Die nachstehenden Thesen sind von mir zusammengestellt worden mit der Absicht, den kritisch und für sich selbst Verantwortung übernehmenden Glaubenden eine sachliche Überlegungsgrundlage für das eigene Handeln und Denken in christlicher Ausrichtung zu ermöglichen.

 

  1. Sinn und Aufgaben von Kirche in heutiger Zeit – Oder:  Kirche ja, aber wohin?  (ein Thesenpapier von 2004)

    1.    Kirche im allgemeinen Sinn ist
    1.1    kein Heilsweg Gottes, sondern der freiwillige und offen gestaltete Zusammenschluss von Menschen, die ihre Beziehung zu Gott gefunden haben oder dabei sind, sie zu entdecken.  Der Weg zu Gott ist und bleibt ein individueller Prozess innerer und ggf.  äußerer Umkehr und liegt in der Einsicht, was das Leben ist und was es zu tun gilt, um es individuell und ökumenisch (in der Bedeutung der „belebten Erde“) zu fördern
    1.2    mit der Einsicht verbunden, dass nicht die Lehre „einer“ Kirche Gültigkeit vor Gott besitzt, sondern dass Menschen in ihrer Glaubwürdigkeit im Reden von und vor Gott letztlich „Gültiges“ vor Gott bezeugen. Vor diesem Hintergrund ist keine einheitliche, weltweite Kirchenlösung anzustreben, da sich dieser individuelle Prozess in unterschiedlichen Konfessionen oder Denominationen vollziehen kann

    2.    Kirche im christlichen Sinn ist
    2.1    in ihrem Grundwesen die Gemeinschaft aller an die Frohbotschaft Christi Glaubenden
    2.2    verbunden mit der Aufgabe aller ihr angehörenden Menschen, das Abendmahlsgedächtnis (als ihren gemeinsamen Ursprung) und das Botschaftsvermächtnis (als Ziel dieses Weges) ihres Gründers, Lehrers und Heilsmittlers Jesus am geistigen Leben zu erhalten
    2.3    weder hierarchisch ausgerichtet noch stellt sie mit faschistoiden Tendenzen den eigenen Systemerhalt über die Interessen der sie ausmachenden Gläubigen
    2.4    tolerant gegenüber nichtchristlichen Lehren, die wie sie ursprünglich selbst an der Würde und Freiheit des Menschen orientiert sind und steht zu diesen anderen Glaubensüberzeugungen ohne missionarische Absichten
    2.5 von der Einsicht geprägt, dass alles ´EINS` ist und einem übergeordneten Gedanken Gottes zustrebt im Sinn evolutionärer Entwicklung, ohne dass das ´Eigene` auf Kosten der ´Anderen` geschieht

    3.    Kirche (im christlichen Sinn) hat die Aufgabe,
    3.1    eine kritische Funktion der Welt und der Gesellschaft gegenüber zu sein; indem sie aber diese kritische Funktion wahrnimmt, ist sie damit zugleich auch selbst eine kritisch zu befragende Größe
    3.2    zur „Liebe“ als dem Grundsatz des Christentums zu führen, anstatt einen Katalog von Glaubensbekenntnissen und Dogmen festzulegen, die zu glauben und zu verkünden sind
    3.3    in ihrer Struktur einen sich verselbstständigen Dogmatismus zu verhindern, damit der Glaubende auf seinem Weg zu Gott im Mittelpunkt bleibt
    3.4    die Lehre (Jesu) auf das jetzt sich vollziehende Leben zu begreifen und (geistliche Lebens-) Räume für alle zu schaffen, die nach Gott  fragen
    3.5    Gläubigen bzw. Suchenden die Aussprache und gegenseitigen Austausch zu ermöglichen  und Haltsuchenden Halt zu bieten
    3.6      unter seelsorgerischen Prinzipien glaubwürdige, hinterfragbare, authentische und  erbauende Gottesdienste und Predigten anzubieten, die ohne Sprachhülsen, ohne Druck, ohne manipulative Suggestionen im Bewusstsein eines christlichen Menschenbildes hier und heute dem Menschen helfen. Predigt kommt aus dem Leben und nicht aus dem Himmel und sollte direkt ins Leben einwirken

    4.    Kirche (im christlichen Sinn) muss ein Ort sein,
    4.1    wo die Gläubigen lernen können, mutig und mündig - mit anderen Worten ohne Glaubensgeländer und andere dogmatistische Gehhilfen - in Eigenverantwortung ihren Weg zu gehen und mit einer individuellen  Gottesbeziehung umzugehen
    4.2    an dem sich die Kirche nicht als  „die einzig richtige Kirche“ begreift, die dem Glaubenden ein geistiges Zuhause bieten will, sondern wo die Menschen in der Kirche gemeinsam dieses Zuhause schaffen
    4.3    wo es kein moralisches Verurteilen gibt und Abweichler, Bedenkenträger, Zweifler und Andersartige nicht „bestraft“ werden, sondern in ihrem Denken und Fühlen ernst genommen werden
    4.4    wo Glauben und Vernunft im richtigen Verhältnis zueinander stehen, indem Vernunft nicht zum Gegenspieler des Glauben gebrandmarkt wird, sondern zu seinem Gesellen wird
    4.5    an dem institutionelle Flexibilität und maßvolle (!) Unverbindlichkeit nicht als ihre Schwäche sondern als ihre Stärke begriffen werden, da nur eine solche von Demut getragene geistige Beweglichkeit jedem  Einzelnen (!) die Möglichkeit bietet, konstruktiver Teil der Kirche zu sein
    4.6    wo um Wahrheit und Wahrhaftigkeit gegen menschliche Egoismen zu ringen ist

 

 

 

 Kirche, Religion und Glaube im 21. Jhd - Angerissenes zum Nachdenken in den Spuren Paul Tillichs  D. Streich, Fassung Juli 2007

Inhalt:

1.    Standortbestimmung                        

2.   Verortung Matthäus 22              

3.   Zur Frage des Gottesbildes        

4.   Grundlage der Religion              

5.   Religiöses Verhalten                  

6.   Das neue Sein                             

 

Standortbestimmung

 Die Frage, auf welchem Weg und wohin eine Kirche oder Glaubensgemeinschaft im 21.Jahrhundert unterwegs ist, ist nicht nur eine Frage einer spezifischen Religion oder ihrer Kongregationen, sondern sollte auch eine Frage vor dem soziologisch- gesellschaftlichen Hintergrund eines Landes, seiner Menschen und der immer bedeutsamer werdenden Globalisierung sein, wenn sich die Kirchen nicht weiter ins eigene Abseits manövrieren wollen, weil ihre anachronistischen Positionen von den faktischen Realitäten und Bedürfnissen des realen Menschen soweit entfernt sind, dass eine Verbindung Mensch-Religion nur noch Widersprüchlichkeiten erzeugt

Dem entgegen steht allerdings die tradierte Meinung, dass Religion für unveräußerliche göttliche Wahrheiten eintreten muss, auch wenn reale Gegebenheiten und  wissenschaftliche Erkenntnisse andere, meist konträre Entwicklungen genommen haben. Besonders problematisch sind Vereinigungen, die zudem die Schilderungen der Bibel oder anderer heiliger Schriften in fundamentalistischer Weise für historisch wahr erklären, ihre Aussagen wortwörtlich zur Grundlage ihres Handelns und Denkens machen und die daraus geschlossenen eigenen dogmatischen Setzungen für unumstößlich halten.

Christliche Kirche heute ließe sich zunächst wie folgt charakterisieren:

Unter Kirche versteht man die sich unter einem spezifischen Bekenntnis zusammenschließenden Gläubigen einer bestimmten Konfession mit ihren genau festgelegten Dogmen, Sakramenten und rituellen Handlungen. Gemeinsames Ziel und Anliegen ist es, durch den daraus definierten Glauben, dem der Einzelne sich in seiner Konfession unterzuordnen hat, innerhalb des bereitgestellten Rahmens der Institution „Kirche“ in die Nähe Gottes und seines Heils zu gelangen. Der gesamten Konstruktion unterliegt die Grundannahme, dass der an sich sündige Mensch „gottfern“ ist,  es aber Mittel und Wege gibt, über die er selbst und/oder über die Kirche dieses getrennt sein von Gott überwinden kann. Dafür benötigt man heilsübermittelnde Sakramentsverwalter, für die die Kirche der geistige und räumliche Wirkungsort ist.

Diese tradierten Denkschablonen und Argumentationen haben uns jedoch in die heutige religiöse und gleichzeitig spirituelle Sackgasse geführt und können uns demnach aus diesem Dilemma auch nicht herausführen. Wer einerseits nach wie vor am wörtlich genommenen oder wie auch immer angepasst verfeinerten Kreationismus festhält, oder auf der anderen Seite die Bibel nur als fabelhaftes Legendenbuch begreift, die Schilderungen demzufolge Märchen gleichsetzt und die jeweilige Haltung als „Glauben“ oder „Unglauben“ bezeichnet, ist zumindest im 21. Jahrhundert zu einfach unterwegs, weil damit die Bedeutung der Religion reduziert wird auf das Glauben an spezifisch gesetzte Lehrsätze einschließlich bestimmter moralischer Haltungen oder behaupteter „historischer Wahrheiten“  und ein wie auch immer näher vorgestelltes göttliches Heil für den (einzelnen) Menschen gebunden wird an die notwendig zu vollziehende Akzeptanz und Unterordnung unter diese oder jene gelehrte, „göttliche Tatsache“.

Dass eine solche Haltung schon aus historischen Gründen unhaltbar ist, zeigen die vorgenommenen theologischen Lehrveränderungen und die inhaltlichen Umdeutungen nicht mehr haltbarer Lehrinhalte der Kirchen. 

                                                                                                              Druckfassung weiterlesen

(Interessant zum Nachschlagen: Theologisches Lexikon zu Paul Tillich

und zum Hineinlesen : Religiöse Reden von Paul Tillich)

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Neue Wege ohne Gott?

 

WAS GLAUBEN DENN SIE?

Interessante Antworten auf die folgenden Fragen von der HP „Und die Bibel hat doch nicht recht“ ??

Es ist festzustellen, dass die Aussagen in der Bibel zu widersprüchlich sind, als dass sie in einen logischen Zusammenhang gebracht werden können. Vor allem aber das versuchen die Kirchen in ihren Dogmen und dem Versuch, sie biblisch zu begründen. Den eingestellten Linkerläuterungen ist deutlich zu entnehmen, dass  die Kirchen mit ihren aufgestellten Glaubenssätzen und Dogmen willkürlich zitieren und nicht passende Lesestellen einfach ignorieren. Einige Leser werden die eingestellten Links unter dem Stichwort "Atheismus" abhaken.

Ich kann als Agnostiker nur sagen: Mir ist ein undogmatischer Atheist, der selbst DENKT, lieber, als ein Theist, der nur GLAUBT oder als ein Fundamentalist, der absolut WEIß ! Mit dem (undogmatischen) Atheisten kann man meist interessant diskutieren.

Man lese selbst ...

 

Der Heilsplan: Wer wird errettet werden? http://www.bibelkritik.ch/bibelkritik/c8.htm

Das Jüngste Gericht?  http://www.bibelkritik.ch/jesus/h8.htm

Die Bibel sagt: Es gibt mehr als einen Gott! http://www.bibelkritik.ch/jesus/h1.htm

Der sanfte Jesus? http://www.bibelkritik.ch/bibel/g4.htm

Jesu Verhältnis zu seiner Mutter! http://www.bibelkritik.ch/bibel/g15.htm

Marias Jungfernschaft! http://www.bibelkritik.ch/bibel/g12.htm

Irrtümer der Lehre Jesu! http://www.bibelkritik.ch/bibel/g27.htm

Jesu Wiederkunft hätte längst geschehen sein müssen! http://www.bibelkritik.ch/bibel/g28.htm und http://www.bibelkritik.ch/bibel/g26.htm

Hat Jesus wirklich gelebt? http://www.bibelkritik.ch/bibel/g6.htm

Jesus auferstanden oder nicht?    http://www.bibelkritik.ch/bibel/g23.htm und http://www.bibelkritik.ch/bibel/g24.htm

Antike Vorbilder der Jesus-Geschichte! http://www.bibelkritik.ch/bibel/g1.htm

Das Neue Testament – ein heiliges Buch?  http://www.bibelkritik.ch/bibelkritik/a7.htm

Entstehung des NT! http://www.bibelkritik.ch/bibelkritik/a5.htm

Kirchengründer: Jesus oder Paulus? http://www.bibelkritik.ch/jesus/f14.htm

 

Und was glauben SIE jetzt, wenn SIE die Antworten gelesen haben?

 

Weitere Bibelkritische Informationsseiten

Hubertus Halbfas, Traditionsbruch und Neubeginn - Paradigmenwechsel am Ende der überlieferten Neuzeit 

Glauben und Wissen, Inhaltsverzeichnis:    http://www.glauben-und-wissen.de/M1.htm#Inhaltsverzeichnis

Widersprüche in der Bibel http://www.bibelzitate.de/wsidb.html

Falsche Vorhersagen  http://www.bibelzitate.de/up.html

Das Theodizeeproblem   http://www.dittmar-online.net/religion/theodizee.html

Entwicklung des Christentums in der Antike:  http://www.wcurrlin.de/kulturepochen/kultur_roemer.htm#glaubensueberzeugungen-jesu

Und die Bibel hat doch NICHT recht: Das Buch der Bücher im Licht von Wissenschaft, Vernunft und Moral - Objektive Bibelkritik nach Johannes Maria Lehner  http://www.bibelkritik.ch/

Übersetzungsprobleme   http://www.dittmar-online.net/religion/bibel/translation.html

Und HIER noch viel mehr Angebote zum Lesen ...

 

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