"Du bist angenommen!‘ Angenommen, bejaht durch das, was größer ist als Du, und dessen Namen Du nicht kennst. Frage jetzt nicht nach dem Namen, vielleicht wirst Du ihn später finden. Versuche jetzt nicht, etwas zu tun, vielleicht wirst Du später viel tun. Trachte nach nichts, versuche nichts, beabsichtige nichts. Nimm nur dies an, dass Du angenommen bist.“

Aus einer Predigt  von Paul Tillich am 20. August 1946

 

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Immer wieder fand sich die Notwendigkeit zur theologischen Neuorientierung: Was kann oder sollte Kirche denn nun nach der Tennung von der NAK noch bedeuten? Eine Antwort von 2004:

Kirche ja, aber wohin?  (Thesenpapier DS)

Gemessen an der Aussage von Stap. Leber, „dass Teile der Kirchenbasis zu sehr in die protestantische Richtung drängen“, erhebt sich doch die grundsätzliche Frage:

Welchen Sinn, welche Aufgabe kann Kirche in der heutigen Zeit haben, bzw. welchen Sinn sollte sie sich heute neu geben, um für den einzelnen Glaubenden und die Gesellschaft eine bereichernde Institution zu sein?

Das alte Modell unter Aufrechterhaltung eines geozentrischen und anthropozentrischen Weltbildes, das mindestens 2000 Jahre alt ist, und all der dadurch bedingten heutigen Widersprüchlichkeiten ist bereits ein lebendes Fossil und damit in Hinsicht auf den evolutionären Prozess der Entwicklung allen Lebens hinderlich. Es wird sich selbst entsorgen durch seine mangelhafte Fähigkeit zur Anpassung an die heutigen psychosozialen und wissenschaftlichen Rahmenbedingungen oder sich verändern müssen.
Die nachstehenden Thesen sind von mir zusammengestellt worden mit der Absicht, den kritisch und für sich selbst Verantwortung übernehmenden Glaubenden eine sachliche Überlegungsgrundlage für das eigene Handeln und Denken in christlicher Ausrichtung zu ermöglichen. In einem interessanten, offenen Brief mit dem Titel
"

Gott bedarf keiner Vertreter" hat sich Eugen Drewermann mit ähnlichen Gedanken aktuell am 19.9.2011an den Papst gewandt und geschrieben:  

 „Gott bedarf keiner Vertreter. Eben deshalb aber ist christlich ein Hauptfehler des römischen Katholizismus, dass er Gott bindet an ein paternales Amt mit Anspruch auf Gottähnlichkeit und ausgestattet mit Unfehlbarkeit in allen Fragen, die menschlich relevant sind. Dieses, Ihr Amt, Herr Ratzinger, schiebt sich dem Mond gleich vor die Sonne und verdunkelt mit seinem Schatten die gesamte Erde. Ein Petrusamt? Mitnichten. … Doch eben die Fragen des Lebens an die Unpersönlichkeit der klerikalen Ämterhierarchie gebunden zu haben, macht aus der Sache Jesu eine Art archaischer Magie zum Zwecke bloßer Machtausdehnung. Es verfälscht die Freiheit des Vertrauens zu einem Akt von Außenlenkung und Gehorsam. Es wirkt nicht heilend, es zerstört durch die Entfremdung der Person in den verfassten Gruppenzwängen eines hohlen Kirchenkollektivs.

Man braucht  Papstamt und RKK nur auszutauschen durch Stammapostel und NAK, um die Parallelen zu erkennen.


Sinn und Aufgaben von Kirche in heutiger Zeit:


1.    Kirche im allgemeinen Sinn ist

1.1    kein Heilsweg Gottes, sondern der freiwillige und offen gestaltete Zusammenschluss von Menschen, die ihre Beziehung zu Gott gefunden haben oder dabei sind, sie zu entdecken.  Der Weg zu Gott ist und bleibt ein individueller Prozess innerer und ggf.  äußerer Umkehr und liegt in der Einsicht, was das Leben ist und was es zu tun gilt, um es individuell und ökumenisch (in der Bedeutung der „belebten Erde“) zu fördern
1.2    mit der Einsicht verbunden, dass nicht die Lehre „einer“ Kirche Gültigkeit vor Gott besitzt, sondern dass Menschen in ihrer Glaubwürdigkeit im Reden von und vor Gott letztlich „Gültiges“ vor Gott bezeugen. Vor diesem Hintergrund ist keine einheitliche, weltweite Kirchenlösung anzustreben, da sich dieser individuelle Prozess in unterschiedlichen Konfessionen oder Denominationen vollziehen kann

2.    Kirche im christlichen Sinn ist

2.1    in ihrem Grundwesen die Gemeinschaft aller an die Frohbotschaft Christi Glaubenden
2.2    verbunden mit der Aufgabe aller ihr angehörenden Menschen, das Abendmahlsgedächtnis (als ihren gemeinsamen Ursprung) und das Botschaftsvermächtnis (als Ziel dieses Weges) ihres Gründers, Lehrers und Heilsmittlers Jesus am geistigen Leben zu erhalten
2.3    weder hierarchisch ausgerichtet noch stellt sie mit faschistoiden Tendenzen den eigenen Systemerhalt über die Interessen der sie ausmachenden Gläubigen
2.4    tolerant gegenüber nichtchristlichen Lehren, die wie sie ursprünglich selbst an der Würde und Freiheit des Menschen orientiert sind und steht zu diesen anderen Glaubensüberzeugungen ohne missionarische Absichten
2.5 von der Einsicht geprägt, dass alles ´EINS` ist und einem übergeordneten Gedanken Gottes zustrebt im Sinn evolutionärer Entwicklung, ohne dass das ´Eigene` auf Kosten der ´Anderen` geschieht

3.    Kirche (im christlichen Sinn) hat die Aufgabe,
3.1    eine kritische Funktion der Welt und der Gesellschaft gegenüber zu sein; indem sie aber diese kritische Funktion wahrnimmt, ist sie damit zugleich auch selbst eine kritisch zu befragende Größe
3.2    zur „Liebe“ als dem Grundsatz des Christentums zu führen, anstatt einen Katalog von Glaubensbekenntnissen und Dogmen festzulegen, die zu glauben und zu verkünden sind
3.3    in ihrer Struktur einen sich verselbstständigen Dogmatismus zu verhindern, damit der Glaubende auf seinem Weg zu Gott im Mittelpunkt bleibt
3.4    die Lehre (Jesu) auf das jetzt sich vollziehende Leben zu begreifen und (geistliche Lebens-) Räume für alle zu schaffen, die nach Gott  fragen
3.5    Gläubigen bzw. Suchenden die Aussprache und gegenseitigen Austausch zu ermöglichen  und Haltsuchenden Halt zu bieten
3.6      unter seelsorgerischen Prinzipien glaubwürdige, hinterfragbare, authentische und  erbauende Gottesdienste und Predigten anzubieten, die ohne Sprachhülsen, ohne Druck, ohne manipulative Suggestionen im Bewusstsein eines christlichen Menschenbildes hier und heute dem Menschen helfen. Predigt kommt aus dem Leben und nicht aus dem Himmel und sollte direkt ins Leben einwirken

4.    Kirche (im christlichen Sinn) muss ein Ort sein,
4.1    wo die Gläubigen lernen können, mutig und mündig - mit anderen Worten ohne Glaubensgeländer und anderen dogmatistischen Gehhilfen - in Eigenverantwortung ihren Weg zu gehen und mit einer individuellen  Gottesbeziehung umzugehen
4.2    an dem sich die Kirche nicht als  „die einzig richtige Kirche“ begreift, die dem Glaubenden ein geistiges Zuhause bieten will, sondern wo die Menschen in der Kirche gemeinsam dieses Zuhause schaffen
4.3    wo es kein moralisches Verurteilen gibt und Abweichler, Bedenkenträger, Zweifler und Andersartige nicht „bestraft“ werden, sondern in ihrem Denken und Fühlen ernst genommen werden
4.4    wo Glauben und Vernunft im richtigen Verhältnis zueinander stehen, indem Vernunft nicht zum Gegenspieler des Glauben gebrandmarkt wird, sondern zu seinem Gesellen wird
4.5    an dem institutionelle Flexibilität und maßvolle (!) Unverbindlichkeit nicht als ihre Schwäche sondern als ihre Stärke begriffen werden, da nur eine solche von Demut getragene geistige Beweglichkeit jedem  Einzelnen (!) die Möglichkeit bietet, konstruktiver Teil der Kirche zu sein
4.6    wo um Wahrheit und Wahrhaftigkeit gegen menschliche Egoismen zu ringen ist

Ein großer Mann der Kichengeschichte schrieb schon vor über 60 Jahren an einen Täufling:

Gedanken zum Tauftag von D. W. R., Mai 1944, in „Widerstand und Ergebung“ von D. Bonhoeffer, Auszüge

  Unsere Kirche, die in diesen Jahren nur um ihre Selbsterhaltung gekämpft hat, als wäre sie ein Selbstzweck, ist unfähig, Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und für die Welt zu sein. Darum müssen die früheren Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muß neugeboren werden aus diesem Beten und aus diesem Tun. Bis Du groß bist, wird sich die Gestalt der Kirche sehr verändert haben. … 

  Es ist nicht unsere Sache, den Tag vorauszusagen - aber der Tag wird kommen -, an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes so auszusprechen, daß sich die Welt darunter verändert und erneuert. Es wird eine neue Sprache sein, vielleicht ganz unreligiös, aber befreiend und erlösend, wie die Sprache Jesu, daß sich die Menschen über sie entsetzen und doch von ihrer Gewalt überwunden werden, die Sprache einer neuen Gerechtigkeit und Wahrheit …

 

Hier der persönliche Versuch einer theologisch vertiefenden Antwort:

Kirche, Religion und Glaube im 21.Jahrhundert- Angerissenes zum Nachdenken in den Spuren Paul Tillichs  D. Streich, Fassung Juli 2007

Inhalt:

1.    Standortbestimmung                        

2.   Verortung Matthäus 22              

3.   Zur Frage des Gottesbildes        

4.   Grundlage der Religion              

5.   Religiöses Verhalten                  

6.   Das neue Sein                             

 

Standortbestimmung

 Die Frage, auf welchem Weg und wohin eine Kirche oder Glaubensgemeinschaft im 21.Jahrhundert unterwegs ist, ist nicht nur eine Frage einer spezifischen Religion oder ihrer Kongregationen, sondern sollte auch eine Frage vor dem soziologisch- gesellschaftlichen Hintergrund eines Landes, seiner Menschen und der immer bedeutsamer werdenden Globalisierung sein, wenn sich die Kirchen nicht weiter ins eigene Abseits manövrieren wollen, weil ihre anachronistischen Positionen von den faktischen Realitäten und Bedürfnissen des realen Menschen soweit entfernt sind, dass eine Verbindung Mensch-Religion nur noch Widersprüchlichkeiten erzeugt

Dem entgegen steht allerdings die tradierte Meinung, dass Religion für unveräußerliche göttliche Wahrheiten eintreten muss, auch wenn reale Gegebenheiten und  wissenschaftliche Erkenntnisse andere, meist konträre Entwicklungen genommen haben. Besonders problematisch sind Vereinigungen, die zudem die Schilderungen der Bibel oder anderer heiliger Schriften in fundamentalistischer Weise für historisch wahr erklären, ihre Aussagen wortwörtlich zur Grundlage ihres Handelns und Denkens machen und die daraus geschlossenen eigenen dogmatischen Setzungen für unumstößlich halten.

 

 

 Christliche Kirche heute ließe sich zunächst wie folgt charakterisieren:

 Unter Kirche versteht man die sich unter einem spezifischen Bekenntnis zusammenschließenden Gläubigen einer bestimmten Konfession mit ihren genau festgelegten Dogmen, Sakramenten und rituellen Handlungen. Gemeinsames Ziel und Anliegen ist es, durch den daraus definierten Glauben, dem der Einzelne sich in seiner Konfession unterzuordnen hat, innerhalb des bereitgestellten Rahmens der Institution „Kirche“ in die Nähe Gottes und seines Heils zu gelangen. Der gesamten Konstruktion unterliegt die Grundannahme, dass der an sich sündige Mensch „gottfern“ ist,  es aber Mittel und Wege gibt, über die er selbst und/oder über die Kirche dieses getrennt sein von Gott überwinden kann. Dafür benötigt man heilsübermittelnde Sakramentsverwalter, für die die Kirche der geistige und räumliche Wirkungsort ist.

Diese tradierten Denkschablonen und Argumentationen haben uns jedoch in die heutige religiöse und gleichzeitig spirituelle Sackgasse geführt und können uns demnach aus diesem Dilemma auch nicht herausführen. Wer einerseits nach wie vor am wörtlich genommenen oder wie auch immer angepasst verfeinerten Kreationismus festhält, oder auf der anderen Seite die Bibel nur als fabelhaftes Legendenbuch begreift, die Schilderungen demzufolge Märchen gleichsetzt und die jeweilige Haltung als „Glauben“ oder „Unglauben“ bezeichnet, ist zumindest im 21. Jahrhundert zu einfach unterwegs, weil damit die Bedeutung der Religion reduziert wird auf das Glauben an spezifisch gesetzte Lehrsätze einschließlich bestimmter moralischer Haltungen oder behaupteter „historischer Wahrheiten“  und ein wie auch immer näher vorgestelltes göttliches Heil für den (einzelnen) Menschen gebunden wird an die notwendig zu vollziehende Akzeptanz und Unterordnung unter diese oder jene gelehrte, „göttliche Tatsache“.

Dass eine solche Haltung schon aus historischen Gründen unhaltbar ist, zeigen die vorgenommenen theologischen Lehrveränderungen und die inhaltlichen Umdeutungen nicht mehr haltbarer Lehrinhalte der Kirchen. 

                                                                                                                weiterlesen

(Interessant zum Nachschlagen: Theologisches Lexikon zu Paul Tillich

und zum Hineinlesen : Religiöse Reden von Paul Tillich)

 

Λόγος - logos 24.2.07 (Detlef Streich)

 (Anmerkung: Das auch unser Ursprung im Sinne der Verortung unseres Ich-Bewusstseins im nichtmateriellen Raum liegen könnte, davon erzählt ein interessantes Sterninterview)

im anfang war der ruhende

und der in sich selbst ruhende war der ursprung

der ruhende war ursprung von sinn und vernunft

ursprung sinn und vernunft waren im ruhenden

alle dinge sind durch den alles durchwirkenden ursprung gemacht

und ohne den aus sich selbst herausgetretenen ruhenden

ist nichts gemacht was gemacht ist

 

in ihm ist das leben

und das leben ist das licht der menschen

und das licht scheint in der finsternis

aber die finsternis hat's nicht ergriffen

 

manche menschen kamen zur erkenntnis

um von dem licht zu zeugen

aber sie sind nicht das licht

sondern sie sollen zeugen vom wahren licht

das alle menschen erleuchtet

die in diese welt kommen

 

der in allem seiende ursprung wohnt unter uns

voller gnade und wahrheit

und von seiner fülle

können wir nehmen

gnade um gnade

 

das gesetz ist durch mose gegeben

gnade und wahrheit wurden verkündet

von dem einen der geboren wurde

um den von niemandem je gesehenen

ursprung zu verkünden

er war in der welt

aber die welt erkannte

die verkündete wahrheit nicht

und den nicht

den er als liebe

kundgemacht hatte

 

wer aber die wahrheit erkennt

hat die macht

frei von jeder gebundenheit

als kind des einen

und in allem seienden ursprungs

eins zu werden mit seiner liebe

aus der heraus alles ist

was geschaffen ist

um neu geboren

liebend

zu leben